Helmut Dittrich

(E-Mail: drjditt@web.de)


Wir Deutsche

1200 Jahre

auf der Achterbahn

So wurden wir, wie wir sind




Über dieses Buch

Schon ein flüchtiger Rückblick auf unsere Geschichte lässt uns befürchten, sie sei eine 1200jährige Fahrt auf einer Achterbahn gewesen. Waren die Schicksale unserer Vorfahren, mit denen Geschichte gemacht wurde, wechselhafter als die anderer Völker? Und wenn es so war, was waren die Ursachen? In jedem Fall bleibt die Frage "wie es eigentlich gewesen ist." Dieses Buch will sie beantworten.

Dabei folgt es dem Gebot „Du sollst nicht langweilen!“ Es will die Geschehnisse, die die Geschichte machten, kurzweilig darstellen. Es ist deshalb „locker“ geschrieben. Damit befindet sich diese Schilderung in der achtbaren Gesellschaft Eduard Vehses, dem man für seine Hofgeschichten bescheinigte, er habe gelernt, "in den vielfältigen Erscheinungen nicht nur den gewichtigen Ernst der hohen Historie, sondern auch den Humor der kleinen Menschlichkeiten zu erkennen und so das Geschichtsbild statt nur in Schwarz und Weiß farbig zu sehen." Im übrigen habe ich mich an Johann Gottfried Seume gehalten: "Ich weiß, dass man beim Übermaße gähnt. So habe ich im Lied nicht alles eingefangen, nicht jeden Punkt hab ich genau erwähnt. Doch wurde nie aus Bosheit manches übergangen."

Verglichen mit anderen Darstellungen lässt diese mehr Handelnde, mehr Zeitzeugen und mehr andere Beurteiler sprechen. Damit wird die Forderung „Zitate sind die Pflicht des Historikers“ stärker berücksichtigt als sonst üblich.

Da nach Stendhal die Wahrheit in den Einzelheiten liegt, werden viele geboten. Auch wird vieles erst durch Zahlen- und Größenangaben klar. Deshalb wird beispielsweise mitgeteilt, wie viele „Führungskräfte“ das Reich Karls des Großen beherrschten, wie viele SED-Mitglieder, Stasi-Bedienstete und Bewaffnete das DDR-Regime stabilisieren sollten, wie kostbar Eisen und wie gering der Landwirtschaftsertrag im Mittelalter war, wie viel ein Arbeiter verdiente und wie lange er arbeiten musste, wie hoch die Zahl der Opfer von Kriegen, Seuchen und Vertreibungen und wie niedrig die Lebenserwartung war und wieviel Schulden, Arbeitslose, Millionäre, Alkoholiker, Analphabeten, Asylanten, Obdachlose, Drogen- und Verbrechenstote wir haben und manches mehr. So enthält dieses Buch auch Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichtliches. Angestrebt wurde ein hoher Unterhaltungswert trotz eines Maximums an Information bei einem Minimum an Umfang.

Diese Darstellung bemüht sich, die seit Bismarck vorherrschende propreußische Geschichtsschreibung zu vermeiden, weil Macht nicht nur geschichtsbildend, sondern auch geschichtsverfälschend gewirkt hat. Deshalb musste Geschichte ja so oft „umgeschrieben“ werden. Diese Geschichte ist auch weniger zeitgenössisch-„stromlinienförmig“ als andere. Das heißt, dass Tabus, politisch-opportune Verbiegungen und ideologische Ausdeutungen, die unser Bild von dem, „wie es eigentlich gewesen ist“ trügen, versachlicht werden. Es bedeutet auch, dass die  „Verseuchung der Vergangenheit durch die Gegenwart“ vermieden wird. Wir besserwissende Nachgeborene sollten nämlich bedenken, dass wir mit Abstand und mit dem dann bekannten Hintergrundwissen viel zielsicherer urteilen können.

Es wird nicht verschwiegen, dass auch Unwissenheit, Überheblichkeit, Fehleinschätzungen und/oder schlichte Dummheit der Mächtigen und Befehlenden viele Handlungsabläufe bestimmten. Da diese Einflüsse meist von gegeneinander stehenden Seiten wirken, die voneinander nichts wissen, ergibt sich, dass Geschichte weder „geradlinig“ verläuft, noch immer vorhersehbar ist.

Selbst wenn man Napoleons Ansicht „Der Zufall ist der einzig wirkliche Beherrscher des Weltalls“ nicht teilt, muss seine geschichtsbestimmende Potenz real gewichtet werden. Beispielsweise ermöglichte nur fürstlicher Opportunismus Aufkommen und Ausbreitung der Reformation. Hätte Preußens junger Fritz seine erste Schlacht verloren, hätte es weder Bismarck noch Hitler gegeben. Hätte ein junger Korse namens Napoleone Buonaparte nicht durch Robespierres Protektion vor Toulon kommandieren dürfen, wäre Deutschland noch lange unverändert geblieben. Und wäre von den 42 Attentatsplänen auf Hitler nur einer erfolgreich gewesen, hätte eine der größten Katastrophen unserer Geschichte nicht stattgefunden. In jedem dieser Fälle, die sich beliebig vermehren ließen, wäre unser Sein und Bewusstsein ein ganz anderes. Taten wie Unterlassungen wirken fort bis heute.

Für Bismarck gab es zwei Arten von Historikern: "Die einen machen die Wasser der Vergangenheit klar, so dass man auf den Grund sehen kann, die anderen machen diese Wasser trübe." Ich hoffe, dass diese Darstellung der Geschehnisse der ersten Art zugezählt werden kann.


Vor Worte


Wer sich aber wundern sollte, dass nach so vielen Geschichtsschreibern auch mir die Abfassung einer solchen Schrift in den Sinn kommen konnte, der lese zuvor alle Schriften jener anderen, mache sich darauf an die meinige, und erst dann wundere er sich.

Flavius Arrianus (95-180)

Den Stoff zu diesem Buche habe ich alten Schriften entnommen, die unter den Namen verschiedener Gewährsmänner auf uns gekommen sind. Sollte ich also Falsches behauptet haben in meinem Bericht: Ich selbst irrte nicht, sondern diejenigen, denen ich mit allzuwenig Vorsicht gefolgt bin.

Roswitha von Gandersheim (um 935-975)

Ich kann's ja nicht lassen, ich muss mich sorgen um unser arm, elend, verlassen, verraten und verkauft Deutschland, dem ich alles Gute gönne, weil ich's schuldig bin meinem lieben Vaterland.

Martin Luther (1483-1546)

Die Männer der (politischen) Praxis kennen   die Welt nicht, sie kennen nicht einmal die Realität ihres eigenen Werks,   . (Könnten sie auferstehen, würden sie) staunend erfahren, was sie taten, ohne es zu wissen, und in den Werken ihrer Vergangenheit lesen, wie in einem Hieroglyphenbuch, zu dem man ihnen endlich den Schlüssel gegeben hätte.

Benedetto Croce (1866-1952)

Die Tatsache besteht, dass die deutsche Selbstkritik bösartiger, radikaler, gehässiger ist als die jedes anderen Volkes. .. eine zügellose Herabsetzung des eigenen Landes nebst inbrünstiger Verehrung anderer.

Thomas Mann (1875-1955)

Immer doch schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten. Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge.

Bert Brecht (1898-1956)

Wer, der diese große deutsche Vergangenheit betrachtet, käme nicht angesichts der Deutschen der letzten hundert Jahre auf den Gedanken, ein rätselhaftes kosmisches Ereignis habe sozusagen über Nacht ein großes Volk im Herzen Europas durch ein gänzlich andersartiges, fremdes, ungleich viel minderwertiges ersetzt?

Gregor v. Rezzori (1914-1999)

Man kann trotz aller Brüche die Vielgestaltigkeit und Offenheit unserer Geschichte bejahen. Sie ist nicht nur beunruhigend, nicht nur Anlass zur Sorge. Man kann aus ihr auch Mut und Kraft schöpfen.

Arnulf Baring (1932 - )



Inhaltsverzeichnis


1        Franken, Sachsen, Slawen, Ungarn oder: Mehrere Väter, eine schmerzliche Geburt und viele Feinde

2        Salier und Staufer oder: Der Kampf zwischen Reich und Rom

3        Die Hausmachtkaiser oder: Habsburger, Luxemburger, Wittelsbacher

4        AEIOU Österreich wird bis ans Ende der Welt bestehen oder: Der überlange Herbst des Mittelalters

5        Die Gegenreformation oder: Religiöse Wirren und großer Krieg

6        Könige, Schlösser, Helden und Perücken oder: Deutschland im Barock

7        Preußen gegen Österreich oder: Der deutsche Dualismus

8        Das späte Ende des Mittelalters oder: Während die letzten Hexen brennen, modernisiert ein Korse das alte Reich der Deutschen

9        Der Kongress in Wien, die Revolution in Deutschland  oder: Metternichs Balance-Akte

10        Vom ersten Großdeutschen Parlament der Deutschen zum zweiten - Kleindeutschen - Reich der Preußen  oder: Wieviel Deutschland hätten Sie gern?

11        Die Bismarck-Zeit oder: Setzen wir Deutschland in den Sattel

12        Die Kaiser-Zeit oder: Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen

13        Der Erste Weltkrieg oder: Die Schüsse der Schwarzen Hand

14        Von Versailles über Weimar nach Potsdam oder: Demokratie ohne Demokraten

15        Großdeutschland gewonnen und verspielt oder: Der nationale Größenwahn bricht sich Bahn

16        Weltkrieg Nummer 2 oder: Deutschland gegen den Rest der Welt

17        Auferstanden aus Ruinen oder: Von der Trümmerzeit zum Wirtschaftswunder

18        Ein Volk zwei Staaten  oder: Währungsreform im Westen - real existierender Sozialismus im Osten

19        Der goldene Westen oder: Wir sind wieder wer

20        Grenzenlos Vom Rhein bis zu Oder und Neiße und bis an den Atlantik oder: Wiedervereinigung und Aufgehen in Europa


  1. Franken, Sachsen, Slawen, Ungarn oder: Mehrere Väter, eine schmerzliche Geburt und viele Feinde

Die Völkerwanderung hatte Gallien, die reichste Provinz des Römerreiches, zu einem Tummelplatz germanischer Landräuber gemacht. Die Statthalter behalfen sich, indem sie die Räuber zu hospes ernannten, das heißt “Gäste”.

Die Römer, bis dahin herrschende Oberschicht, mussten in Fesseln tanzen, zwischen Goten, Burgundern und den immer noch zahlreichen Kelten, die bis zu ihrer letzten Niederlage durch Cäsar das Land beherrscht hatten.

Jetzt kamen auch noch die Franken. Sie waren nicht wie Goten und Burgunder von der römischen Zivilisation angekränkelt, sondern jugendfrisch, laut und ungehobelt und schon gar nicht von irgendeiner Moral behindert, flugs Anderen den Schädel zu spalten.

Als keine Post mehr aus Rom kam, war klar, dass sich das Imperium aufgelöst hatte. Die Garnisonen hielten sich zwar noch in den Städten, doch wie lange würde das noch gut gehen? Zum Glück gab es noch eine zweite Macht in Gallien, die katholische Kirche. Die Bischöfe in den Städten spielten den Franken die Macht zu, denn die waren die Stärksten im Lande. Wichtig sind zunächst stabile Verhältnisse, sagte sich die Kirche - und dafür sorgten diese Un-Holde, indem sie einfach jeden niederhieben, der ihnen den Weg vertrat.

Das Zusammenleben zwischen Gallo-Römern und Franken brachte beiden Seiten Vorteile. Den im Lande gebliebenen Römern gewährte es Schutz, ihre römisch-katholische Kirche bewahrte es vor religiöser Rivalität. Die fränkischen Totmacher waren nämlich nicht Arianer1, wie die meisten Germanen, sondern noch schlichte Heiden. Aus ihnen würde man noch rechte Christen machen und sich damit nicht nur vor schonungsloser Verfolgung sichern, sondern auch noch gottgefällig wirken können. Die Kirche strebte deshalb die Kooperation mit den Barbaren an, denen ganz augenscheinlich die Zukunft gehörte. Auch den Franken gefiel die Perspektive. Obwohl sie die Römer verachteten, erlebten sie täglich die Überlegenheit der römischen Kirche, die ihre Repräsentanten so stark machte, dass das Volk auf sie hörte.

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Der Mann der Epoche war Chlodewech. Er war der König der salischen Franken2. 486 schlug er das letzte Aufgebot der Römer bei Soissons. Danach machte er das keltische Lutuhezi zu seiner Hauptstadt. Das Wort bedeutet Wasserwohnort. Es war die Seineinsel, auf der man gegen Angreifer sicher war. Die Römer hatten sie und ihre Stadt daneben Lutetia Parisiorum genannt. Der oströmische Kaiser machte den Barbaren zum Konsul. Er meinte, er sei noch immer auch der Beherrscher des weströmischen Reiches, ein Statthalter habe nur den anderen verdrängt. Aber Chlodwig3, wie man ihn später nannte, siegte weiter - auf eigene Rechnung.

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Für ihn und seine Streitaxtschwinger waren Sieg und Erfolg der Beweis für die Überlegenheit des rechten Glaubens. Wer gab mehr Sieg-Heil, Odin oder der Christengott, dem sein Weib anhing? Diese Frau war die burgundische Prinzessin Chrotechilde, uns geläufiger als Chlothilde. Sie riet ihrem Gemahl, Christ zu werden. Doch kein germanischer Heerkönig konnte seinen rauhbeinigen Kriegern sagen, dass er in Ausführung der Ratschläge seiner Frau handle. So soll Chlodwig während der Entscheidungsschlacht gegen die Alemannen bei Zülpich dem Christengott für den Sieg seine Taufe versprochen haben. Danach ließ sich Chlodwig jedenfalls wie einst schon Kaiser Konstantin vom Strahl göttlicher Gnade berühren und mit dreitausend Kriegern in Reims taufen. Dadurch kennen wir auch sein Herkommen. Erzbischof Remigius sprach ihn nämlich nicht als Franke, sondern als Sugambrer an. Diese Germanen siedelten vordem rechts des Mittelrheins zwischen Lippe und Sieg. Kaiser Augustus deportierte 40.000 von ihnen rheinab nach Xanten. Von dort sickerten sie in linksrheinische Gebiete ein. Chlodwig ist schon im heutigen Tournai geboren.

Diese Taufe war die Geburtsstunde Europas, sagt man. Tatsächlich leitete sie eine neue Epoche ein. Sie beseitigte den Gegensatz zwischen den germanischen Besatzern und den romanischen Einheimischen. Setzte Chlodwigs Schwager, der Ostgotenkönig Theoderich, in Italien auf die Trennung, so Chlodwig auf die Vereinigung beider Volksteile. Schon sein Name ist ein Produkt dieser Verschmelzung. Von seiner lateinischen Form Hludovicus werden einst die französischen Ludwige ihren Namen herleiten.- Sein Reich gewann dadurch auf Jahrhunderte die Vormacht im Abendland, das des Theoderich verging. Denn, so sagt Chlodwigs frommer Chronist Gregor von Tours, “Der König tat, was dem Herrn wohlgefällig war”, und so geriet ihm alles wohl. Als er nämlich Burgunder und Westgoten besiegt hatte, dezimierte er seine eigene Sippe durch Meuchelmord. Die christlich-fromme Denkungsart hatte die Natur dieses verschlagenen Merowingers noch nicht veredelt. Den Schädel des gefangenen Königs Ragnacharis von Cambrai zum Beispiel spaltete er eigenhändig mit seiner Franziska, dem Wurf- und Kampfbeil der Franken, das ihnen ihren Namen gab, nachdem er dessen Krieger mit kupfernen Hals- und Schwertgehängen, die er für Gold ausgab, bestochen hatte.

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Der Begründer der Merowinger-Dynastie hinterließ seinen Söhnen ein Großreich, das von der Garonne bis weit über den Rhein reichte. In ihm beherrschten höchstens 200.000 Franken die 6 bis 7 Millionen Gallo-Römer. Nach Germanensitte teilten die Söhne das Reich. Zum Glück überlebte die kluge Chlothilde ihren Mann, vollauf damit beschäftigt, jedem wilden Merowingerspross sein eigenes Königreich zu schaffen, falls er nicht durch Brudermord nach Walhall4 verabschiedet worden war. Denn wie man zu seinem Vorteil und Sieg kam, spielte für die Franken offensichtlich keine Rolle. Und so hatte die Kirche ihren Grundsatz anerkennen müssen, dass Gott nur dem den Sieg schenkt, der im Recht ist.

Die Merowinger-Könige fühlten sich als Nachkommen eines sagenhaften Königs Merowech. Sie galten daher als heilig. Doch nicht nur um sich seinem Volk zu zeigen und um Recht zu sprechen musste der König ständig von Königshof zu Königshof, von Bistum zu Bistum, von Abtei zu Abtei unterwegs sein. Vielmehr war er gezwungen, sich und seine Gefolgschaft im Umherziehen zu ernähren, denn die Getreideernten waren nur das Doppelte bis höchstens das Fünffache der Aussaatmenge. Damals, hat man gesagt, war es das Privileg des Adels, sich satt essen zu können. Erst mit dem Aufkommen des Geldes wird ein Machthaber seinen Anhang bezahlen können. Er selbst braucht dann nicht mehr umherzuziehen, er wird sich einen ständigen Wohnsitz, eine Residenz, leisten können.

Da der König riesigen Landbesitz erobert hatte,  konnte er ihn verschenken und sich so seinen Anhang sichern. Schon sein unmittelbares Gefolge bestand aus einer Vielzahl von Stammeshäuptlingen, Leibwächtern, Knechten und einigen Klerikern. Während das weibliche Gefolge je nach allerhöchster Gunst als Königinnen, Kebsen oder als Mägde dienstbar war und künftige Könige, Prinzen oder Bastarde gebar, entwickelte sich aus der Trinkrunde der Männer der Feudaladel, der, mit Königsgütern für geleistete Waffenhilfe belohnt, auf diesen Gütern seinerseits das Leben der Könige lebte. Die Gefolgsleute, die Gefallen am Umherziehen mit dem König fanden, teilten sich in die einflussreichen Hofämter. Der Vorsteher der Hofgesellschaft, der die Amtsgewalt im Reich ausübte, das Heer befehligte und die Vermögensverwaltung innehatte, war der Hausmeier. Seine Machtbefugnisse waren daher seiner hausbackenen Amtsbezeichnung umgekehrt proportional.

Einhart, der erste Biograph Karls des Großen, hat die letzten Merowinger als „Faulenzerkönige“ lächerlich gemacht. Sie sollten auf Ochsenkarren, von bäuerlichen Knechten geführt, über Land gezogen sein. In Wahrheit war es vor allem die ständige Minderjährigkeit der Thronfolger, die zum Verfall der merowingischen Königsmacht führte. Im Kampf um Besitz und Macht der rivalisierenden Großen wurden sie zu deren Spielbällen.

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Die  Merowinger verloren die Macht, der Hausmeier-Klan riss sie an sich. Der Hausmeier Karl5 schlug das Heer der Sarazenen6 an der Römerstraße von Poitiers nach Tours, wahrscheinlich bei Moussais. Die Araber waren drauf und dran gewesen, von Spanien aus Südfrankreich zu erobern. Hätten sie damals gesiegt, würden wir vermutlich heute zu Allah beten; die Welt wäre islamisch. Aber selbst noch viel später hatten sie einen Brückenkopf sogar auf der Nordseite der Alpen: Pontresina = pons sarracenorum, die Sarazenenbrücke. Und als Kaiser Otto der Große auf seinem ersten Romzug über den Lukmanier7 im Kloster Disentis am jungen Rhein rasten wollte, konnte er seine Pferde nur noch in den Ruinen des Klosters einstellen. Die Sarazenen hatten es gerade abgebrannt. Als kulturelle Kompensation könnte man das unwahrscheinlich frühe Auftreten arabischer Ziffern im großen Walsertal deuten. Waren die Sarazenen sogar dort?

Karls Sieg galt seinen Franken als Gottesurteil. Noch hatte sein Heer nur wenige Reiter, denn ein Pferd kostete zwanzig Rinder. Bald saßen die Franken sicherer im Sattel dank der allmählichen Einführung des Steigbügels, aber auch dank dieses und anderer Siege Karls. 730 war bei Cannstatt der letzte alemannische Widerstand zusammengebrochen, Hessen und Thüringen wurden fränkische Protektorate.

Karl wird seither “der Hammer”, Karl Martell, genannt, seine Familie die Karolinger. Sein Sohn Pippin der Jüngere - oder der Kurze8 - ritt weiter von Sieg zu Sieg. Auch er fing als Hausmeier an. Aber dann fragte er den Papst, ob “ein König ohne Macht das Amt behalten oder ein Inhaber der Macht König” werden solle. Dem Papst schien es notwendig, den gewitzten Franken auf seiner Seite zu haben. Feierlich erklärte er, dass der Stärkere König sein solle.

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Darauf ließ sich Pippin von den Großen seines Reiches zum König erheben. Macht rechtfertigt sich durch Macht. Der Papst drohte den fränkischen Großen, die ja meist merowingische Parteigänger waren, dass jeder Versuch, einen König zu wählen, der nicht aus Pippins Geschlecht stamme - dem Geschlecht eines Königs “von Gottes Gnaden” -, den Ausschluss aus der Kirche bedeute. Pippins Bruder und dessen Söhne meuterten. Er ließ sie nicht mehr ermorden wie bisher üblich, nicht einmal mehr blenden. Er ließ ihnen nur die langen Haare - Zeichen königlichen Geblütes - abschneiden und sie in einem Kloster verschwinden. Dorthin verfrachtete man auch Childerich III., den letzten Merowinger und seinen Sohn.

Drei Jahre später präsentierte der Papst die Rechnung. Die als letzter Schub der Völkerwanderung gekommenen Langobarden hatten in Italien ein großes Reich errichtet. Seine Kernlande heißen noch heute Lombardei. Sie drohten den Kirchenstaat des Papstes ihrem Reich einzuverleiben. In zwei Feldzügen hieben die Franken den Papst aus der Umklammerung der germanischen Vettern. Und da sie trotz Christianisierung noch germanisch dachten, nahm Pippin kraft des Rechts des Eroberers den Kirchenstaat für sich in Besitz. Nun konnte es sich der Frankenkönig leisten, das eroberte Land förmlich und feierlich dem Papst zu übergeben - als Leihgabe, als „Lehen“, so wie er jedem verdienten Untertanen Land lieh, ihn damit belehnte. So erfolgte die “Pippinsche Schenkung”, weil Pippin der Herr über Rom und den Papst war.

Der Papst war also noch recht klein. Um jedoch den Unterschied zwischen Größe und Anspruch auszugleichen, fälschte man einen Erlass Kaiser Konstantins an Papst Silvester I. und alle Bischöfe. Silvester habe den Kaiser vom Aussatz geheilt und zum Christentum bekehrt. Zum Dank habe dieser die Kirche über das Kaisertum erhöht und den Bischof von Rom über alle Bischöfe gestellt und zum Richter in allen Glaubensfragen gemacht. Auch habe er der Kirche Rom “und alle Provinzen Italiens und der westlichen Lande” überlassen, weil er sich in seine neue Hauptstadt Byzanz zurückziehe, “denn es ist nicht recht, dass ein irdischer Herrscher dort Gewalt habe, wo vom himmlischen Herrscher der Fürst der Bischöfe und das Haupt der Christenheit eingesetzt ist.” Das Machwerk ist Programm. Der Bund von Thron und Altar wird sich später zum Hauptproblem des Mittelalters auswachsen. Zunächst blieb unter dem Strich: Der Papst hat sich aus der Abhängigkeit des byzantinischen Kaisers befreit, er hat einen neuen Schutzherrn, der ihm die Handlungsfreiheit in seinem Hirtenamt und die Herrschaft über die abendländische Kirche gibt.

Aber die fränkischen Hausmeier und Könige brauchten eben Rom und seine Kirche auch für andere Aufgaben. Die Eroberung im Osten durch die Chlodwig-Söhne Theuterich und Chlothar hatte den Franken fast das ganze Großthüringische Reich eingebracht. Karl Martell und Pippin erweiterten das Reich nach Osten. Die Sieger trafen dort eine gemischte Bevölkerung an: Kelten, die die Wellen der Völkerwanderung hatten über sich hinwegschwappen lassen, hängengebliebene Germanen, schließlich slawische Stämme wie die Sorben. Den fränkischen Haudegen dämmerte, dass Räume dieser Weite, wollte man sie behalten, verwaltet werden mussten. Zuvor mussten natürlich die Heiden gezähmt werden. Beides konnte nur die Kirche.

Papst Gregor II. sandte dafür den irischen Mönch Winfried, der außer dem Namen Bonifacius9 die Aufgabe erhielt, diese Gebiete christlich zu machen. Er tat es, indem er heilige Eichen fällte. Die umstehenden Germanen erwarteten beim ersten Hieb den Blitz Odins, der den Frevler umhieb. Aber nichts geschah, also war sein Gott stärker, also schloss man sich ihm an und wurde Christ. Bonifacius gründete ein halbes Dutzend Klöster und noch mehr Bistümer. Alle wurden Hochburgen des Glaubens, der Gelehrsamkeit, der wirtschaftlichen Entwicklung und der Zivilisation. Die Bistümer unterstanden seinen Amtsnachfolgern, den Erzbischöfen von Mainz, denen damit eine gewaltige Macht zuwuchs. Diese Macht machte sie später zu den Erzkanzlern des Reiches und zu Kurfürsten mit dem Recht, den Kaiser zu wählen.

Bonifacius brachte sich durch seine Erfolge in Schwierigkeiten: Die Bischöfe misstrauten ihm, weil er lieber mit der niederen Geistlichkeit zusammenarbeitete, in der der Hochadel nicht vertreten war. Dadurch stärkte er die Zentralgewalt der Karolinger. Rom misstraute ihm ebenso, weil es nicht mehr weit war bis zu einer fränkischen Nationalkirche ohne Rom. Von diesen Ängsten befreiten den Heiligen Vater die Friesen. Sie erschlugen ihn mit 50 Männern seines Gefolges im Kampf "Waffen gegen Waffen" im niederländischen Dokkum. Dieser “Apostel der Deutschen” hat das  Land jenseits der “chinesischen Mauer” der Römer, des Limes, in das fränkische Reich integriert, er hat auch den Schwerpunkt des Reiches nach Osten verlagert.

Karl der Große10 führte dieses Werk weiter. Er brachte die Frankisierung und die Christianisierung der rechtsrheinischen Gebiete vorerst zum Abschluss. Er wird von Franzosen und Deutschen als der Ihre angesehen. Verständlich: Sein Herrschaftsgebiet schloss das spätere Frankreich komplett ein. Und im Osten reichte Karls Herrschaft bis an Elbe, Saale, Böhmerwald und Enns. Unter ihm wurde der Niederrhein zum Herzstück des Frankenreiches. Die Familie des 1,93 großen Hünen mit der bismarckischen Gestalt und der dünnen Fistelstimme hatte Besitzungen um Metz und Verdun, an Mosel und Maas und in der Westeifel. Dort war die Reichsabtei Prüm ihr Hauskloster. Seine Aufenthaltsorte waren seine “Pfalzen”, nach dem Brand der Wormser Pfalz vor allem sein Palast in Aachen, wo er am liebsten lebte, liebte - fünf Ehefrauen, fünf namentlich bekannte Nebenfrauen, zahllose Kebsen - und seine rheumageplagten Glieder und seinen wundgerittenen Hintern in den warmen Quellen badete. Auf diesem Hintern hat er im Sattel auf Kriegszügen die größten Entfernungen zurückgelegt. In seiner langen Regierungszeit gab es nur zwei Jahre ohne Krieg.

Krieg war eben nötig zum Machterhalt. Nur mit Aussicht auf Zugewinn ließen sich nämlich die führenden Adelsklans an die Seite des Königs zwingen. Nur reiche Kriegsbeute und die Vergabe der eroberten Ländereien, Grafschaften, Bistümer und Abteien sicherte ihre Loyalität. Darauf beruhte die Königsherrschaft. Im Zwang zur Expansion liegt die wesentliche Ursache für die Ausdehnung des Frankenreiches unter Karl. Darauf beruht jedoch auch die Krise des Reiches, als im letzten Lebensjahrzehnt die Expansion in Stagnation überging. Die bis dahin nach außen abgeleiteten Kräfte wandten sich nach innen und bewirkten die Auflösung und den Machtverfall des Staates, den sein Sohn Ludwig der Fromme erbte. Der Verfall führte geradewegs in die Bruderkriege zwischen Karls Enkeln.

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Auch Karl musste gegen die Langobarden ziehen. Als er Norditalien hatte, eröffnete er den Sachsenkrieg, der mehr als dreißig Jahre dauerte. Ein einheitliches Volk waren die Sachsen nicht. Es waren germanische Stämme, die den Sax, ein Hauschwert, eine Art Machete, als Waffe benutzten. Sie waren sich nicht immer einig, deshalb hielten die einen Frieden, die anderen nicht. Vom Christentum wollten sie nichts wissen, nur frei wollten sie sein.

Die Seele des immer wieder und immer an anderen Stellen aufflammenden Aufstandes war der gewählte Herzog Widukind. Nach zehn Jahren Krieg riss Karl die Geduld. In Verden an der Aller habe er 4.500 der Anführer, die von den Sachsen selbst ausgeliefert worden seien, an einem Tag enthaupten lassen. Er wäre damit altem Germanenbrauch gefolgt: Der Besiegte verlor seine Mannesjugend, die der Sieger den Göttern opferte. Ein Biograph Karls sagt dazu, im volksarmen Sachsen „an 4.500 Verschwörer oder Rädelsführer zu denken verbietet der gesunde Menschenverstand. Die Gruppe dürfte sich auf wenige Dutzend belaufen haben.“ Vor der Erfindung der Guillotine dürfte es auch unmöglich gewesen sein, dies an einem Tag zu schaffen, zudem hätte eine solche Massenhinrichtung einen verheerenden Eindruck auf die Bevölkerung gehabt. Schließlich wären die 4.500 todgeweihten Anführer wohl auch nicht widerstandslos zur Schlachtbank gegangen, sie hätten bewacht werden müssen. Wer aber hätte das tun können, da das Frankenheer bestenfalls über 5.000, aber kaum mehr als 10.000 Krieger gezählt haben dürfte. Ortsnamen wie Sachsenhausen bei Frankfurt und viele andere deuten dagegen darauf hin, dass Karl viele Sachsen umgesiedelt hat, wie er auch Langobarden und Slawen umgesiedelt hat. Sicher ist, dass “Karl, der allergnädigste, erhabene, von Gott gekrönte, große und friedenbringende Kaiser”, wie es später in seinem Titel hieß, für die Sachsen keineswegs friedenbringend war, sondern sie mit dem Schwert zwangs-christianisierte und selbst gegenüber Nicht-Kombattanten alles andere als gnädig war. Selbst die noch nicht waffenfähigen Knaben, die größer waren als ein Schwert lang - meist weniger als ein Meter -, wurden zusammengehauen. Doch auch die Verschonten konnten selten überleben; da die Vorräte vernichtet und die Hütten verbrannt wurden, verhungerten sie oder erfroren. Die Güter des umgekommenen Adels wurden zu fränkischem Königsgut, Klöster und Bistümer entstanden innerhalb der neuen Grenzen, die nun bis an Nordsee und Elbe vorgeschoben waren.

Während Karl noch Sachsenaufstände niederschlug, lehnte sich sein Vetter, der Bayernherzog Tassilo III.11., gegen ihn auf. Bayern war schon zu Pippins Tagen ein fast selbständiges Reich gewesen. Land und Volk hieß nach den Baiovarii. Die “Männer aus Böhmen” waren, vom Gold angelockt, in die römischen Gebiete eingesickert. Als römische Soldaten hatten sie die Grenzen zu schützen. Sie vermischten sich mit den “Romanen”, die 488 der Rückrufaktion des römischen Machthabers, des gebürtigen Ostgermanen Odvakar, nicht gefolgt waren. Zumeist waren das die Nachkommen des Anhangs der Legionen aus den verschiedensten Ländern des Weltreiches, die dort jahrhundertelang in Garnison gewesen waren. Auf sie haben die Leute aus Böhmen bestimmenden Einfluss gehabt, sie prägten die Bildung des Großstammes, der mindestens seit 551 ihren Namen trägt.

Der fromme und tüchtige Herzog dieses Volkes stand Karl im Wege. Der wiegelte Adel und Klerus des Tassilo-Reiches auf, wobei er sich als Virtuose auf der Klaviatur der Unmoral erwies. Karl setzte Tassilo über Jahre arglistig Zug um Zug ins Unrecht. Von der Anklage der längst verjährten “Heeresliez”12 - Tassilo war mit seinem Heer aus Aquitanien13, wo er Pippin Aufständische niedermachen half, nach Hause gezogen, weil dort die Awaren plünderten - bis zur Anschuldigung des Landesverrats - er selbst habe die Räuber ins Land gerufen - war kein Mittel zu schäbig. In Ingelheim bei Mainz ließ Karl ihn zum Tode verurteilen, um ihn am Ende seiner Inszenierung huldvoll zum „Klostertod“ zu begnadigen. Im nahen Sankt Goar „tonsuriert“, wurde Tassilo in das normannische Kloster Jumièges verbracht. Rechtzeitig vor seinem Tod musste er nochmals bereuen und auf sein Bayern und auf seine Familienbesitzungen verzichten. Auch seine Frau sowie seine Söhne und Töchter verschwanden in verschiedenen Klöstern.

Tassilos Kolonisation gegen die Alpenslawen war erfolgreich gewesen. Seine Klostergründung Innichen im Pustertal, auf den Trümmern der von den Slawen zerstörten Römerstadt Argentoratum, war nur eine von neunundzwanzig. Karl musste jetzt selbst an dieser langen Grenze gegen Slawen und Awaren kämpfen. Gegen die Awaren war die Enns die Grenze. In drei Feldzügen werden die Awaren, die mit den Hunnen verwandt waren, besiegt. Sie ziehen sich nach Ungarn zurück. Als Beute wird der Awarenschatz auf fünfzehn vierspännigen Ochsenwagen nach Aachen gekarrt, teils Raubgut, teils “Ehrengeschenke” des oströmischen Reiches. Es hatte den  Barbaren, denen auch Slawen und Bulgaren tributpflichtig gewesen waren, fast ein Jahrhundert lang jährlich 10.000 Goldsolidi14 als Tribut oder Entwicklungshilfe gezahlt. Bis dahin war das Frankenreich arm. Jetzt hatte man den byzantinischen Goldstrom in die eigenen Truhen geleitet.

Zum Schutz der Grenzen wurden Marken eingerichtet: Die Mark Friaul, die bayerische Ostmark, die awarische und die böhmische Mark, schließlich die sächsischen Marken, die bis an die Oder reichten. Herren dieser Grenzgrafschaften waren Markgrafen, die fast unbeschränkte Rechte in ihrem Vorfeld hatten. Hier entwickelt sich zuerst jene Gebietsherrschaft, die sich zu einem Problem des mittelalterlichen Deutschland auswachsen wird. Die Markgrafen hatten fürstlichen Rang. Auch die Pfalzgrafen, die Herren der zeitweiligen Residenzen in großen Landesteilen hatten ihn, denn die Frankenkönige waren wie alle Germanen stadtfeindlich. Diese weltlichen Fürsten hatten sich vom kriegerischen Gefolgsmann über den königlichen oder kaiserlichen Beamten hochgehangelt. Da ihnen als Germanen Geld nichts, Land aber alles war, lieh ihnen der König für Verdienste Land auf Zeit. In diesen Eroberungszeiten hatte er es ja. Mit der Zeit blieb dieses Land in der Familie, die Fürsten erwarben ein Erblehensrecht.

Die Bischöfe, die auch Territorialherren waren, hatten es nicht. Sie hatten ja keine Familien. Starb ein Bischof - der in aller Regel dem hohen Adel entstammte -, fiel das Lehen an den König zurück. Er gab es nun dem nachfolgenden Bischof. Belehnung und Einsetzung in sein geistliches Amt gehörten zusammen, da der Bischof das Lehen ja brauchte, um sein Amt auszuüben: Er musste sein Gefolge ernähren, hatte dem König Heeresfolge zu leisten und ihm dazu Soldaten zu stellen. Dieses Recht des Königs zur Einsetzung in sein Amt, zur Investitur, das damals selbstverständlich war, sollte zu einem jahrzehntelangen Streit zwischen den deutschen Königen und den Päpsten führen.

800

Inzwischen war der fränkische König römischer Kaiser geworden. Der neue Papst Leo III. hatte Feinde, die ihn eines unheiligen Lebenswandels bezichtigten, ihn während einer Prozession vom Pferd rissen und windelweich droschen. Karl lud ihn zum Rapport - wenn auch in feierlicher Form - nach Paderborn. Am 23. Dezember 800 musste sich der Papst durch einen Eid „reinigen“. Karl kam dazu nach Rom. Als er sich  während der Weihnachtsmesse vom Gebet erhob, setzte ihm Leo die Krone auf. Damit war Karl Carolus Augustus, der von Gott gekrönte große und friedfertige Kaiser der Römer, wie das Volk von Rom rief.

Der Zeitpunkt war gut gewählt gewesen: In Byzanz, der Hauptstadt des Römischen Reiches, das noch immer als Einheit empfunden wurde, hatte es Thronstreitigkeiten gegeben, das Kaisertum war vakant gewesen. Der Papst konnte daher die Krönung Karls fast als staatserhaltend darstellen. Mit dieser Krönung hatte er seine Stellung unbezweifelbar erhöht.

Karls Herrschaft über das Abendland wurde von niemandem mehr bestritten. Sie wurde gestützt von etwa 500 Grafen, 1.000 vom König Belehnten, 100 Bischöfen und 200 Äbten. Diese “Potentes” befehligten auch das Heer. Ein Heer von 10.000 bis 15.000 Mann galt schon als groß.

Die islamische Macht hatte sich gespalten, Harun al Raschid hatte in Bagdad ein mächtiges Kalifat15 errichtet. Er war der Gegner der Omajaden, die Spanien beherrschten und gegen die Karl gekämpft hatte. Vielleicht um seine südfranzösische Flanke zu entlasten und um Byzanz in Schach zu halten, bot Karl dem Kalifen eine seiner Töchter als Schwiegertochter an.

In Byzanz16 hatte man zwar Italien und die anderen westlichen Gebiete nie aufgegeben, war aber außerstande, diesen Besitz zu verteidigen. Zur Entspannung und zur Annäherung des weströmischen an das oströmische Kaisertum war die Verheiratung des byzantinischen Kaisers Konstantin mit Karls Tochter Rotrud geplant.

Karl hatte ein Reich gebaut, das damals auch Europa war. Die tragenden Elemente überdauerten ein Jahrtausend. Sie halten, bis das alte Reich zerstört wird durch Napoleon, der sich als sein Nachfolger gefiel. Die letzten Säulen brechen sogar erst 1918.

Im Jahr 800 hatte der Dänenkönig Skandinavien unterjocht. Schon setzten seine Nordmänner - oder Normannen - zu Raubzügen an. Karl kämpfte gegen sie, doch bleibt das Köpfeabschlagen bei dieser Hydra wirkungslos, zu viele wachsen nach. 805 eskalieren auch noch die ständigen Scharmützel mit den Slawen zum Krieg.

Die Religion des eben gekrönten Kaisers war nicht die des kleinen Mannes. Karl und seine Paladine, auch die Bischöfe und Äbte seiner Reichskirche, die alle den herrschenden Familien angehörten, verstanden Christus nicht als leidende Kreatur, sondern als König und Herrscher. Ihr Evangelium ist eine “Schwertlehre”. Selbstverständlich wird von Gott erwartet, dass er ihrer Sache, die natürlich die gute Sache ist, den Sieg schenkt. Noch mehr als tausend Jahre später werden die Herrschenden und ihre Untertanen ihre Kanonen segnen lassen, um den Bruder in Christo zu zerfetzen, der zufälligerweise für die Gegenseite kämpfen muss, der aber vom gleichen Christus auch für seine Sache und für seine Waffen den Sieg erfleht.

814

Das lust- und kriegsvolle Leben Karls endet 814. Für uns ist Karl in jeder Hinsicht ein Kerl - was das gleiche bedeutet. Für die von ihm bekämpften Slawen muss er eine legendäre Gestalt gewesen sein. Schließlich hatte er auch die West- und Südslawen von den Awaren befreit und ihnen erst damit eine Entwicklungschance gegeben. Sein Name wurde schon bald von ihren Völkern als Begriff für König übernommen: russisch Koról, polnisch Król, serbokroatisch Kraj, tschechisch Král, litauisch Karalius!

Wie sein Vater, wollte auch Karl die Verteilung seines Reiches an seine Söhne nach Germanenbrauch. Auch jetzt korrigierte der Tod das Realteilungsdenken. Nur Ludwig “der Fromme”17 blieb übrig. Der Vater hatte ihm befohlen, sich im Aachener Münster die Krone selbst aufzusetzen. Er heißt “der Fromme”, weil er es wirklich war und weil er es sogar gewagt hatte, seinem Vater und seinen Schwestern ihr “süßes Leben” vorzuwerfen. Das Leben “am Hof”, der ja tatsächlich ein großer Bauernhof war, muss hochkarätige Playboy-Art gehabt haben. Jetzt wurden die Zeiten härter.

Um 650 hatten auch die skandinavischen Küstenbewohner den Boots-Kiel erfunden. Nun wurden die Nordmänner durch ihre Kielschiffe, die auch segeln konnten, ungeahnt manövrierfähig. Das karge Leben trieb sie an ferne Küsten. Sie waren plötzlich da, erschlugen, raubten, brannten und verschwanden. Ein solcher Feind war nie zu fassen. Sein Terror lähmte das Abendland.

834

Der große Schlag kam 834. Ein Dänenheer überfiel Friesland und brannte die Handelsstadt und Münzstätte Durrstede nieder. Das kam, weil Ludwigs ältester Sohn Lothar18 gegen seinen Vater die Normannen zu Hilfe gerufen hatte. Maastricht, Lüttich, Aachen, Köln, Bonn, Andernach wurden ihre Beute. Das noch sehr ansehnliche Trier war nach dreitägiger Plünderung nur noch ein rauchender Trümmerhaufen. Ungehindert fuhren sie rheinauf bis Mainz und Worms. Und 845 brannten Paris und Hammaburg / Hamburg, das mit seinen wohl etwa 300 Einwohnern den Elbübergang nach Haithabu und weiter nach Norden beherrschte. Haithabu war eine bedeutende Handelsstadt der Wikinger19 gegenüber dem heutigen Schleswig. Dort verkauften sie ihre wertvollste Beute: Sklaven. Für sie war ein Sklave so viel wert wie ein Pferd. Selbst der Bremer Bischof ließ sich von ihnen beliefern. Die Sklavenjäger fuhren auch auf der Elbe landein. Magdeburg wird gebrandschatzt. Sogar bis Meißen kamen sie. Rauchende Ruinen sind ihre Hinterlassenschaft. Die Hilflosigkeit des Frankenreiches war selbst verschuldet. Den Dänen trat immer nur einer der Könige entgegen, oft nur ein Graf oder Bischof. Die Plünderer konnten die Schwäche des Reiches und die Bruderzwiste ausnutzen.

Als der von seinen Söhnen abgesetzte, dadurch seiner sakralen Unverletzlichkeit beraubte Kaiser im Tierpark seiner Lieblingspfalz Ingelheim am Rhein20 starb, bekämpften sich die Söhne gegenseitig. Karl und Ludwig wollen mit Lothar das Reich nicht teilen. Früher war bei so wichtigen Entscheidungen nach germanischem Brauch auch das Volk beteiligt gewesen; jetzt war es nur noch Kulisse. Man trifft sich auf einer Ill21-Insel, jeder bringt eine Abordnung seines Heeres mit. Doch man versteht sich nicht mehr, denn die Kaiser-Söhne herrschen nicht mehr nur über zwei Reichsteile, sondern in diesen Teilreichen haben sich zwei Völker mit eigenen Sprachen entwickelt.

Daher tritt der “deutsche” Ludwig22 zum Schwur vor die Mannen seines Bruders und spricht, damit sie es verstehen, in ihrem Altfranzösisch: “Pro deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, dist in avant ... ab Ludher (Lothar) nul plaid numquam prindrai ...” Das ist noch halbes Latein. Dann sagt es der “französische” Karl vor den ersten Deutschen auf Althochdeutsch: “In godes minna ind in thes christianes folches ind unsér bédhero gehaltnissi, von thesemo dage framordes ... mit Ludheren in nohheiniu thing ne gegango ...”

843

So also hörte sich das Urdeutsch von 842 an, das eigentlich das Altostfränkische war. Ludwig und Karl hatten in diesen “Straßburger Eiden”, die erstmals die “diutiske”, die deutsche Sprache dokumentieren, einander gelobt “aus Liebe zu Gott und des christlichen Volkes wie unser beider Wohl werde ich von diesem Tage an ... mit Lothar in keiner Sache mehr zusammengehen ...” Auch die beiden Heere schwuren, dass ihr Versprechen nur so lange gelten solle, wie ihr Herrscher sein Versprechen gegenüber seinem Bruder halte.

870

Schließlich teilen die Brüder in Verdun das Reich. Karl “der Kahle” erhält den Westen, Kaiser Lothar die Mitte Lotharingien/Lothringen -, Ludwig “der Deutsche” das Land östlich des Rheins und der Aare, dazu die linksrheinischen Gebiete der Bistümer Mainz, Worms und Speyer, also die Pfalz, Rheinhessen und den Nahegau “propter vini copiam” - wegen der Menge des Weines, aber nicht nur deswegen. Als nach Lothar auch sein Sohn starb, besetzte dessen Onkel Karl23 Lothringen. Nur die Kriegsdrohung seines Bruders Ludwig brachte ihn an den Verhandlungstisch. In der Pfalz zu Meerssen an der Maas teilten sie Lothringen. Die deutsche Westgrenze lief von jetzt an das ganze Mittelalter hindurch von der Maas an Ourthe, oberer Mosel und Saône nach Genf. Sie folgte größtenteils der Sprachgrenze.- Obwohl der Kaisertitel an die westlichen Karolinger verloren gegangen war, gilt Ludwig der Deutsche als der König, „dem das künftige Reich der Deutschen seine Existenz verdankte.“

876

Im ärmeren und weniger zivilisierten Ostfranken mussten sich Ludwigs Söhne wiederum gegen ihren Onkel Karl von Westfranken wehren, weil der ihr Erbe an sich bringen wollte. Bei Andernach jagten sie ihn zurück. Der erste der vielen Kämpfe um Lothringen entschied für seinen Verbleib bei der östlichen Hälfte.

Wie schon nach Pippin und nach dem großen Karl korrigierte auch nach Ludwig dem Deutschen der Tod die Reichszerteilerei. Erst holte er Karlmann, dann den jüngeren Ludwig, der von Mainz aus regierte. Übrig blieb Karl “der Dicke”24. Diese gutmütige Null, die “unablässig Gebete und Psalmen murmelte”, war recht gebildet. Aber der unförmige Hasenfuß litt unter seinem Königtum wie unter seinen epileptischen Anfällen. Er flüchtete vor dem Regieren und dem Hofleben in die Abgeschiedenheit des Klosters Reichenau im Bodensee.

884

Diesem hilflosen Fleischberg fällt nach dem Aussterben der Westkarolinger auch West-„Franzien“ zu. Vor dieser Verantwortung und den Normannen, die Paris belagern, flieht er nach Italien, nachdem er sie mit 700 Pfund Silber und freiem Abzug noch zu weiteren Plünderungen ermutigt hat. Wie die Westfranken, hatten nun auch die Großen von Ostfranken genug von ihrer Königskarikatur. Sie zwangen ihn zur Abdankung.

887

Das war auf dem Reichstag in Tribur bei Groß-Gerau. Wie zufällig hatte Neffe Arnulf25, Markgraf von Kärnten und Pannonien, sein Heer mitgebracht, so dass sich die versammelten Großen beeilten, ihn zum König zu wählen. Arnulf war ein uriges Mannsbild von “rohem, ungestümem Wesen.” “Er war freudig, herzhafftig und geschickt zur Angreifung und Vollbringung großer Hendel, weise und verständig, in Künsten erfahren, aber hoffährtig, ehrgeizig, den Kriegsleuten zu viel Muthwillen gestattend ...” Seine zwölfjährige Regierung war eine fast ununterbrochene Reihe von Kämpfen. Er schaffte dem Norden Luft, indem er die Normannen in Brabant vernichtete, und er schützte den Südosten vor dem Großmährischen Reich, das der Slawenhäuptling Svatopluk gezimmert hatte. Da er die oströmische Mission in diesem Gebiet beendete, hatte der Papst allen Grund, ihn zum Kaiser zu krönen.

Noch in Italien wird er vergiftet. Die Chronik des Twinger von Königshofen berichtet: “Ze jüngest wart er siech und kunde ime des kein arzot vor gesin: in ossent die lüse zu tode ...” Die Läuse, die bei ihm bezeugt sind, können ihn nicht umgebracht haben, nicht einmal die Filzläuse, die man ihm zuschreibt auf Grund seiner Ausschweifungen “mit ... unsauberen Weibern.”

911

Sein Sohn - Ludwig “das Kind”26 - wird beiseitegeschoben. Das Lebenslicht des Kranken verlöscht 911. Damit ist die Familie ausgestorben, die die vergangenen zweihundert Jahre an der Spitze der Völker des Abendlandes gestanden hatte und die Länder, die nun Deutschland werden, erobert, kolonisiert und zivilisiert hatte.

Während die Karolinger so unrühmlich aus der Geschichte geschieden sind, hatten sich die Stammesfürsten festgefügte Throne gezimmert, auf denen sie nun unangefochten Platz nahmen - die Neuauflage des germanischen Gaukönigtums. Unter ihnen hatte sich die von ihnen befehligte Kriegerkaste intakt erhalten. Neben ihnen war eine gebildete geistliche Elite gewachsen. Sie verfügte über eine mönchische Verwaltungshierarchie, die ihren geistlichen und weltlichen Fürsten diente. Die gemeinsame Sprache verband nun schon recht große Landmassen, und ein in Sachsen-, Slawen- und Awarenkriegen gehärtetes Bewusstsein der Zusammengehörigkeit wurde zur Klammer der verschiedenen Stämme.

Die Stämme waren noch sehr verschieden. Die sprachlichen Unterschiede waren das wenigste, die Mundarten entwickelten sich erst später auseinander. Aber die Sitten und Rechtsgewohnheiten waren immer andere. Auch in der Schlacht kämpfte jeder Stamm als geschlossener Haufe. Ihre Herzöge waren in ihren Gebieten zu Vizekönigen geworden, da die fränkische Gewohnheit der Reichsteilungen das Königtum zu oft entmachtet hatte. Nur im Krieg sollte der König Führer sein. Die deutsche Geschichte beginnt also im Zeichen des Partikularismus. Freilich merkten davon die Zeitgenossen nichts. “Das Leben”, sagt Kierkegaard27, ”wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.” Korrekturen sind dann kaum mehr möglich, da der Stoff, aus dem Geschichte gemacht wird, sich schon verfestigt hat.

In West-Franzien - Frankreich - gab es noch einen Karolinger: Karl “den Einfältigen”, wie der Beiname andeutet, kein Geistesheld. Bisher war es üblich, dass die Großen des anderen Teilreiches beim Tode ihres söhnelosen Königs den im anderen Teilreich herrschenden König auch als ihren anerkannten. Aber man hatte sich gegen Dänen, Slawen und Ungarn zu wehren, was nützte da ein fremder, weitab sitzender Trottel. Man hatte das Schwert in die eigenen Hände nehmen müssen, warum nicht auch die Regie des Ganzen?

911

Die ostfränkischen Großen wählten daher 911 in ihrer Hauptpfalz Forchheim - zwischen Nürnberg und Bamberg - einen aus ihrer Mitte: Herzog Konrad28 von Franken aus dem mainfränkisch-hessischen Raum. Erzbischof Hatto I. von Mainz, der für Ludwig das Kind regierte, hatte dies vorbereitet. Er ist also zumindest der geistige Vater des Vaterlandes. Damit war die Trennung des Ostreiches vom Westen vollzogen, ein deutscher Staat war entstanden.

Auch die Gebildeten haben den Neubeginn nicht registriert. Noch hundert Jahre sprechen sie von ihrem Reich der Franken. Zwar sprach man auch schon vom regnum teutonicum, doch war das kein offizieller Titel. Später wird es skurrilerweise den Titel eines römischen Reiches annehmen. Ein deutsches Reich im staatsrechtlichen Sinn gibt es erst seit 1870.

Kaum zustandegekommen, schien das Reich schon wieder in seine Stammesgebiete zu zerbröckeln. Konrad I. konnte die Stammesherzöge nicht bändigen. Das Gebiet links des Rheins machte anfangs gar nicht mit. Erst als die West-Karolinger ausstarben, schloss sich dieses Lothringen Deutschland an. Schon das zeigt, dass Deutschland nicht aus einem nationalen Bedürfnis entstand, sondern durch äußere Zwänge: Die vielen Teilungen des Frankenreiches aus dynastischen Gründen und die äußeren Bedrohungen zwangen zur lokalen Selbsthilfe.

Es war noch gar nicht so lange her, da hatte man das Großmährische Reich gemeinsam mit den Ungarn zerschlagen. Doch schon bald war der Bundesgenosse von einst zum Gegner geworden. Der Wohlstand sesshafter Bauern lockte immer die Begehrlichkeit der kärglich lebenden Nomaden. Reitervölker waren leicht beweglich, ihr Bogen eine überlegene Fernwaffe. Plötzlich waren sie da, plünderten, brannten, erschlugen. Abwehr war so schnell nicht möglich. Wenn sie aber auf Widerstand stießen, stoben sie auf ihren struppigen Pferdchen davon. Wenn sie mehr Zeit hatten, schleppten sie die Frauen weg. Auf den Sklavenmärkten von Byzanz zahlte man gut dafür.

Die Reiternomaden waren aus den weiten Steppen des Ostens gekommen. Ihr Einbruch nach Pannonien hatte die Südslawen von den ursprünglich von der Ostsee bis zur Adria siedelnden Slawen abgespalten. Sie unternahmen Raubzüge bis Mittelfrankreich, ja bis an den Atlantik, bis zum Genfer See, bis Oberitalien, bis zur Weichselmündung. 907 vernichteten sie das bayerische Heer bei Preßburg, dem heutigen Bratislava. Sechs Jahre später wurden sie bei Passau nur abgewehrt, weitere vier Jahre danach zogen sie durch Bayern und Schwaben, zerstörten Basel und brandschatzten das Elsass, von wo sie nach Lothringen weiterzogen. Bayern und der Südosten hatte am schwersten zu leiden.

918

König Konrad unterlag den berittenen Räubern, und auch mit den Stammesherzögen hatte er kein Glück. Kein Sieg-Heil, also auch keine Unterordnung der Herzöge unter den Glücklosen. Die Könige waren zum Erfolg verurteilt. Beistand oder gar Anhang konnte nur der erwarten, der siegte. Der innenpolitische Erfolg setzte den kriegerischen voraus. Konrad sandte daher vor seinem Tode  “das Reich” - die Reichsinsignien, deren Besitz zur Herrschaft legitimierte - an Herzog Heinrich von Sachsen.

Der war der Größte. Sachsen war damals die Landmasse von Westfalen bis Holstein, die sich auch weit nach Osten vorschob. Vor einigen Jahren war noch das große Thüringen dazugekommen. “Herr Heinrich saß am Vogelherd recht froh und wohlgemut”, als ihm die Kunde kam, weiß das Lied. In Wirklichkeit wird es dieser nüchterne Bauernherzog erwartet, wenn nicht befürchtet, haben. Es war ja kein anderer in Frage gekommen, höchstens der Bayer.

Heinrich I.29 war 43, für diese Zeit ein alter Mann. Er war erst der dritte “feste” Herzog, früher hatten die sächsischen Stämme ihren Herzog immer nur im Krieg für den Krieg gewählt. Aber nach der Unterwerfung Widukinds vor hundert Jahren waren auch die Sachsen durch einen Herzog im Frankenreich vertreten. Heinrichs Heirat mit der Urenkelin Widukinds brachte ihm außer viel Land auch starken ideellen Rückhalt in Sachsen. Nacheinander brachte er Schwaben, Bayern und Lothringen - das sich wie Bayern immer wieder zu verselbständigen versucht - auf seinen Kurs; ein großer Diplomat.

Um sich den Rücken freizuhalten, hatte er schon früh die Eigenständigkeit des deutschen Königtums und dessen Westgrenze gesichert. In einem im Rhein verankerten Boot schworen der Westfrankenkönig Karl und er als “Ostkönig” einander Freundschaft, “... wie ein Freund einem Freunde gegenüber ... sein muss, ...” Mit diesem Bonner Vertrag war die Geschichte des Frankenreiches endgültig zu Ende, die der Nachfolgereiche Deutschland und Frankreich begann.

Für den Kampf mit den Ungarn fühlte er sich noch zu schwach. Aber er fing einen ihrer Fürsten und konnte dadurch einen neunjährigen Waffenstillstand erreichen, der wenigstens Sachsen und Thüringen schützte. Tribut zahlte er obendrein. Er nutzte die Kampfpause, indem er Burgen für die Verteidigung baute. Dies waren noch nicht die trutzigen Bastionen mit zinnenbekrönten Mauern und stolzen Türmen. Die baute erst das hohe Mittelalter. Die damaligen Adeligen hausten dagegen noch auf ärmlich mit Palisaden umstellten Höfen, in denen sie sich, ihr Vieh und ihre in Grubenhäusern30 vegitierenden Bauern notdürftig bergen konnten, bis die Gefahr vorüber war. Auch gepanzerte Reiter waren nötig. Nur sie konnten die losen Horden der ungarischen Reiter zersprengen. Jeder war mit Schild, Schwert und Lanze gerüstet. Jeder neunte Mann wurde in eine Burg oder die sich darum drückenden Hütten, “Stadt” genannt, kommandiert. Sie mussten “Bürger” werden. Es entstanden differenzierte Sozialstrukturen: Unter dem adeligen Burg- und Grundherrn gab es die "Freien", die seinen Schutz genossen, ihm dafür aber Dienste leisten mussten. Die nur halbfreien "Hörigen" waren an ihren Besitz gebunden und ihm zu Diensten verpflichtet. Noch tiefer standen die auch persönlich abhängigen Bauern des Grundherrn, denen nur ihr “Leib eigen” war. Sie blieben über Jahrhunderte die geschundenen Lasttiere der Gesellschaft.

Der Adelige wird, da er Land hat und deshalb Pferde halten kann, Reiter - Ritter. Er erhebt sich mindestens um die Höhe eines Pferderückens über das Fußvolk. Für die nächsten tausend Jahre sicherte ihm das den weiteren Blick. Er fühlte sich überlegen, aber auch verpflichtet, sich nicht nur für sich, sondern auch für die unter und über ihm - für die Allgemeinheit, den Staat - zu schlagen.

933

Mit seinem Heer zog Heinrich in sein östliches Vorfeld. Er eroberte Brennabor - Brandenburg, den in Seen und Sümpfen liegenden Hauptort der dortigen Slawen. Dann schwenkte er nach Süden, gründete Burg und Stadt Meißen und zog weiter nach Böhmen. Der schon christliche Tschechenherzog Wenzel zog es vor, sich zu unterwerfen. Böhmen wird Lehen des Reiches. Diese Demonstration sollte wohl die Ungarn abschrecken. Doch als Heinrich keinen Tribut mehr zahlte, waren sie hornissengleich wieder da, um ihn sich zu holen. Im März 933 kommt es an der Unstrut zur Schlacht. Heinrich siegt zwar, aber die Ungarn ziehen sich ohne große Verluste zurück, als sie sehen, dass sie diesmal nicht siegen können.

Nun wollte Heinrich nach Rom, “aber von Krankheit ergriffen, unterließ er den Zug”. Er konnte nicht mehr Kaiser werden, der Tod war schneller. Zuvor konnte er noch seinen Sohn Otto als Nachfolger anerkennen lassen.

936

Otto I.31 wird mit 24 Jahren in Aachen zum König gewählt. Das Volk schrie Heil, er war damit zum König erhoben. Von nun an blieb das Königtum in der jeweils herrschenden Familie. Aber im Unterschied zum Erbkönigtum der Karolinger wurde das Reich nicht mehr geteilt; ein Sohn übernimmt das ganze Reich, die Brüder müssen verzichten.

Der König war mit 17 Jahren mit einer angelsächsischen Prinzessin verheiratet worden, hatte einen Sohn und eine Tochter und einen jüngeren Bruder Heinrich , der “purpurgeboren” war, also erst geboren, als der Vater schon König war. Nach damaligem Verständnis ist er der Kronprinz.

Die Thronerhebung in der Kaiserpfalz zu Aachen ist Programm. Otto sitzt auf dem Thron Karls des Großen, zu dem  sieben Stufen führen wie zum Thron König Salomons und wie einst auf den Hochtempel von Babylon, den “Turm zu Babel”. Damit nimmt er die Herrschaft über die Welt ein, er “besitzt” die Weltherrschaft. Der Sternenmantel, der einst zum Amtskleid der Hohen Priester gehörte, umhüllt ihn als Symbol des bergenden Glaubens, das Schwert, das ihm der Erzbischof von Mainz vor dem Altar überreicht, verpflichtet ihn zur Verteidigung dieses Glaubens.

Schon bald musste Otto kämpfen; zunächst gegen die slawischen Redarier, gegen Böhmen und Ungarn. Ab 938 muss er gegen die Stammesherzöge ziehen, die ihm bei seiner Krönung noch als Marschall, Kämmerer und Truchsess gedient hatten, die nun aber nicht mehr “treu, hold und gewärtig” waren, wie sie ihm das geschworen hatten. Mit dem Wegreiten war auch ihre Loyalität weg. Die nun nicht abreißenden Aufstände begann Bayern, Franken und Lothringen folgten. Die lothringischen Händel verstricken Otto in westfränkische Querelen, und Bruder Heinrich, der Purpurgeborene, scheute auch vor Verrat nicht zurück. Zwei Jahre Bürgerkrieg folgen. Während Otto Breisach belagerte, löschte sein zweites Heer bei Andernach die Revolte aus. Ein herzoglicher Empörer wurde erschlagen, der zweite ertrinkt im Rhein, Bruder Heinrich wird begnadigt. Zur Vermeidung weiterer Aufstände wechselte der König einige Amtsträger gegen Angehörige seiner Familie aus. Wieder revoltierten ein Bruder, ein Sohn und ein Schwiegersohn. Er konnte nur einen schuldigen Amtsträger entfernen, die Institution des Stammesherzogs musste er bestehen lassen.

Das Reich hätte nicht auf Dauer bestehen können, hätte nicht die Kirche diesem Partikularismus entgegengewirkt. Sie war noch Reichskirche wie zu Karls Zeiten. Sie wehrte sich gegen ein Eingehen in die Herzogtümer. Sie war gewohnt, dem König zu dienen, ihn zu beraten und, wenn möglich, ihn auch zu  beherrschen. Unter seinem Schutz konnte sie auch das Volk beherrschen. Diese Erzbischöfe, Bischöfe und Reichsäbte waren im Gegensatz zu ihren bekrönten Brüdern und Vettern keine Analphabeten. Sie waren imstande, die Idee dieses Staates zu begreifen und danach zu handeln. Eigenes Interesse und Ideal machte sie zu Trägern politischer Gesinnung, und das hieß: wenn nicht zu Anhängern, so doch zu Parteigängern des Königs.

Umgekehrt war der König auf die Kirche angewiesen: Sie verwaltete das Reich und seine Machtmittel, direkt und indirekt. Wenn auch die großen Vasallen König und Reich in Frieden und Krieg zu stützen hatten, und wenn auch das Königsgut gewaltigen Landbesitz und riesige Forste umfasste, von deren Erträgen der Haushalt des Reiches bestritten und im Kriege das Heer unterhalten wurde, die Kirche war viel reicher. Der Besitz der Reichsklöster wie Lorsch, Fulda, Corvey, Reichenau, St. Gallen, Weißenburg war unermesslich. Die Mönche, die auch noch bedürfnislos zu leben hatten, verbrauchten fast nichts. Den großen Rest zog der König als Herr der Klöster an sich. Bischöfe und Klöster  stellten auch die größere Masse des Heeres als die weltlichen Großen. Diese Heere schlugen sich auch deshalb so tapfer für König und Reich, weil die Kirche für die geistige Aufrüstung sorgte.

Italien war ein chaotisches Gemenge wechselnder Mächte. Die Königswürde errang schließlich Berengar von Friaul. Er okkupierte sogar den vakanten Kaiser-Titel. Als er erschlagen wurde, wollte sein Sohn Berengar II. König werden. König aber wurde der Herzog der Provence, nach ihm sein Sohn Lothar, der jedoch bald starb. Italien gehörte nun doch dem zweiten Berengar. Die Witwe des Königs wehrte sich. Berengar lochte sie ein. Doch der kleveren Frau gelang es, Otto aus dem Kerker über den Papst um Hilfe zu bitten. Ob wegen der im Kerker schmachtenden Witwe, ihrem Reich Burgund oder wegen Italien, jedenfalls brach Otto 951 mit starkem Heer dorthin auf. Die aktive und attraktive Adelheid von Burgund heiratete den Witwer Otto. Der hatte mit ihr Burgund und Italien dazu. Um diese Heirat und Italien mit seinen Problemen gab es Familienkrach. Diesmal stand auch der Kanzler, der Erzbischof von Mainz, gegen Otto. Die Heere der feindlichen Verwandten zogen heran, das eigene Heer fing an zu meutern. Doch Otto wird gerettet - durch die Feinde, die Ungarn.

Diese wilden, fremd aussehenden “teuflischen Missbildungen des Menschengeschlechts”, so ein Zeitgenosse, nutzten wie Wikinger und Sarazenen ihre kriegerische Überlegenheit. Was der Bauer dem Boden abrang, gewannen sie durch  Raub. Ihre Beutezüge entsprachen dem Einholen der Ernte. “Raub, Mord und Verwüstung waren kein Selbstzweck, kein zügelloses Abreagieren wilder Instinkte, sondern ein Mittel des Vermögenserwerbs”, belehrt uns ein heutiger Ungar.

Schon 954 waren ihre Reitermassen durch Bayern, Franken, Böhmen und Schwaben bis über den Rhein gezogen. Sie hatten geprahlt, dass ihre Pferde die Flüsse Deutschlands aussaufen und seine Städte zu Staub zerstampfen würden. Kein Herzog hatte ihre Raubzüge auch nur stören können. Herzog Luitolf, ein rebellierende Sohn Ottos, stellte ihnen sogar Führer. Der Schock war heilsam. Die Verwandten unterwarfen sich wieder, Otto bekommt sein Heer wieder in den Griff. Die Sachsen müssen zwar gerade wieder mit den Elbslawen kämpfen, aber Franken, Schwaben und Bayern gehorchen ihm wieder. Und auch die Tschechen stellen ein stattliches Kontingent gegen ihre Todfeinde. In dieser “Abwehrschlacht des Abendlandes” tragen sie das Banner des Heeres mit dem Erzengel Michael, der später zum deutschen Michel degenerieren wird. Die Ungarn belagern Augsburg, das von seinem Bischof Udalrich verzweifelt verteidigt wird. Ein Großer des Reiches verrät den “Reichsfeinden” Ottos Aufmarsch. So können sie sein Heer - acht- bis zehntausend Krieger vielleicht - auf dem Marsch von hinten überfallen.

Otto muss in dieser Schlacht beweisen, ob er den Kriegern Ruhm, dem Volk Frieden, dem Land Fruchtbarkeit erringen kann, ob er das Königsheil hat. Diese sakrale Strahlkraft war in den Sippen- und Stammesfehden der letzten Jahre verdunkelt worden. Der sonnige August-Morgen gibt dem “Volk Gottes” Vertrauen und Hoffnung.

955

Ottos Sieg auf dem Lechfeld bei Augsburg, wo sich später die Heere der deutschen Könige zum Romzug sammeln werden, ist total. Den feindlichen Feldherrn Horka Bulcsu, immerhin Patrizius32 des byzantinischen Reiches, lässt Otto auf dem Schlachtfeld hängen - auch das ein sakraler Akt: um ihm die Heilskraft zu nehmen. Der Schlachtensieg gilt als Gottesurteil. Dann folgt ein feierliches Mahl, das die Lebenden mit den Toten vereint - nach dem “irrenden Brauch der heidnischen Vorväter”, wie Mönch Widukind barmt. Dieser Leichenschmaus wird sich in ländlichen Gegenden bis ins Atomzeitalter halten.

Es war eine Entscheidungsschlacht. Der Ort des Aufeinanderschlagens war der Gunzenlee33, ein Gerichtssitz und Versammlungsort, den der Lech längst weggespült hat. Die Ungarn, ein Volk von einer Million, hatten ihre Männer “in den besten Jahren” verloren. Sie hatten nie mehr die Kraft zu ihren verheerenden Raubzügen. Sie resignierten und versuchten es in den Ebenen zwischen Donau und Theiß nun mit Ackerbau und Viehzucht. Dort entsteht bald das “Reich der Stephanskrone”. Zum Schutz vor möglichen Einfällen gründet der Sieger vom Lechfeld die bayerische Ostmark, die es schon unter dem großen Karl als awarische Mark gegeben hatte. Daraus wird einmal Österreich werden.

962

Der strahlende Sieg macht den Sieger in den Augen seiner Mannen schon jetzt zum Imperator, zum Kaiser. Doch gekrönt wird in Rom. Dort herrschte der Adel der Stadt und ihrer Umgebung. Die Päpste waren in seinen Händen und in den Netzen von Kurtisanen. König von Italien war noch immer Berengar II., der Rom bedrohte. Der Papst schrie um Hilfe. Otto kam sofort. Die Kaiserkrönung war die abschließende Parallele zu seinem Vorbild Karl. Sie war zwar eine glanzvolle Erhöhung, sie barg aber auch eine drückende Verpflichtung.

Diese Krone, die der Papst Otto, den die Deutschen nun schon “den Großen” nannten, aufgesetzt haben soll, die aber vielleicht erst später entstanden ist, wurde die Krone für alle künftigen Kaiser. Sie ist heute in der Schatzkammer der Wiener Hofburg zu bewundern. Sie ist nicht nur ein mit Steinen geschmückter runder Hochreif wie die anderen Kronen der Potentaten und auch der Kaiser, von denen bei weniger festlichen Anlässen jeder seine eigene trug. Diese wahrscheinlich auf der Reichenau angefertigte Krone ist ein Oktogon aus je vier größeren und kleineren Platten, die wie die Mauern, die ein Heiligtum umgeben, die Stirn des Kaisers umgaben. Auch hier Symbolik: Acht ist die Zahl der Vollkommenheit und des Unendlichen, die Kaiserzahl. Diese Krone wird überspannt von einem hohen Bügel, der von vorn nach hinten läuft und damit den Spitzen der darunter montierten Mitra34 Platz ließ. Als Hoherpriester ist der mit ihr gekrönte Kaiser Vertreter des Priester-Königs Christus. “Durch mich herrschen die Könige”, steht auf einer Platte unter dem Bild Salomons, als dessen Nachfolger sich schon der große Karl betrachtet hatte. Die Stirnplatte dieser Krone ist mit je zwölf Edelsteinen besetzt, die die zwölf Stämme Israels versinnbildlichen. In ihrer Mitte strahlte damals noch ein selten großer Edelstein, der einzigartig war. Im 14. Jahrhundert verschwand der “Waise”, das einzigartige Kleinod.

Der Kaiser konnte seine Erhöhung kaum genießen. Die Römer mochten die blonden Barbaren aus dem Norden nicht. Ottos Heer lagerte nach Brauch und Forderung vor der Stadt. Ihm schien es ratsam, seinem Schwertträger zu befehlen, sich während der Zeremonie dicht hinter ihm zu halten. Auch danach war es nötig, in Italien mit dem Schwert zu rasseln. Otto wurde dort über Jahre festgehalten. Diese Verstrickung in die italienischen Wirren zeigte die Gefahr der Rom-Politik der Kaiser. Aber was halfs: Da die Großen einschließlich der kaiserlichen Prinzen allesamt Hyänen waren, die schon bei der Witterung einer Beute unberechenbar wurden, hatte Otto die Verwaltung des Reiches auf die Kirchen-Hierarchie gebaut. Er setzte damit die “Reichskirchen-Politik”, die Tradition hatte, fort. Der königliche Analphabet Heinrich hatte sich eine Kanzlei unter dem Erzbischof von Mainz, dem Primas von Deutschland, geschaffen. In dieser Eigenschaft als Kanzlei-Vorsteher wurde er Kanzler von Deutschland. Da der Klerus pflichtbewusst und verläßlich war, schien diese Verwaltung effektiv, solange der Kaiser den Klerus hinter sich hatte. Doch der Klerus hatte den Papst über sich. Das System funktionierte deshalb nur, solange die Ziele des Kaisers auch die des Papstes waren. Daher musste der Kaiser den Papst beherrschen, um durch seinen Klerus sein Reich beherrschen zu können.


Damals war das noch möglich. Otto ließ sich sofort seine Herrschaft über Rom verbriefen, auch das alte Kaiser-Recht, dass jeder neue Papst dem Kaiser Treue zu schwören habe. Und von den Römern ließ er sich schwören, nie einen Papst zu wählen, der dem Kaiser oder dessen Sohn nicht genehm sei.

Wo bis vor kurzem die Grenze gegen den ostdeutschen Staat war, war damals die Grenze gegen die Slawen. Otto sah ihre Christianisierung als seine Lebensaufgabe an. Man kann es ihm ruhig abnehmen, dass er den Slawen das “Heil” bringen wollte. Immerhin war eine vornehme Slawin die Mutter seines vorehelichen Sohnes Wilhelm.

968

Sechs Jahre nach seiner Kaiserkrönung gründete Otto das Erzbistum Magdeburg.   Dies war sein Lieblingsort. Nun sollten von diesem alten slawischen Handelsplatz die Völker jenseits von Elbe und Saale dem Christenglauben gewonnen werden. Das Missionsgebiet dieser Hauptstadt des Ostens, der die Bistümer Brandenburg, Havelberg, Merseburg-Naumburg, Zeitz und Meißen unterstellt werden, sollte nach Osten unbegrenzt sein. Bis Kiew sollte missioniert werden. Doch die Glaubensboten aus Byzanz waren schneller. Deshalb wurde Magdeburg nicht, wie geplant, zum „Neuen Rom“. Moskau wird Kiews und schließlich auch Konstantinopels Erbe und damit das „Dritte Rom“ werden. Sein Kaiser, der Zar, wird sich ebenfalls als Nachkomme Cäsars fühlen und auch für sich virtuelle Weltherrschaft beanspruchen.

Mit einundsechzig Jahren ist der Kaiser nun schon ein Greis. In diesen Zeiten wird früh - mit fünfzehn bis siebzehn - geheiratet. Früh werden Kronen und Throne erworben. Die meisten Kaiser kommen mit weniger als 25 Jahren dazu. Auch die Vasallen und Berater sind meist Jünglinge. Sie alle, Kaiser, Adel und Volk, verbrauchen sich in Strapazen, die den wellnessverwöhnten Körpern des heutigen Menschen nicht mehr vorstellbar sind. Im folgenden Vierteljahrtausend werden nur zwei Kaiser die sechzig überleben und nur einer - Barbarossa - die fünfundsechzig.

973

Otto hielt in Quedlinburg noch einen glänzenden Hoftag. Sogar der Kaiser von Byzanz und die Fatimiden-Herrscher35 in Nord-Afrika und Sizilien hatten Gesandtschaften geschickt. Von hier zog der ewig Unbehauste auf nur andeutungsweise vorhandenen Wegen nach Merseburg, von dort in die Pfalz Memleben an der Unstrut. Dort war sein Vater Heinrich gestorben, dort starb auch der große Otto während des Gebets.

Der Kaiser von Byzanz fühlte sich noch immer als der einzig rechtmäßige. Der römische Kaiser war für ihn ein Usurpator, der sich das Kaisertum nur anmaßte, obendrein ein Barbar. Auch der Papst und Rom galten nichts in Byzanz. Dort wurde der Bischof Luidprand von Cremona, der als Gesandter Ottos kam, unmissverständlich aufgeklärt: “Höre also! Der dumme, ungebildete Papst weiß wohl gar nicht, dass der heilige Konstantin die Herrschaft der Kaiser, ... hierher überführt, in Rom aber nur gemeine Knechte, nämlich Fischer, Trödler, Vogelsteller, Hurenkinder, Pöbel und Sklaven zurückgelassen hat.”

Der Kaiser in Byzanz war zwar weit weg, aber da ihm Unteritalien gehörte, waren Spannungen unvermeidlich. Schon Karl der Große hatte sie durch eine Heirat beseitigen wollen. Auch jetzt galt: Wenn man eine Familie wäre, würde sich alles bessern. So bejubelte man die Braut, bis man merkte, dass es die falsche war. Man wollte Anna, die Tochter des Kaisers Romanos II., bekommen hatte man Theophano, die Nichte des Thronräubers Tzimiskes. Da sie nicht erbberechtigt war, war man angeschmiert. Doch Zurückschicken ging nicht. Irritiert bestaunten die grimmig-behäbigen Sachsen den Paradiesvogel aus einer ihnen unbekannten Welt. Die verwöhnte Kleine "musste sich fühlen wie eine Debütantin der besten englischen Gesellschaft, die einen Kanibalenhäuptling ehelichen soll." Byzanz - das war Zivilisation und Luxus. Deutschland dagegen wird für sie nur Urwald und Sumpf gewesen sein. Ein Zeitgenosse im Bagdad Harun al Raschids36 hatte über die Franken die Nase gerümpft: “Du siehst nichts Schmutzigeres als sie. Sie waschen sich nur ein- oder zweimal im Jahr mit kaltem Wasser. Ihre Kleider aber waschen sie nie, .. bis sie in Lumpen zerfallen.” Bei Ottos Sachsen hatte sich die Ansicht, Wasser sei zum Waschen da, wohl auch noch nicht durchgesetzt.

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Mit ihren fünfzehn Jahren muss das Luxusweibchen aus dem fernen Byzanz ein hinreißender Fratz gewesen sein. Kurz vor seinem Tode verheiratete Otto I. seinen von Kanzler Wilhelm erzogenen, sehr gebildeten Sohn und Nachfolger Otto II.37 mit der ebenso gebildeten, willensstarken Theophano. Wie ihre aristokratischen Geschlechtsgenossinnen war sie zunächst eine Ware zur Begleichung eines politischen Handels, die, wenn nicht ein Reich, so doch Provinzen oder zumindest eine reiche Mitgift einzubringen hatten, die Thronerben zu gebären hatten oder mindestens Prinzessinnen, die wieder gegen Erbansprüche oder Provinzen getauscht werden konnten und die dort meist ihrer verlorenen Jugend nachweinten und schließlich zu Zeremonien-Statuen verdorrten, wenn sie nicht schon vorher an Kindbettfieber, heimwehkrankem Herzen oder gar durch Gift endeten.

Der junge Kaiser hatte Schwierigkeiten. Der Bayernherzog Heinrich “der Zänker”, dessen Vater schon Ottos Vater bekämpft hatte, paktierte mit Böhmen und Polen. Der Kaiser wehrte sich: Er teilte das riesige Herzogtum, um es zu schwächen: Kärnten, Steiermark, Krain und die Marken Verona und Aquileja wurden ein eigenes Herzogtum. Auch die bayerische Ostmark wurde abgetrennt. Die Babenberger, die der Stadt Bamberg ihren Namen hinterließen, wurden dorthin “versetzt”. Ober- und mehr noch Niederösterreich entwickelten sich seitdem zur Keimzelle Österreichs.

Auch im Norden musste Otto Ruhe schaffen. Die Taufe hatte die Dänen keineswegs dazu gebracht, ihre Schwerter an den Nagel zu hängen. Sie fielen in Norddeutschland ein “und … sättigten die Adler mit den Leichen der Sachsen und Franken”, schrieb ihr Kriegsberichterstatter. Otto warf sie zurück.

Danach zog sich Otto mit Frau und Hofstaat nach Aachen zurück, um die Last des Regierens durch die Lust des Badens auszugleichen. Plötzlich wurde ihm gemeldet, dass König Lothar von Frankreich mit seinem Heer Aachen schon beinahe erreicht habe. Der Kaiser sollte mitsamt allen Großen des Reiches, die ihn begleiteten, gefangen und nur gegen die Herausgabe von Lothringen freigelassen werden. Das damals ganz epileptische Frankreich wollte durch ein simples Kidnapping dem Reich Ottos II. das reichste Herzogtum, die zivilisierteste Provinz, abnehmen.

Erst nachdem er sich innen wie außen durchgesetzt hatte, konnte Otto II. eigene Pläne aufnehmen. Da war wieder das Italien-Problem. Oberitalien und Mittelitalien hatte er. Aber Süditalien gehörte Byzanz. Jetzt schienen es die Araber zu erobern. Was würde sein, wenn sie bis zum Papst nach Rom kämen? Er würde sofort dem Kaiser in den Rücken fallen und seine deutschen Bischöfe wären dann auch nicht mehr loyal. Es ging also um eine Lebensfrage, denn ohne die Bischöfe und ihre Kirche war Deutschland nicht zu regieren.

Also auf nach Italien! Theophano und der eben geborene Thronerbe müssen mit - aus Angst vor Entführung. Das Heer ist wie alle Heere der Zeit für uns nur ein Häuflein: Die Bischöfe von Mainz, Köln, Straßburg und Augsburg stellten je 100 Ritter, jeder mit zwei bis fünf Fußknechten, der Herzog des Elsass - damals Teilherzogtum Schwabens - führte mit 70 Rittern das stärkste weltliche Kontingent. Die Äbte der Klöster Reichenau und Fulda schickten 60, Lorsch und Weißenburg je 50 Ritter, die anderen weltlichen Kontingente waren 40, 30 und weniger Ritter stark. Jeder Fürst schickt soviel Truppen, wie ihm der Kaiser wert ist. Die Größe der Kontingente zeigt auch, wo Macht und Besitz war; nämlich hauptsächlich bei der Kirche. Dieses Heer wird von den verbündeten Arabern und Byzantinern am Golf von Tarent vernichtet. Der Kaiser wird zufällig von einem Juden und einem Slawen vor der byzantinischen Gefangenschaft gerettet.

Katastrophen sind gebärfreudig. Eine Folge dieser war ein Slawenaufstand. Die Abodriten38,  Heveller39 und die Liutizen40 jagten die Deutschen “wie Hirsche” über die Elbe zurück. Brandenburg, Havelberg, Hamburg wurden überrannt, sogar Magdeburg bedroht, nur die Mark Meißen hielt stand. Deutschland endete wieder an der Elbe.

Das Reich war in einer Krise. Was war die Ursache? Der Italienzug! Waren die vielen Opfer nötig? So wurde schon damals räsoniert, so und ähnlich wurde es tausend Jahre später verlautbart. Die deutschen Kaiser wären mit ihrem ständigen Drang nach Italien einer Verirrung erlegen. Sie seien dem mystischen Glanz der Kaiserkrone und dem Traum einer theokratischen Weltherrschaft und natürlich auch bella Italia zum Opfer gefallen. Darüber hätten sie die Stärkung ihrer Macht in Deutschland durch die Beseitigung des Partikularismus vertan und es versäumt, die Ostgebiete zu kolonisieren. Sie hätten mit ihren Romzügen gerade das wertvollste “Menschenmaterial” des deutschen Volkes unverantwortlich dezimiert, sie hätten die nationale Einheit nicht hergestellt, und sie hätten auch nichts getan, um den Deutschen den im nächsten Jahrtausend so dringend benötigten “Lebensraum” im Osten zu erobern.

Die deutschen Kaiser wären also wie Mücken dem Licht entgegengetaumelt, um in ihm zu verbrennen? Komisch nur, dass diese Verirrung alle Könige des Hochmittelalters befallen hatte. Ein volles Vierteljahrtausend dauerte dieser “Unsinn”, der auch von allen Großen mitgemacht wurde. Kaum möglich also, dass diese Politik für das Bewusstsein der damaligen Eliten keine realen Inhalte hatte. Politische Fieberanfälle hat es immer und überall gegeben, aber 250 Jahre hat keiner gedauert. Wer hier von Unsinn sprechen wollte, müsste acht aufeinanderfolgende Generationen zu Narren erklären. Gab es Gründe, warum Deutschland sich weder nach Osten noch nach Westen - was beides leichter möglich gewesen wäre -, sondern nach Süden orientierte, obwohl dazu die damals stärkste Grenze, nämlich ein Hochgebirge, zu überwinden war?

Was das bedeutete, kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Damals war eine “Reise” keine touristische Veranstaltung, sondern ein Kriegszug - deshalb hießen die Kriegsknechte “Reisige”. Unsägliche Strapazen waren zu überstehen, kaum je hatte man ein Dach über dem Kopf, man war Kälte, Regen und Schnee ausgesetzt. Das alles nicht auf Straßen, sondern höchstens auf überwachsenen Pfaden, die oft grundlos waren, so dass sie erst mit Knüppeln oder Reisig bedeckt, Ross und Wagen oder nur Karren trugen. Im Gebirge gab es nur noch Saumpfade, manchmal nur Trittstellen. Die Ritter mussten oft absitzen und ihre Rösser behutsam führen. Zu solchen Reisen brauchten auch die Kaiser eine eiserne Gesundheit. Sicher wären sie lieber in ihrer Lieblingspfalz bei ihrer Berta oder Adelheid geblieben und hätten sich die Beine am Kaminfeuer gewärmt, obwohl auch dort der Wind durch die nur zugehängten Fensterhöhlen pfiff.

Das Risiko der Romzüge war auch deshalb hoch, weil es eigentlich nur zwei Wege nach Italien gab: über den Brenner und - viel weniger gut - über den Septimer41. Der Gotthard ist vor dem 13. Jahrhundert noch nicht bekannt gewesen. So wurde vor allem der Weg über den Brenner, durch die Salurner Klause die Etsch entlang nach Verona zur “Kaiserstraße”, 66mal von deutschen Herrschern begangen, leider leicht zu sperren.

Nein, die Deutschen und ihre Kaiser wollten nicht nur das Land, wo die Zitronen blühen, kennenlernen, im Gegenteil: Sie fanden es mörderisch. Jeder konnte ja sehen, dass mehr Krieger am Fieber oder an der Ruhr starben, als im Kampf. Man mochte sich auch nicht. Kirchliche Aspekte spielten mit. Wenn die Kaiser durch die Kirche herrschen wollten, musste ihre Politik mit kirchlichen Interessen übereinstimmen. Bereits hier beginnt die Realpolitik. Auch das Erbe wirkte nach: Das Kaisertum und seine Reichsidee entsprach der Überlieferung, es war institutionalisiert. Und wie der große Karl all das beherrscht hatte, um was es jetzt ging, war Otto I. unbestritten der mächtigste König rundum. Auch in Frankreich, in Burgund, in der Lombardei übte er bestimmenden Einfluss aus. In Rom wie in der Lombardei hatte man ihm die Herrschaft sogar angetragen. Hätte er darauf verzichten sollen? Die Einigung Italiens wäre dann schon damals geglückt. Südlich der Alpen wäre eine zweite Großmacht entstanden, die Deutschland aufgrund ihrer besseren Möglichkeiten bald klein gemacht hätte. Auch die Regierung des Reiches mit Hilfe der “Reichskirche” wäre dann schnell vorbei gewesen, da dann der Papst von einem italienischen Kaiser abhängig geworden wäre. Deutschland wäre unregierbar und unbedeutend geworden.

Die Kaiser aus Deutschland dachten ganz nüchtern, auch in einer anderen Hinsicht: Deutschland lag abseits vom Weltverkehr. Der lief von Vorderasien über Konstantinopel und das Mittelmeer durch Italien nach Frankreich. Handel bringt Geld. Deutschland war im Vergleich mit Italien ein Entwicklungsland. Fürsten, die die Zivilisation ihres Landes heben wollten, mussten also versuchen, an die Ost-West-Handelsströme heranzukommen. Der Punkt, wo dies am effektivsten war, war Venedig. Nominell zwar immer noch zu Byzanz gehörig, aber eine freie, aufblühende Stadt, unerhört reich. So ging es Otto I. außer um Rom und die Kaiserkrone auch um das Hinterland von Venedig. Deshalb wurde die Lombardei anfangs nur zur Anerkennung der deutschen Oberhoheit und zur Abtretung der Zugangswege nach Venedig genötigt. Erst nach zehn Jahren - 962 - annektierte man die Lombardei, da der bisherige Schwebezustand zu unsicher war. Ein Vertrag mit der Königin der Adria beseitigte alle Unsicherheiten.

So betrachtet, war der dreijährige Zug Ottos II. nach Süditalien gar nicht exzentrisch. Süditalien mit seinen Griechen-Städten war ebenfalls reich. Und wenn man ganz Italien hatte, konnte man auch den ganzen Mittelmeerhandel kontrollieren. Dann wäre man fast so reich wie Ostrom. Aber der Erfolg hat viele Väter, die Niederlage ist immer Waise.

Otto II. strickte also an Vaters Faden weiter: Auch er festigte vor allem seine Macht im Nordosten Oberitaliens. Auch deshalb machte er Verona, Aquileja und Kärnten stärker. Der Kirchenstaat war eine Flankendeckung. Die Kaiser griffen nur ein, wenn ihre Interessen gefährdet waren. Diese Politik trug Früchte. Italien war das reichste und zivilisierteste Land im Westen. Deshalb waren die Italienzüge weder neu noch ein kaiserliches Privileg. Der schwäbische und bayerische Adel war schon früher manchmal südwärts gezogen, um Beute zu machen. Nur wurde jetzt in dieses Vakuum ganz Deutschland hineingezogen. Außerdem hatte das Reich in Italien fette Weiden. Einträgliche Zölle und Steuern leiteten einen nicht kleinen Teil des oberitalienischen Reichtums in des Kaisers Kassen - und das in Form von klingendem Bargeld, das es dort schon gab. In Deutschland beglich man Schulden noch mit Naturalien, die verderblich und kaum transportabel waren. Außerdem gab es Rechte, die indirekt den Reichtum dessen mehrten, der sie beanspruchen konnte. Aber nutzen konnte sie der Kaiser nur, wenn er präsent war. Sogar eine Heeressteuer stand ihm zu. Davon konnte er in Deutschland nur träumen.

Wo gab es sonst noch solche Quellen des Reichtums? Etwa im Osten, in den Weiten des Slawenlandes, die ohne strapazenreiche, ja gefahrvolle Hochgebirgsüberschreitung so nah vor den Deutschen lagen? Der Drang nach dem Osten war deshalb begrenzt.

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Folglich hielt man in Verona, dem Tor zum Süden, einen Reichstag ab; deutsche und italienische Fürsten, unter ihnen Willigis, Erzbischof von Mainz, auch Theophano und Kaisermutter Adelheid. Man wählte nicht nur Otto III., “des schönen Kaisers schönsten Sprößling” mit drei Jahren zum deutschen König, der Reichstag war auch eine Kundgebung für die Vereinigung der deutschen mit der italienischen Reichshälfte. Außerdem beschloss man die Fortsetzung des Krieges in Süditalien.

Kaiser Otto II. kam nur bis Rom. Seine Anwesenheit bei der Papstwahl war wichtig. Gegen seine Stuhlverstopfung gab man ihm Aloe42. Wahrscheinlich bekam er eine Überdosis und starb daran.

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Sein Sohn wurde in Aachen als Otto III.43 zum Kaiser gekrönt. Ein Kind war König. Regieren musste seine Mutter Theophano, die sich deshalb “Theophanius von Gottes Gnaden Kaiser” nannte. In Willigis von Mainz hatte sie einen vorzüglichen Berater. In Italien regierte Großmutter Adelheid. Sofort erneuerte sie den Vertrag Ottos II. mit Venedig. Wieder brachten die Venezianer jährlich einen Mantel (!) und 50 Pfund Silber an den Königshof in Pavia. Aber die bigotte alte Frau verschleuderte zuviel Reichsgut an die Kirche. Es kam zum Krach mit Theophano, die ihrem Sohn das Erbe ungeschmälert erhalten wollte. Der war zwischendurch gekidnappt worden vom Bayernherzog Heinrich  "dem Zänker”, der als nächster männlicher Verwandter Vormundschaft und Regierung beanspruchte. Als Otto elf ist, stirbt seine Mutter an der Schwindsucht. Man begrub sie in Köln in der Kirche des heiligen Pantaleon, dessen Reliquien sie einst mitgebracht hatte.

Otto III. wird oft als intellektueller Spinner eingestuft. “Wunder der Welt” hatte man ihn genannt. Er erklärte Rom zur Hauptstadt der Welt, die römische Kirche zur Mutter aller Kirchen. Das hinderte ihn nicht, den von ihm ernannten Papst, seinen Vetter, zurechtzuweisen, die Konstantinische Schenkung als Fälschung zu bezeichnen und in Italien deutsche Bischöfe einzusetzen. Mit so schrillen Tönen begann bereits zu dieser Zeit der “Kampf um Rom” zwischen Kaiser und Papst. Rom war seine, nicht des Papstes Stadt. Doch “seine” Römer mochten ihn nicht.

1000

Die Deutschen mochten ihn auch nicht mehr. Er entließ nämlich nicht nur Polen und Ungarn aus der Reichskirche, er errichtete sogar ein polnisches Erzbistum in Gnesen mit drei unterstellten Bistümern in Krakau, Breslau und Kolberg. Der Bischof von Posen, der nun ebenfalls Gnesen zugeschlagen wurde, und die ganze Reichskirche fühlten sich verraten. Der Kaiser machte auch den Polenherzog Boleslaw Chrobry “den Kühnen” zum “Mitarbeiter des Reiches”, schickte ihm ein Patricius-Diadem und eine Nachbildung der heiligen Lanze. Auch der Tribut, der für das Land links der Warthe zu zahlen war, wurde Polen erlassen.

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Das gleiche wiederholte sich mit Ungarn. Der Ungarnkönig Waic war Christ geworden. Als Stephan I. wird er Ungarns Nationalheiliger werden. Otto schickte ihm die Schwester des Bayernherzogs als Braut und den Pater Ascherich als Erzbischof für seinen Hauptort Gran, dem späteren Esztergom. Als Geschenk des Kaisers überbrachte er die Stilisierung eines Helms in Gold. Diese Stephanskrone, mit der der Ungarnhäuptling anno 1000 zum christlichen König gekrönt wurde, wird bald zum Nationalheiligtum der “Länder der Staphanskrone”, des späteren Groß-Ungarn. Von diesem Felsen über dem Donauknie ging die Christianisierung und die Zivilisierung des Balkans aus. Byzanz wurde zurückgedrängt. Die römische Kirche, für die der Kaiser mitgehandelt hatte, konnte ihren Einfluss weit nach Osten ausdehnen.

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Die Tschechen saßen zwischen anderen Slawenstämmen an der unteren Moldau in der Mitte Böhmens. Bald hatten ihre Häuptlinge die anderen Stämme unterjocht. Diese am weitesten vorgestoßenen Slawen hatten unter ihren ungarischen Nachbarn schwer zu leiden. 845 hatten sich vierzehn Häuptlinge in Regensburg taufen lassen. Mit jährlich 100 Ochsen wurde Böhmen dem fränkischen Königtum tributpflichtig. Als dann Heinrich I. die Marken Meißen und Lausitz einrichtete, wurde Böhmen als Reichslehen in den Abwehrgürtel eingebaut. Die Tschechenherzöge heirateten meist deutsche Prinzessinnen und bauten mit den mitgebrachten Klerikern eine Zentralverwaltung in der Landesmitte, in Prag, auf.

Ottos Weltkaiserpläne - Vereinigung von ost- und weströmischem Kaisertum - gelangen nicht. Deutschland verweigerte sich ihm. Sein geliebtes Rom stand in hellem Aufruhr. Polen war keineswegs gewonnen worden. Ottos Nachfolger wird mehr als fünfzehn Jahre gegen Polen Krieg führen müssen. Auch die Ungarn sagen später, ihr Königtum sei ihnen vom Papst verliehen worden. Seine Zeit hatte für seine “Renovatio imperii Romanorum” keinen Nerv. Nach seinen idealistischen, doch realitätsfernen Aktionen starb Otto III. 1002 einen Tagesmarsch vor Rom an der Malaria, 28 Jahre jung. In Bari landet währenddessen das Schiff mit seiner Braut, der byzantinischen Prinzessin Zoe.

1002

Gleichzeitig erwarteten die Kriegsknechte des Bayernherzogs Heinrich den Trauerzug auf dem Brenner, um die Reichskleinodien - “das Reich” - an sich zu bringen. Der Erzbischof von Köln, der die heilige Lanze nicht ausliefern wollte, wurde gefangengesetzt, bis er das sakrale Kleinod herausrückte. Heinrich II.44, Sohn Heinrichs „des Zänkers“, überließ auch sonst nichts dem Zufall. Er war der Onkel des toten Kaisers, dessen Leiche er jetzt in Polling südlich von Weilburg traf, nachdem sich der bewaffnete Leichenzug über den steilen Zirler Berg aus dem Inntal hochgequält hatte. Mit seinem toten Vorgänger zog der letzte aus dem Mannesstamm Heinrichs I. über Mainz nach Aachen zur Krönung.

Zunächst bekämpfte Heinrich die Gewalttätigkeiten großer und kleiner Machthaber, er gab Deutschland durch die Einschränkung des Fehdewesens etwas Ruhe und Stabilität.

Zu großen Aktionen langte das Geld nicht. Heinrich beschaffte es - von der Kirche. Dafür wurde er mit Gemahlin Kunigunde später sogar heiliggesprochen. Für das Jahr 1000 erwartete nämlich jedermann den Weltuntergang. “Da der Weltabend nahe ist”, wie es oft in den Schenkungsurkunden hieß, spendete Arm und Reich reichlich der Kirche. Kirchen und Klöster, schon bisher reich, wurden unschätzbar reich. In Deutschland besaß die Kirche ein Drittel des Bodens. Die Reichsabtei Lorsch etwa besaß 2.000 Güter, Fulda 15.000  Parzellen, St. Maximin bei Trier hatte Grundbesitz im heutigen Wert von über einer viertel Milliarde Euro. Dazu kassierte die Kirche noch den Zehnten.

Heinrich reformierte die Klöster, indem er sie zur Ader ließ. Manche verteidigten ihren Besitz mit der Waffe, wie Stablo bei Malmedy. Aber Heinrich erinnerte die unfrommen Brüder durch seine Besitzabschöpfung nachdrücklich daran, dass ihr Leben nach den Regeln des heiligen Benedikt in Gehorsam, Keuschheit und Armut zu erfolgen habe. Auf diese Weise machte er das Reich wieder liquide, und er rettete das Klosterwesen und die Kirche vor dem Infarkt. Freilich führten diese Reformen schnurstracks nach Canossa45. Doch noch stand Odilo, der mächtige Abt des vorbildlichen und beispielgebenden burgundischen Klosters Cluny, der “König der Mönche”, neben ihm, als er sich 1014 in Rom zum Kaiser krönen ließ.

Heinrich II. hatte Otto III. zweimal nach Italien begleitet, er selbst zog dreimal hin, zumindest einmal hat er dort “gewaltige Gelder tüchtig eingestrichen”, sagt ein Chronist. Zum letzten Italienzug ließ er sich vom Papst förmlich bitten. Byzanz versuchte nämlich, von seinen süditalienischen Gebieten nach Norden vorzudringen. Die Gefahr war so groß, dass der Papst eigens nach Bamberg zum Kaiser kam. Da auch die Interessen des Reiches auf dem Spiel standen, bereitete man die “Operation Süditalien” besser vor als Otto II. Es gelang zwar, die Herzogtümer Benevent, Capua und Salerno zu sichern, doch die Malaria sicherte den Besitz der Byzantiner: Das Heer verröchelte in Fieberschauern. Deshalb wird Heinrichs Nachfolger in den Sommern Süditalien möglichst meiden, er wird sein Heer in Norditalien „übersommern“. Die Bedeutung dieser Bedrohung wird klar, wenn man bedenkt, dass noch heute trotz guter Heilmittel Jahr für Jahr weltweit 1,5 bis 2,7 Millionen dieser Seuche zum Opfer fallen.

Der Polenfürst Boleslaw zwang den Kaiser in den Zweifrontenkrieg. Der verbündete sich notgedrungen mit den ebenfalls von Polen bekriegten Liutizen, die in Ost-Mecklenburg, in Vorpommern und an der Havel saßen. Sie hatten sich erbittert gegen die Sachsen gewehrt, aber mehr noch hassten sie die Polen. Nun war Boleslaw Christ, die Liutizen aber Heiden. Den Zeitgenossen galt deshalb dieses Bündnis als ein Pakt mit Teufeln. Doch es erfüllte seinen Zweck. Die deutsche Ostgrenze konnte gehalten werden. Aber Polen musste aus der “Vasallität” entlassen werden, und nach Heinrichs Tod ließ sich Boleslaw in seinem Gnesen mit päpstlicher Zustimmung zum König krönen.

Auch in Flandern musste Heinrich mit dem Schwert rasseln. Seit je hatten die Friesen - wie die Niederländer damals hießen - am Handel gut verdient. Die Waren kamen aus Byzanz über Marseille, Lyon und die Champagne ins Land. Nun kamen auch Metall- und Textilwaren aus Mittelitalien und der Lombardei über die mittleren Alpenpässe und Süddeutschland. Die Holländer verhandelten diese Waren in den Nord- und Ostseeländern. Flandern war daher nicht nur das volkreichste, sondern auch das reichste Gebiet des Reiches. Seine Grafen trugen infolgedessen die Nase zu hoch, meinte Heinrich.

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Burgund bekam man friedlich. Der letzte Welfen-König setzte Heinrich zum Erben ein. Auch der Kaiser hatte keine Erben.

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Den geistlichen Fürsten gab er mehr Macht, um die weltlichen im Zaum zu halten. In Bamberg gründete er ein eigenes Bistum zur Slawenmissionierung am oberen Main. Wie dort, wuchsen auch anderswo romanische Dome in den Himmel. Himmelsburgen, in denen die Gemeinde Christi sicher war gegen den Antichrist, der aus der Dunkelheit, “vom Abend”, aus dem Westen, angriff. Man setzte ihm deshalb ein massiges Westwerk, wie die Schildmauer einer Burg, entgegen, mit hohen Türmen und schießschartenartigen Fenstern. Innen spiegelte die Platzordnung das Sozialgefälle: Von den Emporen blickten die Fürsten auf Altar und Geistlichkeit, vor dem Altar stand im Mittelschiff der Adel und in den halbdunklen Seitenschiffen drängte sich das Volk, das auch sonst nur zufällig einen Schein dessen erhaschte, was in den Domschulen und Manufakturen an Kultur geschaffen wurde. Dass in St. Gallen der gelehrte Mönch und Leiter der Klosterschule Notker “der Deutsche” den Psalter46 ins Deutsche übersetzte und damit unsere Sprache zur Kultursprache machte, drang nicht zu ihm.

Heinrich, der mit seiner Kunigunde in einer Josefsehe gelebt haben soll, wird deshalb oft als Impotenzling belächelt. Politisch war er es jedenfalls nicht. Er war der erste König, der das ganze Reich von den Alpen bis in die norddeutsche Tiefebene beherrschte. Ein Nachruf sagt: “ ... Bî im stuont wol das rîche.”

Heinrich “der Bayer” war nach seinem „Königtum der Konflikte“ zum Sterben dorthin zurückgekehrt, wo die Sachsen-Kaiser vor hundert Jahren ihr Königtum empfangen hatten, wo ihre Güter und Pfalzen lagen, an den Harz. Dort, am Rammelsberg bei Goslar, waren schon unter Otto I. Silberfunde gemacht worden. Heinrich II. hatte diese Quelle in seine Truhen sprudeln lassen. Auch darin kündigt sich eine neue Zeit an: Die klingende Münze, das Bargeld, ist praktischer als Waren oder Materialien. Geld beginnt nun auch in Deutschland die Welt zu regieren.

Vergessen wir aber über der imperialen Politik nicht die Drangsale der Regierten. Sie wird noch jahrhundertelang auf den krummen Rücken der Bauern gemacht werden. Jetzt mühen sie sich darum, auf den zehn Prozent des bebauten Landes von einem Korn Saat wenig mehr als zwei Körner zu ernten

  1. Salier und Staufer oder: Der Kampf zwischen Reich und Rom

Heinrich II. hatte keine Nachfolgeregelung hinterlassen. Wie bei den Franken war das Königsamt auch bei den Deutschen faktisch erblich geworden. Jetzt ging es in die Verwandtschaft.

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In der Rheinebene gegenüber von Oppenheim “war das Mark von Deutschland hier gedrängt”, sagt Uhland. Gewählt wurde ein Urenkel des Schwiegersohnes Ottos I. Die Familie Konrads II.47 hatte um Speyer, in Rheinhessen und an der Nahe ihr Machtzentrum. In Worms hatte sie eine Stadtburg. Sie besaß auch eine Burg in Waiblingen im württembergischen Remstal, die namengebend werden wird für die kaiserliche Partei, „die Waiblinger“, die Ghibellinen. Die Dynastiebezeichnung „Salier“ leitet sich wohl vom Salischen Recht48 ab, das die „edelsten Franken“ des Teilstammes Chlodwigs verband. Die Kaiser dieser Familie sind groß, schlank, dunkel und hochfahrend, alle begabt. Das Jahrhundert ihrer Herrschaft bringt das Reich auf den Höhepunkt, aber danach an den Abgrund.

Konrad II. war zwar aus bester Familie, aber er war kein Stammesherzog. Die Einheitsbezeichnung „Stamm“ täuscht allerdings. Keines der sieben Herzogtümer war einsprachig: So lebten im Osten Sachsens, Frankens und Bayerns sowie in Kärnten Slawen. Bayern beheimatete Romanen und am Lech Alemannen. Alemannien hatte in Churrätien Romanen. In Burgund und in Lothringen lebten auch Alemannen. Die Mehrheit in Lothringen bildeten die zweisprachig gewordenen Franken, neben ihnen gab es Romanen und Friesen. Dieses Regnum Teutonicum, das Deutsche Reich, ist noch immer zu guten Teilen ein karolingisches. Auch sein König/Kaiser fühlt sich als Nachfolger des großen Karl.

Konrad war nüchtern, tüchtig, aber persönlich wenig anziehend. Edelmütiges Gehabe konnte er sich noch nicht leisten. Gründer müssen erst das Fundament bauen, müssen dabei kräftig zupacken. Wenn die Söhne und Enkel in der Sonne sitzen, ist der Schweiß der Väter und Großväter verdampft, und auch von fragwürdigen Fundamentierungsmethoden spricht keiner mehr.

Konrad schaffte sich einen starken Anhang, indem er die Lehen der Ritter erblich machte. Ohne einen Schwerthieb war damit die fürstliche Opposition geschwächt. Dieser niedere Adel, der den Kern der kaiserlichen Heere stellte, dankte es ihm und seinen Nachfolgern. Wenn der Kaiser rief, war er da, egal, wohin die “Reise” ging.

Gegenüber Papst und Bischöfen war Konrad höchst eindeutig. Rom war für ihn nicht die Stadt des Papstes, sondern die des “Römischen Königs”. Die Päpste hatten sich nach ihm zu richten. Widersetzliche Bischöfe setzte er ab, verbannte sie, sperrte sie ein. Freie Bistümer und Abteien vergab er „gebührenpflichtig“ an Männer seines Vertrauens. Der Kaiser schuf sich mit der Ämtervergabe geneigte, sogar dankbare Kirchenfürsten. Das stärkte seine Stellung gegenüber dem Papsttum noch mehr. Missbräuche in der Kirche und regelwidriges Klosterleben bekämpfte er, Reformen förderte er. Doch selbst die Spitzenkleriker wussten noch nicht, welche Richtung ihrer Religiosität die richtige sei. So stritten sich in Hersfeld die Vertreter dreier Reformkreise darüber und in Montecassino, dem Urkloster des europäischen Mönchstums, waren die Mönche außerstande, einen Abt zu wählen. Sie baten das Kaiserpaar, ihnen einen vorzuschlagen.

Außenpolitisch verfuhr er ebenfalls pragmatisch: In Süditalien respektierte er den byzantinischen Besitz, an Knut den Großen von Dänemark und England, mit dem er sich sogar befreundete, trat er die Mark Schleswig ab. Gegen die Slawen hatte er  einige Erfolge, die allerdings nicht dauerhaft waren. „Kaiser Konrad hat in verschiedenen Jahren Heere gegen die Slawen geführt, deshalb herrschte jenseits der Elbe tiefer Friede.“ Als dann dem polnischen Haudegen Boleslaw Chrobry das Schwert aus der Hand fiel, griff er sofort nach der Lausitz. Und als der letzte König von Burgund, der seinen Vorgänger Heinrich zum Erben bestimmt hatte, die Augen schloss, ließ er sich 1033 in Peterlingen - Payerne - zum König von Burgund krönen. Fortan waren die Kaiser dreifache Könige: von Deutschland, von Italien und von Burgund.

Die dritte Krone brachte die heutige Westschweiz, die Freigrafschaft Burgund, Savoyen, die spätere Dauphiné und die Provence. Größeren Wert hatte Burgund aber als Passland. Von Deutschland konnte man nun auf zusätzlichen Wegen von Norden und von Westen nach Italien kommen. Damit war der Besitz Italiens besser gesichert. Für den Handel waren die “guten” Straßen über den großen St. Bernhard, den Mont Cenis und den Mont Genèvre von noch größerer Bedeutung. Auch für Italien waren diese Handelswege wichtig.

In Oberitalien hatte Konrad jedoch Schwierigkeiten, weil er die Bedeutung der werdenden Kommunen nicht erkannte. Gegen die Ungarn kam es gar zur Katastrophe. Die Annalen des Klosters Niederalteich berichten darüber: „Kaiser Konrad    kam aber von Ungarn zurück ohne Heer und ohne etwas ausgerichtet zu haben, weil das Heer von Hunger bedroht und bei (in ?) Wien von den Ungarn gefangen genommen wurde.“ Konrad war eben kein besonderer Feldherr, dafür ein um so besserer Politiker und Diplomat.

Konrad hatte nach seiner Wahl das Kloster Limburg an der Haardt am Ort der Stammburg seiner Familie gestiftet, wo schon Kelten, Römer und Franken gehaust hatten. Dorthin ließ er die Reichskleinodien bringen: Eine “guldene königliche Kron, ein gulden Scepter”, Kelche, Leuchter, Gewänder, Elfenbeingerät und “ein Psalterbüchel, so des Kaisers Caroli Magni gewesen”, dazu vierunddreißig Pfund “unverwerktes Golds”. Nach heutigem Wert sind das nur etwa 200.000 Euro. Doch wer hatte sonst so einen Schatz in Europa? Nur der byzantinische Kaiser. Kloster Limburg war das Fort Knox des Reiches.

“Weil auch Kaiser Conrad viel und oft zu Speyr im Königlichen Palatio gewohnt, hat man ihne Cunradum den Speyrer genannt.” Wohl deshalb ließ Konrad den karolingischen Dom seines Hausbistums abreißen und an seiner Stelle den mit 133 Meter Länge riesigen Dom erbauen. Der bisher auf der Westseite vor dem Dom liegende Hof der Laien, für sie schon das “Paradies”, wird erstmals in den Dom einbezogen. Das Volk durfte, wenn auch ganz hinten, mit Geistlichkeit und Adel unter einem Dach der heiligen Handlung beiwohnen. Der in seiner unerhörten Größe auch die Größe des Kaisertums darstellende Dom wird Grabstätte der Salier. Er wurde die Kaisergruft schlechthin. Noch der Gründer der Habsburger-Dynastie wird sich mehr als ein Vierteljahrtausend später aufmachen zu seinen “Ahnen” nach Speyer.

Europas Mitte blühte auf, „nie mehr vor dem Barock wurde hier so viel gebaut wie am Beginn des 11. Jahrhunderts.“ Seine Zeit „war von einem Optimismus erfüllt, der den Generationen vor wie nach Konrad II. fremd war.“ Für den Hildesheimer Annalisten war er gar „das Haupt und die Kraft fast der ganzen Welt.“

1039

Heinrich III.49, sein Sohn, baute an Dom und Reich weiter. Er ist hoheitsvoll und fromm. Der Handel mit Bistümern und Abteien hört nun auf. Doch als er bei seiner Hochzeit mit Agnes von Poitou sogar die Gaukler und Possenreißer verjagen ließ, stieß das bei Hoch und Niedrig auf Unverständnis. Nur die Tatsache, dass die “öffentliche Meinung” ausschließlich an Herzogspfalzen gemacht wurde, rettete den “schwarzen Heinrich” vor ihr, denn diese ambulanten Unterhalter waren die “Medien” von damals.

Heinrich III. war Idealist. Mit den progressiven Klerikern war er der Meinung, dass die Kirche verlottert sei und ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen könne. Das hieß für ihn, dass sie für öffentliche Aufgaben, für die er sie benötigte, unbrauchbar war. Zudem bedurfte das Reich der Weihe der Erhabenheit durch Kirche und Papst. Beide drohten in Sünde und Laster zu versinken. Als Oberherr der Kirche musste sich deshalb auch er besudelt fühlen.

Nachdem er im Inneren seine Macht stabilisiert und sie im Osten gefestigt hatte, zog der Kaiser mit einem Heer nach Rom. Dort drängelten sich gleich drei Päpste. Italien war zwar fast pausenlos von Machtkämpfen zwischen Fürsten, Adel und Städten durchbebt, doch solange sie die Interessen des Reiches respektierten, ließ man ihnen den mörderischen Zeitvertreib.

Drei Päpste gleichzeitig - das war selbst den Römern zu viel. Da war Benedikt IX., der wegen lasterhaften Lebenswandels verjagt, aber von Heinrichs Vater als gefügige Kreatur geduldet worden war. Seine Gegner hatten ihn wieder verjagt und den Bischof der Sabina als Silvester III. zum Papst gemacht. Nun hatte Benedikt Silvester vertrieben. Gegen Erstattung der Papstwahlkosten war er zum Rücktritt bereit. Ein Mönch aus dem Kloster Cluny kaufte sich als Gregor VI. in die Geschichte ein. Für die Kirche war das „Simonie“50. Heinrich III. erließ zunächst in Pavia auf einer Synode ein Verbot der Simonie, denn es hatte deswegen schon Ärger gegeben. In Sutri bei Viterbo war 1046 die nächste Synode. Alle drei Päpste wurden wegen Simonie abgesetzt. Gregor VI. wurde nach Köln verbannt. Einer seiner Begleiter war ein Mönch Hildebrand, der hier die deutschen Verhältnisse kennenlernte. Vier Tage nach der Absetzung der Päpste war in Rom Neuwahl. Neuer Papst wurde der Sachse Luidger, Bischof von Bamberg, der sich Clemens II. nannte. Das Kaisertum hatte den Gipfel seiner Macht über die Kirche erklommen. Kaiser Heinrich setzte Päpste ab und ein, wie es ihm richtig schien. Für ihn war es Herrscherpflicht, die Kirche zu säubern. Er zeigte damit aller Welt, dass er der Herr der katholischen Kirche war.

Bereits seit Otto dem Großen hatten die Kaiser im ständig gärenden Reichsitalien deutsche Bischöfe eingesetzt, um die Interessen des Reiches zu wahren. Jetzt bürgte ein deutscher Papst für das Wohlverhalten seiner Kirche. Darüberhinaus war ein deutscher Papst, der auch Freund, Diener und Statthalter des Kaisers sein musste, auch sein Propagandist in religiös-politischen Angelegenheiten. Als Fremder in einer ihm feindlichen Umgebung war er ja auf ihn angewiesen. Der in dieser Lage das wegweisende Wort zu sprechen hatte, sprach - ohne gegenwärtig sein zu müssen - in allen entscheidenden Fragen in allen Ländern der Christenheit mit. Die Seelen - auch die der Könige von Frankreich, Ungarn, Polen - waren in seiner Hand. Der Kaiser und sein Reich waren so durch ihren in Rom platzierten “Sachbearbeiter Religion” zu Teilhabern an der Macht in allen katholischen Ländern geworden.

Schon der reale Machtbereich des Reiches war gewaltig. Drei Königreiche: Deutschland, Italien, Burgund, eine Ländermasse von Schleswig bis Unteritalien, von der Oder bis zur Rhone. Der Kaiser war Patricius von Rom51 und damit berechtigt, die Papstwahlen zu entscheiden. Ungarn, Böhmen und Polen erkannten ihn als Oberherrn an.

Die Herrschaft über das Abendland konnte ein Kaiser nicht im Sitzen ausüben. Er konnte sich nach seiner Wahl nicht nur durch einen “Umritt” in den Herzogtümern vorstellen, er musste stets dort sein, wo seine Anwesenheit erforderlich war. Das bedeutete: Er musste aus dem Sattel regieren. Und wenn er nicht mehr aufs Pferd steigen konnte, erkannten ihn die Herzöge und Grafen nicht mehr an. Heinrich III. feierte beispielsweise am 30. März 1046 in Utrecht das Osterfest. Am 16. April beschäftigte ihn in Nimwegen die Teilung Lothringens. Am 4. Mai war er bei der Einweihung der Klosterkirche St. Gertrud in Nivelle. Am 18. Mai feierte er in Aachen Pfingsten. Am 24. Juni war er in Merseburg, am 23. August in Speyer, am 7. September in Augsburg, am 24. Oktober in Pavia, am 10. November in Parma. Am Weihnachtstag wurde er in Rom zum Kaiser gekrönt. In den achtzehn Jahren seiner Herrschaft wird Heinrich fast 50.000 Kilometer zurückgelegt haben, meist zu Pferd, gelegentlich mit dem Schiff auf dem Rhein und anderen Flüssen. Pro Jahr war er mindestens 180 Tage unterwegs, pro Tag 15 bis 20 Kilometer, wenn es eilte auch mehr als 30 Kilometer. Das war harte Notwendigkeit. Herrschaft ausüben war ein ambulantes Gewerbe, das selbst robuste Naturen verschliss.

Sein Papst Clemens II., von dem sich Heinrich die nötigen Reformen erhoffte, starb schon nach neun Monaten. Er liegt in Bamberg begraben. Sein Nachfolger wurde Bischof Poppo von Brixen; Damasus II. Bereits nach drei Wochen war er tot. Man munkelte von Gift, aber es war wohl wieder einmal die Malaria, der die Deutschen nicht die Resistenz der Italiener entgegenzusetzen hatten. Die Hauptstadt der Christenheit war ein Fiebernest, das vom umliegenden Sumpfland wirksamer geschützt war als eine Burg durch ihren Graben.

Der dritte deutsche Papst war ein Vetter des Kaisers aus der elsässischen Grafenfamilie von Egisheim, im Kriege bewährt, dabei sehr gebildet, mürrisch, fromm, lauter. Bevor er Leo IX. wurde, war er Bischof von Toul gewesen. Er hatte für seinen Bischofssitz nicht nach damaliger Sitte bezahlt, und zum Papsttum wurde er vom Kaiser fast genötigt. Er ging die erforderlichen Reformen mit Gründlichkeit an. Er wollte dem Kaiser nicht nehmen, was des Kaisers war, aber er wollte auch die Autorität der Kirche wiederherstellen. So kämpfte er gegen Ämterkauf und Priesterehe, war ständig in Italien und Burgund, in Frankreich und Deutschland unterwegs. In den knapp sechs Pontifikatjahren verbrachte er nur knapp sechs Monate in Rom. Der wahre Papst war sein Kardinal-Staatssekretär Humbert. Das damals geschaffene Amt ist bis heute Schaltstelle und Entscheidungszentrum der Kurie. Die Arbeitsteilung zwischen Papst Leo, dem Reisenden in Sachen Religion und Moral, und dem Regenten Humbert prägte die Kirche mehr nach Humberts Sinn. Der vornehm denkende, rechtschaffene, aber auf seine Art “tumbe Deutsche” schien nicht gemerkt zu haben, welche Einflüsse die Kirche bewegten, während er sich im Kampf gegen priesterliche Korruption und Weiberwirtschaft verschliss.

Die Normannen waren in Unteritalien aus kleinsten Anfängen binnen kurzem so erfolgreich, dass sie nun auch das Fürstentum Benevent einsteckten. Es wäre Sache des Kaisers gewesen, diese jetzt schon romanisierten Wikinger zurückzutreiben. Da aber Heinrich in Deutschland war, schickte Humbert den Papst gegen die Wildlinge. Sein kümmerlicher Kriegshaufen wurde auseinandergetrieben, er selbst gefangen. Man hat ihm wohl gesagt, dass er wieder nach Hause gehen könne, dass man aber ein Bündnis mit ihm gegen den Kaiser wünsche. Das scheint ihn trübsinnig gemacht zu haben. Im Lehnstuhl, neben seinem Sarg, erwartete er im Petersdom den Tod. Nicht nur in Außenpolitik und Krieg, auch im Kampf gegen die Simonie und für das Zölibat war er gescheitert. Während der Pöbel schon seine Gemächer im Lateran plünderte, wurde jedoch merkbar, dass Leo ein Beispiel gegeben hatte. Von nun an arbeitete die Zeit für den Heiligen Stuhl.

Nach Leos Tod erschien sein Vertrauter, Subdiakon Hildebrand, mit einer Gesandtschaft beim Kaiser und bat um einen neuen Papst. Heinrich bestimmte dazu seinen Reichskanzler, den Bischof von Eichstätt. Dem blies in Rom der Wind voll ins Gesicht. Da das Kardinalskollegium den Deutschen nicht zum Papst machen wollte, mussten es deutsche Schwerter tun. Viktor II. schaffte auch zum guten Teil die Abschaffung der Simonie. Doch diese Großtat ließ den Hass der Betroffenen nur umso höher gegen den Kaiser und dessen vermeintlichen Handlanger lodern.

1056

Als der Papst den Fortgang der Dinge besprechen wollte, traf er den Kaiser auf dem Sterbebett. Heinrich III. konnte ihn nur noch zum Regenten für seinen sechsjährigen Sohn Heinrich machen, den die Fürsten als König Heinrich IV.52 bereits in Tribur gewählt hatten.

Das königliche Kind wuchs unter der schwachen Regentschaft seiner Mutter Agnes heran. Leider war sie ein verzagtes, ihrer Aufgabe nicht gewachsenes Weiblein, das auch keinen starken Berater hatte und deshalb von vielen - schlecht - beraten wurde. Die fürstlichen Egoisten schlichen sich nur bei ihr ein, um sie auszuplündern. Vater Heinrich hatte eine große Hausmacht angesammelt. Doch nur wenige Jahre später gehörten ganze Ländereien und Güter, Dörfer und Burgen, ja sogar elf Abteien nicht mehr dem König, sondern einem Herzog, Markgrafen oder Bischof. Mit den Steuern des Königs, dem Zoll-, Markt- und Münzrecht ging es genauso. Dieses legale Raubrittertum der Großen und das von Lug und Trug, Neid und Tücke bestimmte Klima am Hof der Mutter wirkten auf den königlichen Jüngling ungut. Er hatte weder Nestwärme noch ein Leitbild.

Noch unheilvoller war die Personalpolitik der Kaiserwitwe: Zum Herzog von Bayern machte sie den Grafen Otto von Nordheim, der am Südharz und in Westfalen begütert war. Mit ihm wird ihr Sohn lebenslang kämpfen müssen. Herzog von Schwaben wurde Rudolf von Rheinfelden, der als Gegenkönig ihrem Sohn sein Erbe streitig machen wird. Berthold I. von Zähringen, dem ihr Mann Schwaben bereits versprochen hatte, konnte sie nur mit der Markgrafschaft Verona und mit Kärnten besänftigen, das in seinem Lehensbrief als Caerintia bezeichnet war. Danach nannte er sich fortan von “Zähringen”.

Ostern 1062 feierte der Hof auf der Pfalz-Insel Kaiserswerth, heute ein Stadtteil Düsseldorfs. Erzbischof Anno von Köln kam zu Besuch. Man lockte den zwölfjährigen König an Bord einer Barke und entführte ihn. Anno hatte mit ihm auch die Reichsregierung in seine Hand gebracht. Später, bei der Schwertleite des Königs - der adeligen Volljährigkeitserklärung - hätte er deshalb beinahe seinen “Erzieher” niedergehauen.

Anno enrstammte einer armen Familie von “Freien” der schwäbischen Alb. Heinrich III. hatte ihn an seinen Hof geholt. Er wurde Beichtvater des Kaisers. Als Erzbischof von Köln und Erzkanzler saß er nun auf der hierarchischen Treppe ganz oben. Seine Kölner Bürger hätten den Machtmenschen beinahe erschlagen. Auch er fand nichts dabei, seinen Bruder zum Erzbischof von Magdeburg und einen Neffen zum Bischof von Halberstadt zu machen, noch weniger, für seine Bemühungen um König und Reich ein Neuntel der Reichseinnahmen für sein Fürstentum zu liquidieren.

Anno handelte gegen die hilflose Kaiserin, um das bedrohlich weiter wuchernde Chaos zu beenden. Er konnte sich auf ein Reichsgesetz berufen, wonach der Bischof für das Reichswohl in der Person des Königs verantwortlich sei, in dessen Diözese er sich aufhielt. Anno blieb auch bis zu seiner Entlassung, die auf eigenen Wunsch erfolgte, im Königsdienst. Er habe König und Reich aus großen Gefahren gerettet, hat man ihm bescheinigt.

Anno wurde von einem Mann ganz großen Zuschnitts abgelöst, von Erzbischof Adalbert von Bremen. Er war so stolz und fühlte sich so stark, dass er nicht Papst werden wollte. Der Spross der thüringischen Grafen Goseck wollte, sagt man, eine eigene nordische Kirche gründen. Im Reich brachte er es zu einer herzogsähnlichen Stellung. Aus dem nordischen Patriarchat, in das er Deutschland eingliedern wollte, wurde nichts. Zur Verwirklichung eines solchen Planes gehörten Macht und Geld. Doch der Verschwender verarmte bald, der König mit ihm. Der lernte wenigstens, dass arme Herren auch die Macht verloren haben. Von Königen und Fürsten verlangte man eben “milte”: Sie hatten zu erobern und die Beute zu verschenken.

Die Erziehung, die der halbwüchsige König durch Adalbert erhielt, war mehr als emanzipiert. Der Jüngling gefiel sich als Playboy, der seine Konkubinen mit Edelsteinen aus Altarkreuzen bezahlt haben soll. Die Edelsteine sollte man in den Altarkreuzen belassen, doch der Playboy bleibt. Auf einem Fürstentag in Tribur hatte Heinrich seinen Kanzler Adalbert entlassen müssen. Der hatte nach vielen anderen “Erwerbungen” auch die großen Reichsklöster Lorsch und Corvey schlucken wollen.

1065

Jetzt regierte Heinrich IV. selbst. Da er den Adel kennengelernt hatte, stützte er sich stärker auf das Volk. Bereits sein Vater und dessen Vater hatten Helfer aus diesen Schichten der zu Fuhr- und Vorspanndiensten verpflichteten Halbfreien, ihren fron- und abgabepflichtigen Hörigen, ja sogar Knechte ihrer Fronhöfe in ihren Dienst genommen. Sie waren gut mit ihnen gefahren. Diese “Ministerialen” blieben auch weiter unfrei, sie bekamen nur ein kündbares Dienstgut zugewiesen.

Beim Regierungsantritt stellten die Räte die königlichen Einnahmen und Güter fest. Danach musste der König erkennen, dass er so arm war wie eine Kirchenmaus. Er versuchte daher, das Königsgut wieder in seinen Besitz zu bekommen. Dem Adel verordnete er “Landfrieden”. Seit Urzeiten hatte sich der Adel angemaßt, selbst aus nichtigsten Gründen einander zu bekämpfen. Dabei wurde auch die “Wirtschaftsbasis” des Gegners zerstört: Man zertrampelte die Felder, brannte die Hütten nieder, erschlug die Bäuerlein, wenn sie sich nicht rechtzeitig mit ihrem Vieh in die Wälder hatten retten können. Der Adel hielt das für sein Fehderecht. Das Landfriedensgebot drückte ihn in die Gleichheit aller Untertanen. Ein Meer adeligen Hasses brandete gegen den König.

Die Sachsenkaiser hatten vor allem gegen das widerborstige Bayern kämpfen müssen. Jetzt hatten die Salier ihre Gegner in Norddeutschland und Sachsen, wo sie die Ottonen beerbt hatten. Nach dem Tode Adalberts von Bremen zerfiel sein kleines Reich. Jenseits der Elbe brach das slawische Heidentum wieder durch, die Obotriten brannten Hamburg nieder. In Sachsen hatte sich der Adel Reichsgut und Reichseinkünfte genommen. Die Silberminen im Harz waren äußerst wichtig. Heinrich versuchte, das Verlorene zurückzubekommen. Er stieß auf erbitterten Widerstand. Er baute Burgen, um seine Rechte zu sichern. Er besetzte sie mit Landfremden, die nicht mit den Einheimischen fraternisieren konnten. Ein Sachsenaufstand brach los. Die Aufständischen schleiften die Zwingburgen, sie zerstörten bei dieser Gelegenheit auch dazugehörige Kirchen. Der heidnische Geist revoltierte. Heinrichs Rettung war die Trennung der sächsischen Bauern von ihrem Adel. Nun konnte er die Mächtigen beugen. Die meisten verloren ihren Besitz, schwäbische und rheinische Ministeriale zogen in sächsische Burgen ein. Otto von Nordheim verlor zwar sein Herzogtum Bayern an die Welfen, behielt aber seine Macht in Sachsen. Er blieb bis zu seinem Tode der Führer der Königsfeinde.

Im Sachsenkrieg und in späteren sorgenvollen Tagen waren für Heinrich IV. die Städte das Netz unter dem Seil, auf dem er balancieren musste. Die Bürger von Worms, Speyer, Mainz, Köln und Würzburg fühlten sich von ihren Bischöfen getreten. Handel und Gewerbe hatten ihnen Wohlstand gebracht. Nun wollten sie ihr Joch abschütteln. Für die Wormser kam dieser Augenblick, als Heinrich, geschlagen und krank, aus Sachsen an den Rhein geflohen war. Sie jagten ihren Bischof fort und holten den König feierlich ein. Für ihr Wohlverhalten erhielten sie an allen königlichen Orten den Zoll geschenkt, weil sie “in der größten Erschütterung des Reiches in größter und besonderer Treue zu Uns gehalten haben.” Da folgten auch die Bischöfe dem König wieder, um sich in ihren Städten halten zu können.

In Mailand setzte Heinrich einen Erzbischof ein, der Oberitalien für ihn regieren sollte. In der Stadt gärte es. Der Kleinkrieg der Pataria, die der Bischof Lumpengesindel hieß, war eine klassenkämpferische Reformbewegung  gegen den hohen Klerus,  den Adel und das deutsche Königtum. Grund genug für den Papst, die Volksbewegung zu fördern. Denn wer Mailand hatte, hatte das reiche Oberitalien. Mailand war darüberhinaus die Basis für die Beherrschung Italiens und Burgunds. Ging es verloren, wackelten auf dem Kopf des Kaisers zwei seiner drei Kronen.

Im Januar 1076 erregten sich die in Worms versammelten deutschen Fürsten darüber, dass wegen der Mailänder Sache die Räte des Königs von Papst Gregor VII.53 gebannt worden waren. Eine undenkbare Provokation. Der König konnte sie nicht entlassen, wenn er nicht sein Gesicht verlieren wollte. Am Neujahrstag hatte er gar ein Ultimatum des Papstes erhalten. Er solle Buße tun für seine “Verbrechen”, für die er die Absetzung verdient habe. In diese Atmosphäre platzte der in päpstliche Ungnade gefallene Kardinal Hugo “der Weiße”. Er war der Geheimdienstchef des Papstes gewesen, hatte ihm zur Macht verholfen. Als der Papst drei Jahre zuvor an der Leiche seines Vorgängers stand, hatte sich “das Volk von Rom” - gekaufte Schreier - “spontan” erhoben und “diesen Mönch Hildebrand” zum Papst ausgerufen. Das war gerade das Gegenteil von dem, was das neue Papstwahlgesetz vorschrieb. Nach diesem Gesetz durften nur die Kardinäle den Papst wählen. Der Kardinal berichtete zudem über Amtsstubenpraktiken der Kurie und die Verliese des Lateran, er zog den Weg Hildebrands zum Heiligen Stuhl nach, der mit Lüge und Gewalt gepflastert sei. Alarmiert sein mussten vor allem die Bischöfe, als der Kardinal die päpstlichen Ansichten zur Simonie beschrieb. Schließlich waren sie ja alle durch Simonie zu ihren Pfründen gekommen. Dieser Papst war gefährlich.

1076

Die Synode der deutschen Bischöfe - 26 von rund 40 - beschloss, den “Bruder Hildebrand”, den “falschen Mönch”, abzusetzen. In Piacenza schlossen sich die oberitalienischen Bischöfe dem Beschluss an. Auch Heinrich tat es: “Du also, durch den Urteilsspruch aller Unserer Bischöfe und den Unsrigen verdammt, steige herab, verlasse den angemaßten Apostolischen Sitz. Ein anderer besteige den Thron des seligen Petrus, ... Wir Heinrich, König von Gottes Gnaden, mit allen Unseren Bischöfen sagen Dir: Steige herab, steige herab.” Sofort erklärte Gregor den König wegen Rebellion gegen die Kirche für abgesetzt, wegen geistlichen Ungehorsams für gebannt54. Er entband die Untertanen vom Treueid.

Schon öfter waren unfähige oder den Kaisern feindliche Päpste abgesetzt worden, vom Vater des jungen Heinrich gleich vier. Jetzt war sein Sohn für nicht mehr regierungsfähig und sogar für vogelfrei erklärt worden. So etwas war bisher nicht einmal denkbar gewesen. Gregor beteuerte sofort, sein Bann habe sich nur gegen Heinrich, den Unwürdigen, gerichtet, nicht gegen das Königtum. Worauf Heinrich erwiderte, dass er nur den anmaßenden Amtsinhaber angegriffen habe, nicht das Papsttum. In Wahrheit forderten beide das Regiment über die damalige Welt für sich.

Wie meist bei solchen Umbrüchen, war auch dieser nur der Abschluss einer langen Entwicklung: Die Kirche war zu einer moralischen Streitmacht geworden. Die Reform war größtenteils von Mönchen des burgundischen Klosters Cluny bewirkt worden. Es war unter erstklassigen Äbten Vorbild für das gesamte Klosterwesen geworden. Mit dem geistlichen Ernst kam der politische Einfluss. Diese Mönche waren klug und gebildet, sie wurden zu Ratgebern von Fürsten und Päpsten. Sie waren gute Propagandisten und fanatische Kämpfer für ihre Ziele. Ihr Hauptziel war die Befreiung der Kirche aus weltlicher Herrschaft, darüberhinaus die Reinigung der Kirche von weltlichen Einflüssen. Das war der Gegensatz zur Reichskirche. Die war eine Institution der weltlichen Macht, mehr noch: Sie war der Träger der kaiserlichen Macht. Ihre Bischöfe fühlten sich als Fürsten, erst nachrangig als geistliche Hirten. Sie kamen ja meist aus gräflichen oder fürstlichen Familien. Die burgundischen Mönche hatten kein Verständnis dafür, dass sich geistliche Würdenträger zu Vollstreckern weltlicher Politik machen ließen. Auch Gregor war über diese reiche und mächtige Reichskirche erschrocken, als er mit einem der von Heinrichs Vater abgesetzten Päpste nach Köln in die Verbannung kam. Seit damals waren in ihm die Begriffe weltlich, deutsch, böse, zu einer Dreiheit verklammert.

Dazu kam der soziale Gegensatz. Die Mönche mussten arm sein, der niedere Klerus war es ebenfalls. Das macht neidisch. Obendrein litten die abgerissenen Hirten und ihre bäuerliche Herde unter Willkür und endlosen Fehden mit Schlächtereien, Plünderungen, Brandschatzungen, an denen oft genug ihre eigenen Oberhirten beteiligt waren. Die erste Forderung von Cluny, die nach “Gottesfrieden”, erschien daher den Geknechteten und Verelendeten wie die Verheißung des Paradieses. Cluny war zum Wahrer der Moral des Christentums geworden.

Ein wunder Punkt war die Weiberwirtschaft der Kleriker. Hohe und niedere Geistlichkeit freuten sich allerorts ihrer Frauen und Kinder. Das von Cluny geforderte und von den Päpsten erlassene Eheverbot wurde als “schweres und nicht zu ertragendes Joch” bezeichnet. Aber die Asketen von Cluny, die nur ihr stacheliges Haferstrohlager zu beschlafen hatten, ließen nicht locker. Die an die Frau verschwendete Aktivität sollte in religiöse Aktivität umgesetzt werden. Weder Frau, noch Kinder, noch Besitz durften den Gottesmann von seiner Kirche ablenken. Alle Priester sollten vermöncht werden.

Die Lösung vom Weibe war für den Papst und seine kluniazensischen Ideologen nur eine Voraussetzung für die Lösung vom weltlichen Einfluss. Diesen Einfluss auf die Kirche übten die Kaiser aus durch die Einsetzung von Bischöfen und Äbten. Die Beherrschung der Kirche durch die kaiserliche Ämtervergabe sollte deshalb beendet werden. Die Einsetzung in ein priesterliches Amt dürfe nur durch einen Mann Gottes erfolgen, diktierte der Papst, so wie er selbst von Gott eingesetzt sei. Simonie war jetzt auch nicht mehr nur der Kauf eines Amtes, sondern schon die Annahme eines Amtes vom Kaiser, einem Laien. Gregor diktierte weiter: Nur der Papst dürfe die kaiserlichen Abzeichen tragen. Alle Fürsten hätten seine Füße zu küssen. Er dürfe den Kaiser absetzen. Der Papst sei heilig, sobald er geweiht sei. Die Kirche habe nie geirrt und werde nie irren.

Schon das angedrohte Verbot der kaiserlichen Investitur der Bischöfe war für das Reich eine ernste Bedrohung. Ebenso gefährlich war die Bedrohung des bisher heiligen Kaisertums. Gregor, der “heilige Satan”, stellte die Welt und ihre bislang nie angezweifelte Rangordnung auf den Kopf. Er wollte die Herrschaft der römischen Kirche und ihres Papstes über die Welt mit allen Mitteln. Der klein und mickrig Geratene wollte zur Verwirklichung seiner Ideen äußerst weltliche Wege gehen. Gleich am Anfang seiner Herrschaft steigerte er die augustinische Idee des “gerechten Krieges” zum “heiligen Krieg”, den die Kirche, wenn nötig, führen sollte. Er, der gern in rasselnder Rüstung einem Heerhaufen voranritt, wollte selbst ein Ritterheer gegen die Seldschuken führen, die gerade Byzanz besiegt und Jerusalem erobert hatten. Der kriegerische Papst kam nur nicht zur Ausführung seines Kreuzzugsplanes. Er hatte Hugo „den Weißen“ nach Südfrankreich geschickt, um die Mauren in Spanien zu bekriegen. Doch Hugo scheiterte, fiel in Ungnade und erschien prompt beim Wormser Fürstentag, um diesen Nachfolger Petri anzuschwärzen.

Schon hatten sich die deutschen Fürsten in Tribur versammelt. Schnell waren auch zwei päpstliche Legaten da. Heinrich versicherte, dass er zur Unterwerfung bereit sei. Zu spät! Die Fürsten beschlossen, dass sich Heinrich bis zum Jahrestag der Exkommunizierung vom Bann befreit haben müsse, wenn sie ihn weiter als König anerkennen sollten. Außerdem wurde der Papst gebeten, nach Deutschland zu kommen, um über den König zu richten.

Heinrich wusste, dass er verloren war, wenn der Papst nach Deutschland kam. Der Schauprozess, der mit seiner Absetzung enden sollte, durfte nicht stattfinden. Man wird dem König sicher geraten haben, mit einem Heer nach Rom zu ziehen und den giftigen Tiaraträger einzusperren. Doch die Herzöge von Bayern, Kärnten und Schwaben und der Erzbischof von Salzburg waren seine Feinde, und sie kontrollierten die Alpenpässe.

1077

Überraschend erschien Heinrich mitten im Winter, der so kalt war, dass man noch Anfang April mit Ochsenkarren über den Rhein fahren konnte, in Italien. Von der Kästenburg bei Hambach an der Haardt zog er nach Besancon, dann wie schon Hannibal55 - über den Mont Cenis56. Schwiegermütterchen machte es möglich, denn der Pass lag auf ihrem Gebiet. Die Ehe mit der ungeliebten Berta von Savoyen-Turin hatte sich nun doch gelohnt. Diese Frau ertrug mit ihm, den zweijährigen Kronprinzen im Arm, die unvorstellbaren Strapazen dieser Alpenüberquerung.

Gregor war schon in Mantua gewesen. Von einem Heer der Fürsten sollte er nach Augsburg gebracht werden. Jetzt floh er vor dem König in die Burg von Canossa am Nordhang des Apennin. Wie Heine ulkte, tat der König vor dem Papst im Vorhof der Burg Buße nach Vorschrift: “Barfuß und im Büßerhemde, ...” Canossa ist seitdem ein Reizwort für deutsche Nationalisten. In der wilhelminischen Kaiserzeit war es das Synonym für “Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung”, gleichzeitig Anklage gegen ein nationales Verbrechen, das dem König angelastet wurde. Man zitierte dann Bismarck: “Nein, nach Canossa gehen wir nicht!”

Heinrich IV. wusste, dass er um jeden Preis vom Papst die Lossprechung vom Kirchenbann erreichen musste. Nur so konnte er seinen Feinden den Vorwand für seine Absetzung nehmen. Nur dann würde er die bisher Treuen wieder auf seine Seite ziehen können. Denn für den damaligen Menschen waren Himmel und Hölle, Fegefeuer und Teufel Realitäten. Sicher nagte auch in ihm selbst die Verzweiflung über die Verdammnis, in die er gestürzt worden war. All das zwang ihn, dem Papst die Waffe zu entwinden, die ihn sonst vernichten würde. Jetzt setzte er ihn unter moralischen Druck, indem er als reuiger Büßer vor ihm erschien.

Die Szene um die beiden Hauptakteure war sicher mehr als eigenartig. Dem Königspaar hatte sich die Schwiegermutter angeschlossen. Zu Füßen des Papstes saß, ihm in religiöser Hörigkeit verfallen, Mathilde, die Markgräfin von „Tuszien“ - der Toskana -, mit dem König verwandt. Pendelnd zwischen ihnen das damalige Weltgewissen, Abt Hugo von Cluny, Berater des Papstes  und Taufpate des Königs. Alles Verwandte und Bekannte!

Der Papst wusste, dass er nachgeben musste, wenn er nicht unglaubhaft werden sollte. Er hätte dann auch als Komplize der deutschen Fürsten gegolten. Mit diesen Aufrührern konnte er jetzt nicht gemeinsame Sache machen. Nach drei Tagen erhielt Heinrich IV. die Lösung vom Bann. Der Geniestreich war gelungen. Der König war gerettet und mit ihm das Erbkaisertum. Gesiegt aber hatte die Kirche: Canossa bewies der Welt, dass der König gebannt werden konnte und sich dem Papst unterwerfen musste.

Heinrich durfte keine Zeit mehr verlieren, denn in kaum mehr als zwei Wochen lief die Gnadenfrist ab, die ihm seine Fürsten gelassen hatten. Es war trotzdem schon zu spät. Auf einem sofort einberufenen Fürstentag riefen sie in der Forchheimer Pfalz den Schwabenherzog Rudolf zu ihrem König aus. Er hatte dem Papst Gehorsam geloben und seinen Wählern versprechen müssen, für seinen Sohn auf das Königtum zu verzichten. Die Macht des Königtums sollte sich nicht in einer Familie sammeln.

Heinrich setzte die drei rebellierenden süddeutschen Herzöge ab, doch die Opposition musste besiegt werden. Sachsen stand ganz hinter Rudolf, und in seinen Besitzungen am Oberrhein hatte der Gegenkönig weitere Machtpositionen. Die der Welfen lagen nördlich des Bodensees, um Altdorf - heute Weingarten bei Ravensburg -, die des Berthold von Zähringen beiderseits des Schwarzwaldes. Heinrich musste deshalb annehmen, dass das feindliche Trio die Verbindung dieser Gebiete mit Sachsen erzwingen würde. Der König machte diesen Plan zunichte: Er gab das eingezogene Herzogtum Schwaben dem Mann, dessen geringer Besitz an der Straße lag, die von Oberschwaben über Ulm und die Geislinger Steige nach Franken und weiter nach Sachsen führte. Die neue Burg der Familie auf dem Staufen bei Göppingen kontrollierte diesen wichtigen Weg. Der Ort der Burg gab - wie so oft - den Besitzern ihren Namen. Die Staufer waren in die Geschichte eingetreten. In dieser Lage, in die ihn der König durch die Erhebung zum Herzog gebracht hatte, würde sich der Staufer für Heinrich tapfer schlagen müssen. Da der wusste, was er dem kleinen Dynasten zumutete, gab er ihm noch seine einzige Tochter Agnes als Draufgeld.

Die Verhältnisse verwirrten sich. Zwei Könige - daraus folgte, dass jeder seinen Herzog ernannte, auf einen für ihn freien Bischofssitz seinen Bischof setzte. Klar, dass danach jeder der beiden wiederum einen Lehensmann ernannte und dass sich das die hierarchische Stufenleiter nach unten fortsetzte. So kam es, dass um Ländereien, Abteien, Burgen, Felder jeweils zwei kämpften. Das ergab einen kriegerischen Flächenbrand, der den kleinen Mann wieder quälte und ihm alles nahm.- Schwaben, wo drei Dynastien herzogliche Rechte ausübten, zeigt, dass die Zeit der Stammesherzogtümer vorbei war. Auch in Sachsen hatte neben dem Billunger-Herzog der Erzbischof von Bremen Herzogsrechte. Und außerdem war da ja noch Otto von Nordheim.

Heinrich kämpfte um sein Königtum. Er erkannte den Papst als Schiedsrichter im Thronstreit nicht an. Gregor bannte ihn deshalb zum zweitenmal. Doch alle hatten den Geiferer satt. So konnte der König auf seiner Synode in Brixen Gregor ab- und den Erzbischof von Ravenna als Clemens III. einsetzen. Aber Gregor blieb hart. Mathilde von der Toskana hatte ihm ihren Privatbesitz geschenkt, ihn allerdings als päpstliches Lehen zurückerhalten.

Heinrichs Gegenkönig wurde in einem Gefecht an der weißen Elster die rechte Hand, die Schwurhand, abgehauen, ein Zeichen, dass Gott den Treubrüchigen gestraft hatte. Erst ein Jahr nach diesem Gottesurteil wurde in Ochsenfurt ein neuer Gegenkönig gewählt: Graf Hermann von Salm-Luxemburg. Heinrich zog trotzdem nach Rom, um endlich Kaiser zu werden. Nur die Stadt hielt noch zu Papst Gregor. So machte Heinrich einen “Umritt” durch bella Italia, warb für sich, brachte alten Reichsbesitz wieder an sich, kassierte auch die mathildischen Güter57 wieder ein und tat die Markgräfin in die Reichsacht. Während Gregor seine Bannflüche um sich schleuderte, versuchte Heinrich die Römer zum Abfall vom Papst zu bewegen. Schließlich gelang es einem Stoßtrupp von zehn Mann, über die Mauer zu klettern und das Heer einzulassen. Es war höchste Zeit gewesen. Die Malaria ließ “des Nordens Krieger dahinschmelzen, wie den Schnee des Landes, aus dem sie gekommen.”

1084

Heinrich setzte jetzt seinen Papst auf den Thron Gregors. Der neue Papst krönte Heinrich und seine Berta zum Kaiser und zur Kaiserin. Gregor hatte sich in die Engelsburg geflüchtet. Eines Maientages schien Hilfe für ihn zu kommen. Sein normannischer Vasall Robert, Herzog von Apulien, mit dem Beinamen Guiscard -  Schlaukopf - rückte mit 6.000 Berittenen und 30.000 Fußsoldaten an. Er hatte erst kürzlich den oströmischen Kaiser in Griechenland besiegt, der Weg nach Konstantinopel war frei, der Griff nach der byzantinischen Kaiserkrone nur noch eine Frage von Tagen. Da meldete ein Bote, sein Lehensherr Gregor sei in Bedrängnis, der deutsche König zöge mit einem Heer nach Rom. Der Schlaukopf war gezwungen, die byzantinische Kaiserkrone fahren zu lassen und sich sofort einzuschiffen, wenn er nicht sein Unteritalien an den vorstoßenden deutschen Kaiser verlieren wollte. Die Normannen verfolgten den wieder abziehenden Kaiser keineswegs. Sie entschädigten sich vielmehr für die lange “Reise”, indem sie Rom brandschatzten bis zum Geht-nicht-mehr. Männer, die kräftig genug waren, um einige Jahre Sklavenarbeit zu überstehen, und Frauen, die an Bordelle verkauft werden konnten, wurden mitgeschleppt. Und auch Gregor musste mit diesen Räubern ziehen, die nicht einmal alle Christen waren. Ein Jahr später starb er in normannischer Schutzhaft in Guiscards Hauptstadt Salerno. Der hatte die Stadt des Papstes anzünden lassen. Ein Zeitzeuge klagte: „Roma fuit!“ Rom ist gewesen.

Der Anschlag Guiscards brachte Venedig hoch. Der von den Türken bedrängte Herrscher Ostroms hatte sich mit der Seemacht verbündet, deren Interessensphäre durch den maritimen Vorstoß des Normannen ebenfalls bedroht war. Venedig versprach Byzanz Flottendeckung. Dafür musste es ihm in den Häfen des östlichen Mittelmeeres Handelserleichterungen zugestehen. Dadurch wuchs der venezianische Levantehandel, und nach den Kreuzzügen wird er noch weiter wachsen.

Kaiser Heinrichs IV. unerbittlichster Gegner war tot, sein Sohn Konrad wurde zum König gekrönt, sein Gegenkönig Hermann von Salm starb. Selbst in Sachsen gab es Frieden, nur Herzog Welf IV. von Bayern blieb Gegner. Der Angriff der Fürsten auf das Königtum war zusammengebrochen. Heinrich verpflichtete sich den Böhmenherzog, indem er ihn für seine Person zum König machte. Und er nahm sich eine junge Frau, Praxedis, ukrainische Fürstentochter. Das Volk hing an ihm, denn er hatte wieder einen Gottesfrieden verkündet. Für den kleinen Mann bedeutete das weniger Bedrohung und Not, doch der Adel fühlte sich unterdrückt.

In Rom saß zwar noch immer der vom Kaiser eingesetzte Papst, daneben gab es aber noch einen, der für die Kirche der rechtmäßige war: Urban II.58, französischer Aristokrat, zuvor Prior von Cluny. Er hatte die gleichen Ziele wie Gregor VII. Urban verkuppelte den siebzehnjährigen Sohn des welfischen Bayernherzogs mit der nun schon 43-jährigen Mathilde von der Toskana. Damit war aller Reichsbesitz in Italien gefährdet. Als der Kaiser nach Italien zog, um zu retten, was noch zu retten war, verlor er die Entscheidungsschlacht. Er verlor auch seinen Sohn Konrad. Der Papst hatte ihn mit der italienischen Krone geködert. Die Lombardei ging mit ihm zum Papst über. Den Rest gab dem Kaiser seine Frau. Da sie ihren Stiefsohn verführen wollte, hatte Heinrich sie einsperren lassen. Sie entwischte. Auf der päpstlichen Fastensynode in Piacenza packte sie dann gegen ihren Mann aus. Der moralische Kredit des Kaisers war futsch. Er war von Deutschland abgeschnitten, er beherrschte nur noch ein Stück Land um Verona.

1095

Die große Politik machte jetzt Papst Urban. Er hielt in Clermont-Ferrand eine französische Synode und auf der heutigen Place Delille eine weltbewegende Rede. Er berichtete, “die Türken und Araber” seien “in das Gebiet von Romanien vorgestoßen ... in das Land dieser Christen ..., haben eine große Anzahl von ihnen getötet und gefangengenommen, haben die Kirchen zerstört und das Land verwüstet. Wenn ihr ihnen jetzt keinen Widerstand entgegensetzt, werden die Diener Gottes im Orient ihrem Ansturm nicht länger gewachsen sein. ... Der Herr bittet euch ..., dass ihr euch beeilt, dieses gemeine Gezücht aus den von euren Brüdern bewohnten Gebieten zu verjagen und den Anbetern Christi rasch Hilfe zu bringen ... Wenn die, die dort hinunterziehen, ihre Leben verlieren, ... werden ihnen in jener Stunde ihre Sünden vergeben werden. ... Mögen die, die bisher Söldlinge waren um schnöden Lohn, jetzt ewige Belohnung gewinnen;… Wenn ... der Frühling kommt, sollen sie sich fröhlich auf den Weg machen unter Führung des Herrn.” Der Papst gibt als Kennzeichen für die Teilnahme an diesen Zügen ins Heilige Land das Kreuz aus. Die Menge schreit: “Gott will es”. Keiner ahnte, dass er gerade mitgeholfen hatte, das Jahrtausendunternehmen des “Abendlandes” in Gang zu setzen. Schon Gregor VII. hatte einen Kriegszug in den Orient geplant. Er wollte die Wiedervereinigung beider Kirchen, eigentlich: die Unterwerfung der Ostkirche. Die Eroberung der heiligen Stätten war für ihn Nebensache gewesen.

Die Kämpfer des Papstes sind im Nu zur Stelle. Europas Adel nimmt den Bauern immer mehr Land weg, was bleibt, wird oft in Fehden und Jagden verwüstet. Diese Bedrücker sitzen in engen, kalten “festen Häusern”. Erben und bleiben kann nur der Erstgeborene. Die Nachgeborenen müssen sich woanders “Land” suchen, denn Land allein schafft “êre unde guot”. Das Heilige Land versprach nun beides: Land in dieser, Lohn in der jenseitigen Welt.

Selbst die kühnsten Erwartungen wurden überboten. In Niederlothringen und Flandern strömten 10.000  Ritter und 30.000 Kriegsknechte zusammen. Die kleinen Leute wollten es den großen Herren gleich tun. Sie spannten ihre Ochsen vor ihre Karren, luden Frau, Kinder und ihre Habseligkeiten darauf und machten sich auf den Weg. “Und sobald die Kinder ein Schloss oder eine Stadt erblickten, fragten sie eifrig, ob das jenes Jerusalem sei, zu dem sie auf dem Weg waren.” Der Einsiedler Peter von Amiens, klein, mager, düster, ritt barfuß auf einem Esel voran. Emotionsgeladen wälzten sich die Volkshaufen gegen den Rhein. In den Gettos der südfranzösischen und der rheinischen Städte wohnten seit 700 Jahren Juden. Von diesen “Mördern Christi” erschlug man hier wie dort so viele, wie man greifen konnte.

Papst Urban und nach ihm Bernhard von Clairvaux59 haben mit ihren Kreuzzug-Aufrufen ungeheure Kräfte mobilisiert. Doch ihre zündenden Worte können es allein nicht bewirkt haben. Wallfahrt zu heiligen Stätten hatte es immer gegeben. Sie gewährte “Ablass” der Sünden. Jetzt wurde der “Kreuzfahrer” nach seinem Gelübde von seinen Schulden und Verpflichtungen befreit. Er und seine Familie unterstanden nicht mehr der weltlichen Gerichtsbarkeit, sondern der kirchlichen. Wer ihn oder seine Habe angriff, griff die Kirche und damit Gott an. Der, der “das Kreuz nahm”60, übernahm also nicht nur Verpflichtungen, er bekam große Rechte. Dem Ritter versprach der Kreuzzug außerdem die Erfüllung eines Ritterideals, das zu Hause nicht mehr auszuleben war: das “Abenteuer”. Doch selbst Bauern, ja sogar Habenichtse des städtischen Proletariats, Frauen wie Männer, fühlten sich aufgerufen. Erst ihre Gleichheit vor dem Kirchenrecht machte die Kreuzzüge zur Massenbewegung. Es war nicht nur die Not der Überbevölkerung, die sie alle Verheißungen glauben ließ, es war auch das Bewusstsein der Kreuzfahrer, auserwählt zu sein.

Als sich dieser böse Spuk Richtung Balkan verflüchtigt hatte, schien in Deutschland die Welt wieder in Ordnung. Die den Kaiser gefährdende bayerisch-toskanische Ehe-Allianz war auseinandergegangen, der alte Bayernherzog wurde wieder eingesetzt. Der Kaiser konnte über die bayerischen Berge wieder nach Hause. Auch in Schwaben kehrte Ruhe ein: Der gegen den Staufer Friedrich erhobene zähringische Gegenherzog durfte sich zwar weiter Herzog nennen, wurde aber in die Schweiz verwiesen. Der ungetreue Kaisersohn Konrad wurde abgesetzt, der jüngere Kaisersohn Heinrich zum König gewählt. Der Kaiser verkündete 1103 ein vierjähriges Fehdeverbot, den ersten Reichslandfrieden.

Nur der Papst gab keinen Frieden. Er erneuerte sogar das Investiturverbot und den Bann. Und wieder benutzten die Fürsten die Rechtlosigkeit des Kaisers, um ihre Separatpolitik zu betreiben. Wieder Meuterei, wieder Aufstand. Gegen den Kaiser stellte sich sein Sohn an die Spitze der Fürstenopposition. Nach der Verleumdung durch die geile Praxedis und dem Verrat seines Ältesten nun auch noch der Treuebruch des letzten Familienmitglieds.

1106

Indem er den Vater fallen ließ, rettete der Sohn das Königtum. Er zwang Fürsten und Bischöfe auf seine Seite und nahm Verbindung mit dem Papst auf. Er berief einen Reichstag nach Mainz ein, wo der Thronstreit zwischen Vater und Sohn entschieden werden sollte. Als nun der Vater mit einem Häuflein Getreuer nach Mainz wollte, um sich zu rechtfertigen, zog ihm der Sohn entgegen, nahm ihn gefangen und kerkerte ihn in der Burg Böckelheim über der Nahe ein. Sohn Heinrich erpresste von ihm die Herausgabe der Reichsinsignien, deren Besitz den König machte. Sie wurden von der Burg Hammerstein am Rhein nach Mainz gebracht. In der Pfalz Ingelheim wurde Heinrich IV. der Schauprozess gemacht. Und wie einst Tassilo von Bayern, dankte dort Heinrich IV. “freiwillig” ab. Der Sohn fing an, als Heinrich V.61 zu regieren.

Der kaiserliche Vater konnte aus Ingelheim, dessen ursprünglicher Name Engelheim bereits zum zweitenmal auf diese Weise herabgewürdigt worden war, entkommen. Er floh über Köln nach Lüttich. Die Entscheidungsschlacht mit seinem Sohn ersparte ihm der Tod. Sterbend sandte er Ring und Schwert an ihn. Seinem Nachfolger, der wie sein Urgroßvater ein Riese war, hinterließ er ein wieder halbwegs intaktes Reich, aber auch den Streit mit dem Papst um die Einsetzung der Bischöfe.

Der Papst hatte Heinrich die Kaiserkrönung versprochen, der König versprach ihm dafür Zugeständnisse in der Investiturfrage: Die Bischöfe sollten sich mit dem Zehnten begnügen, aber alle vom König verliehenen Ländereien und Rechte sollten zurückgegeben werden. Da der König keine Güter mehr an die zukünftigen Bischöfe vergeben sollte, war der Vorwurf der Simonie vom Tisch, der das Investiturproblem hochgebracht hatte. Freilich wussten die Bischöfe nichts von der Armut, die ihnen zugedacht war. Als dann die, die mit dem König in Rom waren, im Petersdom den päpstlichen Willen hörten, ließen sie ihrem Zorn geräuschvoll Lauf. Nein, arm sein wollten sie nicht. Empört waren auch die Fürsten. Sie befürchteten, dass sich des Kaisers Macht vervielfachte, während ihr Besitzstand gleich blieb. Das durfte nicht sein. Der Papst musste seinen Vorschlag zurücknehmen. Nun forderte Heinrich das unbeschränkte Investiturrecht und die Kaiserkrönung. Und als sich der Papst weigerte, wurde er mit sechzehn Kardinälen eingesperrt. Der Anführer dieses Überfallkommandos war Graf Otto von Scheyern, der gerade nordöstlich von Augsburg seine neue Burg Wittelsbach bezogen hatte.

Der mit dem Papst ausgehandelte Vertrag wurde von diesem als erpresst widerrufen, als sich der König wieder in Deutschland mit den Fürsten herumschlagen musste. Wieder Bürgerkrieg, ein neuer Papst, ein Gegenpapst, ein weiterer Papst bannt den Kaiser, Kirchenspaltung, neuer Romzug usw.

1122


Erst fünfzig Jahre nach dem Beginn des Investiturstreites wird auf einer Wiese am Rhein das Wormser Konkordat62 verkündet: Die Bischöfe und Äbte werden nicht mehr vom König eingesetzt, sondern von ihren Klerikern gewählt. Der Gewählte leistet dem König den Diensteid, darauf wird er mit dem Zepter, dem Zeichen weltlicher Macht, ausgestattet und mit den Königsgütern belehnt. Erst danach erfolgt die kirchliche Investitur mit Ring und Stab. Von einer Mitsprache des Kaisers bei der Papstwahl ist keine Rede mehr.

Der Kaiser ist in Deutschland Herr seiner Reichskirche geblieben. In Italien und Burgund erfolgt zuerst die kirchliche Weihe und erst dann die weltliche Einsetzung. Die Demonstration der Reichshoheit wurde dort zur Zweitrangigkeit herabgestuft. Das war der Anfang vom Ende der Reichs-Dreiheit Deutschland-Italien-Burgund. Das Kaisertum ist im wesentlichen auf den deutschen Sprachraum zurückgedrängt. Auch im Osten war die deutsche Vormacht geschwunden.

1125

Doch selbst in Deutschland hat Heinrich V. niemals die volle Königsgewalt ausüben können. Wie sein Vater, scheiterte er vor allem an Sachsen. Mit der Herzogswürde hatte er einst den jetzigen Amtsinhaber bestochen, als er gegen seinen Vater putschte. Jetzt hatte sich dieser Lothar die Marken Meißen und Lausitz angeeignet. Doch vor dem neuen Kampf starb Heinrich V. neununddreißigjährig, krebskrank, unbeliebt und kinderlos. Seine Witwe, eine Normannenprinzessin mit Anspruch auf Englands Thron, ging nach Hause. Dort heiratete sie ihren jugendlichen Nachbarn Gottfried Plantagenet63 von Anjou. Ihr Sohn Heinrich II. wurde neben dem römisch-deutschen Kaiser der mächtigste Herrscher Europas. Einschließlich der Besitzungen seiner Frau Alienor Eleonore von Aquitanien herrschte er von Schottland bis zu den Pyrenäen.

Den großen Schnitt hatten die Fürsten gemacht, auch die geistlichen. Sie waren immer größer geworden und hatten das Königtum immer mehr eingeengt. Von der auf den Kaiser ausgerichteten Zentralisation Karls des Großen war nichts übriggeblieben. Das Reich war zu einer Ehe- und Erbengemeinschaft ohne Haftung degeneriert, in der die Machtpositionen ständig wechselten. Das Stillhalten der Fürsten beim Zustandekommen des Wormser Konkordats musste ihnen der Kaiser mit der Anerkennung ihrer keineswegs immer legalen Besitzerweiterungen bezahlen. Da die Stammesherzogtümer dem Zentralismus gefährlich geworden waren, waren sie durch Teilung geschwächt worden. Doch da sich diese Entwicklung fortgesetzt hatte, sah sich der Kaiser nun einer vervielfachten Fürstenmacht gegenüber. Dagegen war nicht mehr anzukommen. Er konnte nur noch Außenpolitik betreiben. Aber auch das konnte er nur, wenn er selbst mächtig war, wenn er eine starke “Hausmacht” hatte. Dieser Drang nach großem zusammenhängendem Landbesitz kennzeichnet die Zukunft. Die Stammesherzöge hatten früher nach germanischem Brauch Personen, „Volk“, befehligt. Jetzt kämpften die Fürsten um Land und Rechte. Städte und Burgen wurden gegründet, um diese Ländereien und die damit verbundenen Rechte zu sichern. Dieser Umbruch zu vielen Flächenstaaten ist es, der dem salischen Kaisertum so zu schaffen machte, nicht nur der Kampf mit den Päpsten.

Die Fehden mit Herzögen und Verwandten, die Kriegszüge nach Italien und Burgund führten jetzt Waffenknechte aus. Der Krieg war der Beruf dieser meist unfreien Leute. Aber auch Freie und Adelige waren dabei, nachgeborene und außereheliche Söhne. Ein bunter Haufe also, denen der Krieg Aufstieg und Beute und die Aussicht auf Versorgung versprach, einigen sogar Gewinn von Land, anderen die Ehre des Hofdienstes bei einem Größeren. Diese Ritter waren arme Ritter, Glücksritter. Dem Tatkräftigen bot die neue Gesellschaft jedoch große Möglichkeiten.

Als Heinrich V. starb, hatte er seinem Neffen, dem Schwabenherzog Friedrich von Büren, die Obhut über die Kaiserin und die Reichskleinodien anvertraut. Er war der nächste Verwandte. Deshalb war er auch möglicher Nachfolger im Königtum. Doch Erzbischof Adalbert von Mainz, der zur Wahl schon eingeladen hatte, als die Leiche des Kaisers noch warm war, wollte den Schwaben niederhalten. In Vertretung des Kaisers hatte Friedrich nämlich linksrheinisch den Königsbesitz weit nach Norden erweitert. Er zog „am Schwanz seines Pferdes stets eine Burg hinter sich her”. Das heisst, dass er diese für den Kaiser durchgeführten Eroberungen sicherte. Er besetzte Burg und Kloster Limburg, die Stadt Worms und Burgen des Speyrer Bistums. Neue Burgen sperrten die Täler, die den Zugang zum Reichsbesitz um Kaiserslautern und Saarbrücken kontrollierten. Rechtsrheinisch tat Bruder Konrad das gleiche. Das untere Elsass, der Worms- und der Speyergau waren wieder im kaiserlichen Griff. Die Stauferbrüder waren damit den Expansionsbestrebungen des Mainzer Erzbischofs zuvorgekommen.

Auch die Fürsten wollten Friedrich nicht. Sie wollten ihr Wahlrecht, nicht das bisherige Erbrecht. Ihr Kandidat war der Sachsenherzog Lothar von Supplinburg. Für sie hatte er mehrere Vorzüge: Er war schon über fünfzig - damals schon ein Greis -, er war zwar reich - er hatte die Erbin Ottos von Nordheim, des Gegners Heinrichs IV. geheiratet -, hatte aber keinen Anhang. Auch er hatte keine Söhne, nur eine Tochter.

1125

Obwohl die Wahlversammlung aus je zehn Vertretern der Franken, Sachsen, Bayern und Schwaben bestand, fiel die Entscheidung durch den Welfen Heinrich “den Schwarzen”, Herzog von Bayern. Jeder hatte geglaubt, dass er - der Schwiegervater des Schwabenherzogs - ihn wählen würde, doch Lothar hatte seine Gertrud und mit ihr sein Herzogtum und die Anwartschaft auf die Kaiserkrone dem Sohn des Bayernherzogs versprochen. Der Schwabe fiel durch. Kaiser wurde Lothar III.64 Ein Jahr später war der schwarze Heinrich tot, sein Sohn Heinrich “der Stolze” bekam Gertrud und Sachsen.

In Rom war Innozenz II. Papst geworden65. Er hatte jedoch in Kardinal Pierleone einen Gegenpapst bekommen, der sich Anaklet II. nannte. Anaklet hatte in der Stadt Anhang, da er dem Patriziat entstammte, aber einen Makel: Seine Familie stammte von einem getauften Juden ab. Innozenz konnte sich in Rom nicht halten. Er floh nach Frankreich. Dort gewann er die Hilfe des Gründers des Zisterzienserordens66, Bernhard von Clairvaux. Dieser Chefideologe der Kirche brachte Innozenz nach dem Tod Anaklets nach Rom zurück. Anaklet hatte Hilfe beim Beherrscher Unteritaliens, dem Normannenherzog Roger II67. von Sizilien, gesucht. Er hatte Roger deshalb zum König gemacht.

1137

Lothar zog nach Rom und wurde zum Kaiser gekrönt. Der Krieg in Süditalien brachte nur Verluste. Doch die mathildischen Güter68 bekam jetzt der Kaiser. Er übertrug sie seinem Erben und Schwiegersohn Heinrich von Bayern. Italien hatte die späten Jahre dieses Kaisers verbraucht. Auf dem Rückweg starb er in einer Bauernkate in Breitenwang bei Reutte in Tirol.

Man hat Lothar zum “Pfaffenkönig” und Steigbügelhalter des Papstes gemacht. Ja, den Steigbügel hatte er dem Papst gehalten. Dies tat sonst nur ein Vasall seinem Lehensherrn gegenüber. Aber für die Kaiser gehörte das seit langem zum Höflichkeitszeremoniell. Auch Barbarossa wird dem Papst nicht nur den Steigbügel halten, sondern ihm sogar die Füße küssen.

Lothar hatte eine Ostpolitik betrieben, auf die sich sein Enkel Heinrich “der Löwe”69 erst besinnen wird, als in Italien sein Weizen nicht blühte. Unzutreffenderweise ging er, nicht sein Großvater, als d e r Ostkolonisator in die Geschichte ein. Bereits als Sachsenherzog hatte Lothar die westfälischen Schauenburger - später Schaumburger genannt - nach Holstein geschickt. Das wendische70 Liubice, das ist: die Schöne, die Liebliche, wurde zerstört und als Lübeck neu gegründet.

1123, 

Die Marken Meißen und Lausitz bekam Konrad von Wettin - bei Halle -, der zum Stammvater der sächsischen Fürstenhäuser wurde. Die spätere Altmark ging an den Askanier - von einer Burg bei Aschersleben - Albrecht “den Bären”, der dann auch östlich der Elbe Fuß fasst. Damit steht er kurz vor der Gründung der Mark Brandenburg, er legt die Grundlagen für Brandenburg-Preußen und das neue Sachsen. Auch nach außen hatte der alte Sachsenkaiser das Ansehen des Reiches gemehrt. Beim Hoftag von Merseburg trug ihm der Polenherzog Boleslaw „Schiefmaul“ als Lehensmann das Schwert, und auch der Dänenkönig war sein Vasall. Böhmen wurde im Lehensverband des Reiches gehalten.

Die nächste Königswahl verlief wie die vorhergehende: Auch diesmal kommt der Erbe nicht darauf, dass man ihn nicht wählen könnte. Er ist der Mächtigste: Herzog von Bayern, Herzog von Sachsen, Inhaber vieler anderer Besitzungen in Deutschland, Markgraf der Toskana und Verwalter der Mathilde-Güter. Seine Herrschaft reicht von der Nordsee bis zur Adria. Dieser Welfe Heinrich “der Stolze” sieht nicht, dass die Fürsten nur einen schwachen Kaiser wollen.

1138

Diesmal ist Erzbischof Albero von Trier der Königsmacher, weil Mainz und Köln nicht besetzt waren. Er hoffte auf den vornehmeren Erzstuhl von Mainz umsteigen zu können. Die Wahl wurde vorverlegt und der Staufer Konrad III.71 in Koblenz zum König ausgerufen und in Aachen gekrönt. Mit einer Wahlmanipulation und einem schwachen König begann die Epoche der Staufer. Aus dem Landadel waren sie unter Heinrich IV. hochgekommen. Jetzt hatte einer von ihnen den schwindelerregenden Gipfel erreicht.

Gleich gab es Krieg mit Heinrich, dem Welfen. Konrad nahm ihm beide Herzogtümer. Sachsen revoltierte unter der alten Kaiserin Richenza. Als Heinrich der Stolze stirbt, geht der Kampf weiter, um dem kleinen Heinrich, dem späteren „Löwen“, das Erbe zu erhalten. In Süddeutschland hatte Konrad mehr Erfolg. Er eroberte die Stadt Weinsberg und zwang die Burg zur Kapitulation. Die Männer sollten als Rebellen erschlagen werden, den Frauen bewilligte er freien Abzug, bei dem sie ihre wertvollste Habe mitnehmen könnten. Als die Schwäbinnen darauf mit ihren Männern auf dem Buckel aus dem Burgtor wankten und man ihm riet, nun alle zusammenzuhauen, soll er gesagt haben: “Ein Königswort soll man nicht drehn noch deuteln.” Die Burg Weinsberg heißt seither “die Weibertreu”. Ihm haben schon die Zeitgenossen bescheinigt, er sei edel und höflich gewesen.

Seit Otto I. war er der erste König, der nicht zum Kaiser gekrönt wurde. Schlimmer war die nationale Polarisierung. Die Schlachtrufe der Gegner kennzeichneten sie: “Hie Welf” - “Hie Waibling”. Die Welfen, das war das mächtigste Geschlecht, große Herren schon, als man die Staufer noch nicht kannte. Sie, die Staufer, wurden auch Waiblinger genannt nach Waiblingen im Remstal bei Stuttgart. Dort hatten sie Burg und Besitz von den Saliern geerbt. Verglichen mit den Welfen Parvenüs, waren sie jetzt Könige. Doch an der Ausübung der Königsrechte hinderte sie die Gegenpartei. Die „Waiblinger”, das war die kaiserliche Partei. Die „Welfen”, das war alles, was gegen den Kaiser stand. Es war die Partei der Fürsten und die des Papstes. Erbitterte Gegnerschaften auch in Reichsitalien: Hier die Papstpartei der “Guelfen”, dort die Kaiserpartei der “Ghibellinen.”.

In den syrisch-palästinensischen Kreuzfahrerstaaten, die Lehen des oströmischen Kaisers sind, ist die Bedrängnis durch die Türken groß. Der Papst ruft das Abendland zu Hilfe. Der Propagandist des kommenden Kreuzzuges ist Bernhard von Clairvaux. Zu Weihnachten 1145 hatte der Franzosenkönig “das Kreuz genommen” und sich zum Waffengang gegen „die Ungläubigen“ verpflichtet. Zu Weihnachten 1146 predigte Bernhard im Speyrer Dom. Dabei drehte der charismatische Fanatiker den widerstrebenden König und viele Fürsten um; der Kreuzzug wird beschlossen. Dieser zweite Kreuzzug, der im Sommer 1147 planlos begann, wurde zur Katastrophe. Verluste: 18.000 Mann. Der König kommt malariakrank zurück.

Gleichzeitig hatten sich die Sachsen ihren eigenen Kreuzzug gegen die heidnischen Wenden72 von Bernhard und seinem Papst verordnen lassen. “Taufe oder Tod” war die Losung. Heinrich “der Löwe” war als Herzog wieder anerkannt. Seinen Anspruch auf Bayern hatte er bereits angemeldet. Auch dieser Kreuzzug wurde eine Pleite. Man versuchte es dann wieder friedlich miteinander. Der in Brandenburg herrschende Hevellerfürst hatte Albrecht “den Bären” zum Erben eingesetzt. Ab 1157 nannte er sich Markgraf von Brandenburg.

Konrad III. bereitete seinen Romzug vor, der ihm endlich die Krone bringen sollte. Der Tod vereitelte es. Im Bamberger Dom ist er neben Heinrich II. begraben.

1152

Zu seinem Nachfolger bestimmte er seinen Neffen, den Schwabenherzog Friedrich. Er wurde von allen Fürsten zum König gewählt. Es war die erste Königswahl in Frankfurt. Da die Stadt das Fest gut ausgerichtet hatte, blieb man bei ihr. Bis zum Ende des alten Reiches werden noch dreiundzwanzig Wiederholungen folgen.

Die Geschichtsbücher wollen uns glauben machen, die Wahl sei in vorbildlicher Eintracht verlaufen, weil die Wähler - den Bürgerkrieg vor Augen - in Friedrich I.73, dem Sohn einer Welfin, den Vermittler zwischen den verfeindeten Familien gesehen hätten. In Wirklichkeit war es gelaufen wie immer: Der mächtigste Fürst, der Welfe Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen mit Anspruch auf Bayern, war Gegenkandidat gewesen. Auch diesmal wählten die Fürsten den weniger Mächtigen. Der hatte vorher die Wähler der Gegenpartei durch Versprechungen gewonnen. Seine spätere, weise erscheinende Ausgleichspolitik war nur die Abwicklung seiner Wahlversprechen. Den oberschwäbischen Welf VI. belehnte er mit der Toskana und dem Mathilde-Besitz, mit Spoleto und Sardinien. Berthold IV. von Zähringen erhielt die Stellvertretung des Königs in Burgund erneuert. Alles Titel ohne Mittel. Herzog Heinrich, der - so ein Zeitgenosse - “hochmütigste und brutalste Mensch aller Zeiten”,  war isoliert.

Friedrich galt seiner Zeit als schöner Mann, und eine zu seinen Lebzeiten entstandene Büste, "nach dem Bildnis des Kaisers geformt", bestätigt dies. Die Italiener benannten ihn nach einer Äußerlichkeit: „Barbarossa“, Rotbart. Wie der Klatsch wusste, färbte er ihn sorgfältig. Mit seinem Charme und seinem hoheitlichen Gebaren war er die Verkörperung hoher Herrscherwürde. Die Realitäten schlugen ihm jedoch empfindliche Wunden.

Eine besondere Ausbildung hatte er nicht erhalten. Es ahnte ja niemand, dass er einmal Kaiser werden würde. Sicher war er eine interessante Persönlichkeit. Er hatte befähigte Mitarbeiter, schließlich waren auch die Verhältnisse für ihn günstig. Kern seines Regierungsprogramms war, “dass das erhabene römische Reich in alter Kraft und Herrlichkeit wiederhergestellt  werde.“ Auch er sah Karl den Großen als seinen Vorgänger an. Er ließ ihn später in Aachen heiligsprechen, wohl auch, um seine Rolle als Schirmherr des Papstes deutlich zu machen. Der Rotbart befriedete und konsolidierte zuerst. Er verkündete einen Reichslandfrieden, dann setzte er einen ihm genehmen Erzbischof in Magdeburg ein und den ihm nicht genehmen von Mainz ab. Die Bischöfe spurten danach wie in besten Salierzeiten.

1156

Blieb noch das Wichtigste: Die Abfindung seines Rivalen Heinrich von Sachsen. Sie war nur durch die Befriedigung seiner Macht- und Habgier zu erreichen. Also musste der Babenberger Heinrich “Jasomirgott”74 Bayern an den „Löwen“ abtreten. Der bekam auch das Besetzungsrecht der wieder errichteten Bistümer Oldenburg, später Lübeck, Ratzeburg und Mecklenburg. Das ergab eine Art Autonomie für Nord- und Nordostdeutschland.

1156

Der um Bayern erleichterte Babenberger wird Herzog in der bayerischen Ostmark, in der die Babenberger bisher Markgrafen waren. Damit lief Österreich vom Stapel - worunter man noch lange nur Niederösterreich zu verstehen hat. Innerhalb weniger Jahre werden also die zwei Staaten angelegt, die Jahrhunderte später den Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland austragen werden: Brandenburg-Preußen und Österreich.

Bayern war zum zweitenmal kleiner geworden. Wichtiger noch, es war nun Binnenland ohne Ausdehnungsmöglichkeiten. Das Revier des Löwen war damit abgesteckt. Wollte der Löwe sein Land vergrößern, konnte er das nur von Sachsen aus und nur in einer Richtung: nach Osten. Die Ostkolonisation Heinrichs des Löwen beruht also lediglich auf der einzigen Möglichkeit, die ihm geblieben war.

1156

Inzwischen hatte sich Friedrich scheiden lassen. Jetzt heiratete er Beatrix, die reiche Erbin von Burgund und der Provence. Ihr Onkel hatte die goldene Gans gefangengehalten, um ihr Erbe selbst einzustreichen. Die Minderjährige soll Venus an Schönheit, Minerva an Tugend und Juno an Macht übertroffen haben. Zur Hochzeit schenkte sie Barbarossa 5.000 Ritter, in der langen und glücklichen Ehe zehn Kinder.

1156

Friedrich verbreiterte die staufische Machtbasis dort, wo die Macht des Reiches am größten war: am Rhein. Er gab die rheinische Pfalzgrafschaft und Besitz aus dem Saliererbe am mittleren Rhein seinem Halbbruder. Daraus entstand die spätere Pfalz.

1158

Erfolge hatte Friedrich auch im mittleren Ostabschnitt. Er belohnte die Reichstreue des Böhmenherzogs und machte ihn zum König. Polen musste die schlesischen Herzogtümer Breslau und Ratibor an kaisergenehme Magnaten abtreten. So blieb Schlesien zwar bei Polen, wurde aber der deutschen Besiedelung geöffnet.

In Italien war seit langem kein Kaiser mehr gewesen. Mit dem Zurückweichen der Kaiser im Investiturstreit war auch die Macht der lombardischen Bischöfe geschwunden, die Städte hatten sich deren Grafenrechte angeeignet und sich zu Herren des Landes gemacht. Die großen waren dabei, die kleinen zu fressen. Rom ließ den Papst nicht auf seinen Stuhl, so dass auch er Hilfe beim deutschen König suchte. Der wollte auch jenseits der Alpen des Reiches Macht wiederherstellen, wie er es verstand. Egoismus war auch dabei: Da Barbarossa sein Herzogtum an seinen Vetter abgetreten hatte, blieb ihm nur der persönliche Besitz. Der war für die Regie, die das Kaisertum erforderte, aber nicht ausreichend. “Der Garten des Reiches” - so Dante über Oberitalien - hatte dagegen Früchte genug.

Im Herbst 1154 zog er los, hielt Reichstag und Heerschau auf den ronkalischen Feldern75 in der Lombardei, verkündete die Erneuerung alter Gesetze und ließ sich huldigen. Weiter ging es nach Rom zur Krönung. Auch diese “italienische Reise” endete fatal. Friedrich, nun Kaiser, teilt die übriggebliebenen 1.800 Mann in drei Heerhaufen, die sich getrennt heimwärts durchschlagen sollen. Die lombardischen Städter fühlten sich als Sieger - trotz Feindschaft untereinander schon fast als Italiener. Verona öffnete dem Kaiser gar nicht mehr die Tore. Man sperrte die Veroneser Klause, den wichtigsten Weg nach Deutschland über den Brenner. Erst nach Übergabe eines hohen Lösegeldes, der Rösser, Rüstungen und Waffen will man die Kaiserlichen durchziehen lassen. Otto von Wittelsbach rettete mit einigen Mutigen die Ehre und das Vermögen der deutschen Ritter - denn Ross und Waffen waren der größte Vermögensposten eines Ritters -, indem mit seinen Männern die Felsenfeste erklomm und die Wegelagerer in die schäumende Etsch hinunterwerfen ließ.

Eisen war nämlich noch immer kostbar; ein Pferd mit Hufeisen - seit Ende des 9. Jahrhunderts in Gebrauch - kostete das Doppelte wie ohne. Der Ritter hielt sich - seit dem 7. Jahrhundert - in Steigbügeln, er trug ein Kettenhemd, ein Produkt einer seit dem 10. Jahrhundert verbreiteten Schmiedetechnik. Er hat zwar einen Eisenhelm, aber noch keinen Gesichtsschutz. Sein Schild hat nur ornamentalen Schmuck, die Wappenbemalung ist noch nicht üblich. Ross und Rüstung waren im 10. Jahrhundert einen Bauernhof wert gewesen, sie dürften jetzt nicht billiger gewesen sein.

Fast geschlagen zog man heimwärts, ohne das rebellische Rom gezüchtigt zu haben. Der Krach mit dem Papst wäre für den Kaiser wohl nicht so folgenschwer geworden, hätte er nicht einen Kanzler gehabt, der ghibellinischer war als sein Herr: Rainald von Dassel, sächsischer Grafensohn, studiert in Hildesheim und Paris, gebildet, hochmütig und hitzig. Auf dem Reichstag von Besancon übersetzt er in einem päpstlichen Sendschreiben, in dem die Kaiserkrone als “benificium” bezeichnet wird, dieses Wort nicht mit “Wohltat”, sondern mit “Lehen”. Als die Deutschen deshalb murren, brüllt der Legat Roland Bandinelli in den Saal: “Von wem hat denn der Kaiser das Kaisertum, wenn nicht vom Papst?” Nur die kaiserliche Autorität rettete den Kardinal davor, in Stücke gehackt zu werden. Durch die Einfärbung dieses einen Wortes hatte Rainald gewaltige Emotionen freigesetzt. Das Reich wird im gleichen Jahr von der kaiserlichen Kanzlei “sacrum imperium”, “Heiliges Reich” genannt.

Die Frage des Legaten in Besancon lässt den Knüppel aus dem Sack: Das Papsttum hat das Kaisertum von den Griechen auf die Deutschen übertragen. Der Papst kann es aber auch auf andere übertragen. Diese Translationstheorie wird die Staufer bis an ihr Ende schrecken. Der Kampf beginnt sofort, denn Bandinelli wird als Alexander III. der nächste Papst.

1158

Der zweite Italienzug des Rotbarts sollte die Reichsgewalt in Oberitalien wiederherstellen. Jede Stadt kämpfte eifersüchtig um ihre Rechte. Um diese Rechte, die Reichsrechte gewesen waren, fing nun der große Kampf an. Der Salierkaiser Heinrich IV. hatte den Städten vor mehr als sechzig Jahren die Selbstverwaltung gegeben, als er sie nach dem Abfall seines Sohnes Konrad auf seine Seite bringen wollte. Jetzt erinnerte sie Friedrich daran, dass ihm die Herrschaft und damit ein Großteil des Geldes zustand, das sie vereinnahmten. Es war etwa das Vierfache des deutschen Steueraufkommens; der Geldwert von mehr als 10.000 Kilogramm Silber. Doch als er mit einem Gutachten der Universität Bologna die Städte an seine Ansprüche erinnerte, ließ ihm eine sagen, dass sich niemand mehr daran erinnere.

1176

Die stolzen Bürger warfen die kaiserlichen Statthalter hinaus und verbündeten sich mit Papst Alexander. Dem wird vom Kaiser ein anderer entgegengestellt, drei weitere Gegenpäpste folgen, ein siebzehnjähriges Schisma steht bevor. Aus Trotz taufen die etwa zwanzig Städte des lombardischen Bundes ihre Festung zu Ehren des Papstes Alessandria. Friedrich kann Mailand besiegen, es wird zerstört, seine Bürger müssen sich in vier Dörfern ansiedeln. Nach einem Sieg über die Römer werden die Deutschen wieder einmal von einer Seuche dezimiert. Die letzten Städte fallen vom Kaiser ab, der über die Alpen entkommt. Auch der fünfte Italienzug misslingt. Der Kaiser braucht Hilfe. Nur „der Löwe“ kann sie heranführen. In Chiavenna am Comer See bittet der Kaiser seinen mächtigen Vetter darum. Der Löwe weiß, der Kaiser muss siegen. So erpresst er ihn. Er soll ihm die Reichsstadt Goslar, das reiche Zentrum des Silberbergbaus am Harz, überlassen. Auch dieser Kaiser muss erleben, dass starke Reichsfürsten das Reich ausbluten lassen. Sein Heer verblutet in der Schlacht von Legnano. Sechs Italien”reisen” waren nötig, um in Ober- und Mittelitalien die Zugehörigkeit zum Reich nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Nach heutigen Einsichten war die staufische Italienpolitik freilich ein Irrweg, weil sie Kräfte verschliss, die in der Heimat nötig gewesen wären. Aber: "Ein Verzicht auf Italien hätte in Deutschland helle Empörung ausgelöst und wäre von niemandem ... verstanden worden. Man kann sich aus den Zwängen einer langen Tradition nicht so einfach davonstehlen, auch wenn der spätere Betrachter gute Gründe für eine andere Politik entdecken mag."

1158

Über seinen Vetter Heinrich von Sachsen und Bayern hatte sich der Kaiser viele Klagen anhören müssen. Der hatte unterdessen kolonisiert, Städte gegründet und Macht und Reichtum gemehrt. Wie er es tat, dafür ist die Gründung Münchens ein Beispiel: Der Bischof von Freising erhob an der Isarbrücke bei Oberföhring Zoll. Über diese Brücke gingen auch die wertvollen Salzfuhren von Reichenhall und Berchtesgaden über Rosenheim und von hier nach Ingolstadt und nach Schwaben. Heinrich baute eine Stunde flussabwärts - wo heute die Ludwigsbrücke vor dem Deutschen Museum über die Isar führt - “bei den Munichen” seine Brücke. Das Klösterchen stand da, wo heute der alte Peter steht. Damit die Salzkarawanen auch ja nicht seine Brücke verfehlten, ließ er die des Bischofs niederbrennen. Seine neue Straße lief da, wo sie jetzt noch verläuft: Durch das Isartor über den Marienplatz Richtung Stachus. Bischof Otto beschwerte sich zwar bei seinem Neffen, dem Kaiser, doch der ließ dem Löwen um des Friedens willen seinen Raub. Er hatte nur ein Drittel des Brückenzolls nach Freising abzuführen. Diese Missetat, mit der sich Heinrich an Bischof Otto für dessen Wahlhilfe zugunsten Barbarossas rächte und die München zur Metropole, Freising aber zum Städtchen machte, sühnte München bis 1866 mit blanker Münze.

Da sich der Herzog - einige eilige Durchzüge abgezogen - nur dreimal einige Wochen in Bayern aufhielt, kann man sich vorstellen, was er in Sachsen zustandebrachte, wo er meist war. Unter anderem ging es auch dort um den Wirtschaftsfaktor Salz. Mit dem “weißen Gold” wurden nicht nur Speisen gesalzen, sondern mit dem damals einzigen Konservierungsmittel wurde Fleisch und Fisch in großen Mengen haltbar gemacht. Der Löwe konnte sein Salz nur nach Westen verhandeln. Nach Norden verschiffen konnte er es nicht. Der einzige Ostseehafen - Lübeck - gehörte Adolf von Holstein. Heinrich zwang ihn, ihm Stadt und Hafen je zur Hälfte zu überlassen. Auch sonst ließ er sich keinen Vorteil und keine Machtprobe entgehen: Mit den Dänen kriegte er und mit den Erzbischöfen von Magdeburg, Bremen und Köln und dem Markgrafen von Brandenburg schlug er sich herum. Bald war der mächtigste auch der gehassteste Mann im Reich. Wie Barbarossa in Italien, errang auch Heinrich im wendischen Osten nur halbe Siege. Pommern musste er dem Polenherzog als Lehen überlassen und in Mecklenburg musste er gar den Obotritenfürsten Pribislaw wieder einsetzen.  Dessen Nachfahren regierten dann bis 1918.

Nach dem Frieden mit Papst und Lombarden lud der Kaiser seinen anmaßenden Vetter vor Gericht. Lange hatte er ihn gedeckt. Ohne die kaiserliche Rückendeckung wäre dem Löwen seine Machtausweitung nach Osten nicht möglich gewesen. Nun war er durch seine Übermacht eine Reichsgefahr geworden.

1180, 1181

Wegen eines Streites des Löwen mit dem Bischof von Halberstadt und dem Erzbischof von Köln kam es auf Grund von Landfriedensbruch 1178 zum berühmtesten Polit-Prozess des deutschen Mittelalters. Der Löwe leistete keiner Ladung Folge. Wegen Rechtsverweigerung verfiel er der noch sühnbaren Acht76. Da er auch seine Vasallenpflichten verletzte, erkennt ihm ein lehensrechtliches Verfahren die Herzogtümer Sachsen und Bayern ab. Ein Jahr nach diesem Spruch erfolgt die Oberacht, die auch den Verlust der Eigenbesitze bedeutet. Der Löwe muss sich unterwerfen. Der Kaiser mildert das Urteil, er belässt ihm die Eigengüter Braunschweig und Lüneburg. Heinrich muss für drei Jahre an den Hof seines Schwiegervaters, des Königs von England, in die Normandie. Als er an Bardowiek, der Rivalin des von ihm geförderten Lüneburg, vorüberzieht, entbieten ihm die Bekämpften einen letzten Gruß. Den verlängerten Rücken blankgezogen, hocken sie auf der Mauer: eine Zinne, ein Hintern in alternierender Folge. Als Barbarossa und alle großen Feinde auf dem Kreuzzug waren, kam Heinrich zurück. Alle wehrhaften Männer ließ er niedermachen, die Stadt zerstören bis auf den Dom, auf den er einmeißeln ließ: “Vestigium leonis” - Die Spur des Löwen.

Über seine Länder war schon entschieden. Westfalen kam an Köln. Seitdem war der Erzbischof von Köln Herzog von Westfalen. Der Osten kam unter dem alten Namen Sachsen an den Askanier Bernhard von Anhalt, dessen Familie Aschersleben, latinisiert Ascarien, seinen Namen gab. Sie wird von den Wettinern beerbt werden. Auch Bayern wird geteilt: Die Steiermark wird selbständiges Herzogtum. Kroatien, Dalmatien und Meranien, ein Landstrich um Fiume - wird Herzogtum unter den Grafen von Andechs. Das übrige Bayern aber bekommt jener Pfalzgraf Otto von Wittelsbach, der das deutsche Heer aus der Veroneser Klausen-Klemme befreit hatte. Seine Nachfahren geboten von da an dem deutschen Südstaat bis 1918.

Deutschland schien unter dem alternden Kaiser ruhigeren Zeiten entgegenleben zu können. Da kam aus dem heiligen Land die Schreckensnachricht, der Türkensultan Saladin habe das Kreuzfahrerheer vernichtet. Akkon, Jaffa, Beirut waren von ihm erobert worden, schließlich auch Jerusalem. Der Himmel hatte die Bußübungen der Töchter der fränkischen Oberschicht nicht erhört: Sie hatten auf dem Kalvarienberg nackt öffentlich kalte Wannenbäder nehmen müssen, dabei war ihnen das Haar geschoren worden.

1190

Der Papst rief zum Kreuzzug auf, und wieder erfasste der Kreuzzugsgeist Europa. Der Kaiser fühlte sich verpflichtet, dem Reich die Führerschaft bei der Rückeroberung der heiligen Stätten zu sichern. Der nun schon 66-Jährige zog mit seinem Kontingent von Regensburg die Donau hinab; tägliche Marschgeschwindigkeit 25 bis 31 Kilometer. Herzog Leopold von Österreich, die Erzbischöfe von Köln und Bremen, der Landgraf von Thüringen und die Friesen nahmen den Seeweg. In Anatolien gab es Versorgungsschwierigkeiten und aufreibende Scharmützel. So kam man an den kleinen, aber reißenden Salef, der heute Göksu heißt. Der Kaiser ging nach dem Essen baden. Kurz darauf wurde seine Leiche ans Ufer geschwemmt. An der linken Seite der Straße Nr. 35 von Konya nach Silifke steht an der Todesstelle ein Gedenkstein.

Friedrich I. “gehörte zu den glückhaften Naturen, an deren Misserfolg man nicht glauben kann, da sie selbst nicht daran glauben können. Und so passt dieser Tod” im fernen Morgenland und sein kraftvolles Ende zu diesem Mann. Das Volk hat seinen Tod nicht glauben wollen. Mehrere falsche Barbarossi gingen um. Und in der Romantik verkörperte sich nationales Hoffen in der Sage vom Kaiser, der tief im Berg auf seine Stunde wartet, um sein Volk herrlichen Zeiten entgegenzuführen.

Jerusalem wurde nicht erreicht. Viele Ritter verkauften ihre Waffen gegen Essbares. Von Seuchen dezimierte Reste kamen nur vor die Seefestung Akkon im heutigen Israel. Der Kreuzzug war zu früh abgebrochen worden. Die Rivalität der Söhne Saladins hatte die islamische Macht so geschwächt, dass ein glücklicheres Ende möglich gewesen wäre.

1190

Trotzdem hat dieser dritte Kreuzzug die künftigen Geschehnisse stark beeinflusst: Im Lager vor Akkon gründeten deutsche Pilger eine Spitalgenossenschaft. Sie entwickelte sich zum Deutschen Ritterorden, der Ostpreußen und das Baltikum erobern wird.

Beim Einreiten in die ausgehungerte Stadt ließ der englische König Richard „Löwenherz“ das Banner des Österreich-Herzogs Leopold V., das auf einer Bastion wehte, um Besitz und Beute zu markieren, herrunterreißen. Da der Österreicher nach dem Tod des Kaisers Befehlshaber des deutschen Heeres war, war damit auch die Ehre des Reiches in den Dreck getreten.

1189

In der fernen Heimat regierte der Barbarossa-Sohn Heinrich VI.77 Er war das Gegenteil seines Vaters: dunkel, klein und unscheinbar. Auch ohne Charisma, vielmehr herrisch, heimtückisch und grausam, aber mit staatsmännischem Intellekt. Er war mit Konstanze, der Erbin des unteritalienisch-sizilischen Normannenreiches verheiratet.

Als Heinrich der Löwe vom Tod Barbarossas hörte, kam er unter Bruch seines Eides aus der Verbannung zurück. Der Reichskrieg gegen den permanenten Gewalttäter kam aber nicht recht in Gang, denn Ende 1189 starb König Wilhelm von Sizilien kinderlos. Waren Erbaussichten der Kaisergemahlin Konstanze bei der Hochzeit kaum wahrscheinlich gewesen, so boten sich jetzt für Heinrich VI. und sein Reich epochale Möglichkeiten. Es winkte eine Herrschaftserweiterung um ein reiches, gut verwaltetes, strategisch wichtiges Gebiet. Mit diesem Besitz würde der König ein starkes Übergewicht über die deutschen Fürsten und die anderen europäischen Könige bekommen. Und den Papst würde er von beiden Seiten in die Zange nehmen können.

Um das zu verhindern, ließ er den Halbbruder Wilhelms von Sizilien, Tankred von Lecce, zum sizilischen König krönen. Heinrich wurde zwar zum Kaiser gekrönt, doch sein Griff nach Sizilien misslang fürs erste. In Norddeutschland bildete sich eine Fürstenopposition. Sie nahm Kontakt zu den Welfen auf, hatte Rückhalt beim Papst, bei Sizilien und England. Die Kaiserpartei war auf seinen Bruder, den Herzog von Schwaben, und auf Herzog Leopold von Österreich zusammengeschmolzen. Allein die Reichsministerialen standen treu zu Heinrich. Der in sich widersprüchliche Stand - persönlich unfrei, aber mit adeligen Tätigkeitsmerkmalen - trat jetzt als Machtfaktor auf. Sie waren auch die Bannerträger der staufisch-deutschen Sache in Italien. Ein Prototyp ist Markward von Annweiler aus dem Städtchen, das den Zugang zur Reichsburg Trifels sicherte: Erzieher Heinrichs VI., Reichstruchsess, kaiserlicher Diplomat und Feldherr, Graf der Abruzzen und von Molise, schließlich sogar Herzog der Romagna und von Ravenna sowie Reichsregent in Sizilien. Ein anderer war Heinrich von Kalden oder Kalentin - später nannte sich die Familie Pappenheim - klug, aber jähzornig: “   ein stolzer Mann, denn er hatte den König erzogen.” Er führte eine Gesandtschaft nach Konstantinopel, organisierte den Kreuzzug von 1188, kämpfte in Palästina, eroberte Syrakus und Palermo. Dort eroberte er den Normannenschatz, die Ansammlung des Raubgutes von den Mittelmeerküsten, der mit 160 Packpferden weggeschafft wurde. Der erbeutete seidene Krönungsmantel der Normannen wurde Krönungsmantel der Kaiser.

Jetzt aber schien die Stellung des Kaisers kaum mehr haltbar. Da rettete ihn ein Zufall: Richard Löwenherz78, der König von England, fiel in seine Hand. Als Herzog der Normandie und Herr großer Teile Frankreichs war er auch Lehensmann des Königs von Frankreich. Die Feindschaft der beiden eskalierte, als Philipp August von Frankreich nach seiner Normandie griff. Der Kaiser erklärte Richard zum Reichsfeind nicht nur, weil Löwenherz die welfische Verwandtschaft stützte, sondern auch, weil er der Verbündete des sizilischen Königs war, der dem Kaiser das Erbe seiner Frau weggenommen hatte. Der Kaiser und der mit ihm verbündete französische König vereinbarten die Gefangennahme des vom Kreuzzug heimkehrenden Engländers. Richard landete am nördlichsten Punkt der Adria, in oder bei Aquileja und zog, als Mönch verkleidet, nach Norden.

Der mehr als stolze König kam nur bis Erding bei Wien. Dort fiel sein Knecht beim Einkaufen mit den wertvollen Goldsolidi auf. Im Flur des Hauses Erdbergerstraße 41, im 3. Bezirk, kündet eine Tafel davon: “An dieser Stelle stand das Jägerhaus (Rüdenhaus), in welchem im Jahre 1192 Richard I., König von England, durch Leopold von Österreich gefangengenommen und nach Schloss Dürnstein an der Donau gebracht wurde.” Die neue Burg war für den prominenten Gefangenen repräsentativ genug. Im Frühjahr kam er in kaiserliche Haft auf den Trifels in der Pfalz, in die Haupt-Reichsburg, die mit den Burgen Münz und Anebos ein so sicheres Festungsdreieck bildete, dass sie für die Reichskleinodien und höchste Staatsgefangene und bald auch für den Normannenschatz gut war, den Heinrich hierher bringen lassen wird.

Richards Feinde zahlten dem Kaiser erhebliche Summen, damit er den Engländer noch lange gefangen hielte. Der musste fürchten, an seinen französischen Todfeind ausgeliefert zu werden. So konnte ihm der Kaiser ein gewaltiges Lösegeld abpressen: 150.000 “Kölner Mark Silbers”. Das waren 35.000 Kilogramm Silber, heute nur etwa 5 Millionen Euro wert, damals das Fünffache der Jahreseinnahmen Englands, zu dem auch halb Frankreich gehörte. Dafür presste die Verwaltung den Untertanen aberwitzige Steuern ab. Jeder Sarg, jedes Grab wurde besteuert, Kirchenschätze eingeschmolzen, die Zisterzienser mussten den Jahres-Ertrag der Schafschur abliefern. Klar, dass die Deutschen in England eine schlechte Presse hatten: “O ungeschlachtes Land, o rohes Volk! Immer hast Du Männer geboren mit großen Körpern, aber kleinen Tugenden ...” Die Troubadour-Freunde des Königs sangen dieses Lied vom hässlichen Deutschen in jeder Burg.

Der Kaiser finanzierte mit seiner Hälfte den bevorstehenden Sizilien-Feldzug. Österreich hatte seine erste Gründerzeit, denn der Herzog gründete mit seinem Drittel Wiener Neustadt und andere Städte, befestigte Hainburg und Enns und verstärkte die Befestigungen seiner Residenz Wien. Damals wurde auch das Kirchlein Sankt Stephan in die Stadtmauern einbezogen.

Löwenherz kam erst frei, nachdem er sein England vom Kaiser als Lehen genommen hatte, also formal Vasall des Kaisers geworden war. Dass der ihn laufen ließ, machte den Franzosenkönig sauer, weil Richard für ihn eine ständige Bedrohung war. Solange sich aber die beiden gegenseitig schwächten, war Kaiser Heinrich stark. Um den französischen Philipp zu besänftigen, wollte der Kaiser seine Base, die Erbtochter des Pfalzgrafen bei Rhein, mit ihm verheiraten. Beinahe hätte schon damals Frankreich die Grenze am Rhein erreicht. Doch die Liebe rettete Deutschlands Strom davor, Deutschlands Grenze zu werden: Heinrich „der Lange“ von Braunschweig, ein Sohn des Löwen, soll 1194 im rheinumspülten Pfalzgrafenstein bei Kaub Agnes und die Pfalz gewonnen haben.79 Fortan sollten ihn die Pfalzgräfinnen bewohnen müssen, wenn sie sich in anderen Umständen befanden - “als das Reich”, ergänzte ein Spötter, “nämlich in gesegneten”.

Jetzt gelang Kaiser Heinrich die Eroberung von Sizilien und Unteritalien. Der Schwerpunkt der Kaisermacht verlagerte sich nach Süditalien, denn es war reich, Deutschland noch hinterwäldlerisch. Um es zu beherrschen, setzte Heinrich seine schwäbischen und fränkischen Ministerialen ins Land. Er vergab die Mark Ancona und das Herzogtum Romagna an Markward von Annweiler, die Toskana an seinen Bruder Philipp. Als die einheimischen Großen revoltierten, machte der Henker Überstunden. Die Familie Tankreds, des vom Papst gegen Heinrich eingesetzten Königs, wurde deportiert, der Thronanwärter entmannt und geblendet. Er verdämmerte sein junges Leben auf Burg Hohenems am jungen Rhein.

Was die Karolinger und die Ottonen trotz großer Anstrengungen nicht geschafft hatten, war Heinrich VI. gelungen: die Vereinigung Italiens mit Deutschland. Macht fasziniert: Der Kalif von Tunis und Tripolis zahlte Tribut, das goldene Byzanz versprach eine jährliche “Alemannensteuer” von 16 Zentnern Gold. Die Könige von Zypern und von  Kilikien80 nahmen ihre Reiche vom Kaiser als Lehen! Zur Herrschaft über die damalige Welt fehlte nur noch Jerusalem. Nicht nur wegen der heiligen Stätten war Kaiser Rotbart ins Heilige Land gezogen. Noch weniger nahm nun der Sohn deswegen das Kreuz. Es war vielmehr der Glaube, dass der, der in Jerusalem einzieht, der „Endkaiser“ sei, der die Menschheit ins Paradies führen würde.

1197

Im Aufbruch zum Kreuzzug starb Kaiser Heinrich mit 32 Jahren in Messina - an der Malaria, wie Historiker behaupten, mit Arsenik vergiftet, wie ein Toxikologe bewies. Ein Chronist schildert die Hintergründe: “Es hat aber Keyser HEINRICH weil sein Gemahl alt war / seinen Ehebund übel gehalten / allenthalben Hurerey und Ehebruch getrieben / und damit der alten und auch geilen CONSTANTIAE (sie, die Tochter ROGERS von Sizilien und Apulien, war schon 50 Jahre alt, als er sie heirathete) Ursach geben sich an einen Sicilischen Herrn zu hengen / und aus anstifftung ihrer Landsleute der Sicilier / ihrem Ehegemahl Gifft bey zu bringen / weil er viel ihrer Vettern getödtet / und mit den Siciliern gar grausam umb gangen war.”

Dem Kaiser war in der Todesstunde klar, dass er Reich, Kaisertum und Sizilien seinem Söhnchen nur durch äußerstes Entgegenkommen erhalten konnte. Markward von Annweiler sollte daher die päpstliche Lehenshoheit  anerkennen und die mathildischen Güter herausgeben. Doch die Herrschaft der Deutschen wurde von einer Springflut des Hasses weggespült. Der Kaiserbruder Philipp, Herzog von Schwaben und Tuszien, konnte nicht einmal mehr seinen Neffen Friedrich zur Königskrönung nach Aachen holen. Er musste froh sein, dass er selbst heil über die Alpen entkam. Daher wuchs der Staufererbe nicht im Lande seiner Väter auf, sondern in wesensfremder Umgebung. Wäre der Onkel nur wenige Tage früher gekommen, wäre die Geschichte anders verlaufen.

Nach dem Tod seiner Mutter übernahm der Papst als Vormund die Regentschaft über Unteritalien-Sizilien bis zur Mündigkeit Friedrichs. Innozenz III. erweiterte den zusammengeschmolzenen Kirchenstaat zu einem mittelitalienischen Landgürtel, der Reichsitalien von Unteritalien trennte. Die staufische Umklammerung  war gesprengt.

1198

In Deutschland brach der staufisch-welfische Gegensatz wieder auf. Die Thronanwärter waren beide nicht da: Klein-Friedrich, das “chint von pulle”81, spielte in Palermo und der älteste Sohn Heinrichs des Löwen war auf dem Kreuzzug. So wählte die staufische Mehrheit den Kaiserbruder Philipp82 zum deutschen König. Die Welfenpartei wählte Otto, den zweiten Sohn des Löwen, Graf von Poitou, Herzog von Aquitanien, der am Hof seines Onkels Richard Löwenherz in der Normandie aufgewachsen war. Beide waren um die zwanzig. Philipp, gebildet, zart, höfisch-edel, nach Walther von der Vogelweide ein “süßer junger Mann”. Der Welfe ist aus gröberem Korn. Man munkelte, er wolle die Bordelle verstaatlichen. Er war von England abhängig, war auch zunächst der Mann des Papstes. Er versprach, auf die Kaiserrechte in Mittel- und Süditalien zu verzichten. Wieder Aufruhr, Bürgerkrieg, Elend.

1208, 1209

Philipps Macht wuchs, der Papst löste ihn vom Bann. Doch als der Sieg bevorstand, wurde er in Bamberg vom bayerischen Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach ermordet. Der Reichsmarschall Kalentin-Pappenheim, der für die Sicherheit des Königs verantwortlich war, hieb dem Wittelsbacher dafür am Donauufer von Abbach den Kopf ab. Philipp war ein Opfer seiner Entspannungspolitik geworden. Eine Tochter des Staufers sollte den welfischen Otto heiraten, der für seinen Thronverzicht das Herzogtum Schwaben bekommen würde. Eine andere Tochter sollte durch die Ehe mit einem Neffen den Papst besänftigen. Sie würde die Toskana, Spoleto und die Mark Ancona mitbringen. Doch diese Tochter war bereits dem Wittelsbacher versprochen gewesen. Der fühlte sich gekränkt und schlug zu.

Otto der Welfe war durch das “Gottesurteil”, so der Papst, gerettet. Innozenz krönte ihn als Otto IV.83 zum Kaiser. Damit hatten die Welfen endlich die höchste Sprosse der abendländischen Hierarchieleiter erklommen. Sie stammten aus der Gegend um Metz. Schon Mitte des achten Jahrhunderts wurden sie nach Oberschwaben versetzt. 819 sind sie bereits so mächtig, dass Kaiser Ludwig der Fromme sich mit einer von ihnen beweibt. Sie wird die Stammutter der ost- und westfränkischen Karolinger.

1211

Zum Entsetzen des Papstes setzt der welfische Kaiser die staufische Politik fort. Unter Bruch aller Eide -”er spuckte auf den Vertrag” - marschierte er nach Italien. Selbst der päpstliche Bann hielt ihn nicht ab, Italien bis zur Stiefelspitze zu erobern. Als er sich sogar zur Eroberung Siziliens aufmachte, entschloss sich Innozenz zu einer Verzweiflungstat: Er verhalf dem Stauferspross Friedrich84 von Sizilien-Apulien zur deutschen Krone. Staufische Parteigänger wählen ihn in Nürnberg, um dem Welfen einen Rivalen entgegenzustellen.

Dass für den „Sizilianer”, wie ihn die fürstlichen Wähler nennen, das Land seiner Väter nur ein vager Begriff ist, ist ihnen recht. Noch besser ist, dass Sizilien sehr weit weg ist. Der kaiserliche Knabe ist kein Deutscher. Er wuchs in der griechisch-islamisch-normannisch-italienischen Mischkultur Siziliens auf, ein Waisenkind, “das illusionslos früh reift”, weil es nur von Höflingen und Intriganten umgeben ist. Religiös “aufgeklärt”, ein ideen- und trickreicher Rationalist, auch ein hochfahrend-grausamer Tyrann, der alles dem absoluten Staat unterordnet. Fast göttliche Verehrung war ihm entgegenzubringen, Fußfall und Fußkuss eingeschlossen. Massenumsiedlungen und Völkermord gehörten zu seinem System. Er muss ein Magier der Macht gewesen sein. Als seine Mutter seine Geburt erwartete, ließ sie auf dem Marktplatz von Jesi in der Mark Ancona ein Zelt errichten, in das jede Frau hineindurfte, um zu sehen, dass ihr Kind der rechtmäßige Erbe sei. Die ältliche Konstanze hatte nämlich lange vergeblich auf Kinder gewartet. Umsonst: Seine Feinde behaupteten, Friedrich sei der Sohn des Metzgers von Jesi.

Der Knabe Friedrich nahm gegen den Widerstand der sizilischen Großen die Kaiserwahl an. Sein Rivale Otto brach daher seine Zelte in Kalabrien ab, um sich Deutschland zu sichern. Friedrich schlich sich mit nur wenigen Begleitern zum Papst, denn ganz Italien war in Ottos Hand. Zu Schiff kam er nach Genua. In Verona erfuhr er, dass er nicht über den Brenner könne. Wie er von Trient über die Alpen nach Chur kam, weiß niemand. Erst hier bekommt er vom Bischof ein kleines Gefolge. Vor Konstanz entscheidet sich dann das ziemlich dilettantische Unternehmen. Sein Gegner Otto will gerade von Überlingen übersetzen, um sich die Stadt zu sichern und ihn zu fangen. Doch der päpstliche Legat erneuerte flink den Bann. Der Bischof von Konstanz ließ den Welfenkaiser daher nicht in die Stadt. Er zieht über den Schwarzwald nach Breisach: “Er hatte aber leichtfertige Ritter ... bei sich, die ... mit den Frauen, Töchtern und Mägden ihrer Wirte intimen Verkehr pflegten ..., gleich, ob jene freiwillig oder gezwungen mittaten.” Die Alemannen waren dieser Art Gruppensex abgeneigt. Sie erschlugen die Lüstlinge. Der Kaiser floh in der Nacht über den Rhein.

1218

Trotz des päpstlichen Banns gegen den Rivalen, des guten Andenkens an den Großvater und des französischen Geldes, mit dem Friedrich die schwankenden Fürsten kaufte, hätte die deutsche Teilung - Süddeutschland staufisch, Norddeutschland welfisch - angedauert, wäre nicht die deutsche Politik durch  die englisch-französische Konfrontation mitentschieden worden. Der Welfe Otto war der Neffe und Verbündete des englischen Königs, der Staufer mit dessen Gegner, dem französischen König, verbündet. Der vernichtete östlich von Lille, bei Bouvines, das englisch-welfische Heer. Die erbeutete Kaiseradler-Standarte des Welfen schickte er dem Staufer. Bald darauf starb Otto. Das klein gewordene Welfen-Erbe kam an seinen Neffen, dessen Nachfahren es bis 1866 in Hannover und bis 1918 in Braunschweig regierten. Die Pfalzgrafschaft am Rhein, aus der sich die Rheinpfalz entwickelte, war  an einen stauferfreundlichen Wittelsbacher gegeben worden.

Nun verlangte der Papst seinen Tribut. Friedrich gab der Kirche in Deutschland, zu dem er kaum geistige Bindungen hatte, die “Freiheit”; er verzichtete auf den kaiserlichen Einfluss bei den Bischofs- und Abtswahlen. Die stärkste Stütze des deutschen Königtums war damit verschenkt. Der Kaiser bestätigte den Bischöfen und den Fürsten  ihre Landeshoheit. Jeder hatte ab jetzt in seinem Territorium die Gerichts-, Geleit- und Befestigungsrechte, dazu Münze, Zoll und die Steuer. Bei seiner Stange halten konnte er sie jedoch damit nicht. Das Königtum büßte in Deutschland seine Herrschaft ein, außerdeutsche Kaiserpolitik war nicht mehr zu machen. Das Machtmonopol wird bis zum Ende des Reiches ausschließlich auf der Ebene des Territorialfürstentums bleiben. Frankreich dagegen macht sich auf den Weg zum Zentralstaat.

Kaiser Friedrich ging nach Hause, nach Sizilien, um sein dortiges Königreich einzurichten. Er schuf eine Tyrannei, in der der Beamte, auf der Staatsuniversität Neapel ausgebildet, allein dem Staatsinteresse zu dienen hatte. Um unbestechlich zu bleiben, durfte er keine Frau aus seinem Dienstbezirk nehmen und keinen Besitz erwerben. Die Polizei bestand aus Sarazenen, die nicht vom Bann des Papstes zu treffen waren und die die Sprache der Unterdrückten nicht verstanden. Die Burgen des Hochadels und seine Verschwörungen bricht Friedrich mit kleinen Rittern. Dann setzt er seine Zwingburgen ins Land. Bald ist er der bestgehasste Mann Italiens, “der Verwandler”, aber auch “der Schrecken der Welt”. Seine Söhne sind für den Papst und bald auch für die Italiener “die Vipernbrut”, die zertreten werden muss.

1220

Mit Brutalität und Geschick hatte Friedrich II. das Erbe seines Vaters wiedervereinigt. Der Papst war erneut im territorialen Schwitzkasten. Friedrich sah den Schwerpunkt seines Reiches in seinem Sizilien. Das “männerreiche Germanien” war für ihn nur die Fußbank zur Erlangung der Kaiserkrone, die das deutsche Königtum überhöhte. Deshalb schickte er seinen Sohn Heinrich nach Deutschland, das zu einem Nebenland des Imperiums abgesunken ist. Da der Vater die Fürsten mit dem Landesherren-Privileg bestochen hatte, wird er zum König gewählt. Er ist in unseren Geschichtsbüchern nicht Heinrich VII., sondern nur Heinrich (VII.)85; die Klammern setzte der Macht-Vorbehalt des Vaters. Der Sohn stützte sich auf die fortschrittlichen Ministerialen, er erkannte die Bedeutung der aufstrebenden Städte mit ihrem Bürgertum. Von den Mächtigen wurde der junge König gerüffelt, er muss Rechte aufgeben, die Städter dürfen sich nicht organisieren, weder in ihrer Stadt, noch in Städtebünden. Sie dürfen auch keine Untertanen von Fürsten als “Pfahlbürger”86 aufnehmen, denn die Untertanen waren das Kapital der Landesherrn.- Der Kaiser will nach Deutschland kommen. Das treibt den Sohn in die Rebellion. Er versucht ein Bündnis mit den Lombarden, die der Vater gerade wieder bekriegt. Damit begeht er Hochverrat.

Ohne Heer zog Friedrich über die Steiermark und Bayern an den Rhein. Den deutschen Hinterwäldlern imponierte er mit Elefanten, Kamelen, Papageien, Affen und Raubtieren, die von Mohren an der Kette geführt werden. Der Gauklertrick lässt alle das Knie beugen, auch Sohn Heinrich, der in Wimpfen um Gnade bittet. Als er nach sieben Jahren Haft in eine andere Burg verlegt wurde, stürzte er sich in eine Schlucht.

Die Zeit Friedrichs II. war Vollendung und zugleich Abenddämmerung des “ritterlichen Mittelalters”. Aufgewachsen in der süditalienisch-arabischen Mischkultur, waren ihm die geistig-religiösen Strömungen Mitteleuropas fremd. Die Amtskirche und ihre Prälaten sahen sich von der unmittelbaren Gotteserfahrung bedroht, die zur urchristlichen Armut und Demut zurück wollte, wie sie die Bettelmönchorden vorlebten. Die “kleinen Brüder”87 des Franziskus von Assisi88

erschreckten die hofhaltenden Kirchenfürsten. Der Papst schuf sich mit dem Dominikanerorden eine Polizeitruppe, um gegen mystische und sozialrevolutionäre “Ketzer”89 durchzugreifen. Mit der “Inquisition”90 hatte er eine Waffe gegen innerkirchliche Abweichungstendenzen, die in ganz Europa die Scheiterhaufen lodern lassen wird. Besonders beunruhigte die hohe Geistlichkeit, dass der neue Glaubensenthusiasmus auch von Frauen getragen wurde durch neue Nonnenorden und auch durch das religiös-tätige Engagement adeliger Damen, wie der Heiligen Elisabeth von Thüringen91.

Der geistige Umbruch zeigte sich auch im Wirken des großen Albert von Bollstädt und seines Schülers Thomas von Aquin, sowie im neuen Kirchenbaustil. Der neue Stil kam aus Frankreich. Die Ursachen waren zunächst mechanische. Die Zunahme der Gläubigen verlangte mehr Platz. Der neue Spitzbogen erlaubte höhere Kirchen und höhere Kirchtürme, die die Ehre Gottes sichtbar erhöhten, er erlaubte auch die Erhellung des Chores durch mehr und hohe Fenster, die das, was dort geschah, beleuchteten. Die dort in Gottesnähe versammelte Geistlichkeit grenzte sich vom Kirchenvolk durch den Lettner92 ab, wie sich auch die Mönche durch die jeweils andere Mönchskutte von einander abgrenzten. Und während bisher dem unwissenden Volk außer der Predigt das Heilsgeschehen nur durch Wandmalereien verklart worden war, kam man jetzt zu figürlichen Darstellungen. Von Lettnern, Säulen, Portalen und Türmen schauten Apostel, Heilige und Stifter herab, höllisches Wurmzeug mit Füßen tretend. Wasserspeier wurden zu Dämonen und Teufelsfratzen ausgeformt. Die Mittelmeervölker sollen darin nordische Barbarei erblickt haben, die sie schaudern ließ. Für sie war dieser Stil daher “gotisch”, barbarisch. Die erste Kirche dieses Stils ist die über dem Grab der „franziskanischen“ Dienerin, der heiligen Elisabeth, in Marburg.

1227

Von Norddeutschland waren wichtige Aktivitäten ausgegangen: Wie damals viele andere Städte war Lübeck 1226 reichsunmittelbar geworden. Im Jahr darauf wurde der Dänenkönig bei Bornhöved besiegt. Der Aufstieg Dänemarks zur Ostseemacht wurde damit verhindert. In diese Rolle wuchs der Deutsche (Ritter-) Orden hinein, der vom Herzog von Masowien zur Schwertmission ins Land der heidnischen Pruzzen gerufen worden war. Die wilden Preußen hatten das “Kulmer Land”, die Weichselebene von Thorn bis Danzig, erobert. Der Herzog hatte zu befürchten, dass sie von hier, dem Westen seines Herzogtums, sein Land bedrohen würden. Also verzichtete er auf die sowieso verlorene Provinz zugunsten der frommen Ritter.

Sie waren zuerst nur fromme Krankenpfleger gewesen. Die französischen Templer und die Johanniter hatten damals vor Akkon nur mitleidig auf sie hinuntergeschaut. Als Hermann von Salza Hochmeister des Ordens wurde, wollte er ein Auge dafür geben, wenn der Orden noch zu seinen Lebzeiten zehn Brüder ausrüsten könne. Bei seinem Tod sollen es zweitausend gewesen sein. Die Ordensbrüder - Ritter und Mönch in einem - waren adelig. Sie gelobten Keuschheit, Gehorsam und Mittellosigkeit, viermal bei Tag und viermal bei Nacht war Chorgebet. Doch während den Mönchen das Waffenhandwerk verboten war, die Klöster deshalb einen Vogt zu ihrem Schutz brauchten, waren die Ordensritter wehrhaft. Während der Kreuzzüge saßen die Ritterorden in Palästina. Dem Deutschen Orden war dann vom ungarischen König an seiner Ostgrenze Land überlassen worden. Der Orden sollte es vor wilden Balkan- und Steppenvölkern schützen. Er baute deshalb sieben Burgen - daher der Landesname Siebenbürgen - und rief deutsche Siedler ins Land. Außerdem sollte der Orden dem König gegen seine Stände helfen. Beides gab Ärger. Der Kaiser betraute deshalb den Orden 1226 mit der “Unterwerfung und Bekehrung” der Pruzzen.

Der Orden unterwirft die slawischen Pruzzen, sein Staat wird als Preußen deutsche Vormacht werden. Dieser Staat, der unter dem Kreuzfahrerkreuz zu existieren beginnt, endet unter dem davon kopierten Eisernen Kreuz. Der Werkstoff war Symbol; er war immer ein kriegerischer Staat. Er wurde schließlich zum Vorkämpfer des Protestantismus und auch zum Ärgernis Deutschlands.

Der Orden machte das Land urbar und ließ deutsche Siedler kommen. Wo Widerstand kam, brach man ihn. Das Ausleben eines archaischen Feudalismus geriet streckenweise grausam, weil sich der Stolz des Ritters, der ohne weibliche Wärme in den weltfernen Einöden wohl ein Sensibilitätsdefizit erlitt, mit mönchischer Entwurzelung und intellektueller Überheblichkeit addierte. Die Heiden “haben sich dem Glauben und den Brüdern zu unterwerfen.” Der Papst schickte Strafgefangene und eine Bulle, die jedem Rechtsbrecher Straffreiheit zusicherte - eine frühe Fremdenlegion. Zweimal im Jahr lud der Orden zur “Litauer Reise” ein. Dort konnte jeder, der tüchtig dreinschlagen wollte, sein Kreuzzugsgelübde erfüllen. Der prominenteste “Preußenfahrer” war Ottokar von Böhmen. An der Pregelmündung ließ er eine Burg bauen. Er schenkte sie dem Orden, der sie zum Dank nach dem König Königsberg nannte. Heute heißt die westlichste Stadt Russlands Kaliningrad.

Die Slawen waren durch solchen Christeneifer wieder zu Sklaven geworden, denn diese “Heerfahrten” waren zum Kriegssport und zum Treibjagdvergnügen entartet. Wenn “Gott uns Christen das Glück schenkte, dass wir auf Heiden stießen, so jagten wir ritterlich, machten Gefangene, stachen und stießen zu. Es war eine lustige Zeit.”

Dabei ließen sich auch gute Geschäfte machen, die “Herren von Preußen” wurden die größten Geldverleiher in Mitteleuropa. Der Reichtum des Ordens beruhte nicht nur auf der “ehrbaren Kaufmannschaft” und landwirtschaftlichen und gewerblichen Erträgen, sondern auch auf dem Sklavenhandel mit den Gefangenen, selbst mit Kindern. Der Erzbergbau im Martelltal im Südtiroler Vintschgau wurde beispielsweise mit diesen Ärmsten betrieben. Sie kosteten wenig, konnten in enge Stollen, brauchten fast nichts zum Leben. Was machte es, wenn sie der Berg behielt.

Durch Einbürgerung von Deutschen wird das Kulmer Land zwischen Weichsel und Memel zum Herzogtum Preußen. Und im hohen Norden zwischen Düna und finnischem Meer wartet das Land der Letten und Esten auf Bekehrung. Anfangs des 14. Jahrhunderts ist so ein zweites Ordensland entstanden. Der Orden kann dem Kaiser berichten, dass “diese Lande durch den Orden mit großen Opfern an Leib und Gut und Blutvergießen zu unserem Glauben und in unsere deutsche Sprache gebracht” wurden, “so dass es in etlichen Historien Nova Germania genannt wurde, das ist: Neu Deutschland.” In Schlesien riefen die polnischen Herzöge wie auch der König von Böhmen die Deutschen als Entwicklungshelfer. Die Starthilfe, die man ihnen in Form von Siedelland und größeren Rechten gab, verzinste sich beispiellos.

1241

Fünftausend Kilometer östlich der Länder, von denen das Abendland wusste, hatte Dschingis-Khan93 das größte Reich der Erde geschaffen. Er wurde nicht nur zum größten Eroberer, weil er der größte Völkerschlächter war, sondern weil beides durch seine Kriegstaktik möglich wurde: Unheimlich große Reitermassen “operierten” blitzschnell nach präziser Planung und vorheriger Ausspähung des Gegners. Die Armeen marschierten getrennt und schlugen vereint. Das Entsetzen, das die Völker bei ihrem Nahen befiel, gehörte zur psychologischen Kriegführung. “Tataren”94 nannte man sie. Schauer-Nachrichten heißen seitdem Tataren-Botschaften. 1236 traten 150.000 Mann unter “Feldmarschall” Batu zur Eroberung Europas an. Sein dicker „Generalstabschef” Subutai, der auf einem Streitwagen gefahren werden musste, hatte dafür achtzehn Jahre vorgesehen. Im Handstreich vernichteten die Mongolen Kiew, die wichtigste Stadt Südrusslands, schlugen drei polnische Heere, äscherten Ende März 1241 Krakau und wenig später Breslau ein und standen am 8. April vor Liegnitz in Niederschlesien. Der Piastenherzog Heinrich II., der Sohn der heiligen Hedwig, hatte sogar Bergknappen aus Goldberg aufgeboten. Er verließ die Stadt, weil er sein Heer mit dem seines Schwagers, des Königs von Böhmen, vereinigen wollte. Kurz darauf existierte es nicht mehr. Die Mongolen schnitten jedem Toten ein Ohr ab - Liegnitz, die “Tausendohrenschlacht”. Zwei Tage danach wird das Heer des Ungarnkönigs Bela vernichtet. Am 11. April hat eine Armee die deutschen Kolonisten Siebenbürgens geschlagen. Von Litauen bis zur Walachei gehört ganz Osteuropa den Mongolen - in einem einzigen Monat erobert und verwüstet.

Jetzt würde die Entscheidungsschlacht kommen, nach der die Eingliederung Mitteleuropas in das Reich des Großkhans anstand. Aufklärungsabteilungen schweiften auch schon um Wien. Doch die Heere des Reichsverwesers Konrad, des Böhmenkönigs Wenzel und des österreichischen Herzogs hatten umsonst gezittert. Die Mongolen waren verschwunden. Eilkuriere hatten gemeldet, der Kha-Khan Ogudai - ebenfalls ein Kaiser mit Weltherrschaftsanspruch, denn der Titel bedeutete Herrscher über andere Herrscher - sei im fernen Karakorum gestorben und das Heer habe zurückzukehren, um einen neuen Kha-Khan zu wählen.

Kaiser Friedrich wusste von alledem nichts. Sein Heer kämpfte in der Lombardei. Erst in letzter Minute hatte er ganze 4.000 Ritter und das dazugehörige Fußvolk geschickt. Er kam sich wohl sehr witzig vor, als er dem Großkhan schrieb, dass er sich natürlich nicht unterwerfen könne, doch wenn er einen Rat in Sachen Falkenjagd brauche, könne er auf ihn zukommen. Darin war Friedrich tatsächlich Experte. Sein Buch “Über die Kunst mit Vögeln zu jagen” ist bis heute immer wieder aufgelegt worden.

Der Gedanke an die drohende Entscheidungsschlacht vor Wien stimmt nachdenklich. Sicher ist, dass uns nicht nur die Mongolenfalte95 einen anderen Blickwinkel aufgezwungen haben würde. Nur der Zufall - nämlich der zeitgerechte Tod des Großkhans Ogudai - ersparte uns diese Art Mongolismus.

Im Vergleich dazu sind die anderen Vorkommnisse in Europa nachrangig. Für Friedrich II. hatte der Ausbau seines Königreiches Sizilien und die Rückgewinnung aller Reichsrechte und Reichsgebiete in Italien Priorität. Das ging vor allem gegen die Lombardei. Die Städte erneuerten auch prompt ihren Bund. Für Rom steigerte sich die neuerliche kaiserliche Umklammerung zur Überlebensfrage. Um den Papst zu beruhigen, hatte ihm der Kaiser einen Kreuzzug versprochen. Sicher war ihm auch selbst daran gelegen, Jerusalem an sich zu bringen. Der Besitz der heiligen Stätten galt nämlich als Vollendung der Weltherrschaft. Der “Endkaiser”, der in Jerusalem einreiten würde, würde unter seinem Zepter Orient und Okzident vereinen und die Welt in das Paradies führen. Auch wenn er daran nicht geglaubt hat, war er sich des ideologischen Wertes bewusst, den ihm Jerusalem bringen würde. Die Krone des Königreiches Jerusalem hatte er sich bereits gesichert, er hatte die Erbin geheiratet. Zwei Jahre danach ging das Heer von Brindisi aus in See. Der Kaiser erkrankte jedoch und musste zurück. Das lieferte dem Papst den Vorwand, ihn wegen Bruchs seines Kreuzzugsgelübdes zu bannen. Ein Jahr später fuhr Friedrich seinem Heer nach, obwohl ein Gebannter einen Kreuzzug gar nicht unternehmen durfte. Er ließ einen Papst zurück, der vor Wut kochte, eine Lombardei, in der es brodelte, und sein Sizilien, in dem es wieder kriselte.

Der Erfolg des Kreuzzuges war ein Lehrstück in Kabinettspolitik. Der Kaiser sprach arabisch, er konnte es auch mit dem Sultan. Der überließ ihm die heiligen Stätten und Bethlehem mit einem Korridor zur Küste auf zehn Jahre. Ohne einen einzigen Toten hatte der Kaiser einen größeren Erfolg erzielt, als ihn ein kriegerischer Kreuzzug hätte bringen können - “Staufertrick, Stauferglück”. Seinen muslimischen Verhandlungspartnern verdanken wir eine realistische Beschreibung des Kaisers: Glatzköpfig und kurzsichtig. “Auf dem Sklavenmarkt wäre er keine zwanzig Dirham96 wert gewesen.”

Da er als Gebannter weder Gottesdienste besuchen noch gekrönt werden konnte, setzte er sich die Krone von Jerusalem selbst auf. Als er zur Einschiffung reitet, verfolgt ihn der vom Hass des Papstes vergiftete Pöbel. Die Metzger werfen ihm stinkende Gedärme nach. Zu Hause hatte der Papst verbreiten lassen, er sei tot. Die von ihm Abgefallenen traf seine Rache. Er wird zum Despoten, der niemandem mehr traut. Der Kampf mit Papst und Lombarden geht weiter. In seiner einzigen großen Feldschlacht kann er zwar das Lombardenheer vernichten, doch sie bringt keine Entscheidung.

Als der Papst ein Konzil abhalten will, fängt Friedrich die Flotte mit Kardinälen und Bischöfen ab. Von ihren Besatzungen und Dienern wird die Hälfte ersäuft, die andere in die Sklaverei verkauft. Die Beute verwetten die Matrosen, indem sie ihre Läuse um die Wette laufen lassen. Zur nächsten Papstwahl sperrte der Kaiser die Kardinäle ein. Durch die Dielenspalten der darüberliegenden Wachstube pinkelten die Soldaten auf das Konklave. Das Ergebnis war danach: ein Uraltgreis, der nach sieben Tagen starb.

Der nächste Papst, Innozenz IV., ein Graf von Fiesco, führt den Kampf fort. Er weicht nach Lyon aus, spricht die Absetzung des Kaisers aus und wirbt mit 250.000 Mark Silber für die Wahl eines neuen. Die Propaganda Friedrichs hält mit messianischem Pathos dagegen, doch in Veitshöchheim bei Würzburg wird der Landgraf Heinrich Raspe97 von Thüringen zum Gegenkönig gegen Friedrichs Sohn Konrad98 gewählt. Er stirbt bald. Nach Ihm wird der Graf von Holland gewählt.

Langsam spricht es sich in Deutschland herum, dass der Kaiser im fernen Apulien gestorben sei - wohl ebenfalls mit Arsenik vergiftet, da er zuvor “an einer Art von Bauchfluss” litt. - Gift, meist Arsenik, war schon früher ein Mittel der Politik gewesen. Das bleibt so bis ins Barock, als man beispielsweise in Frankreich überlegt, ob man nicht durch Vergiftung des Prinzen Eugen Kriegskosten sparen könne.

Schon lange war der Kaiser den Blicken der Deutschen entschwunden und mit ihm jene Kaiserherrlichkeit, deren Abglanz das Rittertum war. Man glaubte, dass sich der große Federico nach langer und schwerer Regierung nur zu einem Nickerchen in den Ätna auf Sizilien zurückgezogen habe. Je länger die deutsche Misere anhielt, umso größer wurde die Hoffnung auf die Wiederkehr einstiger Größe. Da die Deutschen nur den Großvater Rotbart gekannt hatten, vermengten sich die Erinnerungen. Da auch er im fernen Land begraben lag, nahmen sie ihn in der Sage in ihre Mitte und wiesen ihm den Kyffhäuser nahe dem thüringischen Frankenhausen als Schlafplatz zu.

1250

Eineinhalb Jahrzehnte nach Friedrich II. Tod waren die Deutschen in seinem sizilischen Reich ausgerottet. Sie waren eben Landfremde gewesen, die sich verhasst gemacht hatten. Der Papst hatte das Königreich dem Bruder des französischen Königs, Karl von Anjou, übergeben. Bei Benevent verteidigte Friedrichs unehelicher Sohn Manfred sein Erbe. Er verlor Schlacht und Leben. Über die Söhne Manfreds verfügte der Papst: “Sie mögen leben ..., um im Gefängnis zu sterben.”

Der Sohn des deutschen Königs Konrad versuchte sein Erbe dem Anjou zu entreißen. Er verpfändete deutsche Besitzungen, um ein Heer zusammenzubekommen. Von der Meersburg am Bodensee ritt er mit seinem Freund Friedrich, Herzog von Österreich, Markgraf von Baden, nach Italien “wie zur Metzgerbank”. Bei Tagliacozzo in den Abruzzen schlug ihn der französische Rivale und bessere Taktiker. Nach Kerkerhaft und einem Scheinprozess wurde Konradin99 - Corradino, wie ihn die Italiener nannten - auf dem Marktplatz von Neapel geköpft. Zuvor soll er seinen Handschuh zum Zeichen seines Besitzanspruches in die Menge geworfen haben. Man habe ihn später Peter von Aragon, einem Verwandten, überbracht, der die Franzosen vertrieb und so die Staufer rächte. Das “Stauferglück” war gescheitert, mit ihm das Imperium der Deutschen.

Die “kaiserlose, die schreckliche Zeit”, das “Interregnum100, begann. Die Zeit war wohl kaum schrecklicher als die vorherige und nominelle Könige gab es auch - wenn auch fremde. Aber die Deutschen hatten keine zentrale Repräsentanz mehr.

Das französische Königtum hatte sich gefestigt. Anders als in Deutschland, versuchte der Franzosenkönig die großen Lehensherrschaften zu kassieren. Er riss auch Stück um Stück aus der westlichen Flanke des Reiches. Zuerst ging die Provence verloren, Burgund und Niederlothringen folgten. Einzelne Herrschaften wurden besetzt, durch neue Annexionen miteinander verbunden und behauptet, dass dieses Gebiet schon immer zum französischen Königreich gehört habe. Der französische Machtblock wurde gestützt durch das französische Unteritalien, wo ebenso vorgegangen wurde. Bald sah der Papst, dass der Anjou die staufische Politik fortsetzte und er noch stärker unter Druck geriet.

Deutschland - das war unter den Staufern zunächst ihr Herzogtum Schwaben gewesen, das weit in die Schweiz hineinreichte. Dieser Kraftkern hatte im Südwesten dominiert. Der herrenlose Besitz löste sich nun auf. Die einheimischen, bisher dem Herzog lehenspflichtigen Herren von Württemberg, Baden, Hohenlohe, Leiningen, Rechberg, Kyburg, Habsburg und so weiter, nahmen sich Land, Städte und Burgen. Auch die Bischöfe von Konstanz und Basel, Worms und Speyer, wie auch die Äbte, etwa die von Murbach und St. Gallen, machten es ebenso. Unablässige Fehden waren die Folge. Die Zeche zahlte der wehrlose Bauer.

Das Schwergewicht des Reiches verlagerte sich dadurch nach Südosten. Bereits Friedrich II. hatte nach diesem Raum greifen wollen, als Friedrich “der Streitbare”, Herzog von Österreich und der Steiermark, Herr von Krain, im Kampf gegen die Ungarn fiel. Da ihm die Liebe zu Knaben mehr zusagte als die zu seinen Gattinnen, war er der letzte Babenberger. Kaiser Friedrich wollte aus diesem Länderkomplex ein erbliches staufisches Königreich machen. 1245 war in Verona schon die Urkunde dafür aufgesetzt. Doch die Erbin weigerte sich, den ältlichen, dazu gebannten Staufer zu ehelichen.

Zur politischen Potenz kam die geistige: Der “wunneclîche hof ze Wiene”  ließ Walther von der Vogelweide101 schwärmen, und  der Tannhäuser102 berichtet, dass zweimal wöchentlich baden, schöne Frauen, guter Wein und Leckerbissen ihn ums Geld brächten. Walther hatte dort, wo auch jetzt noch der “Hof” ist, “unfuoge” gemacht. Der Herzog schmiss ihn hinaus. Nun spürte er “den hornunc an die zêhen”. Denn er hatte nicht einmal etwas Wärmendes. Doch der Bischof von Passau, zu dessen Diözese Österreich gehörte, schenkte “dem Sänger Walther von der Vogelweide bei Zeiselmauer fünf baierische Schillinge” für den Kauf eines Pelzmantels. Die Gabe an den landstreichenden Genius wurde dem Bischof vergolten durch seinen Kaplan Kuonrât. In seinem Nibelungenlied, das das Rittertum verherrlicht und wie die Stauferzeit mit Sturzbächen von Blut und sippenauslöschendem Totschlag endet, hat er beide verewigt.

Jetzt wurde die Frau “hoffähig”. Sofort begann jener platonische Dauerflirt, der Minnedienst hieß. Zum Lehensherrn kommt für den Ritter die Dame seines Herzens oder seiner Einbildung. Ein halbes Jahrhundert später ist schon die Dekadenz da. Eine Narretei für viele: Um seiner Angebeteten zu gefallen, vermummte sich der Landrichter und Landmarschall - heute wäre er Ministerpräsident - und Truchsess der Steiermark, Ulrich von Liechtenstein, als Frau Venus und ging auf eine große Reise. Er hackte sich einen Finger ab und schickte ihn seiner Herzensdame. Wir wissen dies nur, weil er schreiben konnte. Die Mehrzahl der Ritter konnte es nicht. Auch das Lesenkönnen war so rar, dass es der zeitgenössische “Arme Heinrich”103 eigens preist. Sie konnten nur draufschlagen und um Damen “turnieren”. Dem Sieger gehörten Ross und Rüstung. Da ein Ritter meist sonst keinen Besitz hatte, galt solche Beute jedoch als unritterlich.

Die Klasse der gepanzerten Reitersoldaten grenzte sich scharf nach unten ab. Aus waffentechnischen Gründen konnte der Ritter nicht mehr Bauer sein. Er wollte es auch nicht. Sein äußeres Kennzeichen war der Rittergürtel, sein soziologisches Kennzeichen seine Turnierfähigkeit. Noch Goethes Adelsbrief von 1782 enthält das Recht, “mit recht geborenen lehens-turnier-genossen adeligen personen zu streiten, zu stürmen, zu turnieren...” Das Klassenbewusstsein brachte neue Verhaltensformen und Ehrbegriffe. Wenn auch der venezianische Brauch, mit einer Gabel zu essen, in deutschen Burgen unbekannt blieb, führte sich wenigstens das Tischtuch ein, an dem man sich die Finger abwischte. Die Umgangsformen der Höfe färbten ab zu “Höflichkeit”, “Courtoisie”. In dieser Verhaltenshülse steckte auch ein ethischer Kern. Es war die Pflicht des Höhergestellten zur Menschlichkeit. Leider war damit das Bewusstsein des Höhergestelltseins verbunden: “Die Beute schenkten wir dem Fußvolk, uns Rittern genügte Ruhm und Ehre.” Das abqualifizierte Fußvolk waren die überzähligen Kinder der unfreien Bauern des Ritters. Sie waren seine Knechte. Die freien Bauern und Bürger fühlten sich soziologisch übervorteilt. Die “Stände”104 entfremdeten sich. Krieg war Adelssache, der Nicht-Adelige versuchte sich mit seinem Ohne-mich-Standpunkt herauszuhalten.

Den freien Bauern ging es leidlich. Vom 9. bis zum 13. Jahrhundert stieg der Bodenertrag um das Siebzehnfache. Mit der Dreifelderwirtschaft hatte die “Vergetreidung” zugenommen. Die bis etwa 1035 bezeugten Hungersnöte werden für zwei Jahrhunderte zurückgedrängt. Angebaut wird hauptsächlich Dinkel - anspruchsvoller als Roggen, aber weniger als der von Westen kommende Weizen. Bis zum 12. Jahrhundert hatte der Landmann nur für seine und seines Herrn Ernährung geackert. Er war auch Handwerker, der für sich baute, fertigte und reparierte.

Weil das Landleben nur Schinderei und Bedrückung durch den Grundherrn war, ging jeder, der konnte, in die Stadt, denn Stadtluft machte frei, wenn auch nicht ganz frei, da alles reglementiert war. Die Stadt bot höhere Lebens- und Gewinnsicherheit. Ihr Wachstum erzeugte Bedarf, beim Bauern den Anreiz, Überschüsse zu erwirtschaften. Für Handwerkeleien hatte er keine Zeit mehr, doch konnte er sich mit dem Verkaufsgewinn Handwerkserzeugnisse kaufen. Das förderte das städtische Handwerk. Die Spezialisierung setzte ein, damit auch die Konzentration des Wirtschaftslebens.

Größere Märkte waren die “Messen” in den großen Städten, die größte in Frankfurt. Das heutige “Bankfurt” wuchs zum “Kaufhaus der Deutschen” heran. “Des Reiches Straße” hieß damals die, die von hier durch die Wetterau nach Erfurt und Leipzig ging, das der größte Handelsplatz im Osten war. Der Handel wurde international. Man besuchte die noch berühmteren Messen in der Champagne und in Flandern. Die süddeutschen Städte handelten über die Alpen mit den oberitalienischen. Passau, Krems und Wien trieben Handel mit Ungarn und bis nach Byzanz. Der Handel brauchte Kapital und Kredit. Außer prominenten Ausnahmen durften nur die Juden Kredit geben. Da das Risiko hoch war, waren es auch die Zinsen. Manche Juden werden reich. Manche finanzieren ihren Fürsten und seine Kriege. Das macht sie unbeliebt. Ihre Andersartigkeit und die Intoleranz ihrer Umgebung führt zu einem beargwöhnten Nebeneinanderleben.

Der Aufstieg der Städte wurde vom Verfall obrigkeitlicher Macht begünstigt. Viele Städte konnten sich aus ihren herrschaftlichen Bindungen lösen. Die Einwohnerschaft war sozial abgestuft. Alle waren zwar persönlich frei, aber Vollbürger war nur, wer Besitz hatte, alle anderen nur Einwohner. Der Adel der Stadt waren die vermögenden Besitzbürger, die Patrizier. Sie wollten allein den Rat und den Bürgermeister stellen. Die Zünfte, Berufsgemeinschaften der Handwerker, die meist auch Sozial-, Wohn- und Kampfgemeinschaften waren, kämpften um die Stadtregierung, zumindest um die Beteiligung daran. Auch bei den Zunftgenossen war die Ehre des einen die der anderen. Sie waren den heutigen Gewerkschaften vergleichbar, doch war der Einfluss der Zunft auf das berufliche, aber auch auf das private Leben viel stärker. Die Zahl der Handwerksbetriebe war so begrenzt, dass jeder Gewinn machen konnte. Nur bei heißlaufender Konjunktur konnte sich ein nicht „zünftiger“ Handwerker einkaufen. Preis und Qualität der Waren wurden überwacht, günstige Einkaufsquellen für Rohstoffe waren den anderen Genossen bekanntzugeben. Die Ausbildung der Jugend und die Versorgung der Witwen und Waisen war geregelt. Man betete und feierte gemeinsam. Jede Zunft einschließlich der Sackträger hatte das ihr zugewiesene Stück Stadtmauer zu verteidigen.

Verteidigung war oft nötig, denn der wachsende Reichtum der Städte weckte den Neid der Fürsten. Die Städte schlossen sich daher zusammen. So 1254 Mainz, Worms, Oppenheim und andere zum Rheinischen Städtebund. Er “einte” 70 Städte, der König erkannte ihn als Reichsorgan an. Doch die Interessen waren zu unterschiedlich für beständige Politik. Die Reichsstädte blieben dem König untertan, nur die freien Städte waren selbständig wie die Reichsfürsten. Aber auch sie durften nur den Landfrieden und die Reichssteuern mitbestimmen, die Reichspolitik blieb Fürstensache. Die Stellung der Städte blieb nachrangig, weil sie - außer Zürich, Nürnberg und Ulm - auf das Fleckchen Erde innerhalb ihrer Mauern beschränkt blieben, während die italienischen Städte Flächenstaaten waren. Daraus folgte, dass der deutsche Bürger den Adel kopierte, selbst wenn er mehr Geld und Grips hatte. Die städtische Kultur war wenig mehr als ein Abklatsch adeliger Kultur und Lebensform.

Der Machtgewinn der Fürsten ging auch zu Lasten der kleinen Ritter. Für die großen Aufgaben des Reiches, vor allem für die Außenpolitik, wurden sie nicht mehr gebraucht, denn die Fürsten und Städte kämpften immer mehr mit Söldnern. Aus dem Ritter wurde der Raubritter, weil er sich auch von den “Pfeffersäcken”, den von ihm zu „Krämern“ herabgewürdigten Kaufleuten, materiell und gesellschaftlich überrundet sah. In ihrem Hass sperrten die Ritter Straßen, überfielen Kaufmannszüge, erpressten Lösegeld für Gefangene. Die Zaghafteren kassierten ungerechtfertigt Zoll. Das ließ sich die Kaufmannschaft nicht gefallen, denn die Wegegebühr zahlten sie ja schon an die großen Schnapphähne, denen dieses Recht verbrieft war. Was etwa dem Erzbischof von Mainz oder dem Grafen von Katzenellenbogen erlaubt war, war den Rittern Hinz und Kunz nicht erlaubt.

Die Zölle und die Unsicherheit der Straßen strangulierten den Handel. Zwischen Bingen und Koblenz etwa verlor zur Zeit Karls IV. ein Weinhändler mehr als die Hälfte des Warenwertes an Zoll. Von Mainz bis zur Rheinmündung gab es 27 Zollstellen. Die meisten von ihnen kassierten ungesetzlich.

  1. Die Hausmachtkaiser oder: Habsburger, Luxemburger, Wittelsbacher

Der Papst erkannte die Gefahr, die das Interregnum in Deutschland und das dadurch entstandene Machtvakuum auch für ihn bringen konnte: Karl von Anjou-Neapel wollte seinen Neffen, den König von Frankreich, zum Kaiser wählen lassen. Für den Papst wäre das noch schlimmer gewesen als die staufische Bedrohung. Er forderte daher die deutschen Kurfürsten auf, wieder einen König zu wählen.

Nach dem Vorbild des Kardinalskollegiums traten sie 1273 erstmals als alleinige Wähler auf. Der Mainzer Erzbischof war Kurfürst als Kanzler für Deutschland, der Kölner als Kanzler für Italien, der Trierer als Kanzler für Gallien-Burgund, der Pfalzgraf bei Rhein als früher oberster Richter am Königshof. Die Wahl hatte im mittelrheinischen Tribur und später in Frankfurt am Main stattzufinden, der Mainzer Erzbischof hatte die letzte und damit entscheidende Stimme, er hatte das Wahlergebnis den anwesenden Fürsten und Grafen zu verkünden, der Gewählte hatte im Aachener Münster gekrönt zu werden. Dieser Anspruch der rheinischen Kurfürsten kam noch aus der karolingischen Reichstradition. Er beruhte auf ihrer Territorialmacht. Die tatsächliche Macht hatten dagegen die weltlichen Kurfürsten, deren Länder das mittel- und ostdeutsche Neusiedelland ausmachten; der Markgraf von Brandenburg, der Herzog von Sachsen und der König von Böhmen, der Kurfürst war, “sofern er von deutschem Stamme ist.”

Das war Ottokar II.105 aus der Familie der Pøemysliden. Für ihre Treue war dieser Familie von den Kaisern das Königtum erst persönlich, 1198 dann erblich verliehen worden. Er selbst fühlte sich dem Volkstum seiner deutschen Mutter zugehörig. Seine Vorfahren und er hatten mit deutschen Kolonisten ihre Macht gegenüber dem Landadel verstärkt und ihren Einfluss auf die Kirche vergrößert. Deutsche Bauern und Bürger machten die Randgebirge Böhmens und Mährens urbar, deutsche Bergleute erschlossen die Silberlager Böhmens. Im Gegensatz zu den Tschechen waren sie freie Untertanen: “Wer aber vielleicht unsere Begnadigung zu verletzen wagt und besagte Deutsche in ihren hier bewilligten Rechten angreifen sollte, der soll des Verbrechens der Beleidigung der königlichen Majestät schuldig erkannt und bestraft werden und der Fluch des allmächtigen Gottes soll ihn treffen ...” Anders als östlich der Elbe und in Schlesien vermischten sich Deutsche und Tschechen kaum. Pøemysl Ottokar - bis heute wird in den Ländern der ehemaligen Donaumonarchie der Vorname hinter den Familiennamen gesetzt - war der ranghöchste und auch mächtigste Reichsfürst. Er hatte Schlesien und Polen an sich bringen wollen - deshalb seine Ostland-”Reisen” und die Gründung  von Königsberg. Bei den babenbergischen Ländern (Nieder)Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain gelang es ihm. Der Twen heiratete die doppelt so alte Erbin. So reichte sein Einfluss fast von der Ostsee bis zur Adria, durch den Einfluss auf die geistlichen Fürstentümer Passau und Salzburg erstreckte er sich westwärts bis in den bayerischen Raum.

Auch die Kurfürsten wollten ihre Macht vergrößern. Bezeichnend dafür ist ihr Gesetz, das die Rückgabe aller seit 1245 in fremde Hände gekommenen Reichsbesitze bestimmte - mit Ausnahme ihrer eigenen Beute.

1273

Deshalb wurde nur “ein armer, kleiner Graf” - wie “der goldene König” Ottokar spottete - zum deutschen König gewählt; groß genug, um den weiteren Verfall des Königtums aufzuhalten, aber auch unbedeutend genug, um die Herrschaft der Fürsten nicht behindern zu können und um auf sie angewiesen zu bleiben: Rudolf von Habsburg106. Er war nicht ganz so arm, wie ihn Ottokars Propaganda machte, immerhin Landgraf im oberen Elsass, Graf im Frickgau, im Aargau und im nördlichen Zürichgau, somit der bedeutendste Dynast im Herzogtum Schwaben. Für ihren Lehensherrn, den Herzog und Kaiser war die Familie, die sich nach ihrer Aargauer Hab(icht)sburg nannte, ein wichtiger Parteigänger gewesen. Von Straßburg bis in die Alpen konnte sie Geleitschutz geben. Deshalb war Kaiser Friedrich II. auch zur Patenschaft für Klein-Rudolf bereit gewesen. Rudolf war mindestens zweimal nach Italien “gereist”. Er war bei jenem Fürstentag in Verona gewesen, als der Staufer die Erhebungsurkunde für das Königreich Österreich ausarbeiten ließ, und er ritt mit Konradin, um den Landräuber Anjou zu verjagen. Dafür hatte er sich die Stadt Rheinfelden und die Vogtei über das Kloster St. Blasien im Schwarzwald versprechen lassen. Auch sonst war er bemüht, seine Besitzungen “abzurunden”, sich also Stücke aus Reichsbesitz und staufischem Hausgut anzueignen. Darum kämpfte er auch mit den Grafen von Savoyen und mit dem Bischof von Basel. Nun sitzt er im Feldlager vor Basel, wie er im Speyerer Dom sitzt: lang, schlaksig, im faltigen, schon etwas müden Gesicht kluge, humorig blickende Augen und eine Mords-Hakennase. Dorthin bringt ihm der Burggraf von Nürnberg die Nominierung zum deutschen König ins regennasse Zelt. Rudolf schickt ihn gleich weiter zum Bischof, um Frieden zu schließen.

Der schon 55-Jährige brachte für seine schwierige Aufgabe solide Voraussetzungen mit. Er war zäh, zuverlässig, nach schwäbischer Unternehmersitte eher knauserig, doch wenn es den Einsatz lohnte, war auch Geld da. Das Geld verdankte er seiner guten Verwaltung. Weil er Handel und Wandel förderte, war er für seine Standesgenossen ein „Krämerkönig“. Der Baseler Bischof kannte ihn. Als er die Nachricht von Rudolfs Wahl erhielt, soll er gerufen haben: „Sitz fest, Herre Gott, oder Rudolf wird auch nach Deinem Thron langen.“ Vorerst tat sich Rudolf mit ausgreifenden Unternehmungen schwer. Dazu reichte sein Besitz nicht aus. Die Wiedergewinnung von Reichsgut und staufischem Hausgut war daher nur mäßig erfolgreich. Sie scheiterte schon am nächstmächtigsten Rivalen, am Grafen von Württemberg.

Pøemysl Ottokar verweigerte Rudolf zunächst sogar die Huldigung. Der König war aber verpflichtet, dem Böhmen die ungesetzlich angeeigneten Reichslehen des Südostens abzunehmen. Ottokar kam deshalb in die Reichsacht und Rudolf mit Heeresmacht, sie zu vollstrecken. Die Wiener öffneten ihm die Tore. Auch diplomatisch trickste Rudolf den Gegner aus. Doch war damit nichts entschieden. Ottokar rüstete auf. Rudolf war jetzt ohne Reichsheer, weil er den Fürsten schon zu mächtig war. Außer dem Herzog von Bayern, dem Grafen von Görz-Tirol, dem Erzbischof von Salzburg und den Bischöfen von Regensburg und Passau hatte er nur den Ungarnkönig als Verbündeten. Noch rechtzeitig gelang die Vereinigung mit dessen Heer auf dem Marchfeld nordöstlich von Wien. Seit Alexander dem Großen war Rudolf der erste, der sein Heer auf einer Schiffsbrücke über den Fluss brachte. Das ermöglichte ihm einen überraschenden Angriff. Ottokar war zahlenmäßig überlegen. Mit ihm kämpften Sachsen und Brandenburg, Schlesien und Polen. Erst der Angriff einer Reserve in die Flanke Ottokars entschied die Schlacht. Ottokar wurde auf der Flucht erschlagen. Für viele war es ein Gottesurteil, weil er seinen Lehenseid gebrochen hatte. Wäre er Kaiser geworden, hätte er vielleicht die Macht der Fürsten gebrochen. Hätte er die Marchfeldschlacht gewonnen, wäre Böhmen eingedeutscht worden wie Schlesien, Mecklenburg, Pommern und Preußen.

1278

So wurde am 26. August 1278 bei Dürnkrut auf dem Marchfeld in Südmähren die Grundlage für das “Haus Österreich” gelegt. Böhmen und Mähren wurden zwar dem Sohn Ottokars belassen, doch verheiratete ihn Rudolf mit einer seiner Töchter, um einen Erbanspruch zu haben. Kärnten und Krain bekam Graf Meinhard von Görz und Tirol für seine Hilfe. Er war gerade dabei, den Bischöfen von Brixen und Trient die Täler von Inn, Eisack und Etsch abzujagen, die in Krieg und Frieden eminent wichtig waren. Auch zwischen Habsburg und Tirol wurde eine Eheverbindung angesponnen. Österreich - das ist damals immer nur das heutige Nieder-Österreich - und die Steiermark wurden den Söhnen des Siegers gegeben. Damit waren die alemannischen Grafen zu Herren eines der größten und blühendsten Länderkomplexe aufgestiegen.

Auch nach dem grandiosen Sieg blieb Rudolf der franziskanische König mit dem grauen Wams. Die kleinen Leute mochten ihn, weil er dem Land Frieden gab. Am Rhein und in Thüringen, wo es am schlimmsten stand, ließ er die ritterlichen Räuber hängen.

1291

Anfangs wollte er die Reichsrechte auch in Oberitalien wiederherstellen. Er konnte das jedoch nur unauffällig tun, weil er den Papst brauchte, um zum Kaiser gekrönt zu werden. Die Kaiserkrone wiederum hätte er gebraucht, um mit ihrem Gewicht die Nachfolge seines Sohnes zu sichern. Um das habsburgische Erbkönigtum durchzudrücken, verbündete er sich sogar mit den Staufermördern: Er gab dem Enkel Karls von Anjou eine seiner Töchter. Erst später wollte er auf Italien und unhaltbare Teile Burgunds verzichten. Doch der Vater kam nicht nach Rom, der Sohn nicht zur Nachfolge. Die letzte Reise des alten Mannes ging “nach Speyer, wo viele meiner Vorgänger liegen, die auch Könige waren. Und dass man mich nicht hinbringen muss, will ich selber zu ihnen geritten kommen.”

1291

Auf die Nachricht von seinem Tod schlossen Schwyz, Uri und Unterwalden einen “ewigen Bund”. Er gilt als die Geburt der Schweiz. Damals hat wohl auch jener Tyrannenmord stattgefunden, den Schiller mit seinem „Wilhelm Tell“ zum National-Epos der Schweizer machte. Doch den Tell gab es nicht und auch Geßler war ein anderer. Allein die “hohle Gasse” war für die Habsburger Herren bedeutsame Realität: Durch sie führte eine der wichtigsten Passstraßen Europas: der Weg zum Gotthard. Möglich, dass der  habsburgische Obervogt Konrad von Tillendorf dort von Landam(t)mann Stauffacher ermordet wurde. Die Bilanz des Verhassten endet um diese Zeit ohne Abschluss.

1292  1298

Die Kurfürsten suchten wieder einen “armen, kleinen Grafen”. Der Mainzer Erzbischof empfahl seinen Verwandten und Nachbarn, den Grafen Adolf von Nassau107. Um sich eine Hausmacht zu schaffen, kaufte er die Fürstentümer Meißen und Thüringen. Das nötige Geld ließ er sich von England für seine und anderer Fürsten Kriegsbeteiligung gegen Frankreich geben. Darauf ließ er sich von Frankreich seine Neutralität bezahlen. Als er auch noch seinen Königsmacher und den König von Böhmen prellte, setzten ihn die Kurfürsten ab. Dem Sohn Rudolfs, Albrecht von Österreich, übertrugen sie die Exekution. Tüchtig und entschlossen wie sein Vater, marschierte er an den Oberrhein und am linken Rheinufer nach Norden. Bei Göllheim unweit Alzey fällt Adolf von Nassau in der Schlacht. Der König ist tot, es lebe der König - Albrecht von Österreich108. Ein siegreiches Heer ist eben der beste Wahlhelfer, besonders, wenn es mitten unter den rheinischen Kurfürsten biwakiert.

Nun hatten die Kurfürsten gerade das, was sie nicht wollten: einen starken König. Er war klug, ein Taktiker, Diplomat und Organisator, aber weder ein Charmeur, noch ein Adonis. Er hatte nur noch ein Auge und einen Buckel. Die Leutseligkeit des Vaters fehlte ihm. Trotz seiner Hausmacht war Albrecht in seiner zehnjährigen Regierungszeit vollauf damit beschäftigt, sich zu behaupten. In Österreich hatte der Landfremde eine starke Opposition. Von seinem Vorgänger behielt er Thüringen und Meißen. Die rheinischen Kurfürsten versuchten ihn zu stürzen - mit Hilfe des Papstes, der seine Wahl nicht anerkannte. Der König stärkt die Städte, indem er die Rheinzölle abschafft, die ihren Handel lahmlegen. Das spätere Lied deutete die Summen an, um die es ging: “Hätt ich den Zoll am Rhein und wär Venedig mein ...” Es gibt wieder Krieg.

Dem bisher verbündeten Franzosenkönig kommen die deutschen Fürstenhändel gerade recht. Er greift nach Holland und Brabant. Seinen metallgleißenden Rittern tritt das pikenbewaffnete Fußvolk der dortigen Städte entgegen. Als die siegreiche Infanterie den in den Sumpf gestreckten menschlichen Prachtkäfern die Trophäen abgeschnallt hatte, war in der “Sporenschlacht” von Kortrijk die Reichszugehörigkeit der “niederen Lande” gerettet und die Ablösung der Ritterheere durch schlachtentscheidende Fußtruppen angekündigt.

Nun kam die Jahrhundertgelegenheit: Der Erwerb Böhmens und Mährens. Der Neffe Ottokars war ermordet worden, die Pøemysliden mit ihm ausgestorben. Albrecht lässt seinen Sohn zum König wählen. Jetzt besaß das habsburgische Königshaus eine Landmasse wie sonst niemand: Thüringen und Meißen, Böhmen, das Vogt- und Egerland, Mähren, Steiermark und Österreich, dazu noch den alten Besitz im Elsass, im Breisgau, in Oberschwaben und in der Schweiz.

1308

Den Papst hatte Albrecht inzwischen beruhigt, doch Mitteldeutschland war aufständisch, und auf Böhmen erhebt der Herzog von Kärnten Anspruch. Albrecht geht in die Schweiz, um für den anstehenden Krieg Truppen auszuheben. Dort wird er  von seinem Neffen Johann “Parricida” - Vatermörder, wie den dort Herumirrenden die Italiener nannten - ermordet. Hätte Albrecht lange genug gelebt, wäre das Habsburgerreich vielleicht zum Kern eines deutschen Zentralstaates geworden wie Frankreich, das nun bereits einen hundertjährigen Vorsprung hat. Auch die Erbmonarchie erreichte er nicht. Sie hätte dem Reich Stabilität gegeben. So dagegen mussten die Habsburger für eineinhalb Jahrhunderte die ersten Plätze räumen.

Bald hatten die Königsmacher den nächsten kleinen Grafen gefunden. Es war Heinrich von Luxemburg. Zuerst hatte der französische König seinen Bruder vorgeschlagen. Von seinen Beratern war Philipp “dem Schönen” nämlich geraten worden, das Kaisertum in seiner Familie erblich zu machen. Obwohl das die Kurfürsten nicht wollten, nahmen sie von Frankreich “Handsalben”. Aber auch der Papst wollte nicht. Er war gerade vom Franzosenkönig nach Avignon in die “babylonische Gefangenschaft” gebracht worden. Er wünschte sich einen deutschen König, der ihm den Rückweg nach Rom freimachen würde. Deshalb konspirierte er mit zwei hochkarätigen Taktikern: mit Peter von Aspelt, dem Mainzer Erzbischof, und mit Balduin von Luxemburg, Erzbischof von Trier.

1308

Die Luxemburger Grafen waren ziemlich direkte Nachkommen der Karolinger. Sie waren nicht nur Vasallen der deutschen, sondern auch der französischen Krone. Da die Strahlkraft der französischen Metropole und deren Universität stark war, wurden die Söhne in Paris erzogen. Auch Balduin hatte dort studiert. Jetzt offerierte er seinen Bruder Heinrich als Kronkandidaten.

Heinrich VII.109 war ein makelloser Ritter. Von Italien aus wollte er die Kaiserherrlichkeit wieder herstellen. Doch zuvor sicherte er seiner Familie noch die unentbehrliche Hausmacht. Er verheiratete seinen 14-jährigen Sohn Johann mit der Erbin von Böhmen und Mähren. Damit hatten sich die Luxemburger saniert - für mehr als hundert Jahre.

Nach eineinhalb Regierungsjahren in Deutschland machte sich Heinrich auf den Weg nach Italien, nur von Dante110 bejubelt und nur von seinem Bruder Balduin und dem österreichischen Herzog begleitet. Das Heerhäuflein von 2.000 “Reisigen” bestand überwiegend aus Franzosen. Die Deutschen wussten ja, dass die beiden habsburgischen Realpolitiker auf die italienischen Reichsrechte verzichtet hatten. Was also wollte Heinrich in Italien? Er wollte die Kaiserkrönung, er wollte auch das Ansehen des Kaisertums wiederherstellen. Er käme nicht als Herr und Gebieter, sondern als von Gott eingesetzter Schiedsrichter. Den hätte Italien bitter nötig gehabt. Die Kriege der rivalisierenden Städte hörten nie auf. Die Parteiungen gingen meist durch sie hindurch. Die Familien, die etwas zu sagen hatten, hausten in Geschlechtertürmen und ließen jeden aus der Feindsippe erschlagen, der sich ohne Schutz aus seinem Turm herauswagte. In Kämpfen zwischen den sozialen Gruppen dezimierte man sich zusätzlich.

Je weiter König Heinrich in dieses Italien vordrang, umso größer wurden die Widerstände. Der Papst, der ihn hatte krönen sollen, kam nicht. So wurde Heinrich  nur von zwei Kardinälen gekrönt. Im dafür vorgesehenen Vatikan saß bereits der Feind: Robert von Anjou, der Beherrscher Unteritaliens. Heinrich nimmt den Kampf gegen den König von Neapel auf. Schon ist er nicht mehr Schiedsrichter, nur noch Partei. Er treibt direkt auf den tödlichen Strudel zu, da stirbt er, wahrscheinlich vergiftet. Er wird im Dom von Pisa begraben. In Italien hinterließ er nur noch mehr Zerrissenheit, in Deutschland außer der luxemburgischen Hausmacht Böhmen nichts Wichtiges.

Leider hatte Heinrich VII. die Franzosen so provoziert, dass sie vom Papst die Übertragung der kaiserlichen Rechte auf die französische Krone forderten. Der Papst - selbst Franzose - erkannte die Gefahr, zum Vollstrecker der königlich-französischen Machtpolitik zu werden. Er verteidigte sich mit seinen Argumenten: Durch ihren Krönungseid würden die Kaiser Vasallen des Papstes. Seit Otto dem Großen gründe sich der Anspruch auf das Kaisertum auf den Besitz der Eisernen Krone der Lombarden und das damit verbundene italienische Königtum. Wenn man den Deutschen dieses Recht nehmen würde, könnte man ihnen auch die Kaiserkrone vorenthalten. Der Papst begab sich auf diesen Weg: er machte Robert von Neapel zum Generalvikar über Italien.

1314

Die Königswähler mussten wieder einen König/Kaiser suchen. Sie waren uneinig. Eine Mehrheit wählte in Frankfurt Herzog Ludwig von Oberbayern111, eine Minderheit im gegenüberliegenden Sachsenhausen Herzog Friedrich „den Schönen“112 von Österreich, den Sohn König Albrechts. Eine solche Pattsituation konnte nur durch den Schlachtengott entschieden werden. Die Vettern hatten schon gegeneinander gekämpft. Bei Gammelsdorf in Niederbayern hatte Ludwig durch die rechtzeitige Ankunft der Nürnberger gesiegt. Ihren Feldhauptmann verewigt das Spruchdenkmal: “Jedem ein Ei, dem braven Schweppermann zwei!”

1315

Jetzt war das österreichische Heer in der Schweiz gebunden. Die Eidgenossen von Uri, Schwyz und Unterwalden revoltierten gegen die Habsburger, die sich nach wie vor als Landesherren fühlten. Die Gegner der Habsburger, Adolf von Nassau und Heinrich von Luxemburg, hatten den Eidgenossen ihre Reichsfreiheit bestätigt, um ihre Gegner zu schwächen. Die Habsburger wollten jedoch die Zugänge zu wichtigen Pässen nicht fahren lassen. Der österreichische Friedrich hatte  als König - der er gar nicht war - wegen eines Überfalls auf das Kloster Einsiedeln die Acht über die Schweizer verhängt. Bruder Leopold kam, sie zu vollstrecken. Die Bergbauern überfielen das Ritterheer  in einer Enge unterhalb des Morgartens am Egerisee. Sie stachen den Pferden in die Bäuche, so dass sie die Ritter abwarfen. Die Ritter wurden Mann für Mann abgestochen. Die Taktik war neu, der Sieg vollständig. Alle Welt staunte: Bauern und Hirten hatten unbezwingbar scheinenden Rittern den Garaus gemacht. Die schweizerischen Besitzungen der Habsburger waren so gut wie verloren.

Der Kampf Österreichs gegen Bayern wurde vorerst durch eine Naturkatastrophe ausgesetzt. Der Winter 1317 dauerte bis in den nächsten Sommer, die Ernte fiel 1318 aus. Teuerung, Wucher und Hungersnot kamen, Ludwig verbot das Bierbrauen.

1322

Die Entscheidung kommt 1322. Es wird die letzte Schlacht ohne Feuerwaffen in Deutschland sein. Friedrich von Österreich hatte bei Mühldorf am Inn sein Heerlager. Er wartete auf das Heer seines Bruders. Ludwig hatte dessen Boten abgefangen. Er musste angreifen, bevor die Verstärkung kam. Seine Reservekavallerie entschied die Schlacht. Die Österreicher hatten sie für das erwartete Heer gehalten. Friedrich bezog als Gefangener die Burg Trausnitz. Vetter Ludwig machte ihm den Vorschlag, ihn freizulassen, wenn er ihn, Ludwig, als König anerkenne und auch die anderen Habsburger und den Papst dazu brächte. Dafür wurde Friedrich von seiner Familie nur ausgelacht. Er ging in die Gefangenschaft zurück. Ludwig, von so viel Ritterehre überwältigt, bot ihm dafür die Mitregentschaft an.

Ludwig hatte sich freigekämpft. Jetzt konnte er eigene Politik machen. Das hieß auch für ihn, sich eine Hausmacht schaffen. Das Aussterben der Askanier half ihm. Ludwig gab die freigewordene Mark Brandenburg seinem ältesten Sohn. Damit hatte er auch eine Kurstimme gewonnen. Der Böhmenkönig hatte das sandige Ländchen ebenfalls haben wollen, um von dort vielleicht einmal an die Ostsee vorzustoßen. Ludwig selbst stieß an die Nordsee vor, indem er die Erbin von Holland, Seeland und Friesland heiratete. Zuvor hatte er in Oberitalien eingegriffen. Dort hatten sich die Visconti von Mailand und die della Scala von Verona die Herrschaft geteilt. Als der Papst Mailand zu nehmen versuchte, schickte Ludwig einen Reichsvikar mit Truppen. Die Ghibellinen erkannten den König sogar ausdrücklich als ihren König an. Nicht aber der Papst. Er beanspruchte das Bestätigungsrecht der Königswahl und die Verwaltung Italiens und auch Deutschlands. Er setzte Ludwig wegen Amtsanmaßung ab und bannte ihn als “Ketzerkönig”. Ludwig erklärte ihn seinerseits zum Ketzer und wollte die Entscheidung durch ein Konzil113.

Dieser Gedanke stammte von Marsiglio Mainardini aus Padua, der in seinem Buch “Defensor Pacis” - Verteidiger des Friedens - geschrieben hatte, dass  Papst und Priester nicht zu herrschen, sondern nur zu lehren hätten. Vertreterin der Kirche sei das Konzil. Von ihm müsse auch die Rechtsprechung ausgehen. Marsilius war aus Paris vor der Inquisition zu Ludwig geflohen. Mit ihm waren noch andere Magister der berühmten Hohen Schule an seinen Hof emigriert. Sie forderten eine “gesunde katholische Lehre”. Die führenden französischen Ordensleute, deren Exponenten diese Emigranten waren, bekannten sich zur christlichen Armut. Sie forderten sie auch vom Papst. Der aber wollte sie vor die Ketzergerichte bringen. Mit ihnen war eine Menge Intellektueller geflohen, die die geistige Knebelung durch den französischen König und den von ihm abhängigen Papst satt hatten. Am Münchener Hof war daher die Opposition gegen das französische Königtum und seinen Papst versammelt.

1328

Marsilius von Padua war es wohl auch, der Ludwig zum Romzug drängte. Nicht nur die Kaiserkrönung war das Ziel, man wollte auch die Machtbasis des Widersachers kaiserlich machen. Von Trient reitet man los, in Mailand erfolgt die Krönung zum König von Italien, über Pisa geht es nach Rom. Während Vorgänger Heinrich beim Krönungsmahl mit Pfeilen beschossen worden war, wird Ludwig mit Jubel empfangen. Nach feierlichem Einzug in Sankt Peter wird er zum Kaiser gekrönt, wenn auch nicht vom Papst, sondern namens des römischen Volkes. Daher betrachteten Viele diese Krönung nur als Hanswurstiade.

Durch das Kaisertum gestärkt, setzt Ludwig den Papst ab. Der verflucht ihn. Als es Sommer wird, schmilzt Ludwigs Heer durch eine Seuche dahin, und als dann noch die Römer wegen der ihnen aufgebrummten Steuer aufsässig werden, muss der Kaiser abziehen. Ursprünglich wollte er von Rom aus Neapel erobern. Auf dem Rückweg gelingt ihm nicht einmal mehr die Unterwerfung der Toskana, und auch in der Lombardei kann er sich nur kurze Zeit halten. Ludwigs Versuch, die Kaiserherrschaft in Italien wieder aufleben zu lassen, war gescheitert. Auch zum Sturz des Papstes hatte seine Kraft nicht gereicht. Für die Kirche war er kein Kaiser mehr, vielmehr ein Ketzer, nur noch Ludovicus Bavarus, Ludwig „der Bayer“. Dieser Name blieb ihm.

In Deutschland ging es leidlich. Zwar lehnte sich König Johann von Böhmen an Frankreich an, doch mit den Habsburgern hat Ludwig keine Schwierigkeiten mehr, nachdem er sie mit Kärnten abgefunden hatte. Am wichtigsten war für ihn die Zurückweisung des Papstes durch die Kurfürsten: Der von ihnen erwählte deutsche König sei souverän, er bedürfe nicht der päpstlichen Bestätigung. Der König habe auch als Kaiser der Römer zu gelten.

Überraschend bot sich Ludwig die Gelegenheit, Tirol an sein Haus zu bringen. Die Gelegenheit hieß Margarete Maultasch114. Dieser Name hat sie zur “häßlichen Herzogin” gemacht. Ein Zeitgenosse beschreibt sie dagegen als “pulchra nimis” - als ausnehmend schön. Den verächtlichen Namen soll ihr ihr gefühlsroher Mann, der Luxemburger Johann Heinrich, nach ihrer Lieblingsburg über Terlan nahe Bozen gegeben haben. Nun wurde dieser Mann zum Angelpunkt des Pokers um das “Land im Gepirg”.

Margarete war mit dreizehn Jahren mit dem zehnjährigen Böhmenprinzen verheiratet worden. Schon bei der Hochzeit waren die Landesfürsten verpflichtet worden, Schlüsselstellen nicht mit Ausländern zu besetzen und dem Land die alten Rechte zu belassen. König Johann wurde beschieden, dass die Tiroler nur dem Fürsten gehorchen würden, der Schloss Tirol rechtens besäße. Seinem Schwur zum Trotz hatte der Böhme seine Kumpane in fette Pfründen eingesetzt. Als der Prinzgemahl eines Mittags von der Jagd zurückkam, wurde ihm das Tor von Burg Tirol nicht mehr geöffnet. Vor versammeltem Landtag zieh Frau Margarete ihren kretinösen Gemahl der Impotenz.

Sogleich machte sich eine Tiroler Abordnung auf den Weg nach München. Sie trug dem Kaiser die Hand der Landesfürstin für seinen Sohn Ludwig, Kurfürst von Brandenburg, an. Wieder wurde den Tirolern versprochen, dass “usman” - Ausländer - keine einflussreichen Posten bekommen würden und “das Gemahl” nicht außer Landes gebracht werden würde. Kein Geringerer als der franziskanische Theologe und Philosoph Wilhelm von Ockham, der aus Oxford geflohen war, gutachtete für Ludwig, dass er kraft kaiserlicher Würde die bisherige Ehe der Landesherrin scheiden könne. Der Fall erinnert an den des Landgrafen von Hessen, dem Luther auf ähnliche Weise eine zweite Ehe ermöglichen wird.

Gegen die neue Ehe kämpften nicht nur die aus Tirol hinausgeworfenen Luxemburger, sondern auch der mit dem Kaiser verfeindete Papst. Er verhängte über das Tiroler Fürstenpaar den Bann und über das Land das Interdikt115. Und wie zum Zeichen der göttlichen Verdammnis öffnete der Himmel seine Schleusen so weit, dass Kalterer See und Etsch zusammengeflossen sein sollen. Er schickte Wanderheuschrecken und die Schwarze Pest, die in manchen Tälern nur wenige Einwohner überleben ließ.

1346

Für die Kurfürsten war so viel Macht in kaiserlicher Hand zuviel. Auf Drängen des Papstes besannen sie sich darauf, dass der Kaiser im Bann und somit gar nicht mehr Kaiser sei. Also wurde ein neuer gewählt. Man traf sich deshalb in Rhens am Rhein. Dem Trierer Kurfürsten gehörte die nahe Burg Stolzenfels, die Marksburg Kurpfalz, Lahnstein und Lahneck waren in Mainzer Hand, und Rhens besaß der Kölner. “Wenn man in die Trompete stiße, hat jeder der vier rheinischen Kurfürsten es auf seinem Schloss hören können.“ Hier wählten sie den Luxemburger Karl, Markgraf von Mähren.

KarI IV.116 hatte dem Papst versprochen, in Italien nicht vor der päpstlichen Bestätigung zu erscheinen und sich zur Kaiserkrönung in Rom nur vom Morgen bis zum Abend eines Tages aufzuhalten. Für solche Zugeständnisse beschimpfte ihn die Ludwig-Partei als Mietling des Klerus von Avignon. Papst Clemens VI., der an der Pariser Universität Karls Lehrer gewesen war, ersetzte den feindlichen Mainzer Kurfürsten durch einen genehmen. Da ihm die böhmische und die trierische Kurstimme seines Vaters und seines Großonkels sicher waren und Köln und Sachsen gekauft werden konnten, war er Gegenkönig geworden.

Eine der erfolgreichsten Reichsregierungen des ausgehenden Mittelalters begann. Das kleine, unmajestätische Männchen mit dem krummen Rücken und dem gelben Gesicht war ein glänzender Diplomat, nach anderer Auffassung ein “trickreicher Kompromissler”. Auch die Kurfürsten, die manchem seiner Vorgänger getrotzt hatten, fanden in ihm ihren Meister. Er wusste, ”was sich in der Welt ausrichten lässt und was nicht.” Von Kriegen hielt er nichts. Statt Geld für Soldaten auszugeben, kaufte er den Gegnern ihre Gegnerschaft ab.

Seine Jugend stand unter dem Unstern seines Vaters. Dieser großspurige Verschwender war überall, wo es prominent zuging. In seinem Böhmen nannte man ihn “König Fremdling”. Er kam nur, um sich den Beutel zu füllen. Das Land hatte es: Böhmen lieferte ein Drittel des europäischen Silbers. Damit der aufrührerische Adel  weder seiner Frau noch seinem Söhnchen die Regentschaft übertragen konnte, ließ König Johann den sechs Monate alten Kronprinzen auf Burg Pürglitz festsetzen. Der Heranwachsende kam dann mit seiner Tante, die dem französischen König angetraut wurde, an den Pariser Hof. Paris war die bedeutendste Stadt Europas, nach Petrarca117 trotz der “Lügen seiner Bevölkerung ... ohne Zweifel eine großartige Stadt. Wahrhaftig, ich habe außer Avignon nie einen schmutzigeren Ort gesehen. Gleichzeitig besitzt es die gelehrtesten Männer ...” Zur Festigung des Bündnisses heiratet Karl die Cousine des französischen Königs. Hier wird der auf den Namen des böhmischen Landesheiligen Wenzel Getaufte in Karl - in Verehrung Karls des Großen, des ersten Kaisers dieses Namens118 - umgetauft. Hier erhält er auch seine Bildung. Mit fünfzehn wird er in die Lombardei befohlen, um den von seinem Vater zusammengerafften Besitz zu sichern. Nach zwei Jahren kommt er nach Böhmen zurück und legt hier mit seiner Landespolitik das Fundament für seine Reichspolitik.

Er hatte viel Glück. Im Sommer 1346, in dem Karl gewählt worden war, waren die Engländer in der Normandie gelandet. Ihr König Eduard III. wollte auf den französischen Thron. König Johann und Karl kamen dem Franzosenkönig mit einer böhmischen Truppe zu Hilfe. Bei Crécy an der Somme lieferten sich die Heere eine folgenschwere Schlacht. Die englischen Bogenschützen spickten die französischen Ritter mit ihren Pfeilen. Vater Johann, schon seit sechs Jahren „der Blinde“, ließ sein Ross zwischen zwei Ritter ketten und sich ins Getümmel führen Groteske des Rittertums. Am nächsten Tag pflückte Englands König die Straußenfedern vom Helm des toten Böhmenkönigs. Die fremden Federn und sein Wahlspruch „ich dien“ wurden ins Wappen der englischen Thronfolger aufgenommen.

1347

Als Knappe verkleidet entkam Karl nach Böhmen. Hier rüstete er ein Heer, um gegen Ludwig den Bayern die Entscheidung zu erzwingen. Im Böhmerwald wurde ihm gemeldet, dass sein Rivale beim Ausritt zur Bärenjagd nahe Fürstenfeldbruck tot vom Pferd gefallen war. Weder die dortigen Zisterzienser, noch die Münchener Augustiner wollten ihn begraben, da er als einziger Kaiser im Bann gestorben war. So wurde er in der Frauenkirche seiner Residenzstadt München, für die er viel getan hat, beerdigt.

1348

Beerdigt wird außer dem Kaiser in diesem Jahr etwa jeder zweite Deutsche; in Bern an einem Tag sechzig, in Köln und Mainz je einhundert. 1348 war das Jahr der „großen Pest“. Gottesfürchtige sahen in ihr eine Strafe Gottes. Nichts half. Weder die Empfehlung der Pariser Sorbonne119, sich nicht zu erregen und sich nicht dem Morgentau auszusetzen, noch das Aufstellen von Heiligenbildern oder das Abhalten von Prozessionen, auch nicht das Verbrennen von Juden. Einsichtigen war klar: „Wären die Juden arm und die Landesherren ihnen nichts schuldig gewesen, wären sie auch nicht verbrannt worden.“ Ihr Geld „war das Gift, das sie tötete."

In den Städten hatte es infolge der größeren Infektionsmöglichkeiten und der erschreckenden hygienischen Verhältnisse einen stärkeren Bevölkerungsrückgang gegeben als auf dem Lande. Durch die Abnahme der Konsumenten fällt der Getreidepreis und damit der bäuerliche Lebensstandard. Für den Bauern kommt das Wort vom „armen Mann“ auf. Landflucht setzt ein. Bei den städtischen Gewerben sind die Löhne, stärker noch die Einkommen der Unternehmer, gestiegen. Die reich gewordenen Handwerksmeister treten nach unten das Gesellenwandern der „Handwerksburschen“ kommt auf und drücken nach oben in die Ratsstuben. Vielerorts proben die Zunftmeister den Aufstand gegen den Stadtadel. Nicht zufällig wandert 1368 der Landweber Hans Fugger nach Augsburg ein. In der Stadt konnte man es zu etwas bringen, wenn man auf das Sozialniveau der “Haushäbigen”, der Hausbesitzer, kam. Ohne Haus war man ein einflussloser Niemand, ja sogar ein vielfach Abhängiger.

Die Verelendung der Bauern schlug auf die adeligen Grundherren durch. In manchen Gegenden wurden die abgabepflichtigen Bauern in Dörfern zusammengefasst, damit sie besser überwacht werden konnten. Wie sein Bauer, verlor oft auch dessen Grundherr seine Selbständigkeit an den Landesherrn, der allein Schutz bieten konnte. Oft schlossen sich die Ritter in Bünden zusammen, um sich gegen Fürsten und Städte zu verteidigen. Karl betrieb deshalb eine Landfriedenspolitik, um diese Spannungen zu mindern.

In diesen Pestjahren kommt - da man die Sense erfunden hat - das Motiv vom Totentanz mit dem Sensenmann auf. Der Schauder des Ungewissen rief bei Vielen hektische Lebensgier hervor. Boccacios Decamerone120 beschreibt dies. Die von der Pest Verschonten gönnten sich einiges: “Da hob die Welt zu leben an und fröhlich zu sein, und es machten die Männer neue Kleidung.” Statt des “Schlupfkleides” trug man jetzt die taillierte, vorn geknöpfte “Schecke”, wovon “Jacke” kommt. Man trug längere Beinlinge, die am Wams befestigt waren. Das Wams war für die nächsten dreihundert Jahre zugleich Hosenträger. Das machte schlank, das gotische Formempfinden machte Mode. Doch Kleidung war teuer: Die Witfrau von Heudorf verkaufte das Dorf Göggingen an der Ablach, weil sie ein Kleid und einen schönen blauen Samtrock haben wollte. Die Farben waren festgelegt: Rot und Gold dem hohen Adel vorbehalten.

1348

Im Pestjahr 1348, das jedoch sein Stammland Böhmen fast verlustlos überstand, gründete Karl IV. die erste Universität Deutschlands in seiner Hauptstadt Prag. Sie soll einem Mangel abhelfen in Böhmen und anderen dem Königreich benachbarten Gegenden und Ländern, sagt die Gründungsurkunde. Sie war also eine Universität für Mitteleuropa. Wie die schon bestehenden in Paris und Oberitalien, teilte auch sie ihre Magister und Scholaren nach den vier Himmelsrichtungen in vier Herkunftsbereiche - “Nationen“: Die böhmische mit den deutschen und tschechischen Landeskindern und den Ungarn; die bayerische mit Bayern, Österreichern, Tirolern, Schweizern, Schwaben, Franken, Kärntnern, Krainern, aber auch Hessen, Rheinländern, Westfalen und Reichsitalienern; die polnische mit Schlesiern, Polen, Preußen und Litauern, schließlich die sächsische mit Norddeutschen und Nordeuropäern. Karl hat nach dieser Universität in anderen Reichsteilen noch neun weitere gegründet - von Cividale 1353 bis zu Lucca 1369. Prag war jedoch nach Lage und Bedeutung sicher  d i e  Universität für das deutsche Königtum.

Karl IV. habe mit der Vergangenheit abgeschlossen, sagt man. Er habe darauf verzichtet, das alte Königtum/Kaisertum wiederherzustellen. Seine Reichsidee beruhte jedoch noch immer auf der Gewaltenteilung zwischen Kaiser und Papst. Und er hatte das gleiche Sendungsbewusstsein wie Ottonen, Salier und Staufer. Er war eher ein Konservativer, wenn auch ein konstruktiver. So hat er das Papsttum als geistige Macht anerkannt, aber geschmeidiger mit ihm verhandelt als viele Vorgänger. Er hatte es allerdings leichter, weil sich der Papst, den der französische König in Avignon festhielt, nach Rom absetzen wollte. Im “König der Römer” sah er den geeigneten Helfer. In Italien hatte Karl keineswegs auf die Reichsrechte verzichtet. Die Stadtherren haben ihn sogar um die Bestätigung der “alten Ordnung” gebeten. Sie zahlten gut dafür: Mailand 150.000 Gulden, Florenz 100.000 Gulden. Das war der Ersatz für jahrzehntelang ausgefallene Reichssteuern. Soviel bekam er von keiner deutschen Reichsstadt. Natürlich war ihm klar, dass seine Bestätigung von den Stadtherren dazu benutzt wurde, um ihr Regiment zu sichern. Aber die Rechte des Reiches waren wieder erneuert.

Er dachte nicht daran, Italien kraft seiner Macht und Autorität zu befrieden und zu einigen. Das hatte schon Dante von seinem Großvater gewollt, jetzt forderte es Petrarca. Dem vielgerühmten Dichter, Humanisten und Gesandten an seinem Hof  schrieb er: “Die alten Zeiten, die Du erwähnst, kannten die schwierigen Bedingungen der Gegenwart nicht. Freund, es ist nötig, mit den Lebenden über das Entschwundene nachzudenken.” Auch Cola di Rienzo, der römische Volkstribun, der versucht hatte, aus Rom eine Republik zu machen, wurde nach seinem Staatsstreich zwar in Prag aufgenommen, doch nicht mehr.

Auch Burgund gab Karl nicht ohne weiteres auf. Als letzter Kaiser hatte er sich zum burgundischen König krönen lassen. Über Savoyen und die Westschweiz herrschte Frankreich sowieso schon, deshalb übertrug er dem französischen Kronprinzen das Reichsvikariat. So war der Rechtsanspruch gewahrt und das Vordringen Frankreichs nach Italien bis zum 15. Jahrhundert gestoppt.

1356

Karl hat die Königswahl, die 1314 zur Doppelwahl geführt hatte, durch das Reichsgesetz der - nach dem goldenen kaiserlichen Siegel so genannten - “Goldenen Bulle” eindeutig geregelt. Damit erhöhte er die Kurfürsten und überließ ihnen auch die letzten Rechte des Königs in ihren Gebieten: die Zoll- und Münzrechte, Gerichtshoheit und Nutzung der Bodenschätze. Die weltlichen Kurfürstentümer wurden unteilbar. Die Königswahl musste nach Stimmenmehrheit erfolgen. Die fällige Anerkennung des Gewählten durch den Papst wurde ignoriert. Karl war zwar fromm, aber kein “Botengänger des Papstes”. Die goldene Bulle war die erste Reichsverfassung. Mit diesem Gesetz hatte sich Karl als Kurfürst mit den anderen Bevorrechtigten ein Stockwerk höher gehoben. Da andere Mitbewerber um die Macht nicht auf diese Hebebühne gelassen worden waren, drängten sie umso ungestümer nach oben.

Die Söhne Kaiser Ludwigs ließ Karl um ihre Mark Brandenburg zittern. Dort tauchte ein Kreuzzugspilger auf, der behauptete, er sei der letzte Askanier. Da die Bayern ihre Kolonie recht derb verwalteten und große Randgebiete den Nachbarn überlassen hatten, hatte der scheinbar rechtmäßige Markgraf alle Sympathien für sich. Erst als Karl fest im Sattel saß, ließ er den Schwindler fallen. Später hat Karl die Mark Brandenburg den Wittelsbachern für 500.000 Gulden abgekauft.

Anders verhielt es sich mit den Habsburgern. In Wien regierte Herzog Rudolf IV. von Österreich121, Steiermark und Kärnten, “der Stifter”. Der begabte junge Mann ist von brennendem Ehrgeiz besessen. Er will sein Haus unsterblich machen. Dabei nimmt er sich seinen Schwiegervater Karl zum Vorbild. Wie er, gründet Rudolf 1365 in seinem Wien eine Universität und den Stephansdom. Er stiftet zudem 1358 den Mythos des “Erzhauses” Österreich. Da er sich und seine Familie durch die Goldene Bulle aus dem Kurfürstenkolleg ausgesperrt sieht, versucht er mit einer gefälschten, bis auf seinen vorgeblichen “Ahnen” Cäsar zurückgehenden Urkunde zu beweisen, dass die Habsburger seit Urzeiten “Erz”-Herzöge gewesen seien und somit sogar über den Kurfürsten stünden. Sie hätten auch gegenüber dem Reich keine Pflichten, wohl aber das Reich ihnen gegenüber. Schon Petrarca erkannte die Fälschung, da Cäsar von sich nie im Pluralis majestatis gesprochen habe. “Das wusste dieser Ochs nicht. Wenn er es gewusst hätte, hätte er vorsichtiger geblökt.” Aber: “Was in der wissenschaftlichen Perspektive Fälschung... ist, kann in einem andersartigen Geschichtsverständnis die naive Übereinstimmung zwischen Geschehen und der rechten Ordnung sein”, sagt uns ein Historiker. “Mittelalterliche Verfasser ... fanden nichts dabei, die Texte in einem ihnen passender erscheinenden Sinne abzuändern.”

1363

Österreich hatte beim Papst die Anerkennung der Ehe der Gräfin Maultasch von Tirol mit dem wittelsbachischen Brandenburger durchgesetzt. Der einzige am Leben gebliebene Sohn aus dieser Ehe galt nun nicht mehr als Bastard. Seine Mutter schwor, dies den Österreichern nie zu vergessen. Der Sohn heiratete die Schwester Herzog Rudolfs von Österreich, und es wurde ein gegenseitiger Erbvertrag geschlossen. Kurz darauf holte sich der Neunzehnjährige eine Lungenentzündung. Die Aussicht auf die wichtige Erbschaft beflügelte Schwager Rudolf. Mitten im Winter mussten ihn Salzburger Bauern über die Birnlücke ins Ahrntal tragen. Tirol kam zu Österreich. Für die Habsburger war es als Brücke zwischen ihren westlichen und ihren östlichen Ländern von größtem Wert. Die so schwer geprüfte Landesmutter Margarete wurde nach Wien gebracht. Dort starb sie fast wie eine Gefangene.- Auch zwischen Böhmen und Österreich wurde ein gegenseitiger Erbvertrag geschlossen, und jede Seite hoffte, recht bald in den Besitz der Länder der anderen zu kommen.

Obwohl Kaiser Karl IV. schon eine ahnsehnliche Hausmacht hatte, ließ sein Bestreben zu ihrer Mehrung keineswegs nach. Da war zunächst der alte Familienbesitz Luxemburg. Dazu kamen die Herzogtümer Limburg und Brabant. Der größere und wichtigere Teil war Böhmen mit Mähren. In der Goldenen Bulle gab er ihm den ersten Platz unter den Fürstentümern. Das ehedem im Südwesten liegende Kraftfeld des Reiches hatte sich nach Böhmen verlagert. Darum gruppierten sich "die Länder der Böhmischen Krone”. Er kaufte viele Landinseln hinzu, vielleicht, um sich eine Landbrücke in sein Stammland Luxemburg zu schaffen. Doch als der Kauf der Mark Brandenburg winkte, musste er sich von der Hälfte dieses “Neuböhmen” trennen. Mehr noch als das Land, schien ihm dessen Kurstimme den Einsatz wert. Obendrein versprach der Besitz Brandenburgs die Anwartschaft auf die Königskronen von Polen und von Ungarn. Diese Aussichten waren atemberaubend.- Karl hatte die Territorien seiner Familie um zwei Drittel vergrößert, sie herrschte über ein Viertel des deutschen Reichsgebietes.

Durch seine Universitätsgründung hatte Karl Prag zur geistigen Mitte Europas gemacht. Dann machte er es zum “goldenen Prag”. Damit gab er auch dem Reich eine Metropole. Das war neu. Bis dahin war das Königtum ein ambulantes Gewerbe gewesen. Jetzt ging das nicht mehr; der Verwaltungsapparat war schon zu groß. Die 182 kaiserlichen Sekretäre Heinrich I. hatte anfangs nur einen einzigen - haben schließlich 7.500 Urkunden ausgefertigt. Karl machte seine Hauptstadt zur drittgrößten Europas nach Konstantinopel und Rom. Sie war um das Doppelte gewachsen. Er gründete die Prager Neustadt, ließ die Karlsbrücke über die Moldau bauen und auf dem Burgberg den Königspalast mit allem was dazugehörte, daneben den Veitsdom und den Sitz des Erzbischofs. Er hatte seine östlichen Länder vom Mainzer Erzstift gelöst und sie verselbständigt. Der fromme Mann und Reliquiensammler baute sich zum Beten und Meditieren einen Tagesritt von der Hauptstadt entfernt die Burg Karlstein, in der er die Reichskleinodien deponierte. Schnell verbreitete sich der Ruf des königlichen Mäzenatentums. Die Prager “Malerzeche”, eine Künstlerkolonie, zog auch kunstschaffende Baumeister, Goldschmiede und Erzgießer an. Die Prager Gotik strahlte weit.

Auch die neuhochdeutsche Schriftsprache ging von hier aus. Eine Schlüsselrolle spielten dabei die Schriften des kaiserlichen Kanzlers, des Erzbischofs Johann von Neumarkt. Er verband süd- und norddeutsche Sprachformen. Über die Hofgesellschaft und die Klöster drang diese Sprache ins Volk. “Der Ackermann aus Böhmen”, ein Streitgespräch des Bauern mit dem Tod, um 1400 entstanden, ist die erste große Dichtung in dieser Sprache.

Karls Böhmen war auch ein Wirtschaftszentrum. Böhmen hatte in seinem Silber ein gutes Kapital; die “dicken Prager” Silberlinge, die “grossi Pragenses”, an die das Wort “Groschen” erinnert. Durch Karls Landfriedensbünde wurden die Straßen und der Handel sicherer. Der wichtigste West-Ost-Handelsweg führte von Flandern über Frankfurt und Nürnberg nach Prag und weiter über Breslau nach Krakau oder nach Wien und Ungarn. Die Süd-Nord-Route von Venedig über Augsburg an den Niederrhein wollte Karl über Prag lenken. Diesen Warenweg wollte er wahrscheinlich nach Lübeck verlängern. Fast am Ende seines Lebens begab er sich eigens dorthin. Seit zweihundert Jahren war kein Kaiser mehr in Norddeutschland gewesen, aber Karl wollte eine Beteiligung an dem wichtigen Hafen. Die Städte der Hanse, an ihrer Spitze Lübeck, standen nach dem Sieg über Dänemark auf dem Gipfel ihrer Macht. Die Lübecker gaben dem Kaiser zwar ein elftägiges Fest, das den städtischen Haushalt überzog, doch sie ließen den alten Herrn abblitzen.

Die Hanse, der erste Multi der europäischen Wirtschaft, war eine Interessengemeinschaft der Großkaufleute hauptsächlich norddeutscher Städte. Die streitbaren Kaufleute wollten ungestört Handel treiben. Konkurrenz wurde ausgeschaltet. Das “Haupt” der Hanse war Lübeck. Aber auch Köln, Hamburg, Bremen und Breslau, Lüneburg, Münster, Magdeburg, Danzig und Neuss, insgesamt 166 Städte gehörten zur Blütezeit dazu, selbst nicht-deutsche wie Krakau, Stockholm, Wisby, Nymwegen. Lange beherrschte dieser Städtebund das wirtschaftliche Leben Norddeutschlands. Seine Macht strahlte nach Skandinavien, ins Baltikum und nach Flandern und England aus. Östlichstes Handelszentrum war Nowgorod. Gehandelt wurde mit allem, was Geld brachte, besonders mit Getreide, das Preußen und Mecklenburg lieferten, mit Holz aus Schweden und Finnland. Tuche kamen aus Flandern, allein 1368 nach Lübeck für mindestens acht Millionen Euro nach heutigem Wert. Einbeck lieferte sein berühmtes Bier, Brügge war Einkaufszentrum für alles. Im Gasthaus der Patrizier van der Beurze, die Kaufherren und Makler waren, entstand die “Börse”. Von Flandern kam auch der Pfeffer. Unter diesem Sammelnamen liefen alle Gewürze aus dem Orient. Sie waren irre teuer, aber wer Geld hatte, würzte trotzdem irre. Am “Pfeffer” wurde daher ganz unchristlich verdient.

Die Organisation war streng. Kreditgeschäfte waren verboten, um Spekulation auszuschließen. Qualität, Maße und Gewichte wurden von einer Warenpolizei kontrolliert. Jeder hatte sich dem geltenden Recht zu unterwerfen. Es war meist Lübecker Recht. Die Selbstzucht verlieh den seefahrenden Händlern Schlagkraft gegen ausländische Konkurrenten. Mit Boykott und Handelssperre schalteten sie diese aus. Sie hatten Krieg sogar gegen den Staat Dänemark geführt, ihn gewonnen und auch nicht vergessen, die Hauptstadt dem Erdboden gleich zu machen. Doch was sich für Norddeutschland so bedeutend darstellt, schrumpft beim Vergleich mit mittelmeerischen Maßstäben auf eine nur relative Größe: 1368, in seiner besten Zeit, erreichte Lübeck gerade ein Zehntel des genuesischen Seehandelsumsatzes, von Venedig gar nicht zu reden.

1410

In der Schlacht bei Tannenberg im späteren Ostpreußen ging der Deutsche Orden, ein “Haupt” der Hanse, unter. Damit verlor sie die wichtigste territoriale Basis. Gleichzeitig nahm die holländische und englische Konkurrenz zu. Die Könige der aufsteigenden Nationalstaaten ärgerte das Hineinwirken in ihre Rechte. Zar Iwan „der Schreckliche“ schloss die Filiale in Nowgorod, in England verlor die Hanse ihre Rechte und Dänenkönig Christian IV. empfand es als anmaßend, dass “Krämer und Krauthöker Kriege führen und Staaten regieren wollten.”

Auch in Süddeutschland gab es mit der “Großen Ravensburger Handelsgesellschaft” eine kaufmännisch-städtische Vereinigung. Sie trieb zwischen Ulm, Bodensee und Oberitalien, auch weiter bis Südfrankreich und Südspanien Handel. Mitglieder waren nur zehn Städte, doch man hatte Kontore in Wien, Venedig, Mailand, Genua, Brügge, Lyon, Avignon, Antwerpen, Barcelona, Saragossa und Valencia. Mit 130.000 rheinischen Gulden Kapital und einem Jahresumsatz von 260.000 Gulden war sie die reichste spätmittelalterliche Handelsgesellschaft.

Anders als die Italiener verschmähten die Hanseaten und ihre schwäbischen Genossen das Kreditgeben. Nur dabei verdiente man so viel, dass man sich dauerhaft in die erste Reihe des Welttheaters setzen konnte. Es gibt keine deutschen Medici122, nur Buddenbrooks123. Nur in Augsburg gedieh eine Kreuzung von beiden: die Fugger. Nur sie wurden schließlich Fürsten.

Das Wort vom “königlichen Kaufmann“ ist also kaum maßstabgerecht und die Ansicht, die Hanse hätte die Ostseeküste bis hinauf nach Riga und Reval deutsch gemacht, ist übertrieben. Auch nationalstolze Sprüche wie: “Wo die Hanse ihre Kontore baute, ..., da galt ihre Sprache, ihre Münze, ihr Recht” hatten wohl für die paar Tage ihre Richtigkeit, die die Hansekoggen124 zum Be- und Entladen brauchten. Seine Richtigkeit hatte es freilich mit dem Recht. Magdeburger Recht etwa galt bis tief nach Polen hinein und Lübecker Recht bis weit nach Skandinavien hinauf.

Weil die Städte Politik meist passiv erlebten, kompensierten viele Städter mit Patrizierstolz. Goethe etwa flunkerte: “Wir Frankfurter Patrizier hielten uns immer dem Adel gleich, und als ich das (Adels-) Diplom in Händen hielt, hatte ich ... nichts weiter als was ich längst besessen.” In Wirklichkeit war sein Großvater Damenschneider gewesen und sein Vater hatte sich den Titel “Röm. Kayserl. Majestät würcklicher Rath” nur gekauft. Anders die tatsächlichen Patrizier, etwa die Nürnberger Tucher, Imhof und Haller, die Holzschuher, Kreß, Stromer und Welser. Sie waren schon früh generationenlang in ihrer Stadt und weit darüber hinaus bedeutend gewesen. So war ihre Nobilitierung125 fast zwangsläufig.

Karl IV. hatte den Lübecker Rat mit “Ihr Herren” angesprochen. Man hat darin eine soziologische Wendemarke gesehen. Es ist jedoch zu wiederholen: Er wollte etwas von ihnen. Außerdem waren sie nach dem Sieg über Dänemark 1370 - wirklich mächtig. Karl sprach aber auch mit kleinen Leuten. Er hatte sogar Sprechstunden für sie. Das war nicht eigentlich “sozial”. Auch seine Arbeitsbeschaffungsprogramme und auch sein Beitrag zur Einrichtung eines Fürsorgezentrums waren es nicht. Das war nur fürstliche Fürsorge.

1376

Karl hatte nur mit wenigen Städten ein wirklich herzliches Verhältnis. Neben Prag war das Nürnberg, danach Breslau. Außer Karlsbad, dem späteren Weltbad und heute tschechischem Karlovy Vary, hat er keine Stadt von Bedeutung gegründet. Bereits in der goldenen Bulle hatte er Bündnisse zwischen Städten verboten. Jetzt verdunkelte ihm der schwäbische Städtebund unter Ulms Führung seine letzten Tage. Ursache war die Nachfolge. Noch zu seinen Lebzeiten war sein Sohn Wenzel126 deutscher König geworden. Der Vater hatte bei den Kurfürsten kräftig nachhelfen müssen. Zugunsten des Kölner Erzbischofs wurden dessen Stadt Köln - der damals größten deutschen Stadt - wichtige Rechte entzogen, sie kam sogar in die Reichsacht. Der Pfälzer Kurfürst bekam 50.000 Gulden für “künftige Dienste”. Da Karl aber noch mehr Geld brauchte, wollte er einige Reichsstädte “verpfänden”. Diese zeitweilige Vergabe an einen anderen Herrn bedeutete meist, dass der sein Pfand auspresste. Meist behielt er es sogar, weil dem Kaiser das Geld fehlte, um es auszulösen.

Der Kaiser konnte das nur mit kleinen Städten machen. Doch die meist schwäbischen Reichsstädte waren klein. Ulm mit 12.000, Heilbronn mit 5.500, Esslingen mit 5.000, Reutlingen mit 4.000 Einwohnern gehörten schon zu den großen. Stuttgart, die spätere Hauptstadt der Grafen von Württemberg, hatte damals erst 1.000 Einwohner. Zur Verpfändung wollten es achtzehn Städte gar nicht kommen lassen. Sie verbündeten sich. Karl erklärte darauf gegen sie den Reichskrieg. Aber der Kaiser musste beigeben. Er musste den Rebellen sogar ihre Unverpfändbarkeit und ihr Widerstandsrecht gegen unrechte Gewalt bestätigen. Aus diesem Selbstwertgefühl heraus bauten die Ulmer ab 1377 ihr Münster. Bürgerstolz wollte sich mit dem imperatorischen Mäzenatentum Karls messen, das Prag noch heute ausstrahlt. Dorthin kam der Gichtgeplagte zurück. “Da ward er siech und starb und ward begraben in dem Dom zu Prag. Da liegt er noch.”

Von Karls Plänen hatte sich wenig erfüllt. Sein Sohn Sigmund, der Polen hätte erben sollen, zog dort den kürzeren. Immerhin gewann er nach schweren Kämpfen Ungarn. Als nämlich Ludwig  “der Große” von Polen und Ungarn gestorben war, zwang der polnische Adel seine Tochter, den heidnischen Großfürsten Jagiello von Litauen zu heiraten. Der erhielt, wie der Hochmeister des Deutschen Ordens spottete, für ein paar Tropfen Taufwasser außer einer schönen Frau auch noch ein Königreich. Jetzt ging Polen daran, den Ordensstaat zu erobern. 1410 kam für ihn in der Schlacht von Tannenberg die Katastrophe. Aber noch konnte Polen den Ordensstaat nicht liquidieren. Das schafften die “Herren von Preußen” selber. Nach wie vor behandelten sie ihre Städte nur wie Untertanen, wo sie Partner gebraucht hätten. 1466 riefen daher die Städte die Polen ins Land. Den Rittern blieb nur noch das Kulmer Land, das spätere Ostpreußen. Die viel größeren Gebiete des Nordostens und die zwischen Oder und Weichsel nahm sich Polen.

Im Westen verlor das Reich die in höchster Wirtschaftsblüte stehenden “niederen Lande”. Die Herzöge von Burgund, eine Nebenlinie des französischen Königshauses, hatten diese Gebiete erheiratet und zusammengekauft. Ein neues Machtzentrum war entstanden.

1376

Der achtzehnjährige Wenzel, den die Geschichte “den Faulen” nennen wird, war deutscher König. Doch er wollte nicht den ganzen Tag König sein, sondern sein Vergnügen haben. Für seinen gewaltigen Durst machte der wahrscheinlich Impotente eine Vergiftung verantwortlich. Immer weniger Zeit verbrachte er mit seinen Räten, immer mehr mit lauten Halbstarken. Der Erzbischof rief das labile Bürschchen zur Ordnung. Im Jähzorn ließ darauf Wenzel den erzbischöflichen Rat Johann Wölflin aus Pomuk in der Moldau ertränken. Da Johann Beichtvater der Königin war, brachten die Jesuiten später die Legende auf, der eifersüchtige König habe die Beichtgeheimnisse seiner Frau wissen wollen. Johanns Standhaftigkeit machte ihn zum Volksheiligen: Als Sankt Nepomuk127 triumphiert seither der Brückenheilige über das nasse Element. In Wahrheit ging es um Politik: Wenzel wollte das Erzbistum verkleinern, um den Erzbischof zu schwächen. Nepomuk war ihm dabei im Wege.

1400

Die Kurfürsten setzten den “unnützen” König in Oberlahnstein rechtswidrig ab. Der offizielle Grund war die Erhebung des Visconti zum Herzog von Mailand für 100.000 Gulden. Die Fürsten warfen ihm deshalb “Entgliederung” des Reiches vor, denn noch gehörte Oberitalien zum Reich. Von da an wandte er sich umso mehr seinem - dem böhmischen - “Volk” zu. Das waren - im Gegensatz zu den deutschen Besitzbürgern zumeist Tschechen. Deshalb fand ihn „der  Mann auf der Straße“ sympathisch. Doch das konnte nicht gutgehen, wenn man, wie Gerüchte wussten, als Täufling ins Weihwasser uriniert und auch noch den Altar verkotet hatte.

Während Wenzel seine Räusche ausschlief, war die Habsburger Gegenpartei erfolgreich tätig. Dem jüngeren Bruder Rudolfs des Stifters war bei der Erbteilung das schwäbisch-elsässische “Vorderösterreich” zugefallen, zu dem nun auch Tirol gehörte. Dieser Herzog Leopold III. galt als “Blume der Ritterschaft”. Doch außer zum Turnieren hatte er auch das Zeug zum Regieren - und das Geld. Er hatte nämlich eine Visconti geheiratet. Mit Mailänder Geld kaufte er die Herrschaft Hohenberg auf der schwäbischen Alb und die Grafschaften Vorarlberg und Freiburg im Breisgau. Noch heute heißt die Freiburger Hauptstraße nach einem Habsburger. Triest, dessen Besitz Österreich später zu Seehandel und einer gewissen Seemacht brachte, schloss sich ihm an; es fürchtete Venedigs Eroberungsdrang. Zürich und Bern, Zug und Glarus hatten sich dagegen der Schweizer Eidgenossenschaft angeschlossen, auch Luzern, die wertvolle Zollstätte an der Gotthardstraße. Herzog Leopold wollte aber keine weiteren Einbußen hinnehmen. Er zog mit einem glänzenden Ritterheer aus schwäbisch-elsässischem Adel gegen Luzern. Bei Sempach128 trafen die Ritter 1386 auf die wohl nur zweitausend Melker und Hirten. Das Fiasko war noch blutiger als das von Morgarten vor siebzig Jahren. Der Herzog und seine Ritter wurden niedergemacht. Auf eidgenössischer Seite fiel jener Winkelried, dem die Legende andichtet, er habe sich einige Lanzen gebündelt in die Brust gedrückt, um “der Freiheit eine Gasse” zu bahnen. Die Selbständigkeit - und nur um die ging es - führte zur Trennung vom Reich. “Den Kaiser will man zum Herrn, um keinen Herrn zu haben”, verdeutlichte Schiller.

1400

Schon einen Tag nach der Absetzung Wenzels war Kurfürst Ruprecht von der Pfalz129  zum König gewählt worden. Nord- und Ostdeutschland blieben Wenzel treu. Er selbst nahm seine Absetzung nicht zur Kenntnis. Weil man Wenzel die Unterlassung des Romzuges vorgeworfen hatte, raffte sich Ruprecht dazu auf. Er kam nur bis Brescia. “Während der zehn Jahre seiner Regierung” hat er “nur noch den Königstitel spazierengeführt.” Immerhin hatte er 1386 in seinem Residenzstädtchen die Universität Heidelberg gegründet.

1410

Nach ihm werden Wenzels Bruder Sigmund, König von Ungarn, und sein Vetter Jobst, Markgraf von Mähren, zu Königen gewählt. Mit Wenzel, der noch immer nicht aufgegeben hat, gibt es nun drei Könige - alle aus der gleichen Familie. Gleichzeitig gab es auch drei Päpste. Das Schisma, die Teilung der Kirchenspitze - ein Papst in Rom, ein zweiter in Avignon - gab es ja schon seit 1378. Jetzt kam noch einer in Mailand dazu.

Sigmund130 setzte sich bald als König durch, weil er seinen Bruder einsperren ließ und sein Vetter starb. Er war um die fünfzig, er galt als gebildet. Nach zeitgenössischen Beschreibungen und nach seinem Bild im Wiener kunsthistorischen Museum war er ein schöner Mann.

Für den König stand an erster Stelle die Reform der Kirche. Überall verlangte man ein “allgemeines Conzil”. Ein Theologenkongress sollte klären, wer eigentlich Papst ist und dann die drängenden Probleme der Kirche regeln. Das Konzil konnte aber nur zustandekommen, wenn eine weltliche Autorität die Schutzherrschaft übernahm.


Sigmund übernahm sie. Er hatte sich auch schon als Christ qualifiziert, weil er als ungarischer König den neuen Feind der Christenheit, die Türken, abzuwehren versucht hatte: Unter dem Eindruck der schweren Niederlage der Serben auf dem Amselfeld kam ein Kreuzzug zustande. Die Kreuzfahrer belagerten das strategisch wichtige Nikopol an der Donau im heutigen Bulgarien. Als Sultan Bajasid zur Befreiung der Festung heranzog, griff ihn der taktisch unerfahrene, aber bis zum Wahnwitz ruhmsüchtige Burgunder-Herzog Johann „Ohnefurcht“ eigenmächtig an, noch bevor das Kreuzfahrerheer vielleicht 7.500 gegen 11.000 bis 12.000 Osmanen kampfbereit war. Sigmund konnte der Katastrophe nur knapp auf einem venezianischen Boot entkommen. An die Türken erinnerte ihn ständig der gelbe Reichsadler an der Decke des Kaisersaales seiner Nürnberger Burg. Wie es hieß, würde er erst schwarz werden, wenn der letzte Ungläubige bekehrt sei. Noch immer drohen wir deshalb bei nicht vorstellbaren Wartezeiten: “ ... bis Du schwarz wirst!”

1414

Dem König gelang es, den vom letzten Konzil eingesetzten Papst Johannes XXIII. zur Einberufung des Konzils nach Konstanz131 zu bewegen. Hundert Jahre vor Luther zeigten die Deutschen, wie wichtig ihnen die christliche Einheit war. Mit dem Herzog von Tirol, der ihm über die Alpen Geleitschutz gegeben hatte, ritt der Papst in die Bodenseestadt ein. Mit ihm kamen 33 Kardinäle, 350 Bischöfe, 563 Äbte und Vertreter von 37 Universitäten, an ihrer Spitze die theologische Fakultät der Universität Paris. Nach ihrer Meinung war das Konzil das oberste Beschlussgremium der Kirche, der Papst nur Repräsentant und Ausführungsorgan.

Das Konzil war auch eine Gipfelkonferenz der damaligen Nationen. Wie Deutsche, Italiener, Franzosen, Spanier und Engländer teilnahmen, waren auch Griechen, Armenier, Litauer, Russen, ja sogar Äthiopier und Muslime gekommen. Manche Chronisten sprechen von 80.000 oder sogar 100.000 Besuchern - wilde Übertreibungen, denn “Costnitz” hatte nur etwa 6.000 Einwohner.

Mit den Massen kamen auch ihre Unterhalter: Gaukler und Possenreißer, nicht zu vergessen die Damen des ältesten Gewerbes. Von diesen “Hübschlerinnen” gab es etwa 700 “offene”, die kaserniert waren, und etwa ebensoviel “geheime”. Die Stadt war an ihren Einkünften beteiligt, der Vorort Peterhausen für sie reserviert. Die gern geglaubte Fabel, dem Konzilsherrn Sigismund und seiner Begleitung sei der kostenlose Besuch des Bordells geboten worden, der „mit zu der Bewirtung gehörte, die man hohen Gästen bot“, ist kaum glaubhaft. Diese von seinem Besuch in Bern überlieferte Maßnahme sollte vielmehr vor Belästigungen der Bürgersfrauen und ihrer Töchter durch die damals 1.400 Begleiter des Königs schützen. „Da der Besuch einer hochgestellten und zudem verheirateten Persönlichkeit in einem Freudenhaus auch vor 600 Jahren als unschicklich und unmoralisch galt“ und dies auch ein Verstoß gegen das Ehesakrament gewesen wäre, hat sich der Schutzherr des Konzils wohl kaum auf das Niveau seiner Rossknechte herabgelassen, schon gar nicht vor der illustren Öffentlichkeit dieses über Europa weit hinausgehenden Völkerkongresses. Dass er sich aber bei anderen Gelegenheiten nichts entgehen ließ, ist ebenfalls verbürgt. Bei einem Tanzfest etwa, das der Tiroler Landesherr ihm zu Ehren gab, fiel sein Umgang mit einer schönen Innsbruckerin unangenehm auf, so dass ihm der Herzog sagen musste, dass er sich wie „eyn Saubär benehme, was auch für einen Kunig nit angehe und solle Se. Majestät lieber geschwindt Ynnsbrugg den Rücken wenden, weyl sunsten die freyen Burger ihn mores lehren müssten!“

In Konstanz schnellten die Preise in die Höhe. Die Fischer machten die Felchen so teuer, dass Heringe importiert werden mussten. Oswald von Wolkenstein132, der letzte Minnesänger, maulte: “Gedenk ich an den Bodensee, so tut es mir im Beutel weh.” Diese Schmerzen konnten vorübergehend von Wechslern und Bankern gelindert werden. Die “Banken” standen meist noch im Freien. Sie wechselten die Unzahl der Währungen. Vom Verbot des Wuchers sprach niemand mehr, dazu brauchten die potenteren Kreise Kredite und finanzielle Transaktionen zu nötig. Die etwa dreißig anwesenden Großbanken hatten bereits die doppelte Buchführung und verdeckte Konten. Deutschland bekam in Konstanz Nachhilfeunterricht im Bankwesen.

Das teure Leben dünnte die Zahl der Besucher bald aus. Sogar König Sigmund überließ dem Rat der Reichsstadt zum Schuldenausgleich nur „vil herlicher sidener (Tafel)tuecher   mit gold geweben“. Nur konnten die Konstanzer damit nichts anfangen; der Reichsadler war zu gute Handarbeit. Die reich gewordenen Patrizier konnten das verschmerzen. Einer von ihnen hinterließ  ein Vermögen von über 70.000 Pfund Silber.

Dank Ulrich von Richenthals Bilderchronik sind uns die Wappen der Großen überliefert, die teilnahmen. Die Knechte hängten die Schilde ihrer Herren vor die Herberge, damit jeder wusste, wo wer war. Noch heute spricht man deshalb vom “Aushängeschild”. Neben dem eigentlichen Anlass gab es Vergleiche, Verpfändungen, Belehnungen, Machtgewinn neben Machtverlust. Machtgewinn erhielt Friedrich von Zollern, Burggraf von Nürnberg, durch die Belehnung mit der Mark Brandenburg133. Seine Nachfahren werden dieses Ländchen - damals so groß wie Sizilien - zur Großmacht machen und bis 1918 regieren. Ein anderer Friedrich, Herzog von Vorderösterreich und Tirol, wird sein Land verlieren und deshalb der “mit der leeren Tasche” werden.

Als Gefolgsmann des Bischofs von Brixen war Oswald von Wolkenstein gekommen. Wer die Trümmer der Stammburg seiner Familie eingangs des Südtiroler Langentals unter einer überkragenden Felswand sieht, weiß, dass hier nur knochenharte Naturen hochkommen konnten: Der Elfjährige läuft von zu Hause weg. Er ist Laufbursche, Koch, Ross- und Ruderknecht, er hat kein Pferd, stiehlt sich ein Muli, kommt bis Kreta und Litauen. Wieder zu Hause, schickt ihn die Frau seines Lebens auf die Pilgerreise. Von ihr kehrt er als Ritter des heiligen Grabes heim, wo er die geliebte Sabine in den Armen eines Anderen findet. Oswald wird Politiker. Er geht zur Tiroler Opposition, denn Sabine ist in das Bett des Landesherren umgestiegen. Die Fehde um Burg Hauenstein unter dem Schlern bringt ihn mehrmals in Gefangenschaft. In Konstanz tritt er in königliche Dienste. Da er zehn Sprachen beherrscht, verwendet ihn Sigmund als Diplomat, Dolmetscher und Kundschafter. Mit ihm geht er an den Hof von Aragon und nach Lissabon. Er macht eine Spritztour nach Ceuta, kommt nach Avignon, Paris, Holland, England und Schottland.

Oswald war kein Sänger der “hohen Minne”. Der Bodensee kommt bei ihm schlecht weg. Bei Gedanken an Badefreuden wird er freundlicher: “Waschet, Maidli, mir das Schaidli, ...” Diese Maidli waren nicht nur reinigend tätig. In den öffentlichen Bädern saßen Männlein und Weiblein barfuß bis zum Hals, von dort aufwärts aber je nach Vermögen mit Halsgeschmeiden, Ohrringen und Kopfputz, in Holzzubern beieinander. Zwischen den Geschlechtern befand sich höchstens ein Brett, auf dem man würfelte, Karten spielte oder tafelte. Der Wirt hieß “Bader”. Neben dem Badebetrieb besorgte er auch andere Wohltaten wie Wunden behandeln und Furunkel schneiden. Sein Gewerbe galt als “unrein”. Unsere Ärzte haben also sehr missachtete Ahnen. Dies musste Agnes Bernauer in der Wonne ihrer jungen Ehe erfahren. Herzog Albrecht von Bayern-Landshut hatte sie geheiratet. Um das edle Wittelsbacherblut jedoch nicht verunreinigen zu lassen, ließ sein Vater die schöne Baderstochter als Hexe in der Donau ertränken.

Zur Unterhaltung der Badegäste fiedelte ein Spielmann, oder ein Possenreißer vollführte seine Schwänke. “Man sucht der Weiber Gesellschaft, geht ins Bad, ..., befleckt die Seele! Im Bade sitzen sie nackt mit Nackten beisammen, nackt mit Nackten tanzen sie. Mädchen kenne ich, die ...als Dirnen zurückkehrten, anständige Frauen als Ehebrecherinnen!”

Dies schrieb ein Priester Jan aus Husinec, der sich, da es noch keine Familiennamen gab, Hus134 nannte. Er war Magister der Prager Universität, war ein moralischer Fanatiker, der es zum Beichtvater von Wenzels zweiter Frau und dadurch zur Protektion des Königs gebracht hatte. Dem Zeitgeist entsprach sein Urteil freilich nicht. Die Sitten waren frei. Wenn ein Paar heiratete, begab es sich vor der Hochzeitsgesellschaft ins Bett, das meist nur ein “Lager” war. Jeder wollte und konnte die Vereinigung der beiden sehen. Das war nicht obszön, nein, man freute sich darüber. Für Hus aber war selbst der Geschlechtsverkehr zwischen Ehepartnern nicht frei von Sünde. Er brauche jedoch nicht gebeichtet zu werden, wenn sein Ziel die Zeugung eines Kindes sei.

Wie musste es ein Mann so verengter Anschauungen empfinden, wenn nicht einmal Geistliche so lebten wie sie sollten, sondern ihre Tage sogar sexabwechslungsreicher gestalteten als ihre Schäflein. Natürlich gab es Missstände in der Kirche. Doch Hus sah nur die Abseite. In seinem Prag kam es wie in Ephesus, als Paulus mit einer neuen Religion kam: Handwerker, Wirte, Weinhändler, Goldschmiede und Musikanten fürchteten um ihre Existenz, wenn das Leben so puritanisch würde, wie er es wollte.

Seine Schelte ließ Hus in der Bethlehem-Kapelle ab, in der tschechisch gepredigt wurde. Die dort vor ihm knieten, waren besitzlose Unterschichtler und - Tschechen. Denn arm und tschechisch und reich und deutsch waren im damaligen Prag fast Synonyme. So ist für den tschechischen Nationalisten der Besitzneid eine starke Triebfeder seiner Demagogie. “Oft weiß man nicht, ob er die großen Herren anklagt, weil sie Deutsche sind, oder die Deutschen, weil sie hohe Herren   sind.” Hus ist Nutznießer dieses Nationalitätengegensatzes, der durch sein Öl zum Brand werden wird.

Sein anfänglicher Förderer König Wenzel hatte sich mit der Prager Universität entzweit. Weil der böhmische König auch deutscher König werden wollte, brauchte er von der Universität die Zustimmung für den Gegenpapst Benedikt XIII. in Avignon. Dazu waren aber nur die tschechischen Magister bereit. Deshalb verfügte er die Umkehr des Stimmenverhältnisses der Universitätsnationen: Die böhmische zum größten Teil Tschechen - erhielten drei, die deutsche behielt nur eine Stimme. Die deutschen Magister und Studenten zogen daraufhin aus Prag aus. Leipzig bekam durch ihren Zuzug seine Universität, Hus wurde in Prag, das zur Landesuniversität absank, Rektor.

Der Nationalitätenhader wäre lokal geblieben, wäre der Armenprediger nicht auch mit seiner Kirche auf Kollisionskurs gegangen. Er übernahm die Forderungen des John Wicliff135 aus Oxford wörtlich. Wie sein englischer Vorredner tobte er gegen den Ablass, den Ämterkauf und die Ohrenbeichte. Die Sakramente waren für beide nur Symbole, der dem Priester vorbehaltene Abendmahlswein sollte allen gereicht, das Abendmahl also “in beiderlei Gestalt” gegeben werden. Wie der Engländer für sein Land, forderte Hus eine tschechische Nationalkirche.

Der Papst lud ihn nach Rom und bannte ihn, als Hus nicht kam. Hus berief sich auf die neue Lehre von der Allgewalt des Konzils. Er sprach dem Papst jede Richterbefugnis ab. Dagegen hielt der “tschechische Luther” die Gelegenheit, vor dem Konzil aufzutreten, für eine von Gott gegebene Auszeichnung. Überzeugt, die Kardinäle und Prälaten ebenso umkrempeln zu können wie seine Herde in der Bethlehemkapelle, machte sich der eitel Gewordene auf den Weg. So schnell brach er auf, dass der Geleitbrief Sigmunds, der den Gebannten auf der Reise schützen sollte, ihm nachgeschickt werden musste. Dass er auch in Deutschland freundlich behandelt wurde, zeigt, dass man tolerant war. Hus aber rühmte sich, dass niemand ihn anzurühren wage.

Auch in Konstanz tat man so, als hätte es die Verfluchung nicht gegeben. Er solle nur seine Übereinstimmung mit den Kirchengeboten erklären, dann würde man sich mit ihm nicht weiter auseinandersetzen. Aber die Auseinandersetzung - und zwar die öffentliche - wollte Hus unbedingt. Selbst sein Erzbischof, der ihn schon aus Eigeninteresse schützte, konnte nun nichts mehr für ihn tun. Hus kam in Haft. Auch König Sigmund ließ nichts unversucht, ihn zum Einlenken zu bewegen. Er wolle für die Niederschlagung des Prozesses sorgen, wenn Hus wenigstens nichtöffentlich widerrufe. Gerade weil das Konzil die Kirche reformieren solle, könne es keine Ketzerlehren anerkennen. Sein königlicher Geleitbrief wies zwar alle Reichsstände und Untertanen an, Hus frei durchreisen, Aufenthalt nehmen und zurückreisen zu lassen, er sicherte ihm “öffentlich, friedlich und geziemend Gehör”, er konnte ihn aber nicht gegen eine Verurteilung schützen.

1415

Doch Hus bestand darauf, sich vor dem Kirchenforum zu verteidigen. Noch beim Verhör, das ein Pariser Magister führte, baute man ihm goldene Brücken. Hus beharrte: Nicht er, sondern die Kirche und ihr Konzil ständen im Widerspruch zum göttlichen Recht. Das wurde als Gotteslästerung empfunden. Noch in der Klosterhaft, ja noch auf dem Scheiterhaufen, gab man ihm Gelegenheit, seine Verbrennung zu Klosterinternierung zu mildern, wenn er nur seine Übereinstimmung mit der Kirchenlehre bekenne. Hus tat es nicht. Nach geltendem Recht - den Ketzergesetzen des Staufers Friedrichs II. - musste er verbrannt werden. Die Exekution hatte die weltliche Gewalt vorzunehmen. Selbst die Henker meinten es gut mit dem Ketzer: Sie schichteten auf den Scheiterhaufen feuchtes Stroh so hoch auf, dass er bald erstickte. Das hatte nicht länger gedauert “als ... zwei oder drei Vaterunser.”

Die Tschechen haben seither die Verurteilung ihres ersten Nationalisten als deutschen Willkürakt und als Wortbruch des deutschen Kaisers dargestellt. Sie wollten nicht sehen, dass ihr Mann zum wenigsten von deutschen Richtern verhört wurde und dass er sich den Scheiterhaufen selbst baute. So war ein Märtyrer gemacht worden, der die Deutschen noch viel Blut kosten sollte.

1419

Für das Konzil hatte die Papstfrage Priorität. Der Einberufer, Johannes XXIII., solle zurücktreten, verlangte einer der Gegenpäpste. Johannes tat dies, als jener Gregor ihm “Schandtaten beispielloser Art”, unter anderem dreihundert Nonnenschändungen, vorwarf. Das war nicht einmal gut gelogen, denn das kleine Dickerchen war ein Hasenfuß. Der Angeschuldigte verzichtete auf die Tiara, wurde aber trotzdem in das Dominikanerkloster gesperrt, in dem Hus auf die Urteilsvollstreckung wartete. Doch der gewesene Papst floh und erklärte aus dem nahen Radolfzell das Konzil für aufgelöst. Beinahe hätte er das geschafft, aber der König bat jeden, zu bleiben. Das Konzil tagte noch drei Jahre. Mit der Wahl eines neuen Papstes glaubte man die Einheit der Kirche und die Belange des Glaubens geordnet und gesichert zu haben. Jetzt wollten alle nach Hause. Papst Martin V. ließ sich schnell das “ehrwürdige Recht” des Papsttums bestätigen. Darunter verstand er die Papstherrschaft nach bewährtem Muster. Aus der beschlossenen Demokratisierung der Kirche wurde nichts.

Seit der Verurteilung des Hus durch das Konzil rumorte es in Prag. König Wenzel saß auf einem Pulverfass, das jeden Augenblick explodieren konnte. Dieser Augenblick kam am 30. Juli 1419. Als König und Magistrat Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung berieten, ging es los. Man rammte die Tür der Stefanskirche auf und nahm sie für die neue hussitische Religion in Besitz. Darauf zogen die Demonstranten vor das Rathaus. Der Mob tat dann das, was tschechischer Umsturzbrauch wurde; er “fenestrierte” die Ratsherrn samt Schreibern: Man stürzte sie aus den Fenstern. Unten fing man sie mit Spießen auf. Den Landesherrn Wenzel traf der Schlag, denn für ihn und seinen kaiserlichen Bruder war das die Revolution. Für die Tschechen war es der Sieg ihrer nationalen Sache. Der Adel des Ketzerlandes bot dessen Krone feil. Doch keiner der ländergierigen Fürsten nahm sie an.

1420

Hus hatte die Tschechen aufgerufen zu “erwachen”. Sie taten es. Der alles verwüstende Krieg136 begann. Er wurde geführt von dem einäugigen Ritter Ziska. Als Söldling hatte er in Polen und Litauen Kriegserfahrungen gesammelt. Nun gab er allen seine Sendung bekannt, zu der ihn Gott berufen habe mit dem Auftrag, die Feinde Gottes auszurotten. Der Papst hatte den Kreuzzug gegen die Hussitten gepredigt, der Kaiser zog mit einem Reichsheer vor Prag. Es wird vernichtet. Weitere Kreuzzüge nach Böhmen enden ebenso. Die Hussiten werden 1427 offensiv, sie fallen in Österreich, Ungarn, Schlesien ein. Sie stoßen bis Torgau, Altenburg, Nürnberg, ja fast bis Danzig vor. Alles flieht vor ihnen, denn die Schlagkraft und Grausamkeit ihrer Heere ist enorm, jeder fühlt Gott in sich. Die drakonischen Strafen tun ein übriges. Der Einsatz von Artillerie ist neu. Eine Berühmtheit waren die gepanzerten Streitwagen, jeder besetzt mit zehn bis zwölf Kämpfern. Böhmische Wagenlenker wurden noch lange nach den Hussitenkriegen auf allen Kriegsschauplätzen teuer gehandelt.

In den hussitischen Bauernrotten war schon viel von jenem Sozialrevolutionären, das hundert Jahre später auch den deutschen Bauern Sense und Dreschflegel in die Faust drückt. Doch der religiöse Fanatismus war beispiellos. Die Hussiten forderten das Abendmahl in beiderlei Gestalt; utraque - daher ihr Name Utraquisten. Sie forderten auch freie Predigt und Besitzlosigkeit der Kirche und Bestrafung der Todsünden. Zur Religion kam der Nationalismus. Die Deutschen hätten Hus getötet, also sollten auch sie getötet werden. Im Namen Gottes wurde die nationale Frage in Innerböhmen gelöst. In den bis dahin zu hohen Anteilen deutschen Städten wurden die Deutschen ausgemordet.

1431

Der jetzt schon alte König Sigmund brachte noch ein zweites Konzil zustande. Dieses Konzil von Basel gab den Hussiten den Kelch auch für Laien. Damit hatte die Kirche ein Dogma gebrochen. Die Tschechen hatten jetzt ihre Nationalkirche. Auch die Franzosen und die Deutschen wollten eine.

Der deutsche König hatte die Krönung zum Kaiser erreicht und kurz vor seinem Tode gewann er noch die böhmische Königskrone. Denn auch dort hatte man die Terrorherrschaft satt. Adel und Besitz nahmen ihre alte Stellung wieder ein.

Neben der Kirchenreform wollte Sigmund auch eine Reichsreform erreichen. In Basel wurde deshalb auch über sie beraten, erfolglos. Was jedoch hätte werden sollen, enthält eine Flugschrift von damals: “Die Reformation Kaiser Sigismunds.” Gefordert wird Säkularisation der geistlichen Fürstentümer, Einkommensbegrenzung für Geistliche, strenges Klosterleben, Abschaffung der Hörigkeit, aber auch der Zünfte und Gilden, der Bann- und Geleitrechte, die Möglichkeit, von einem Territorium in ein anderes zu ziehen, die Erleichterung der Bürgerrechte, Festsetzung der Lebensmittelpreise und weitgehende Einkommensgleichheit für alle. Es waren utopische Wünsche.

Der zu oft nur als ausschweifender Luftikus dargestellte ungarische und böhmische König und deutsche Kaiser hat seine vielen Aufgaben und herrscherlichen Pflichten ernst genommen. Sie zwangen den in seinen späten Jahren Gichtgeplagten und ständig Überschuldeten „Langsam bettelte er sich über Ferrara und Mantua nach Basel durch“ - zu diplomatischen Missionen kreuz und quer durch das chaotische Europa vom Balkan bis nach Schottland, von den Pyrenäen und von Wolhynien bis nach Konstantinopel, nach Rhodos und nach Rom. „Dieser Meister der politischen Taktik und einfallsreiche Pragmatiker hat insgesamt als Staatsmann mehr erreicht und langfristig wirksamere Initiativen eingeleitet, als jeweils seine beiden Vorgänger und Nachfolger zusammen.“

Kaiser Sigmund hat keinen Sohn, nur einen Schwiegersohn. Deshalb tritt nun dessen “Haus Österreich” in die Pflicht der Herrschaft.

  1. AEIOU Österreich wird bis ans Ende der Welt bestehen        oder: Der überlange Herbst des Mittelalters

1338

Der Habsburger Albrecht war der mächtigste Reichsfürst. Er hatte seine Besitzungen nun durch das luxemburgische Erbe vermehrt. Mit ihm wählte man - mit einer Unterbrechung - das immerwährende Kaisertum der Habsburger bis ans Ende dieses Reiches 1806. Albrecht II137. ging sofort die Reichsreform an. Bevor jedoch die “Pragmatische Sanktion der Deutschen” bestätigt und “ für ewig gültig” erklärt wurde, musste er sein Ungarn gegen die Türken verteidigen. Noch ehe sein Sohn Ladislaus “Postumus“138 geboren wurde, starb er dort an einer Seuche.

1340

So wählte man Albrechts Vetter, Herzog Friedrich von Steiermark, Kärnten und Krain, der später Ober- und Niederösterreich hinzuerbt. Auf die kürzeste Regierungszeit folgt die längste: von 1440 bis 1493. Friedrich III.139 war ein Hüne. Was er an Körpergröße zu viel hatte, hatte ihm die Natur an Tatkraft vorenthalten. “Wir wollen im Sitzen die Welt erobern”, ulkte sein Rat Piccolomini. Friedrich gilt als des “Heiligen Römischen Reiches Erzschlafmütze”, war aber gebildet.

Zunächst hatte er nur Schwierigkeiten. Piccolomini, der es später zum Papst brachte, hat ihn den Fürsten gegenüber verteidigt: “Obwohl ihr den Kaiser als euren Herrn anerkennt, ist seine Herrschaft nicht gesichert; er hat keine Macht; ihr gehorcht ihm nur, wenn euch der Sinn danach steht, ... Weder Fürsten noch Stände geben ihm, was ihm zusteht: er hat keine Einkünfte, ... So kommt es, dass ihr in ständigem Krieg und in Feindseligkeiten lebt ..., weil es an der höchsten Autorität mangelt.”

Friedrich misstraute dem “Glück der Waffen”: “Das wainir (Panier) von Österreich ist nit siegreich, und mein vordern habent 3 streit darunter niedergelegen.” Er meinte Morgarten, Mühldorf und Sempach. Sein Gegenspieler, der ungarische “Krähenkönig” Mathias Corvinus, hat diesen Wesensunterschied in das Distichon gegossen: “Bella gerant alii. Tu felix Austria, nube!” - Kriege mögen andere führen. Du, glückliches Österreich, heirate!

Friedrich III. glaubte fatalistisch an die Auserwähltheit seiner Dynastie. Er wies die scheinbare Abkunft der Habsburger von Cäsar und König Priamos von Troja nach und bestätigte ausdrücklich das Privilegium maius

140 seines Vorfahren Rudolfs des Stifters, das die Habsburger zu Erzherzögen machte und sie über die Kurfürsten stellte. Diese Fälschung wird durch ihn Reichsgesetz. Seine ganze Hoffnung sublimierte er in die fünf Buchstaben AEIOU, die er auf jeden Buchdeckel malt, in jedes Möbel schnitzt, in Bauwerke meißeln lässt: “Austria erit in orbe ultima”, oder “Austriae est imperare omne universum”, zu deutsch: Österreich wird bis ans Ende der Welt bestehen, oder: Die ganze Welt ist Österreich untertan.

Groteskeres ließ sich nicht denken. Sein jüngerer Bruder bekämpfte ihn, die Stände revoltierten und auch die Auseinandersetzung mit den Schweizern wurde zum Fiasko. Die Eidgenossen hatten vom Gegensatz Kaiser Sigmunds und dem Habsburger-Herzog Friedrich profitiert. Als Johann XXIII. aus Konstanz floh, hatte ihn jener Friedrich als Landesherr Tirols geschützt. Der Kaiser hatte ihn darauf in die Reichsacht getan und die Schweizer mit der Vollstreckung beauftragt. Sie nahmen sich dafür den Aargau. Sie wollten auch das Tessin annektieren, doch der Herzog von Mailand scheuchte sie wieder in die Berge. Die Niederlage gegen außen gebar Krieg im Innern; Zürich zog gegen die übrigen Eidgenossen, die ab jetzt verallgemeinert Schwyzer - Schweizer - heißen. Friedrich sah als Landesherr, aber auch als deutscher König, seine Stunde gekommen. Er hatte Angst vor einer weiteren Niederlage und lud deshalb den französischen König ein, gegen die Schweiz zu marschieren. Damit schonte er nicht nur sich selbst, sondern er entlastete auch das Elsass - glaubte er. Doch statt die habsburgischen Kastanien aus dem Feuer zu holen, setzte sich das Heer im Elsass fest, während ein zweites Heer in Lothringen einfiel.

Auf dem Reichstag zu Nürnberg machten ihn dafür die Stände so fertig, dass er sich 29 Jahre nicht mehr aus seinen Herzogtümern heraustraute. Die Reichspolitik war nun ganz in den Händen der Fürsten. Das wog um so schwerer, als im fürstlichen Karpfenteich kapitale Hechte lauerten. Die Nürnberger Burggrafen hatten die Mark Brandenburg141 erhalten, die Wettiner nach dem Aussterben der Askanier Meißen-Thüringen142. In der Pfalz annektierte ein anderer Friedrich die Herrschaft. Den Mangel an Legitimität machte er durch Erfolge wett, wie sein Beiname “der Siegreiche” bekundet. Er ist das Haupt der antikaiserlichen Partei. Im Bündnis mit dem Böhmenkönig Georg von Podiebrad und der Großmacht Burgund hält er den Kaiser nieder. Zwischen seinen Siegen fand er noch Zeit, mit Klara Dett, “Hoffräulein und Sängerin zu München”, fortzeugende Bastarde zu machen, die heute auch Fürsten sind: die zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg. Alle diese Fürsten waren ständig bestrebt, ihr Recht oder was sie dafür hielten, durchzusetzen. Sie sind in dauernde Fehden um Grenz- und Erbstreitigkeiten verstrickt. Viele Dynastien sind in mehrere Linien zerteilt, wie die Wettiner, die Wittelsbacher und die Habsburger. Durch Erbteilungen werden viele Länder immer kleiner.

Das Reich der Deutschen war ein politischer Ameisenhaufen. Es soll in 240 „Staaten“ zerstückelt gewesen sein. Es war schlimmer: 21 Millionen wurden von mehr als 2.000 verschiedenartigen „Obrigkeiten“ regiert, darunter 83 Reichsstädte und über 100 Reichsdörfer, die dem Kaiser unterstanden, unter ihnen „des hl. Reichs freies Tal Harmersbach“, eine winzige Bauernrepublik143, die wie die allermeisten anderen Gebilde bis 1802 überlebte. Der Versuch, diesen Flickenteppich in größere Reichskreise effektiver zu strukturieren, war wegen der fürstlichen Eigeninteressen kaum von Bedeutung.

Ein Geistesgroßer hat Ursache und damals kaum denkbare Weiterungen beschrieben: “Nachdem die Glieder alle Gewalt des Reiches zerrissen und zerfleischt haben, wird alle hierarchische Gewalt aufhören, denn es ist kein Erster da, zu dem man Zuflucht nehmen könnte ... Wenn die Edlen so untereinander streiten ...wird sich der gemeine Mann erheben. Und wie die Fürsten das Reich verschlungen haben, wird der gemeine Mann die Fürsten verschlingen.” Dieser Klagegeist war Nikolaus Krebs aus Kues144 an der Mosel, der es als Bischof von Brixen zum Reichsfürsten und zum Kurienkardinal brachte. Er war der Sohn eines Schiffseigners. Dem Top-Kleriker, einem der Hauptakteure des Basler Konzils, ist - wie auch für Dante - das Reich noch Weltreich, der Kaiser noch Stellvertreter Christi. Für ihn ist Politik, Religion, Philosophie und Naturphilosophie noch eine Einheit. Für den Kusaner, der schon 1440 die Kreiszahl Pi ziemlich genau berechnet hatte, war die Auffassung vom Weltall als abgeschlossene Kugel unhaltbar, unhaltbar auch, dass darin die Erde Mittelpunkt sei und von der Sonne umkreist würde. Hundert Jahre vor Kopernikus schrieb er dies in dem Buch “De revolutionibus orbium celestium”. Solche Lehren eines höchsten Kirchenmannes, der ja kein Ketzer sein konnte, gaben Naturbetrachtern Aufwind. Mit antikem Wissen und eigenen Erkenntnissen begründete an der Wiener Universität Peurbach die Trigonometrie zur Beobachtung der Planetenbahnen. Sein Schüler Regiomontanus bestimmte mit neuen Instrumenten die astronomischen Längen für Sonne, Mond und Planeten. Damit war die Ermittlung des Schiffsstandortes auf dem Meer möglich. Über seinen Schüler Martin Behaim kam dieses Wissen an die Portugiesen und Kolumbus. Es ermöglichte ihre Entdeckungsreisen.

Nikolaus Cusanus erhielt in seinem Bistum Brixen Anschauungsunterricht über die desolaten Verhältnisse. Der Idealist, der in Konstantinopel beinahe die Wiedervereinigung der griechisch-orthodoxen mit der römischen Kirche erreicht hatte, scheiterte im eigenen Bistum an einem Frauenkloster. Die adeligen Benediktinerinnen von Sonnenburg im Pustertal hielten Klausur und Ordensregel für überflüssig, die Feste auf den benachbarten Burgen und Reisen nach Gottweißwohin dagegen nicht. Ein Streit der Äbtissin mit den Bauern der Talschaft Enneberg brachte den angehäuften Sprengstoff zur Explosion. Die Äbtissin rief den Herzog von Tirol, die Bauern den Bischof zu Hilfe. Der Bischof setzte die Äbtissin ab, und als er das Kloster bannte, warb sie Söldner, die den strittigen Zehnten eintreiben sollten. Das riss den Bischof zur gleichen Maßnahme hin. Seine Söldner massakrierten die Kameraden der Gegenseite, aber auch die abgabewilligen Bauern. Darauf griff der Herzog als Schutzherr des Klosters ein. Er nahm den Bischof gefangen. Der bewilligte jetzt alle Forderungen, widerrief sie aber nach seiner Freilassung. Von Rom - wohin Nikolaus geflohen war - schleuderte jetzt der Papst den Bann gegen den Herzog, seine Kinder und Enkel, das Interdikt gegen Tirol und die Vorladung seiner Männer, sich binnen fünfzig Tagen in Rom zu verantworten. Der Streit war erst zu Ende, als Bischof und Papst in einem friedvolleren Jenseits waren.- Der Kusaner wollte schon im Diesseits eine bessere Welt. So gründete er in seinem Heimatort das erste Altenheim für 33 “unbescholtene Greise” von mindestens fünfzig Jahren. Die 80.000 Weinstöcke, die er stiftete, sichern ihr Auskommen noch heute.

Wie Nikolaus in seinem Bistum, scheiterte Friedrich III. in seinem Reich. Er hatte keine Macht, seine Hausmacht war zu klein. Um vollends mit dem Kaiser gleichzuziehen, bestritten die Fürsten seinen übernationalen Herrschaftsanspruch: Der Benennung des “Heiligen Römischen Reiches” wird der Zusatz “Deutscher Nation” als einschränkender Appendix angefügt.

Die Zeit des Landesfürstentums bricht jetzt mit dem Knall der Kanonen an, mit denen die Fürsten die Mauern der Städte und die Burgen der Ritter zu Fall bringen. Bekannt ist das Beispiel Friedrichs I. von Brandenburg, der sich die “faule Grete” lieh, die selbst acht Meter dicke Mauern geknackt haben soll. Der zweite Brandenburger, der sich schon den Beinamen “Eisenzahn” verdient hatte, verlor durch eine Kanonenkugel den Verstand: Im Krieg gegen Pommern krachte ein Geschoss auf den Tisch, an dem er schmauste. Brandenburg kam darauf an Albrecht Achilles, der - wie sein Beiname verrät - nicht nur ein Muskelprotz, sondern auch ein gefürchteter Krieger war. Zum Kaiser hielt er wohl nur, weil er sich auf Kosten Nürnbergs und anderer Städte ein Herzogtum Franken erkämpfen wollte. Wie die Brandenburger waren auch die meisten anderen Fürsten: abenteuerliche und abenteuernde Gestalten.

Neben die militärische Überlegenheit tritt eine effektivere Verwaltung. Die fürstlichen Dekrete setzen mehr und weitergehendes Recht, sie bringen mehr Steuern. Träger der Verwaltung sind auf italienischen Universitäten auf römisches Recht eingeschworene Juristen. In der Heimat vertreten sie die Rechte des fürstlichen Absolutismus. Um in der Ausbildung solcher Helfer autark zu sein, gründet jeder Landesfürst seine Universität. So gründet auch Eberhard, “der mit dem Barte, Württembergs geliebter Herr”, seine Universität in Tübingen.

Eine Idylle, die gleichwohl für die “Untertanen” zur Katastrophe werden konnte, zeigt, wie es unter seiner Herrschaft zuging: Als Werner von Zimmern sein Landhofmeister wurde, bekam er als Dienstsitz die Burg Achalm. Er musste die vergammelte Feste renovieren. Als er auf Reisen war, zog sie der Landesherr ein. Der von Zimmern nahm wutschnaubend österreichische Dienste und verklagte den räuberischen Bartträger, der darob “nit einen kleinen Verdruss hätte”. Als ihn der arglose Werner später wieder besuchte, ließ der Rauschebart in die eiserne Türklinke des Gästezimmers “heimlich glühende Kohlen tun. Daran hat sich Herr Werner dermaßen verbrannt, dass ihm die Haut an der Hand mit großen Schmerzen abgegangen.” Werner schwor Rache, “wofür ihm der Württemberger ein paar Dörfer brandschatzen und seinen Leuten das Vieh wegnehmen ließ.”

1448

Friedrich III. hatte mit dem Papst ein Konkordat geschlossen, das bis zum Ende des alten Reiches 1806 galt. Gegen das Versprechen, ihn zum Kaiser zu krönen sowie gegen 210.000 Dukaten erkannte Friedrich den vom Konzil gewählten Eugen IV. an.  Friedrich bekam auch das Recht zur Besetzung von sechs Bistümern, zur Vergabe von hundert Pfründen, dazu die Oberhoheit über alle Klöster in seinen “Erblanden”.

Wie sein Vorgänger Eugen vollzog auch Pius II.145, der ehemalige kaiserliche Rat und Verfechter der Konzilshoheit Piccolomini, der mit seiner davon handelnden Schrift als einziger Papst auf den Index146 kam, einen radikalen Sinneswandel. Jetzt verdammte er die Richtlinienkompetenz des Konzils als Ketzerei. Er sei zu Konkordaten mit allen Fürsten bereit. Jetzt wollte keiner mehr eine Nationalkirche, jeder wollte nur seine Landeskirche.

Solcher Provinzialismus ließ eine deutsche Außenpolitik gar nicht mehr aufkommen. Als Friedrich versuchte, nach dem Tode des letzten Visconti die Rechte des Reiches auf Mailand geltend zu machen, scheiterte er. Der Söldnerführer Franz Sforza bemächtigte sich des Herzogtums.

Im Westen war die Großmacht Burgund entstanden. Die jüngere Linie des französischen Königshauses, die das Herzogtum Burgund als Lehen hatte, hatte die reichste Provinz Europas, Flandern mit seinen mächtigen Städten, erheiratet. Das Artois, die Pikardie, Brabant, Holland, Hennegau und Luxemburg waren dazugekommen. Reichtum und Macht ihrer Länder, aber auch der hundertjährige Krieg gegen die Engländer in Frankreich und die Hussitenkriege in Deutschland ermöglichten es den burgundischen “Großherzögen”, weder die Oberhoheit Frankreichs für die französischen, noch die Deutschlands für die deutschen Lehen anzuerkennen. Der letzte Großherzog, Karl “der Kühne”147, richtiger: der Tollkühne, der Verwegene, wollte jetzt die südlichen Teile mit den niederländischen Besitzungen durch Erwerb der dazwischenliegenden Gebiete zusammenschließen. Vom verschuldeten Erzherzog Sigmund von Tirol und Vorderösterreich ließ er sich für 80.000 Gulden das Oberelsass und den südlichen Schwarzwald verpfänden. Dann besetzte er Lothringen. Der hochfahrende Mann wollte sein Reich zum Königreich machen. Kaiser Friedrich zeigte sich nicht ablehnend. Sein Preis war Karls einzige Tochter Maria. Sie sollte dem Kaisersohn Maximilian angetraut werden.

Man traf sich in Trier. Große Reichtümer und wertvollster Landgewinn waren für die armen Österreicher zum Greifen nahe. Karl stand auf dem Gipfel seiner Macht. Er protzte: 400 Wagenladungen Gold- und Silbergeräte, Gemälde und Gobelins verwandelten die Abtei St. Maximin in eine ihm angemessene Bleibe. Sein Einzug im golddurchwirkten Mantel mit einem Schwert, das auf dem Griff das Vaterunser in Diamanten trug, war von neureichem Imponiergehabe. Er war so verrückt nach der Königskrone, dass er in Trier eine anfertigen ließ. Zu voreilig. Einen Tag vor Karls Erhebung zum König ließ der Kaiser das Vorhaben platzen. Ohne Abschied bestieg Friedrich mit Sohn Maximilian einen Moselnachen und begab sich nach Köln, nachdem er den Erzbischof von Trier zur Begleichung seiner Rechnungen angewiesen hatte. Der wutschnaubende Karl wollte sich zum Ausgleich dieses Fehlschlags zum Herrn des Niederrheins machen. Der Kaiser verbündete sich angesichts dieser Bedrohung mit Frankreich und erklärte Karl den Reichskrieg. Bevor Karl Neuss nehmen konnte, kam der Brandenburger Albrecht Achill mit 30.000 Mann. Karl musste sich zum Frieden bequemen, da ihm der Zweifrontenkrieg drohte und ihm die oberrheinischen Erwerbungen verlorengegangen waren.

1477

Die burgundische Bedrohung hatte alle bisherigen Gegner geeint. Im Elsass hatte ein Aufstand die Fremdherrschaft hinweggefegt, der verhasste Landvogt war in Breisach geköpft worden. Die Schweizer fielen in die Freigrafschaft ein und vernichteten ein burgundisches Heer. Vor Nancy verlor Karl schließlich Schlacht und Leben. Er war eine große Gefahr gewesen. Sein Erfolg hätte den Verlust des linken Rheinufers und des Niederrheins bedeutet.

Großherzog Karl hatte schließlich seine Tochter dem Kaisersohn ohne Gegenleistung versprochen. Doch der Tod des Vaters brachte die junge Herzogin in ein dramatisches Ränkespiel. Ludwig XI. von Frankreich wollte die reiche Braut für seinen Sohn. Die Angst, den erst neun Jahre alten, kränkelnden Dauphin heiraten zu müssen, verlieh der Neunzehnjährigen ungekannte Zielstrebigkeit. Maximilian, “ihn und keinen anderen will sie”, berichtete die Kurie. Doch Gent war weit und in der Wiener Staatskasse kein Geld für die Brautfahrt. Während Ludwig von Frankreich den Bewohnern einer Stadt drohte, er werde sie in “ein primitives und unzivilisiertes Land” deportieren, wenn ihre Herzogin den Habsburger heirate, kratzte Vater Friedrich das Reisegeld zusammen. Bereits in Köln hatte es der Hochzeiter verbraucht. Hätte nicht die Schwiegermutter 100.000 Dukaten und ein starkes Begleitkommando burgundischer Ritter geschickt, wäre Prinz Max nicht so schnell weitergekommen. Auch so dauerte die Reise wegen der katastrophalen Straßen, der unumgänglichen Empfänge, Huldigungen und Bankette in jeder Stadt drei Monate. Hinzu kam, dass der Herzog von Kleve, dessen Sohn die burgundische Braut ebenfalls heiraten wollte, dem Brautzug zweimal den Weg verlegte. Endlich ritt der achtzehnjährige Prinz an der Spitze eines ständig wachsenden Gefolges in Gent ein “wie ein Erzengel”.

Ludwig XI. fühlte sich geprellt. Er setzte seinen schmutzigen Wirtschaftskrieg fort. Doch Flanderns Städte sind “Hafen, Messe und Markt von ganz Europa”. Antwerpen ist bereits ein Konkurrent Venedigs, Brügge ist Mittelpunkt des Bankgeschäftes in Nordeuropa. Aus den Webereien kommen die kostbarsten Stoffe. Hier entsteht das erste Industriegebiet der Welt; Brügge, Gent und Ypern sind “die Manchester des Mittelalters”. Der Reichtum häufte sich am Hof. Der Großherzog bekam jeden Tag einen neuen Anzug. Die Verfeinerung der Küche war exzessiv. Man hielt 4.000 Jagdhunde und 3.000 Falken.

Auf einer Falkenjagd stürzte die Landesherrin zu Tode. Die  selbstbewussten Flamen ließen Maximilian nur die Vormundschaft über seine Kinder. Das stolze Brügge setzte ihn sogar gefangen, sodass ihn sein Vater gegen ein hohes Lösegeld freikaufen musste. Der französische König Karl VIII. unterstützte die Aufständischen. Maximilian wäre diesen Schwierigkeiten wohl erlegen, hätte ihm nicht sein Vater zur Verteidigung der burgundischen Reichslande ein Reichsheer geschickt. Noch bedrohlicher ist die Lage in den kaiserlichen Stammlanden. Der Ungarnkönig hat ganz Niederösterreich und Wien erobert. Die halb verhungerten Wiener prägen die stolze Devise AEIOU ihres Kaisers um: “Aller Erst Ist Östreich Verlorn.”

1486

Die Türken hatten 1453 Konstantinopel erobert. Jetzt standen sie in der Steiermark und in Kärnten. Kaiser Friedrich zieht als Flüchtling im Reich umher. Er ist der letzte Kaiser, der in Rom gekrönt wird. Wegen der Bedrohung durch Frankreich wird trotz französischer Bestechungsgelder Friedrichs Sohn Maximilian148 zum deutschen König gewählt. Sebastian Brant149 jubelt: “Mit einem solchen Prinzen muss das goldene Zeitalter wiederkehren.”

Erst als der ungarische König Matthias Corvinus, die bestimmende Größe Osteuropas, gestorben war, konnte Maximilian in Ungarn einrücken. Doch die Meuterei seiner Truppen wegen des ausgebliebenen Soldes zwingt ihn zum Abbruch des Feldzuges. Diese “Landsknechte” waren eine neue Truppe. Sie waren zwar von ihrem Kriegsherrn begeistert, der laut Machiavelli der beste Truppenführer des Reiches war, doch Sold wollten sie trotzdem. Weil der meist ausblieb, wurden die “wackeren” “nackerte” Landsknechte, abgerissene, zerlumpte, verrohte Gesellen, die nur um ihr Überleben kämpften.

Die Landsknechte waren der Treibstoff der Kriege dieser Zeit. Sie stammten größtenteils aus dem Allgäu und Tirol. Nicht einmal das, was die hohe Kindersterblichkeit übrig ließ, konnten die Gebirgsländer ernähren. Ihr Menschenüberschuss strömte daher in die Heere und wurde auf den Schlachtfeldern verbraucht. Die nicht zum Erben gekommenen Jungmänner kämpften mit Bravour: Als 1513 die Truppen Maximilians von Venezianern und Franzosen abgeschlagen worden waren, wurden sie eingekreist. Und Bartolomeo dAlviano, Feldherr der Republik der Meere, lud die Prominenz von Venedig und Padua ein, seinen Sieg über die Tedeschi mitzuerleben. Um das Abstechen und Zusammenhauen des verlorenen Haufens nur ja genauestens zu sehen, hatten sich die Schlachtenbummler auf Balkonen, Dächern und Bäumen behaglich eingerichtet. Das war das “Kriegstheater”, von dem noch das 19. Jahrhundert sprach. Bei Vicenza lehnte Frundsberg, der “Vater der Landsknechte”, den freien Abzug bei bedingungsloser Kapitulation ab und siegte. “Viel Feind, viel Ehr!” hatte er seinen Mannen eingegeben. Die Ehre, die bisher nur für den Adel Richtschnur gewesen war, wurde es nun auch für den “gemeinen Mann”. Seitdem haben alle Soldaten ihre Ehre mit der ihres Kriegs- und Landesherrn freudig-widerspruchslos gleichzusetzen.

Vor der Schlacht kämpften oft die Anführer gegeneinander. Als sich im Krieg gegen Venedig die Heere im Etschtal gegenüberstanden, besiegte Hans Truchsess von Waldburg den Antonio Sanseverino. Das galt fast als Gottesurteil; die Venezianer verloren die anschließende Schlacht. “So nahm der Rat der Zehn der Republik Venedig das Angebot eines Franziskaners an, Kaiser Maximilian zu vergiften gegen eine jährliche Pension von 1.500 Dukaten. Der wackere Mann bot die gleichen Dienste an gegen den türkischen Sultan, den König von Spanien und den Papst, wobei die Prämien je nach dem ausersehenen Opfer abgestuft waren.” Tatsächlich war Gift, meist Arsenik, ein von den Staatsmännern der Renaissance mit erschreckender Sachlichkeit eingesetztes Mittel zur Ausräumung von Hindernissen. Venedig hatte auch schon zwei Giftanschläge auf Kaiser Sigismund versucht.

Aus der Not der „nacketen“ Landsknechte machte die Mode ihre Tugend. Sie machte aus ihren zerschlissenen Beinkleidern und geflickten Lumpen geschlitzte Pluderhosen und bunte Wämser.

Maximilian I. war “der letzte Ritter”. Geprägt von den Jahren am Hof von Burgund, war für ihn höfisch-ritterliche Lebensart selbstverständlich. Er war der strahlendste Turnierheld, natürlich auch ein Anhänger des Minnedienstes, die “niedere Minne” durchaus eingeschlossen. Er tanzte gern und sonnte sich in der ihm von Frauen entgegengebrachten Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu seinem grantig-zynischen Vater und seinem hochmögenden Schwiegervater war er leut-selig; er unterhielt sich mit Köhlern, Jägern und Geschützgießern wie mit Fürsten und Höflingen. Er hatte Interesse für alles, wollte alles kennenlernen. Für die sich stürmisch entwickelnde Technik hatte er ein Faible, besonders für deren Anwendung im Heerwesen. Er hatte erlebt, dass die Ritterheere besiegt worden waren. Die schlachtentscheidende Waffengattung wird die Infanterie. Der Einsatz ihrer Masse bedingt die Notwendigkeit, sie zu drillen, “abzurichten”, dass sie im Gefecht so gelenkt werden konnte, wie es die Taktik erforderte. Ein Italiener hat es beschrieben: “Der Vorbeimarsch der Deutschen (Landsknechte), die einen Gevierthaufen von sechstausend Mann bildeten, zog alle Augen auf sich. Nach deutschem Brauch vernahm man ... eine Menge Trommeln, ... die Vordersten trugen lange Spieße, dann folgten Knechte mit Hellebarden und Zweihändern. ... und je nachdem die Fahne geschwenkt wurde, bewegte sich der ganze Haufen ... geschlossen, als ob er sich auf einem Floß befände ...” Die Landsknechte waren infolge der Manövrierfähigkeit  ihrer “Haufen” und “Fähnlein” das beste Militär des Kontinents. Die andere Waffengattung mit Zukunft ist die Artillerie. Während die Fußtruppen die Feldschlacht bestreiten, bricht sie die Verteidigung des Feindes. Mit zwei der “gröbsten” “Stücke”, dem “Burlebaus” und dem “Weckruf von Österreich”, ließ der Kaiser die Burg von Kufstein in drei Tagen sturmreif schießen.

Maximilians Weg ist von den Trümmern seiner Pläne gesäumt. Allerdings stand er vor vielen weit auseinanderliegenden Aufgaben. Er war der erste Habsburger, der die aufgespaltenen Linien der Familie wieder in sich vereinigte. Im Osten drohte der König von Polen, der auch die Königreiche Böhmen und Ungarn beherrschte. Im Westen versuchte Frankreich, sich nach Osten auszudehnen und sich Italien zu unterwerfen. Wenn es das schaffte, hatte es die Vorherrschaft in Europa. Maximilian versuchte, im Osten die Interessen Österreichs, im Westen die Überlieferung Burgunds und in Italien die historischen Ansprüche des Reiches zu vertreten. Dazu reichten seine Macht und sein Geld nicht aus, er musste lavieren. ”Massimiliano senza ducati ...”, spotteten die Italiener. Und Machiavelli150 sagte von ihm: “Die Blätter der Pappeln von ganz Italien, in Gold verwandelt, würden nicht für ihn ausreichen.”

König Karl VIII. von Frankreich, dem er vor zwanzig Jahren Maria und Burgund weggeheiratet hatte, hatte ihm danach Anna von der Bretagne weggeschnappt. Nun nahm er Maximilian in die Zange, indem er in Italien einmarschierte. Venedig, Mailand, der Papst und Spanien hofften auf Maximilians Hilfe. Max wollte die Reichsrechte in Italien verteidigen, doch den deutschen Ständen waren sie gleichgültig. Er konnte ihnen nur die Bereitschaft zu “einer tapferen währenden Hilfe” abringen. Doch zuvor müsse eine Reichsreform - natürlich zu ihren Gunsten - durchgeführt werden. Der Reichskanzler, der Mainzer Erzbischof Berthold von Henneberg, war Gegenspieler des Kaisers. Für ihn bedeutete “Kaiser und Reich” nicht: der Kaiser an der Spitze des Reiches, sondern: der Kaiser hier, aber das Reich, und darunter verstand er die Fürsten, ihm gegenüber auf gleicher Augenhöhe. Immerhin war auch ihm die Zerrissenheit des Reiches bewusst. So wollte er es in Reichskreise, anfangs in sechs, später in zehn, neu strukturieren. Doch die lokalgewaltigen Fürsten waren gegen jede Einschränkung ihrer Macht. Nur in Südwestdeutschland, wo die territoriale Zersplitterung zu Zusammenschlüssen drängte, erlangten die Reichskreise einige Bedeutung.

Sein erster Reichstag, in Worms, hatte einen “ewigen Landfrieden” verabschiedet. Mit ihm wurde das alte Fehderecht abgeschafft, das Reichsgebiet wurde endlich eine Rechtsgemeinschaft. Ab jetzt durfte niemand mehr “von was Würden, Stand und Wesen er sei, den Andern befehden, bekriegen, berauben, fahen, überziehen, belagern, noch auf einige Schloss, Städt, Märkt, Befestigung, Dörfer, Höf oder Weiler absteigen oder ohne des Anderen Willen mit gewaltiger Tat freventlich einnehmen oder gefährlich mit Brand oder in anderem Weg dermaßen beschädigen.” Zur Rechtssicherung beschloss der Reichstag die Einrichtung eines Reichskammergerichtes151 und eine Reichssteuer, um diese Instanzen zu unterhalten und die kaiserliche Außenpolitik zu bezahlen. Die Bewilligung der Reichssteuer - des “gemeinen Pfennigs” - erwies sich schon bald als pure Absichtserklärung. Der Kaiser blieb auf den guten Willen der Länder und ihrer Stände angewiesen.

In der Außenpolitik gab es Schlappe auf Schlappe. Um die Schweizer Gebiete wieder unter seine Botmäßigkeit zu zwingen, ließ er die Tiroler in Graubünden einfallen und den Schwäbischen Bund am Bodensee angreifen. Ein Reichsheer rückte gegen Basel. Es wurde ebenso geschlagen wie die Tiroler. Wie es bei denen zuging, schilderte der Humanist und Diplomat Willibald Pirckheimer, der Feldhauptmann des Nürnberger Kontingents. Als er mit den Kaiserlichen durch ein Dorf im Vintschgau kam, traf er einen von zwei alten Weibern angeführten Zug von Kindern, alle gespenstisch abgemagert. “Sie kamen zu einer Wiese ... und fingen an, auf die Knie fallend, nach Art der Tiere Gras abzuweiden ... Die Väter der Kinder waren erschlagen, die Mütter hatte der Hunger vertrieben. ...” Die Schweiz stand auf dem Gipfel ihrer Macht. Beide Seiten wussten, dass dieser Sieg die Unabhängigkeit der Schweiz vom Reich bedeutete. Aus den acht alten Orten waren dreizehn geworden.

Bei der Verheiratung seiner Kinder und Enkel bewies Kaiser Max ein sicheres Gespür für den Zugewinn großer Territorien. Dabei spielte das Glück - und das war der Tod der anderen Erben - die wichtigste Rolle. Was sich später als raffiniert geplant ausnahm, war von den handelnden Akteuren nicht zu ahnen.

Obwohl Maximilian nicht versäumt hatte, sein edles Habsburgerblut weit zu verbreiten, hatte er ehelich nur einen Sohn - Philipp den Schönen152 - und eine Tochter Margarete. Zur Bekräftigung seines Bündnisses mit Spanien wurden die Kinder mit Kindern des spanischen Königshauses verheiratet. Bereits achtzehn Monate nach der Hochzeit starb Margaretes Mann Juan. Binnen eines Jahres nach Juans Tod starb seine Schwester und deren Sohn, sodass Philipps Frau Johanna als alleinige Erbin des spanischen Thrones übrigblieb. Sie hatte Philipp in den Niederlanden drei Kinder geboren: Eleonore, Karl und Isabella. Nun musste sie vor dem spanischen Ständerat erscheinen. In Spanien kam Ferdinand zur Welt, später in den Niederlanden Maria. Damals war Johanna schon “die Wahnsinnige”. Deshalb hatte  ihre Mutter sie zugunsten ihres Vaters Ferdinand von der Thronfolge ausgeschlossen. Darauf fuhr Philipp mit Johanna nach Spanien, um deren Erbe einzufordern. Schwiegervater Ferdinand hatte nach dem Tode seiner Frau sein Bett mit einer französischen Prinzessin erwärmt. Das empörte die Verwandten wie auch die spanischen Granden. Sie unterstützten deshalb die Nachfolge Johannas und Philipps.

Auch Philipp starb - nach Meinung seiner spanischen Ärzte wegen des kalten Wassers, das er erhitzt getrunken hatte, nach dem Verdacht seines flämischen Gefolges am schwiegerväterlichen Gift in diesem Wasser. Übrig blieben die wahnsinnige Johanna und ihre Kinder. Von ihnen wird der in Flandern französisch erzogene Karl einst König von Spanien und als Karl V. deutscher Kaiser sein. Sein in Spanien aufwachsender Bruder Ferdinand wird deutscher König und nach Karl Kaiser werden.

1515

Noch folgenreicher war die Machtausweitung nach Osten. Schon mit König Matthias Corvinus gab es ein Abkommen, das den Übergang Ungarns an Österreich vorsah. Diese Übertragung wurde erneuert für den Fall, dass der nächste Ungarnkönig ohne Sohn bliebe. Dessen erstes Kind war ein Mädchen. Als die zweite Schwangerschaft der ungarischen Königin bekannt wurde, verlobte Maximilian seine Enkelin Maria, die noch in der Wiege in Mecheln schlummerte, mit dem noch ungeborenen Erben von Ungarn. Glücklicherweise passte dann das Geschlecht. Dieser Prinz Ludwig überlebte nur im Urmodell des heutigen Brutkastens; in frischgeschlachteten Tierleibern. So konnte  ein Doppel-Ehevertrag gemacht werden wie mit Spanien. 1515 findet die formale Doppelhochzeit im Wiener Stephansdom statt: Der neunjährige König Ludwig von Ungarn und Böhmen heiratet Maximilians ebenso alte Enkelin Maria. Maximilian heiratet die zwölfjährige Anna von Ungarn. Diese Ehe wird ungültig, wenn sich nicht binnen eines Jahres Maximilians Enkel Ferdinand mit Anna verbinden kann, sonst muss der siebenundfünfzigjährige Max die Ehe vollziehen. Die wirklichen Eheschließungen finden dann doch erst 1521 statt, als Maximilian schon tot ist.

Die Verbindung Habsburgs mit Ungarn und Böhmen hätte nicht eingefädelt werden können, hätte nicht das Augsburger Finanzhaus Fugger die nötigen Kredite gegeben. Jakob Fugger “der Reiche”153 hatte nicht nur seit jeher Maximilians Kapitalbedarf gedeckt, er hatte sogar, so wurde gemunkelt, Maximilians Onkel, Sigmund “den Münzreichen”, Herzog von Tirol und Vorderösterreich, durch seine Manipulationen entmündigen lassen. Seit damals hatte Max die Macht über alle habsburgischen Länder. Jakob Fugger behielt für so wichtige Dienste nicht nur die ihm von Sigmund verpfändeten Silber- und Bleibergwerke Tirols, in denen 50.000 Arbeiter schufteten, er bekam von Maximilian praktisch die ganzen Bodenschätze Tirols zur Ausbeutung überlassen. In den “oberungarischen”, den slowakischen, Karpathen hatten die Fugger außerdem ergiebige Kupferbergwerke. Dieser wertvolle Montanbesitz machte den “Regierer” geneigt, für die ungarische Hochzeit ein Darlehen von 54.000 Gulden zu geben. Zur Sicherung seiner Besitzungen in der Slowakei und in Kärnten dürfte dem reichen Jakob die Zusammenfassung Südosteuropas unter einer Dynastie am gewinnbringendsten erschienen sein.

1508

Um endlich die Kaiserkrone zu erlangen, will Maximilian nach Rom ziehen. Die Venezianer lassen ihn jedoch mit seinem Heer nicht durch. Also nimmt er im Dom von Trient ohne päpstliche Krönung den Titel “Erwehlter Römischer Kayser” an. Papst Julius II. war damit einverstanden.

Maximilian, der sich als Schirmherr der Kirche sah, mochte angesichts des unheiligen Kirchenregiments auf Abhilfe gesonnen haben. Nach dem Tod seiner zweiten Frau schrieb er seiner Tochter: “Da Wir ... es nicht für gut finden zu heiraten, haben Wir beschlossen, niemals wieder an der Seite eines nackten Weibes zu liegen. Und morgen senden Wir (den Bischof von Gurk, der vielleicht sein unehelicher Sohn war und später Erzbischof von Salzburg wurde) nach Rom zum Papst, ..., um Uns als Koadjutor anzunehmen, so dass Wir nach seinem Tode sicher sein können, die Papstwürde zu erlangen ...” Weder Tochter noch Räte scheinen das komisch oder unmöglich gefunden zu haben. Es sah ja jeder, dass in der Kirche vieles nicht in Ordnung war. In Sebastian Brants154 “Narrenschiff” war es zu lesen: “Man schätzt die Priesterschaft gering, ... Drum gibt es jetzt viel junge Pfaffen, die soviel können wie die Affen, und Seelsorg sieht man treiben die, die Hüter wären kaum fürs Vieh.” Maximilian hatte die ärgsten Missstände auflisten lassen. Gegen Ende seines letzten Reichstages, kam gar ein junger Augustiner aus Wittenberg, um vor dem päpstlichen Legaten den Ablasshandel der Kirche zu attackieren. Der Kaiser hatte ihm freies Geleit zugebilligt, aber anhören mochte er ihn nicht  mehr.

Da Maximilian bereits einen leichten Schlaganfall gehabt hatte, wollte er seinem Enkel Karl rechtzeitig die Nachfolge sichern. Obwohl seine Schulden bei den Fuggern schon ungeheuerlich waren, sagte er fünf Kurfürsten insgesamt 600.000 Gulden Bestechungsgelder zu.

1519

Dann verließ er Augsburg Richtung Innsbruck. Die Wiedersehensfreude wurde ihm jedoch vergällt durch den Rat, der keinen großen Empfang gab und durch die Wirte, die keinen Kredit mehr geben wollten. Dabei hatte das halbe Städtchen jahrzehntelang von seiner Hofhaltung gelebt. Er befahl deshalb den Aufbruch nach Wien. Doch er kam nur bis Wels. Auf der dortigen Burg starb er eines Wintertages, unterhalten von seinem Chor, der immer mitreisen musste. Wenn der nicht sang, taten es die Vögel, die er in kleinen Käfigen mitführte. Bevor ihm ein Kartäusermönch155 “in den Himmel half”, machte er sein Testament: Nach Innsbruck wollte er nicht zurückgebracht werden, obwohl er sich in der Hofkirche eine prunkvolle Gruft hatte bauen lassen, um inmitten der Könige zu ruhen, die er als seine Vorfahren ansah. So wurde er in seiner Geburtsstadt Wiener Neustadt begraben. Sein Herz aber sollte in Brügge in den Sarkophag der Maria von Burgund gelegt werden.

Maximilian I. hatte mit den spanischen und den ungarischen Heiraten Habsburg-Österreich auf den Weg zur   Weltgeltung gebracht. Als Ergebnis seiner Politik bleibt, dass er die Niederlande nicht nur gegen Frankreich hielt, sondern sie vergrößert hatte. Im Osten hatte er den Erwerb Böhmens vorbereitet. Der Erwerb von Ungarn war schon deshalb wichtig, weil er eine wirkungsvolle Abwehr der Türken ermöglichte. Man hat Maximilian vorgeworfen, seine Politik diene nur Habsburg und nicht dem Reich. “Mein Ehr ist deutsch Ehr, und deutsch Ehr ist Mein Ehr”, soll er erwidert haben. Tatsächlich konnte auch er nur Politik auf der Basis seiner dynastischen Möglichkeiten machen. Das weitere Auseinanderfallen der deutschen Länder verhindert zu haben ist sein größtes innenpolitisches Verdienst.

Bei den Fürsten war er deshalb nicht beliebt, wohl aber bei den Bürgern. Neben seinem persönlichen Charme war das die Folge seiner Imagepflege. Künstler und Intellektuelle verbreiteten seinen Ruhm. Der Universaldilettant im besten Sinne hat alle, die es wert waren, gefördert. Das war zunächst Albrecht Dürer, dann die Altdorfer, Burgmair, Breu, Lucas Cranach der Ältere, Peter Vischer, Veit Stoß, Adam Kraft und viele andere. Sein Hofkomponist war Organist und Musiklehrer am Hof der Medici gewesen. Max gründete in Wien die Hofmusikkapelle und die bis heute berühmten Wiener Sängerknaben. Die Spitzenkünstler waren auch Spitzenverdiener. Dürer hinterließ Frau Agnes ein feudales Haus am Tiergärtnerplatz und ein Barvermögen von 6.858 Gulden, selbst beim teuren Nürnberger Lebenshaltungsindex von 50 Gulden pro Jahr eine stattliche Summe.

Der Kaiser schrieb zwei Autobiographien, den “Weißkunig” - in Anspielung auf die weiße Rüstung, die er meist bei Turnieren trug - und den “Theuerdank”, die Geschichte seiner Brautfahrt nach Burgund. Er hat auch noch viel von allem möglichen diktiert. Er handhabte auch die politische Flugschrift virtuos.

Seine glänzende Gestalt war den Deutschen die Verkörperung von Nationalstolz und Kraftgefühl. Man wusste, dass deutsche Landsknechte wichtige Schlachten gewonnen hatten und dass Deutschland auch in den Künsten und Wissenschaften den Italienern und Franzosen ebenbürtig war. Künstler und Gelehrte waren sogar die glühendsten Patrioten. Der Elsässer Wimpfeling schrieb die erste deutsche Geschichte und der größte Künstler nannte sich Albertus Dürer Germanicus. Als gar der große Kirchenmann und Gelehrte Nikolaus von Kues in der Bibliothek des Klosters Hersfeld die “Germania” des Tacitus fand, steigerte man sich in eine nationale Romantik, die Deutschtum mit Germanentum gleichsetzte.

Für die Gebildeten war das römisch-griechische Altertum Vorbild geworden. Mit dem kaiserlichen Sekretär und späterem Papst Enea Silvio Piccolomini war der Humanismus156 eingezogen. Friedrich III. hatte ihn zum Dichter gekrönt. Auch andere Fürsten nahmen sich der neuen Geistigkeit an, ihre Universitäten nahmen sie auf; in Heidelberg wurde die Rheinische Akademie gegründet, in Wien gründete Konrad Celtis die Akademie der Dichtkunst, die Maximilian förderte. Sie erforschten die Quellen und ahmten antike Dichtung und Philosophie nach. Viele antikisierten ihren Namen: Aus Pickel wurde Celtis, aus Spießheimer Cuspinianus, aus Kues Cusanus, aus Koppernik Kopernicus, aus Schwarzerd Melanchthon. Viele waren Aufsteiger, die nun mit akademischem Hochmut von ihren Lehrstühlen hinunterschauten: “Die Philosophie trennt uns von der unwissenden Masse und macht uns zu Gottes Lieblingen.” Es entstand ein pseudo-adeliges Zusammengehörigkeitsgefühl der Gebildeten. Deutschland war ein Land der Dichter und Denker geworden.

1450

Daran hat der Mainzer Patrizierspross Gutenberg157 entscheidenden Anteil: Er erdachte die einzelnen beweglichen Lettern und die Vorrichtung, die Metall-Buchstaben zu gießen. Selten war eine Idee so bedeutsam.  Berets im 18. Jahrhundert konnte der Spötter Lichtenberg158 feststellen, dass "mehr als das Blei in den Kugeln, das Blei in den Setzkästen die Welt verändert" hat. Daher wurde Gutenberg am Ende seines Jahrtausends zum "Mann des Jahrtausends" gewählt, weil alle folgenden wesentlichen Entwicklungen ohne die Wirkungen seiner "schwarzen Kunst" und des von ihm begründeten Massenmediums nicht möglich gewesen wären.

Nur ein Reicher hatte damals ein Buch: die lateinische Ausgabe des Neuen Testaments. Es kostete soviel wie ein Pferd - etwa eineinhalb Gulden. Für acht Gulden konnte man im Wittenberg Luthers schon ein Jahr leben. Genaugenommen durfte ein Laie die Bibel noch gar nicht lesen, doch dieses Verbot wurde jetzt so wenig beachtet wie das Zinsnehmen.

Andere Schwarzkünste waren zeitbezogener. Der bekannteste “Negromant” war Georg Faust159 aus dem schwäbischen Knittlingen. Mit Großen und Gelehrten war er bekannt, auch mit Luther. Er war “ein Landstreicher, leerer Schwätzer und betrügerischer Strolch”, ein Magier und Wunderheiler. Für Franz von Sickingen, für den Maulbronner Zisterzienserabt Entenfuß und für die Herren von Staufen im Breisgau sollte er Gold machen. Dort wird er wohl Opfer seiner alchimistischen Experimente geworden sein. Nach Volkes Meinung aber soll ihn der Teufel geholt haben. So steht es noch heute am Gasthof zum Löwen: “Anno 1539 im Leuen zu Staufen Doctor Faustus so ein wunderbarlicher Nigromanta gewesen, elendiglich gestorben und es geht die Sage der obersten Teufel einer, der Mephistopheles   habe ihm    das Genick abgebrochen und seine arme Seele der ewigen Verdammnis überantwortet.”

Inmitten der Alchemie und Kurpfuscherei trieben die Naturwissenschaften eine erste Blüte. Theophrast Bombast von Hohenheim - “Paracelsus160 - ist einer der Geburtshelfer der Medizin und Pharmazie. Er erkannte, dass der Unterschied zwischen Gift und Arznei nur in der Menge liegt: “Alle ding sind gifft / und nichts ohn gifft / Allein die dosis macht das ein ding kein gifft ist.” Sein Vater war ein unehelicher Sohn des Großkomturs161 der Johanniter. In Einsiedeln in der Schweiz nahm er sich eine “Gotteshausfrau”, eine Leibeigene des Klosters. Nach ihrem Tod gehen Vater und Sohn nach Villach, damals eine Bergbaustadt, die Verdienst versprach. Paracelsus wird Professor in Basel. Doch er kann nicht Fuß fassen. Ein bekannter Autor beschrieb ihn: “Er lebte wie ein Schwein, sah aus wie ein Fuhrmann und fand sein größtes Vergnügen im Umgang des liederlichsten und niedrigsten Pöbels. Durch die meiste Zeit seines ruhmvollen Lebens war er besoffen.” Hinter dem Namen “Paracelsus“ musste sich der Autor eines geschätzten Wundarznei-Lehrbuches verstecken, weil die Firma Fugger hinter ihm her war. Er hatte nämlich geschrieben, dass das zur Heilung der Syphilis angepriesene Guajak-Holz wirkungslos sei. Die Fugger importierten es. Da sie ihren Profit gefährdet sahen, erwirkten sie von der Universität Leipzig ein Publikationsverbot für seine Schriften. In Salzburg bekam er schließlich eine Anstellung beim Erzbischof. Hier wurde er, heißt es, von einem Kollegen erdolcht, der ihn verdächtigte, seine Braut drogenabhängig gemacht zu haben.

Die Wirkung von Hanf und Mohn, von Stechapfel und Bilsenkraut waren bekannt. Mit Bilsenkraut verstärkte man die Rauschwirkung des Bieres. Das  Pilsener Bier erinnert noch daran.- Der Humanismus und der zaghafte Aufbruch der modernen Wissenschaften war nur Sache weniger Köpfe in engen Gelehrtenstuben. Nur der Fürst konnte sagen, tun und lassen, was er wollte - religiöse Zweifel und Kritik ausgenommen. Die Masse seiner Untertanen aber war gefesselt durch kirchliche, obrigkeitliche, gesellschaftliche und familiäre Zwänge. Es gab kein Aus-der-Reihe-tanzen und kein Entkommen. Mancher Getretene und manche Verzweifelte wird zu “Elexieren” gegriffen haben, um sich wenigstens für Augenblicke in ein besseres Leben zu flüchten.

Da es viel Schlechtes und Böses gab, brauchte man einen, den man dafür verantwortlich machen konnte. Dafür hatte man den Antichrist, den Teufel. Auf ihn war alles abzuwälzen, was nicht in die sozialen oder religiösen Verhaltensnormen passte. Eine besondere Affinität schrieb man ihm zum weiblichen Geschlecht zu. Das kam auch davon, dass der Papst die Inquisition, die Untersuchung von Ketzerei, Abweichung vom wahren Glauben, Umgang mit Geistern und dem Teufel den Dominikanern aufgetragen hatte. Die Phantasie der weiblosen jungen Männer hatte sich in Ausübung dieser Pflichten offensichtlich bis zum Wahn erhitzt. Die Vorstellung, dass der Teufel mit vielen Frauen “Buhlschaft”, also Geschlechtsverkehr, treibe, fraß sich in ihre Hirne ein. Da von den Teufels-Buhlen undenkbare Teufeleien ausgehen konnten, war es Christenpflicht, die Opfer vor sich selbst zu schützen, da sie ja nicht mehr Herr ihrer Sinne sein konnten. Nur das alles verzehrende Feuer konnte den in seinem Opfer sitzenden bösen Geist vertilgen und so die Welt reinigen. Ärgerlich war nur, dass die “Hexen” ihre Buhlschaft mit dem Höllenfürsten leugneten. Man musste sie also “peinlich” befragen. Man folterte sie grauenvoll. Die Opfer sagten natürlich zu allem ja und Amen. Manchmal wurden die Frauen auch unter Drogen gesetzt: “Damit aber dieser grausamer Actus ... vollbracht mög werden, so müsen viel blutdürstigen Henkersbuben, welche durch besondere dazu bereitete Tränck, welche sie den armen beschüldigten mit Gewalt eingiessen, ..., dass sie auch unmögliche ding aussagen, getrieben werden.” Eine Anleitung zur Hexenbekämpfung, der “Hexenhammer”, war 1487 erschienen. Bis 1669 wurde der Teufelskrampf durch achtundzwanzig Auflagen wachgehalten. In Seis am Schlern in Südtirol sind noch die Schlernhexen gegenwärtig. Im nahen Völs nämlich waren einst die Bäuerinnen der reichsten Höfe durch diese Anklage zu Tode gekommen. Die letzte Hexenverbrennung erfolgte erst 1782 im schweizerischen Glarus, die letzte in Deutschland 1775 in Kempten.- Dass der Hexenaberglaube auch heute noch nicht ausgestorben ist, bewies 1954 bis 1956 ein Hexenprozess in Itzehoe. Und in Klingenberg am Main gab es noch 1976 eine kirchlich gebilligte Teufelsaustreibung mit Todesfolge an einer - Epileptikerin.

Nein, die Zeit des Humanismus war nicht human. Auch die Oberschicht, der “Adel teutscher Nation”, war es nicht. So war Götz von Berlichingen nicht der edle Ritter, den Goethe aus ihm gemacht hat. Die Ritter waren oft nur noch Strauchdiebe, die Kaufmannszüge ausraubten und ihre Leibeigenen auspressten. Die andere Möglichkeit war der Dienst bei Größeren für Sold. Aus dem Ritter wird der Sold-at.

Die meisten Ritter waren arm. Ihre Burgen, die “festen Häuser”, Festen, Festungen, Schlösser, gaben ihren Bewohnern und deren Untertanen Schutz, sie schlossen Verkehrswege und Zugänge zu Tälern und Landschaften. Ritter Ulrich von Hutten beschreibt sie: “Mag die Burg auf einem Berge oder in der Ebene stehen, sie ist nicht zum angenehmen Aufenthalt, sondern zum Schutz aufgebaut, mit Graben und Wall umgeben, der Raum im Innern beschränkt, durch Stallungen ... verengt. Daneben liegen dunkle Gewölbe ... überall Pulvergeruch, Gestank nach Hunden und Hundekot ... Reiter kommen und ziehen davon, unter ihnen Strolche, Diebe und Buschklepper. Wir wissen nicht, wer es ist, ... An die Ohren schlägt das Geblök der Schafe, Rindergebrüll, Hundegebell... In meinem Elternhaus kommt noch das Geheul der Wölfe ... hinzu. Und dabei tägliche Sorge und Angst um den morgigen Tag. Verlasse ich das feste Haus, steht zu befürchten, dass ich denen in die Hände falle, mit denen mein Herr ... im Kriege steht. Sie fallen mich an und schleppen mich davon. Und wenn es schlimm kommt, geht leicht die Hälfte meines Erbes für das Lösegeld drauf. Deswegen halten wir Pferde und umgeben uns mit zahlreichem Gefolge, alles mit großen Kosten. Nicht zwei Morgen weit dürfen wir unbewaffnet ausgehen....”

  1522

Die funktionslos gewordenen reichsunmittelbaren Ritter sahen sich von fürstlichen Hyänen umlauert. Sie wollten eine Reichsreform zu ihren Gunsten. Der Reformator Luther hatte ja nachgewiesen, dass es die geistlichen Fürstentümer gar nicht geben sollte. Die Ritter wollten ihre Säkularisation. Die Reformation zündete ihren Aufstand. Ulrich von Hutten war ihr Trompeter, ihre Faust Franz von Sickingen162. Der war mächtig und unabhängig. Er bekriegte so bedeutende Städte wie Worms und Metz. Beide mussten sich loskaufen. Der Herzog von Lothringen zahlte ihm jahrelang Tribut. Er kämpfte für den französischen König und für den Kaiser, gegen den Landgrafen von Hessen und den Herzog von Württemberg. Er gab sich als Vorkämpfer gegen die herrschende Staats- und Wirtschaftsordnung.

Sickingen ließ sich zum Führer der südwestdeutschen Ritterschaft wählen und sich “König am Rhein” nennen. Von seiner Ebernburg bei Kreuznach sagte die Reichsritterschaft vom Mittel- und Oberrhein den Fürsten den Krieg an. Insgeheim plante ihr Anführer wohl, sich ein eigenes Fürstentum zu erstreiten. Man zog gegen Kurtrier. Der Kurfürst sei ein Feind der Reformation und ein Freund Frankreichs. In Trier kommandierte der Landesherr persönlich: Richard von Greiffenclau aus Rheingauer Uradel, mehr Kurfürst als Erzbischof, der besser in die Rüstung als in die Soutane passte. Trier, Pfalz und Hessen verbündeten sich. Die Veste Landstuhl, auf die sich Sickingen zurückgezogen hatte, wurde sturmreif geschossen, er selbst von einem stürzenden Balken erschlagen. Auch seine siebenundzwanzig anderen Burgen wurden gebrochen. Seinen Besitz verteilten die Sieger unter sich. Mit dem Sieg über Trier hätte die Säkularisation des gesamten Kirchenbesitzes begonnen werden sollen. Der Sieg der Ritter hätte eine Lawine ins Rollen gebracht, denn ein volles Drittel des Reiches gehörte zu Bistümern und Abteien. 50 Bischöfe und 40 Äbte waren nicht nur kirchliche, sondern auch weltliche Fürsten.

Jetzt hatten sie lange genug gefront mitunter mit allen Familienangehörigen bis zu vier Tagen in der Woche ohne Lohn - und Fuhr- und Spanndienste geleistet, so schien es den leibeigenen Bauern, dazu ihren Herren noch zusätzlichen Verdienst verschafft, weil sie ihr Korn in deren Mühlen mahlen, ihr Bier in deren Brauereien brauen lassen mussten. Luther hatte “von der Freiheit eines Christenmenschen” geschrieben und dieses Wort schien ihnen auch für sie zu gelten.

Luther163, Luther, Luther - alles berief sich auf ihn. Wer war das? Zuerst nur irgendein Mönch, schließlich der größte Beweger dieser Zeit. Die Gewitterstimmung brachte er zur Entladung. Die Folge war nicht nur die Reinigung der Atmosphäre, sondern auch nationale Katastrophen. Er könnte ein “faustischer” Mensch genannt werden.  Er war der Sohn eines Berkwerksunternehmers, der es zum Ratsherrn von Mansfeld gebracht hatte. Der konnte seinen Sohn studieren lassen. Jurist sollte er werden. Denn Juristen sind die Räte der Fürsten, es sind die, die die damalige Welt ordnen, leiten. Doch der Sohn wird Mönch, in den Augen der Zeitgenossen einer jener zu vielen Nichtstuer. Er macht Karriere, wird Professor für Bibelexegese in Wittenberg, „ein Dorf eher als eine Stadt”, 2.000 Einwohner, kaum 200 Studenten, manche erst zwölf. Dieses Nest in einer “halben Wüste an den Grenzen zur Barbarei” (Originalzitate Luther) gelegen, war vom sächsischen Kurfürsten erst 1502 zur Landesuniversität gemacht worden, nur weil sein Vetter und Gegner, der Herzog von Sachsen, in Leipzig seine Universität hatte.

Luther hat jetzt das, was er - mit unterschiedlich deutbarem Ortsbezug - als sein “Turmerlebnis” bezeichnet hat: “Der Gerechte” wird nur “aus Gottes Gnade selig”, nicht durch eigenes Tun. Diese Prädestinationslehre, die alles von der göttlichen Gnade abhängig macht und menschliche Bemühungen ausschloss, wurde zu einem Kernstück seiner Lehre. Der Erfolgreiche ist von Gott ausgezeichnet!  Nur wer mächtig, groß, reich ist, hat den Allmächtigen auf seiner Seite. Sein Tun ist schon im vorhinein als richtig, nützlich, gottgefällig ausgewiesen. Das war die Wiedergeburt des germanischen Sieg-Heil-Glaubens, auf den sich das Gottesgnadentum der Fürsten stützte. Nun, da das Christentum schon eine lange Tradition hatte und man angenommen haben mochte, dass für Gott jeder gleich sei, brach dieser Auserwähltheitsglaube aus einem schlichten Deutschen hervor. Bruder Martin, der sich bisher Luder genannt hatte, hatte eine Zeitbombe gezündet.

Jenseits der Landesgrenze wurde der „Ablass” verkauft. Er ist ein Nachlass zeitlich begrenzter Strafen für „Sünden”. Wer nach Reue, Beichte und der Absolution des Priesters kleinere Sünden im Fegefeuer abzubüßen hat, kann sie erlassen bekommen. Der Ablass besteht in Leistungen des Sünders, im Hochmittelalter beispielsweise der Teilnahme am Kreuzzug. Da es keine Kreuzzüge mehr gibt, genügt jetzt die Ablösung durch Geld. Das ist der Kirche lieber, denn auch sie braucht immer mehr Geld. So entwickelte sich ein regelrechter Ablass-Handel. Wer geben konnte, bekam die Aussicht dafür, nicht lange im Fegefeuer rösten zu müssen.

Der Ablass, um den es ging, war von Papst Julius II. ausgeschrieben worden. Dem prachtliebenden Kriegerpapst ging es um den Neubau des Petersdomes. Die einst größte christliche Kirche, die Hagia Sophia in Konstantinopel, war an „die Ungläubigen“ verlorengegangen. Deshalb sollte der Christenheit wieder eine größte Kirche gegeben werden. 1513 war der Ablass von Leo X. erneuert worden.

Um möglichst viel Geld einzunehmen, suchte man in Deutschland nach einem prominenten Schirmherrn. Man fand ihn in Albrecht von Hohenzollern164, Kurfürst und Erzbischof von Mainz, Erzbischof von Magdeburg, Bischof von Halberstadt, 24 Jahre, jüngster Sohn des Kurfürsten von Brandenburg. Eine solche Häufung von kirchlichen Höchstämtern war verboten, doch Rom erlaubte sie ihm - gegen viel Geld. Albrecht  musste sich beim Bankhaus Fugger 29.000 rheinische Gulden leihen. Das war das jährliche Steueraufkommen Deutschlands. Die Kurie und Fugger einigten sich deshalb darauf, den Erzbischof zum Ablasskommissar für Deutschland zu machen und ihm zur Hälfte die Einnahmen zu überlassen. Die andere Hälfte behielten zur Tilgung seiner Schulden die Fugger.

Der Hohenzollernspross gab dazu Instruktionen heraus, die zwei Neuheiten enthielten. Er ließ Ablassbriefe auch für Tote verkaufen. Das vergrößerte den Käuferkreis außerordentlich. Zweitens brauchten die Ablasskäufer ihre Sünden nicht mehr  bereuen. Nur gegen Bezahlung seien sie aller Sündenstrafen ledig.

1517

Dagegen wandte sich Luther. Er wandte sich dagegen nicht gegen den Ablass als Einrichtung. Der gehörte ja zum System der Kirche, deren treuer Sohn Luther noch war. Er schrieb nur einen devoten Brief an den Erzbischof von Mainz-Magdeburg und an den Bischof von Brandenburg über die missbräuchliche Ablassauslegung und bat, “den Ablasspredigern eine andere Predigtweise zu befehlen.” Außerdem: “So es Ew. Hochwürden gefällig ist, könnt Ihr meine beiliegenden Streitsätze ansehen und daraus ersehen, ...” Dies sind die 95 Thesen, die Luther an die Tür der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen und mit denen die Reformation begonnen haben soll. Der Beginn der Reformation ist jedoch schwerlich auf diesen Tag anzusetzen. Luther machte ja gerade darauf aufmerksam, dass sich der Erzbischof von den Kirchenlehren entferne, während er selbst mit ihnen übereinstimmte.

Diese Thesen waren auf den Ablasshandel im benachbarten Magdeburgischen gemünzt. Dort warb der Dominikaner Tetzel für den Ablass. Er hatte Festpreise: Ein Meineid kostete neun, ein Mord acht, ein Ehebruch sechs Dukaten. Er war so erfolgreich, dass die kurfürstlichen Untertanen, auch Luthers Beichtkinder, heimlich “wie toll und besessen” - so Luther - über die Grenze zu ihm liefen, da Tetzel ja nicht in Kursachsen predigen durfte. Der Kurfürst wollte das Geld seiner Landeskinder nicht dem Papst zukommen lassen. Der Devisenabfluss hätte sein Land noch ärmer gemacht. Er wollte dieses Geld vielmehr selber einkassieren, hatte er doch eine gut sortierte Sammlung von zwanzigtausend Reliquien, darunter vier Haare der Jungfrau Maria, einen Zahn des heiligen Hieronymus, ein Fetzchen einer Christuswindel. Auch für die Betrachtung dieser Reliquien gab es Ablass - für alle zusammen für fast zwei Millionen Jahre Fegefeuer.

Zwischen dem Augustinermönch und seinem Fürsten bildete sich infolgedessen eine stille Kumpanei, die für den nichtsahnenden Mönch lebensrettend war. Ein Ablassprediger war nämlich unmittelbarer Vertreter des Papstes, wer ihn behinderte oder gar angriff, verging sich am Papst selbst. Schon seit längerem fühlten sich die Deutschen von Rom ausgebeutet. Jetzt bringt auch diese Welle Luther nach oben.

Luther wäre auf dem Augsburger Reichstag von 1518 beinahe auf den Scheiterhaufen gekommen, doch das “Mönchsgezänk” zwischen dem “vermessenen Augustiner” und Tetzel und dessen Dominikanerbrüdern war für den Kaiser drittrangig. Es gab Wichtigeres. Er wollte eine Reichssteuer genehmigt bekommen für einen Kreuzzug gegen “den Türkenhund”. Vor allem wollte er die Wahl seines Enkels Karl165 zum König und Kaiser vorbereiten. Für beides war bestes Einvernehmen mit den Kurfürsten nötig. So erhielt Albrecht von Mainz, der die wichtigste Wahlstimme hatte, den Kardinalshut als Vorschuss für die richtige Wahl. Für den Papst war das aber gerade nicht der Habsburger. Maximilian wollte sich auch die Kurstimme von Luthers Landesvater sichern. Weil der Kaiser wusste, dass Friedrich seinen Untertan Luther schützen wollte, weil der seine Universität erst bekanntgemacht hatte, blieb die Sache Luthers ausgeklammert. “Vielleicht brauchen wir ihn noch einmal”, hatte Max an Fritz geschrieben.

Der Papst, viele Reichsfürsten und Frankreich fürchteten die Übermacht der Habsburger. Der junge Karl sollte ja viele Länder erben: Die österreichischen Länder und die burgundischen, Aragon und Kastilien, Neapel und Sizilien, dazu noch die riesigen Länder der Neuen Welt. Der Papst sah sich umklammert wie zu Stauferzeiten, auch Frankreich fühlte sich eingekreist. Der Franzosenkönig Franz I166. wollte deutscher König werden. Weitere Anwärter waren Heinrich VIII. von England sowie Luthers Kurfürst Friedrich. Dessen Aufgeben hat dem Sachsen außer einer gewaltigen Geldzahlung der Fugger den Ehrennamen “der Weise” eingetragen. Von Franz I. munkelte man, dass er jedem Kurfürsten für seine Wahl 400.000 bis 500.000  Gulden zahlen wollte, nach heutigem Wert vielleicht 25 bis 40 Millionen Euro. Dagegen mussten Karls Gesandte versuchen, “unsere Armut nicht merken zu lassen”. “So geldgierige Leute” wie die Kurfürsten habe er noch nie gesehen, wunderte sich ein Agent Karls. Am gierigsten war der Markgraf von Brandenburg. Franz versprach ihm die Stellung eines Prinzregenten für Deutschland und die Prinzessin Renée nebst einer Mitgift von 200.000 Gulden. Karl bot dieselbe Summe und die Hand seiner Schwester. “Worauf der Franzose prompt die Geldsumme verdoppelte. Die Prinzessinnen konnten sie leider nicht verdoppeln.”

Die Wahl war zu dieser Zeit schon in der “goldenen Schreibstube” Jakob Fuggers des Reichen entschieden. Während der Monate davor löste das Antwerpener Kontor der Fugger keine französischen Wechsel ein, was König Franz insolvent erscheinen ließ. Das war nicht nur Anhänglichkeit an das Haus Habsburg, es war auch sehr realistisch.

Das Bankgeschäft zwang dazu, denn das Risiko war groß, schon weil das Währungschaos unvorstellbar war: Erst 1559 wird die Zahl der fremden Münzsorten auf 30 begrenzt. Es gab nicht nur die Schwankungen von Währung zu Währung, auch die einzelnen Währungen waren in sich nicht konstant, denn der Edelmetallgehalt der Münzen änderte sich dauernd. Außerdem waren manche Waren in Gold, andere in Silber zu bezahlen. Ganz unvorstellbar ist uns heute, dass mit römischen Zahlen gerechnet werden musste. Die Null, von deren arabischem Namen das Wort “Ziffer” kommt, gab es dabei nicht. Sie kommt erst mit den arabischen Zahlen.

Schon Großvater Maximilian hatte die Fugger zu Herren der Silbervorkommen Tirols, des silberreichsten Landes in Europa, gemacht. Darüberhinaus kontrollierten sie seit etwa 1500 den europäischen Kupfermarkt. Da aus Kupfer Bronze und aus Bronze Kanonen gemacht wurden, war der Gewinn überaus erfreulich. Die Schwaben hatten ihr Vermögen zwischen 1511 und 1527 verzehnfacht und eine Jahresrendite von durchschnittlich 55 % erzielt. Um den Neid weniger erfolgreicher Mitschwaben zu entgiften, stifteten sie die “Fuggerei”, eine Siedlung “für etliche Arme, bedürftige Bürger und Inwohner zu Augsburg, Handwerker, Taglöhner und andere, welche nicht betteln wollen.” Jahresmiete für eines der 53 Häuschen noch heute 88 Cent!

Da nicht einmal das Fugger-Geld ausreichte, um die Kaiserwähler zu befriedigen, stellte Jakob ein Bankenkonsortium zusammen: Die Genueser Grimaldi, Fornari, Vivaldi und die Florentiner Gualterotti gaben 307.333 Gulden. Ihre Wechsel wurden von den Augsburger Welsern garantiert. 543.585 Gulden schoss Fugger selbst ein. Alles in allem waren es über zwei Tonnen Feingold. Karl konnte das nie zurückzahlen. Schon bald wird sich Jakob bei ihm beschweren, “dass Eure Majestät die Römische Krone ohne mich nicht hätte erlangen mögen ... Dann wo ich ... Frankreich fördern hätte wollen, würde ich groß Gut und Geld ... erlangt haben. Was aber Eurer Kaiserlichen Majestät und dem Hause Österreich für Nachteil daraus entstanden wäre, das haben Eure Majestät ... wohl zu erwägen.” So hatte noch kein Kaufmann mit einem Kaiser gesprochen. Ein Fugger der 17. Generation rechnete den Habsburgern noch vor, dass sie seiner Familie mit Zinsen runde 125 Milliarden Euro schuldeten. Heute wären es noch viel mehr.- In handlichen Leinensäckchen traf der Zaster in Frankfurt ein. Mit ihm die Königswähler. Von ihnen bekam der Pfälzer Kurfürst die meisten Säckchen: 184.000 Gulden. Die geistlichen Kurfürsten bekamen ansehnliche Pensionen. Nur der Brandenburger soll nichts bekommen haben.

Franz von Frankreich schob sein Heer an die Grenze. Darauf ließ Karls Tante Margarete, Statthalterin der Niederlande, ihr Heer bei Aachen sammeln, und die Condottieri Franz von Sickingen und Robert von der Mark - auch mit Fuggergeld versorgt - schoben ihre Heerhaufen an die Mauern der Wahlstadt heran. Das war zwar verboten, aber wirksam. Der englische Gesandte schrieb nach Hause: “... die Allgemeinheit neigt zum König von Kastilien.”

1519

Der neunzehnjährige Karl V., das “edle junge Blut aus altem deutschen Stamme”, wurde also deutscher König. Er erfuhr davon in Barcelona. Karl hatte nur wenig “deutsches Blut” in sich. 14 spanischen und portugiesischen, 3 französischen, 2 englischen, je einem niederländischen, italienischen, polnischen, litauischen stand nur ein deutscher Vorfahr gegenüber. Französisch war seine erste, Spanisch seine zweite Muttersprache. Er soll gesagt haben, dass er Französisch mit seinen Botschaftern, italienisch mit seinen Frauen, Deutsch mit den Stallknechten, Spanisch aber mit Gott spreche.

Deutschland wird Karl unter Druck halten und ihn schließlich zum Aufgeben bringen. Der englische Gesandte hatte bei Karls Wahl schon richtig geurteilt: “... ist diese Nation in solcher Zwietracht und Unordnung, dass selbst alle Fürsten der Christenheit nicht imstande wären, sie zur Ordnung zurückzurufen.” Als Karl freiwillig abdankt, wird er erklären: “Ich habe die Kaiserkrone gesucht, ... um für das Wohl Deutschlands und meiner anderen Reiche zu sorgen, der Christenheit Frieden und Eintracht zu schaffen und zu erhalten und ihre Kräfte gegen die Türken zu wenden. Meine Verträge wurden durch friedlose Menschen gebrochen. Darum habe ich um Krieges und Friedens willen neunmal nach Deutschland, sechsmal nach Spanien, siebenmal nach Italien, zehnmal in die Niederlande, viermal nach Frankreich, zweimal nach England und Afrika ziehen müssen.” Noch steht er am Anfang seiner achtunddreißigjährigen Regierungszeit, von der er fast ein Viertel auf Reisen sein muss, acht Jahre davon in Deutschland.

Im Spätherbst 1520 kommt Karl erstmals nach Deutschland, um in Aachen gekrönt zu werden. Das Volk war entzückt, es wurden reichlich Goldstücke verteilt. Karl beschwor feierlich die rituellen Fragen des Kölner Kurfürsten: “Willst Du den heiligen Glauben ... halten und ... hüten?” “Willst Du den Kirchen und den Dienern der Kirche ein treuer Hüter und Verteidiger sein?” “Willst Du die Rechte des Königreiches und die Besitztümer des Reiches, die ihm ungerechterweise entwendet wurden, erhalten und zurückgewinnen?” Während seiner ganzen Regierungszeit hat er für die drei “volo”, ich will, mit unglaublicher Zähigkeit gekämpft.

Schon im Frühjahr wird er in Worms einen Mönch vor sich haben, der in Deutschland gleich drei Aufstände - den der Bauern, den der Ritter und den der Fürsten - auslösen wird, weil er diesen Glauben nicht als den rechten anerkennen kann. Immer möchte Karl mit den Dienern der Kirche einvernehmlich handeln. Doch das geht nicht, weil der Papst ein italienischer Fürst ist und mit seinem Feind, dem Franzosenkönig, paktiert. Dieser König von Frankreich hat ihm das ererbte Burgund genommen, das für Karl mehr als nur Erbteil ist: Er fühlt sich als Burgunder. Er hat diese drei Kämpfe achtunddreißig Jahre gekämpft, doch er konnte die drei Ziele nicht erreichen. Spätestens am Vorabend der Krönung müssen ihm die Schwierigkeiten aufgegangen sein, als ihm die Kurfürsten seine “Wahlkapitulation” abforderten. Noch kein Kaiser war so gefesselt worden. Alle seine Regierungshandlungen sollten ihrer Zustimmung unterworfen sein: Nur Deutsche dürften Hofämter haben, kein fremdes Kriegsvolk dürfe ohne Genehmigung nach Deutschland, kein Reichsangehöriger sollte unangehört geächtet werden dürfen.

1521

Karl V. hält seinen ersten Reichstag in Worms. Es war auch eine europäische Gipfelkonferenz. Um den Kaiser Flamen und Spanier, Venezianer, Polen, Ungarn, Savoyer, die päpstlichen Nuntien, der französische Gesandte, die Kriegserklärung schon in der Tasche. Worms war überfüllt. Der Kaiser musste mit seinem Erzieher und Berater, dem Herzog von Croy, im gleichen Bett schlafen. Dringendes war noch zu verhandeln, bevor Karl wieder nach Spanien abreisen musste: das Reichsregiment, das in seiner Abwesenheit regieren sollte. Doch “gehen sonst alle Sachen langsam von statten”, schrieb der sächsische Kurfürst nach Hause. Viele Reichstage und Fürstentreffen dauerten einfach deshalb so lange und brachten so verquere Resultate, weil Fürsten und Räte zu oft zu alkoholisiert waren. Bei den Reichstagen erzielten die Vertreter der Kurie und die Spanier viele Erfolge einfach dadurch, dass sie nüchtern blieben.

Obwohl die Causa Lutheri gar kein ordentlicher Beratungspunkt war, entwickelte sie sich zur Hauptangelegenheit des Reichstages. Gleich anfangs gedieh die Ablehnung eines kaiserliches Ediktes gegen Luther zur turbulentesten Sitzung: Der Kurfürst von Sachsen wurde mit dem brandenburgischen fast handgreiflich, und der sonst so stille Kurfürst von der Pfalz, "der Friedfertige", brüllte, wie Kardinal Aleander notierte, wie ein Stier. Er und der sächsische verließen schließlich protestierend den Saal. Die Ursache ihrer Erregung war, dass seit der Goldenen Bulle - 1356 - weder der Kaiser noch der Papst Prozesse aus einem kurfürstlichen Land an sich ziehen durften.

Erst drei Monate nach der Eröffnung fuhr der vorgeladene Mönch in einem zweirädrigen Karren in Worms ein, begleitet vom Reichsherold. Kardinal Aleander berichtete: “Neun Zehnteile der Deutschen erheben das Feldgeschrei für Luther und für das übrige Zehntel … lautet die Losung: Tod dem römischen Hofe!” Wenige Tage später wurde Luther vom Reichsmarschall von Pappenheim vor “Kaiser und Reich” geführt. Im niedrigen Saal, in dem gerade die Fackeln angesteckt werden, standen sich die Schicksalsgestalten gegenüber. Der einfache Mönch musste es als etwas Außerordentliches ansehen, dem Kaiser, der auch ihm als von Gott gesandt galt, vor die Augen treten zu dürfen. Er, der Ketzer, hätte längst verbrannt sein müssen und zur ganzen  “Lutherei” wäre es dann nicht gekommen. Dass Luther nicht den Tod des Ketzers in den Flammen, sondern den des Spießers auf dem Strohsack starb, hatte er den Zufällen der Politik zu verdanken. Eigentlich war er schon auf dem Augsburger Reichstag dem Feuer verfallen. Jetzt kommt die Sache vor den Kaiser, weil der in seiner Wahlkapitulation beschworen hat, dass kein Deutscher unangehört verurteilt werden dürfe. Dabei ist Luther schon vom Papst gebannt und somit nur noch zu exekutieren. Jetzt erbittet er Bedenkzeit.

Am nächsten Tag findet die Befragung vor dem Kaiser statt. Noch mehr Öffentlichkeit, doch Luther, instruiert durch den Rechtsberater seines Landesherrn, hat sich gefangen. Er erklärte: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse aus der Heiligen Schrift ... überzeugt werde, denn weder dem Papst noch den Konzilien allein kann ich glauben, ... so bin ich an mein Gewissen und das Wort Gottes gebunden. Ich kann und will daher nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen.” Dass er auch “Hier stehe ich, ich kann nicht anders” gesagt habe, ist dagegen Legende.

Der Kaiser fragte Fürsten und Stände. Keine Antwort. “Eh bien” näselte er, weil starke Polypen ihm das Atmen erschwerten. Deshalb hatte er auch den Mund immer leicht offen, was ihn zusammen mit dem vorstehenden Kinn und dem Melancholikerblick nicht besonders geistreich aussehen ließ. In Deutsch wurde am nächsten Morgen das von ihm selbst verfasste Statement verlesen. Er beschwor seine Ahnen, die Kaiser, die Erzherzöge von Österreich, die Herzöge von Burgund. “Sie alle waren ... treue Söhne der römischen Kirche ... Deshalb bin ich entschlossen, alles aufrechtzuerhalten, was meine Vorfahren und ich bis heute gehalten haben.” Und: “Nachdem ich die Antwort Luthers gehört habe, ... erkläre ich, dass ich bereue, so lange das Vorgehen gegen Luther und seine falsche Lehre aufgeschoben zu haben. Ich bin entschlossen, ihn nicht weiter anzuhören ... und fordere Euch auf, in dieser Sache Euch als gute Christen zu beweisen, wie es Eure Pflicht ist und Ihr mir versprochen habt.”

Doch zum Beschluss, den Ketzer zu verbrennen, kam es auch jetzt nicht. Nicht wenige Potentaten fürchteten Unruhen des “gemeinen Mannes“. Der Reichstag war auch nicht mehr beschlussfähig, auch Luthers Landesherr, der Kurfürst  von Sachsen, das “fette Murmeltier mit dem schiefen Blick”, so Kardinal Aleander, war bereits abgereist. Er hatte Luther ausrichten lassen, er sei mit ihm zufrieden. Auf dem Heimweg würde er in Sicherheit gebracht werden, doch wünsche der Kurfürst nichts zu wissen.

Luther fuhr heim. Bei Eisenach wurde sein Wagen planmäßig überfallen, er selbst auf die Wartburg gebracht. Dort galt “Junker Jörg” als Besucher des Burghauptmanns, der ihm Stubenarrest verordnet hatte, bis die Tonsur verwachsen war und ein ritterlicher Knebelbart die Tarnung vervollständigte.

Er hatte eine hebräische Bibel und das Neue Testament in Griechisch mitgebracht. Man sagt, er habe es ins Deutsche übersetzt. Schon vor ihm gab es einundzwanzig Bibelübersetzungen, die meisten mundartlich. Das waren  Prachtbibeln für Reiche. Luther wollte die Heilige Schrift zumindest sprachlich Jedem zugänglich machen. Naheliegenderweise übersetzte er in seine Sprache. Sie war bereits die Kanzleisprache Karls IV. gewesen. Jetzt normierte Luther das Oberdeutsche. Für diese  Sprache war in seiner von der Religion beherrschten Zeit das „Wort Gottes“ das bestmögliche Vehikel, um das Hochdeutsche für die Gebildeten als Kommunikationsmittel verbindlich werden zu lassen. Auf dieser Sprache beruhte ein guter Teil seines Erfolges. Durch seine Lehre trennte er die Deutschen, durch seine Sprache brachte er sie einander wieder näher.

Währenddessen lebte er auf der Wartburg recht komfortabel. Bücher lieh er sich im Eisenacher Franziskanerkloster. Mehr und mehr musste er erkennen, dass seine Gedanken nicht nur religiöse, sondern auch soziale und politische Kettenreaktionen ausgelöst hatten. ”Wenn er doch nur maßvoller wäre!”, stöhnte Erasmus von Rotterdam167 in Basel. Der große Humanist verabscheute den gottbesessenen Radikalismus. Der Wittenberger Mönch hatte den nahtlosen Rock, das Symbol geistiger Einheit des Abendlandes wie auch der Einheit des Reiches, zerrissen.

Schon auf der Wartburg hatte Luther gehört, dass verschiedenste Chaoten versuchten, seine “reine Lehre” von der “Freiheit eines Christenmenschen” für sich auszuschlachten. Demagogische “Propheten” lockten die Hefe des Volkes an, Altäre und Heiligenbilder stürzten, Plünderungen der sich leerenden Klöster folgten. “Wiedertäufer”168 “heiligten” sich mit neuen Ritualen. Was sollte aus den Mönchen und Nonnen werden, die aus den Klöstern gingen, was wurde aus dem Besitz der aufgegebenen Klöster und pfarrerlosen Pfarreien, was aus den unzähligen Pfründen?

Bauernunruhen hatte es schon in den letzten Jahrzehnten gegeben. Der Bischof von Würzburg etwa hatte das “Pfeiferhänsle” aus dem Taubergrund als Ketzer verbrennen lassen. Bis zu 40.000 Bauern soll er zu seinen Predigten gelockt haben. Sie gipfelten stets in dem Appell, die göttliche Gerechtigkeit mit der Waffe herzustellen. Grund zur Unzufriedenheit war reichlich gegeben. Die rechtliche Stellung der Bauern war miserabel. Zu den alten Verpflichtungen und Abgaben waren immer neue gekommen. Der zunehmende Finanzbedarf der Territorialstaaten wurde größtenteils aus ihren Scheuern und Ställen gezogen. Die bekannteste Steuer war für den unfreien Bauern der “Zehnte”. Das ist zunächst der zehnte Teil der Ernte. Dazu war der “lebendige” Zehnte gekommen; Vieh oder Geflügel. Schließlich gab es den “kleinen” oder “toten” Zehnten von Heu, Holz, Hopfen etwa. Beim Tode des Bauern wurde das “Besthaupt” fällig; das beste Pferd oder die beste Kuh. Für kleine Anwesen war das oft der Ruin. Dann kam die Arbeitsverpflichtung, die Fron; Mithilfe bei Aussaat und Ernte des Grundherrn, Holzfällen, Wege-, Haus- und Festungsbau, bis zum Sammeln von Beeren. Entscheidend aber war, dass sich die rasch verfestigenden Bürokratien jeden Lebensbereich und jedes Individuum unterwarfen. Nur in Westfalen und in Tirol gab es freie Bauern in größerer Zahl. Dagegen hatte sich die Anzahl der Leibeigenen ständig vergrößert. Kein Bauer konnte lesen, noch weniger schreiben. Sie konnten sich auch nicht verteidigen. Jeder Sekretarius konnte ihnen mit einem gefälschten Pergament weis machen, dass ihr “altes göttliches Recht” nichts galt, sondern nur das römische. Nur in Tirol saßen Bauern sogar im Landtag.

1525

Es soll der Befehl der Gräfin von Lupfen gewesen sein, ihr Schneckenhäuser zum Garnaufwickeln zu sammeln, der ihre Bauern und mit ihnen die ganz Südwestdeutschlands in den Aufstand trieb. Bemerkenswert ist, dass der “Bauernkrieg” dort nicht stattfand, wo es den Bauern am schlechtesten ging: in den ostelbischen Gebieten. Zusammenhängende Aufstandsgebiete bildeten sich nur in Franken und Schwaben, im Allgäu, im Breisgau und im Elsass. Aber die Aktionen waren örtlich und zeitlich eingegrenzt. Die Bauern konnten nur Krieg führen, wenn es ihnen die Feldarbeit erlaubte, also zwischen Aussaat und Ernte, weil sie ohne die damals noch sehr geringe  Ernte verhungert wären. Nicht so die Grundherren und Fürsten. Bei ihnen sammelte sich ja das Brotgetreide der Bauern.

Sie profitierten zudem von den Fehlern der Bauern, bei denen alles spontan und ohne Planung verlief. Nur ihr Programm war klar: Abschaffung der Leibeigenschaft, geringere Lasten und Abgaben, freie Jagd und freier Fischfang, freie Pfarrerwahl, auch Stärkung der kaiserlichen Macht. Die “zwölf Artikel” wurden in einem Allgäuer Gasthaus erdacht, von Memmingen gingen sie aus. Fähige Politiker hatten die Bauern nur zwei, den Hohenloheschen Kanzleischreiber Hipler und den Rat des Bischofs von Brixen, Michael Gaismayr. In Thüringen hatten die Bauern nur einen Scharfmacher: den abgefallenen Pfarrer Thomas Müntzer.

Die Bauern wollten in der Nähe ihrer Dörfer bleiben, die Zusammenfassung der Kräfte war nicht möglich. Es gab den Odenwälder Haufen, den Taubertäler, den fränkischen Haufen. Bei Lindau versammelte sich der Seehaufe, bei Biberach der Baltringer Haufe. Einzeln wurden sie geschlagen. Das war nicht schwer, denn die Bauern waren im Waffenhandwerk ungeübt. Deshalb fiel die Entscheidung, als man die Landsknechte abwies, die zusammen mit den Bauern kämpfen wollten. So rekrutierte sich die Gegenseite mit den in Italien demobilisierten “Knechten des Kaisers”.

1525

Frankreichs König Franz I. war in die Lombardei eingefallen. Mailand hatte er schon erobert, jetzt belagerte er Pavia. Sein Lager, das die Landsknechte des alten Frundsberg angriffen, befand sich im Wildgehege des Herzogs von Mailand vor der Stadt. Die Schlacht wurde zu einer Katastrophe für Frankreich. Darüberhinaus brachte sie eine kriegstechnische, zudem eine gesellschaftliche Revolution: Anonyme Infanterie hatte die Träger erlauchtester Namen respektlos aus dem Sattel geschossen. Ab jetzt war es möglich, "dass ein Ritter ohne Furcht und Tadel, der sein ganzes Leben dem geschickten Umgang mit Lanze und Schwert und der Beherrschung seines Pferdes gewidmet hatte, nicht mehr von seinesgleichen getötet wurde, sondern von einem Mann niedrigen Standes, schwächlicher Konstitution und bar jedweder ritterlichen Ideale. Er brauchte nur eine Arkebuse   , die aus großer Entfernung heimtückisch traf und nicht in einem fairen Nahkampf Mann gegen Mann."

Der kaiserliche General brachte den gefangenen Franzosenkönig per Schiff nach Spanien. Er schien das sicherste Pfand zu sein für den folgenden Frieden von Madrid. Franz beschwor den Vertrag, und Karl glaubte sich sicher, als er sich auch noch das Ehrenwort geben ließ. Franz bekam als Sicherung Karls Schwester. Nach seiner Freilassung erklärte Franz jedoch den Vertrag für erzwungen. Papst Clemens, der gegen den Kaiser weiterintrigierte, löste ihn prompt von seinem Eid. Auch die Polit-Ehe hatte keinen Erfolg gebracht, nur der Kaiserschwester die Syphilis. Franz von Frankreich stellte seine Angriffskriege nicht ein und für Heinrich VIII. von England169 war der Kaiser schon zu stark.

In der Meinung, sie hätten schon gesiegt, gerieten die Bauern mancherorts in Bluträusche. Viele Burgen wurden angezündet, viele Klöster und Kirchen geplündert. Im thüringischen Bauernlager zu Frankenhausen ließ Müntzer vier Unterhändler der Fürsten hinrichten, und in Weinsberg wurde der Obervogt Graf Helfenstein mit seinen Rittern nach Landsknechtsart “durch die Spieße gejagt”. Seine Frau - eine Tochter Maximilians - musste die betrunkenen Sieger bedienen, dann wurde sie mit ihrem Söhnchen auf einem Mistkarren nach Heilbronn geschafft. Diese Lynchjustiz war nicht geeignet, die Sympathie, die die Bauern zunächst auch bei Städtern hatten, zu erhalten. Und Luther, den manche als den Anstifter der Unruhen ansahen, schrieb “wider die mordischen und reubischen Rotten der Pawren.” Er riet den Fürsten: “Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, ... wie man einen tollen Hund totschlagen muss.“ Luther, den Müntzer das “geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg” nannte, ließ die Wirren, die er verursacht hatte, gar nicht mehr an sich herankommen. Er saß - so Kierkegaard -”in kleinbürgerlicher Behaglichkeit, von bewundernden Anhängern umgeben, die jeden Furz von ihm für eine Offenbarung oder die Folge einer Inspiration halten”, an seinem reichlich gedeckten Tisch, und genoss es, dass eifrige Skribenten seine Tischreden mitgriffelten. Der asketische Gottsucher von einst war zum Brauereibesitzer degeneriert. Derselbe Luther, der mit den Autoritäten seiner Zeit so mutig gebrochen hatte, versagte jetzt, als er selbst zur Autorität geworden war.

Die “Obrigkeit” hatte das blutige Rezept des Reformators gar nicht gebraucht. Sie hatte die Aufrührer mit den vor Pavia abgemusterten Landsknechten unterdessen fast besiegt. Georg Truchsess von Waldburg, der Feldhauptmann des Schwäbischen Bundes170, wurde zur Hauptfigur der süddeutschen Bauernaufstände. Anfang April 1525 schlug er den Baltringer Haufen. Seine Verluste waren nicht nennenswert, die der Bauern betrugen tausend Tote und viertausend Gefangene. Mitte Mai schlug eine Koalition unter Führung des Landgrafen von Hessen die Thüringer Bauern. Sechs- bis achttausend hatten sich in einer Wagenburg verschanzt. Sie hatten auch einige Kanönchen, aber kein Pulver. Die fürstliche Gegenseite hatte nur dreitausend Mann und Kanonen, für die man das Pulver nicht vergessen hatte. Fünftausend Bauern wurden erschlagen, die mit den Bauern verbündeten Städte Frankenhausen und Mühlhausen mussten sich von Plünderungen loskaufen. Die Sieger hatten nur fünf Tote. Im Juli war es dann auch in Franken aus. Nur in den Alpengebieten wurde noch im nächsten Jahr gekämpft.

Ihre berechtigten Forderungen kosteten hunderttausend Bauern das Leben. Hunderte ihrer Dörfer wurden zu Schutt und Asche. Die einzige deutsche Revolution war gescheitert. Nachdem die Rädelsführer auf der Folter ihre Schuld bekannt hatten, danach gehängt, geköpft oder gevierteilt, leichtere Fälle “nur” durch Verstümmeln von Nasen, Ohren, Händen und Füßen geahndet worden waren, ermächtigte der 1526 folgende Reichstag von Speyer die Machthaber, ihre geschlagenen Untertanen “nach Gelegenheit und ihrem Gefallen” zu behandeln. Empfohlen wurde “mehr Gnad und Gütigkeit dann Schärfe und Ungnade.” Das hielt jedoch Markgraf Kasimir nicht davon ab, sechzig Kitzinger Bürgern, die den Bauern geholfen hatten, die Augen ausstechen zu lassen, weil sie ihn “nicht als ihren Herrn ansehen wollten.”

Wie soll man aber die Mächtigen verurteilen, wenn selbst Luther die herrschenden Verhältnisse als gerecht beurteilte: “Dem Esel gehört sein Futter, Last und Geißel, die Bauern sind allzumal Räuber und Mörder!” Doch viele Reichsstädte, die mit den Bauern sympathisiert hatten, beließen es auch nach deren Niederlage bei den Erleichterungen, die sie ihnen zugestanden hatten. Memmingen gab ihnen sogar die Freiheit. Truchsess von Waldburg hatte seine Bauern zur Zusammenstellung ihrer Beschwerden aufgefordert. Sie übergaben ihm darauf eine redigierte Fassung ihrer “zwölf Artikel”. Dass es nicht ganz so schlimm kam, war auch dem eigenen Interesse der Herren zuzuschreiben. “Sollten die Bauern alle erstochen werden, wo nehmen wir andere her, die uns nähren?”, soll einer gesagt haben.

Der Elan des “gemeinen Mannes” war weggeweht. Nicht zufällig kommt in den Schwerpunktgebieten der Bauernbewegung die Legende von den sieben Schwaben auf: Sieben Halbdeppen halten sich an einem für ihren Mut viel zu großen Spieß fest, um schließlich vor einem Häslein Reißaus zu nehmen. Gleichzeitig degenerierte Sankt Michael, der drachentötende Schutzpatron der Deutschen, zum deutschen Michel mit der Zipfelmütze.

Die Durchführung des Ediktes des Wormser Reichstages von 1521, die Unterdrückung der Lehre Luthers, war nicht mehr möglich. Aber auch der Traum von einer lutherisch-deutschen Nationalkirche, die wenigstens die Einheit im Glauben erhalten hätte, war ausgeträumt. So empfahl der Reichstag, jeder Reichsstand könne es mit der Religion “halten, wie ein jeder solches gegen Gott und Kaiserliche Majästet hofft und vertraut verantworten zu können.“ Mit diesem Reichstagsbeschluss hatte jeder Potentat - falls er lutherisch wurde - in seinem Ländchen die Entscheidung in Glaubensfragen. Jeder hatte seine eigene “Landeskirche”. Der deutsche Partikularismus wurde von nun ab auch aus dieser Quelle genährt.

Huldrych Zwingli171, “Leutpriester” am Züricher Großmünster, hatte - unfreiwillig - die Reformation in Zürich verursacht: Ein Verleger hatte als Demonstration gegen die Fastengebote zu Ostern 1522 zu einem Wurstessen geladen. Obwohl alle nur “ein kleins Stücki” aßen, der Prediger sich sogar enthalten hatte, schickte der Konstanzer Bischof einen Untersucher. Dem Haupt der Eidgenossenschaft war das zuviel. Zürich sagte sich vom alten Glauben los und ging - die deutsche Schweiz mit ihm - zum reformierten Bekenntnis seines Stadtpfarrers über. Der Landgraf von Hessen172, der Kopf der Lutheraner, wollte Zwingli gewinnen, um das neukirchliche Lager zu stärken. Doch während Luther darauf beharrte, dass Gott im Abendmahl real vorhanden sei, sah Zwingli darin nur ein Symbol. Damit war er für Luther fast ein Abgesandter des Teufels. Zwingli erreichte dagegen mit dem Genfer Reformator Calvin173, dem Gründer der “reformierten Kirche”, Konsens. Deshalb gingen seine Glaubensanhänger später auch zu Calvin über.

König Ferdinand I.174, Kaiser Karls Bruder, hat 1529 auf dem zweiten Speyrer Reichstag versucht, den Beschluss von 1526 aufzuheben. Doch die lutherische Minderheit protestierte dagegen. Seitdem heißen die Lutheraner “Protestanten”. Dies waren fünf Fürsten und vierzehn Städte, als bedeutendste Nürnberg und Straßburg.

Noch nie war es für Fürsten so leicht gewesen, ihren Besitz “zu mehren”. Sie konnten sich beinahe als öffentliche Wohltäter fühlen, wenn sie das herrenlos gewordene Kirchengut an sich nahmen. Das konnte natürlich nur, wer lutherisch wurde. Am größten war die Versuchung für die geistlichen Fürsten. Wenn einer zur neuen Religion überging, konnte er - wenn alles gut ging - das Fürstentum behalten. Albrecht von Brandenburg-Ansbach, Hochmeister des Deutschen Ordens, konnte der Versuchung nicht widerstehen. Luther hatte ihm geraten, “die alberne Ordensregel“ aufzugeben, zu heiraten und Preußen in ein Erbherzogtum umzuwandeln. Der Hohenzoller tat es. Das Ordensland Preußen wurde protestantisch. Was außerhalb des Reiches im damals fernen Osten möglich war, war es im rheinischen Kernland nicht. Der Kölner Erzbischof Truchsess von Waldburg wollte das preußische Beispiel nachmachen. Ein Scharlatan hatte ihn mit einem reizvollen Stiftsfräulein zusammengebracht. Ihre Brüder forderten nach der in-flagranti-Entdeckung sofortige Heirat, “andernfalls sie ihm”, dem Erzbischof, “einen Verlust beizubringen drohten, der weitere Liebesabenteuer radikal unmöglich machen würde.” Der Waldburger heiratete und wurde Calvinist, wollte aber Kurfürst bleiben und sein Land behalten. Es gab Krieg. Dem Herzog von Bayern schien das Kurfürstentum sehr geeignet zur Erhöhung seines Hauses. Er eroberte es für seinen Sohn. Köln blieb katholisch. Fast hundertachtzig Jahre hielt ein Wittelsbacher für den nächsten den Kölner Kurstuhl warm.

Der Vorkämpfer des Protestantismus, Philipp von Hessen, hatte ähnliche Probleme. Er wollte die hübsche Margarethe von der Sale zur zweiten Frau haben. Seiner ersten hatte er notariell zugesagt, sich ihr “mit Freundlichkeit, Beschlafen und  ... freundlichem Wesen ... mehr denn vorher zu erzeigen.” Luther hatte “ja” zu sagen. Entschuldigend verwies der Fürst auf seine ärztlich attestierte Außergewöhnlichkeit: Wo der gewöhnliche Mann zur Zeugung nur über die gewisse Zweiheit verfügt, war er mit einer Dreiheit ausgestattet. Als die Bigamie ruchbar wurde, empfahl Luther eine “gute, starke Lüge”. Bigamie war jedoch nach der Kriminalordnung Karls V. ein Kapitalverbrechen. Der Landgraf war nun Wachs in seinen Händen. Jetzt hatte er im Schmalkaldischen Bund für den Kaiser zu arbeiten: Die Beziehungen der protestantischen Partei zu Frankreich, Schweden und Dänemark wurden abgebrochen und dem Herzog von Kleve keine Hilfe geleistet. Karl wurde es dadurch möglich, die protestantische Nordfront vom Niederrhein her aufzurollen.

Die Päpste, die Parteigänger des Kaisers hätten sein müssen, waren einer nach dem anderen Verbündete des Königs von Frankreich. Das empfanden selbst die Landsknechte als Perfidie. Ein Jahr nach dem Sieg des Kaisers von Pavia hatte Klemens VII. die “heiligste Liga” mit dem französischen König gegen den Kaiser gestiftet. Dem ist wieder einmal das Geld ausgegangen, die Truppen meutern. Sie hörten, dass der Kardinal Colonna mit seiner Privatarmee Rom geplündert und große Beute gemacht habe. Das reißt die Söldner, die halb verhungert durch Italien wanken, nach vorn. Sie gehorchen keinem Befehl mehr. Ihren Führer Frundsberg trifft der Schlag. An einem nebligen Maimorgen stürmen sie. Am Abend war Rom erobert, der Papst saß in der Engelsburg fest. Dann wurde geplündert - ein halbes Jahr lang. Auch diesmal lässt erst eine Seuche die “Sacco di Roma” verebben.

Der Papst ist Gefangener des Kaisers. Noch lange über ihn hinaus sind die Päpste Gegner des Kaisers und der Spanier, die mit Karl Macht und Einfluss gewinnen. Der Papst versteht sich vor allem als Beherrscher Mittelitaliens. Als solcher fühlt er sich vom katholischen Kaiser von Nord- und Süditalien aus bedrängt. Um diese Gefährdung zu vermindern, verbündet er sich mit dem ebenfalls katholischen Frankreich. Auch das kämpft gegen den habsburgischen Karl, weil es sich ebenso in die Zange genommen sieht: Es hat mit dem kaiserlichen Deutschland eine gemeinsame Grenze von der Nordsee bis an die Alpen, es grenzt im Süden an Spanien, dessen König Karl außerdem ist. Um die Achse Rom - Paris zu stärken, wird Papst Clemens dem nächsten französischen König sogar seine Nichte zur Frau geben. Die “Lutherei” in Deutschland ist für den Papst zwar ein Ärgernis, aber weit weg. So stempelt die päpstliche Propaganda den frommen Kaiser zum “Räuberhauptmann Luthers”.

Doch wenn ihn Karl immer wieder drängt, ein Konzil einzuberufen, das die Glaubensspaltung überwinden soll, vertieft dieser Wunsch sogar noch die Feindschaft. Clemens VII. ist nämlich ein Bastard des Hauses Medici. Deshalb hätte er nach geltendem Kirchenrecht gar nicht Papst werden dürfen. Er muss fürchten, dass ihn das Konzil absetzt. Auch seine Nachfolger wollten kein Konzil, weil sie befürchten, dass die schon in Konstanz und in Basel vertretene Lehre von der Superiorität des Konzils ihnen die Flügel stutzen könnte.

Schon während seiner Madrider Ehrenhaft hatte Franz I. den Türkensultan aufgefordert, Ungarn und Deutschland zu erobern. Frankreich würde im Westen eine zweite Front errichten. Suleiman “der Prächtige” war elektrisiert. Die Dynastie der Osmanen175 hatte in ununterbrochener Folge neun Herrscher hervorgebracht, die erfolgreiche Mehrer ihres Reiches waren. Suleiman war der zehnte.

Bei Mohacs176 hatte sich der Ungarnkönig Ludwig zur Schlacht gestellt. Der wahre Machthaber, der Siebenbürger Fürst Zypolya, hatte sein Kontingent zurückgehalten, damit Ludwig Schlacht und Leben verliert, um mit seiner Witwe auch sein Königreich erheiraten zu können. Am nächsten Tag war zwar die Königin eine der schätzungsweise 20.000 Witwen, doch Ungarn ging an die Habsburger, wie der Erbschaftsvertrag von Großvater Maximilian es vorsah. Die Erbschaft war jedoch vorerst nur ein westlicher Randstreifen, der größte Teil Ungarns wurde türkisch.

1529

Dem auf dem ungarischen Thron folgenden Bruder Kaiser Karls, Ferdinand, hatte der Sultan gedroht, er “werde ihn bei Mohacs treffen.” “Und wenn er dort nicht ist, werde ich zu ihm nach Wien kommen.” Er kam tatsächlich, nachdem er seine Macht in Persien konsolidiert hatte. Beim Abmarsch von Konstantinopel zählte sein Heer 200.000 Mann. Das Rückgrat dieses Heeres waren die Janitscharen. Sie waren der Tribut der unterworfenen Länder. Die Knaben wurden in islamischen Erziehungsanstalten zu Kämpfern für den Propheten gemacht. Ihr höchstes Ziel war, im Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen zu fallen. Nun wollten sie Wien erobern und im nächsten Frühjahr weiter westwärts vordringen.

Angst haben mussten zunächst die österreichischen Länder, denn die Aufstellung eines Heeres zur Abwehr dauerte lange und der unausgebildete Haufen war ohne taktischen Wert. Der von Ferdinand gebetene Reichstag, der sich in Speyer wieder mit Luther und seinem Anhang beschäftigte, beschloss, 12.000 Infanteristen und 2.000 Reiter zu schicken. Sie sollten aber erst in Marsch gesetzt werden, wenn sich eine Deputation vergewissert hätte, dass das Gerücht von der türkischen Riesenarmee wahr sei. Der Reichstag übertrug das Kommando einem alten Soldaten, dem siebzigjährigen Grafen von Salm-Reifferscheidt. Wien war nicht verteidigungsfähig. Die Stadtmauer war noch aus der Zeit Rudolfs von Habsburg. Aus der Umgebung wurde alles Essbare in die Stadt gebracht, Kinder, Frauen und Greise evakuiert. In fieberhafter Eile wurden Erdwälle aufgeworfen und davor alles niedergerissen, um dem Feind jede Deckung zu nehmen. Am 26. September schickte der Sultan eine Botschaft: Er gedenke, in drei Tagen in der Stadt zu frühstücken. Seine Belagerungsarmee zählte 150.000 Mann. Salm hatte 22.000 Infanteristen, 2.000 Reiter und 72 alte Kanonen. Nach drei Tagen schrieb der Stadtkommandant per hinübergeschossenem Pfeil dem Sultan, dass sein Frühstück kalt werde.

Zwei Glücksfälle retteten die Verteidiger: Suleiman hatte seine zweihundert schweren Geschütze auf den im regnerischen Sommer grundlos gewordenen Straßen des Balkans zurücklassen müssen. Doch er war sicher, dass seine Mineure genügend Breschen in die Stadtmauer sprengen würden. Sein Plan wäre wohl aufgegangen und wir treue Kinder Allahs, wäre nicht ein Türke gefangengenommen worden, der verriet, dass bald das Kärntner Tor in die Luft fliegen würde. Man stellte nun überall Trommeln auf, auf die man trockene Erbsen schüttete. Diese Ur-Seismographen machten die türkischen Stollengrabungen zur Vorbereitung der Sprengungen hörbar. Der Sultan versprach dem, der als erster in der Stadt wäre, dreißigtausend Piaster177 und den Generalsrang. Trotzdem mussten am nächsten Morgen die Janitscharen von ihren Offizieren zum Angriff geprügelt werden. Umsonst. Wien hatte das Abendland gerettet, zudem hatte sein Widerstand die Moral der Angreifer geschwächt. Doch der “goldene Apfel”, der Reichsapfel auf dem Turm des Stefansdoms, galt den Türken auch in den  kommenden eineinhalb Jahrhunderten als Eroberungsziel.

Dann endlich der “Damenfriede von Cambrai”, geschlossen von Karls Tante Margarete, der niederländischen Statthalterin, und der Königinmutter von Frankreich. Er war die Frucht der Bekanntschaft der beiden. Der Friede überlässt dem Kaiser Oberitalien und Neapel-Sizilien. Dafür erobern seine “Knechte” das Florenz des Papstes, das - abscheulich - Republik geworden war.

Für Karl mag die Kaiserkrönung eine Befriedigung gewesen sein. Es war die letzte in Italien, nicht in Rom, sondern in Bologna. Von hier reiste er nach Augsburg zum Reichstag. Obwohl die Einladung sehr versöhnlich formuliert war, “auf dass wir   alle in einer Gemeinschaft, Kirche und Einigkeit leben”, bestand dazu keine Hoffnung mehr. Als der Reichstag mit der Fronleichnamsprozession eröffnet wurde, machten die protestantischen Stände nicht mit. “Derlei gottlose Bräuche seien auszurotten.”

Erst jetzt scheint es dem mit Türken, Papst, Frankreich, England, Spanien und den Neuerwerbungen in der neuen Welt beschäftigten Kaiser klar geworden zu sein, dass seine Ausgleichsbereitschaft gar nicht mehr gefragt war. Das von den Protestanten vorgelegte “Augsburger Bekenntnis” wurde zur dauerhaften Basis des Protestantismus. Luther beobachtete von Coburg den Reichstag. Er schrieb an seine Freunde: “Ich koche vor Zorn, brecht ab, kehrt heim!” Die Protestanten taten das auch. Der Kaiser war erbittert. Seine Antwort war: Erneuerung des Wormser Edikts, Reichsacht und Reichskammergerichtsprozess jedem Fürsten, der sich nicht den Geboten des alten Glaubens füge. Diesen “rauhen (Reichstags-) Abschied” nahmen die protestantischen Fürsten und Städte zum Anlass, sich im thüringischen Schmalkalden zu verbünden. Die “Bundesverfassung” sah ein “Bundesheer” von 2.000 Reitern und 10.000 Fußsoldaten unter zwei Hauptleuten - Hessen und Sachsen - vor. Der “Bund” verhandelte mit Frankreich, England und dem Papst.

1532

Von Augsburg war Karl zur Krönung seines Bruders Ferdinand aufgebrochen. Ihn hatte er mit dem österreichisch-deutschen Teil des Habsburgerbesitzes abgefunden. Karl behielt die spanischen Reiche mit ihren Italien- und Überseebesitzungen und das burgundische Erbe, die Niederlande. Ferdinand bekam die “Herrschaft zu Österreich” vom Rhein bis nach Ungarn, Tirol, Friaul und Görz. Während die viel größere Hälfte Karls ihm erst die kaiserlich-kontinentale Politik ermöglichte, reichte die kleinere Ferdinands wenigstens für die deutsche und den Erwerb Ungarns und Böhmens.

Jetzt reiste der Kaiser nach der Wahlstadt Frankfurt. Dort konnte die Wahl wegen der Pest nicht stattfinden. Main- und rheinab ging es weiter bis Geisenheim, wo man den Strom wegen der Strudel des Binger Lochs verließ. Schultheiß und Gericht bewirteten den Kaiser mit 14 Begleitern, dann ging es weiter nach Aachen.

Die dortige Wahl des Kaiserbruders zum deutschen König war für die protestantischen Fürsten der Vorwand für den Schmalkaldischen Bund gewesen. Nun musste sich Karl ihre Unterstützung gegen die Türken erkaufen. Er musste ihnen bis zum nächsten Reichstag ihren Religionsstand zusichern, alle Prozesse über Kirchengüter waren einzustellen. Das bedeutete die Annullierung des Augsburger Reichstagsabschiedes. Erst daraufhin ermöglichte die protestantische Minorität dem Kaiser, ein Reichsheer nach Österreich zu schicken, um die Türken aus der Steiermark und Krain zu vertreiben. Karl selbst entriss den Muslimen Tunis. Das mittlere und westliche Mittelmeer war vorübergehend von muslimischen Seeräubern befreit. Die Bedeutung dieses Schlages erkennt man erst durch das Faktum, dass zwischen 1530 und 1780(!) eine bis zu 1,25 Millionen weiße Christen auf den Sklavenmärkten Nordafrikas landeten - kahl geschoren und in Eisen geschmiedet.* Der französische König vermisste damals diese Entlastungsfront. Er verbündete sich deshalb  mit dem Sultan.

Die Reformation gewann weiter an Boden: 1527 war Schweden protestantisch geworden. 1531 hatte Karl seinem Bruder verbieten müssen, die katholischen Kantone der Schweiz gegen Zwingli zu unterstützen. Nur so hätte Ferdinand die Eidgenossenschaft sprengen und die oberdeutsche Stellung Habsburgs aufrechterhalten können. 1534 verlor er dort seine stärkste Stütze: Der schwäbische Bund löste sich auf. Die Folge war, dass Habsburg das erst kürzlich erworbene Württemberg aufgeben musste und der vertriebene Herzog Ulrich zurückkam. Württemberg wurde die protestantische Bastion Südwestdeutschlands. 1536 wurde die Reformation in Dänemark-Norwegen und den damit verbundenen Herzogtümern Schleswig und Holstein eingeführt. Auch viele Stände der österreichischen Länder übernahmen den neuen Glauben. In Böhmen fanden viele Hussiten das Luthertum fortschrittlicher und in Siebenbürgen brachte der Reformator Honterus den “Sachsen” den Lutherglauben. Weniger wegen des Glaubens, als wegen der von der Kurie verweigerten Scheidung von seiner Frau, der Tante des Kaisers, gründete Heinrich VIII. von England seine eigene Nationalkirche.

Von den dreiundzwanzig zwischen Rom und Wittenberg strittigen Punkten blieb auf dem Regensburger Reichstag von 1541 nur noch einer übrig: Luthers Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben. Der zuletzt gefundenen Verständigungsformel stimmte selbst der päpstliche Legat zu. Aber Luther und der Papst lehnten sie ab.

Frankreich hatte Karl angegriffen und im Herzog von Jülich, Kleve und Berg einen Verbündeten gefunden. Weil der Niederrheiner sich das zu Burgund gehörige Geldern angeeignet hatte, griff Karl ihn an. Nach seinem Sieg über ihn warf er sich auf die Franzosen. Er zwang sie, Frieden zu schließen und seine Forderung nach einem Konzil zu unterstützen. Der Wunsch des Kaisers erfüllt sich endlich.

1545

Das Konzil wird in der Dreifaltigkeitskirche von Trient178 eröffnet. Gastgeber ist der siebenundzwanzigjährige Bischof Graf Christoph Madruzzo, Kardinal und Begründer einer hundertneunzehn Jahre dauernden Herrschaft seiner Familie in der fürstbischöflichen Burg Buon Consiglio.

Auf dem Regensburger Reichstag anno 1546 kurierte der schon ältliche, mit einem verhaltenen Charme ausgestattete Witwer Karl, der sich im Gegensatz zu seinen bekrönten Zeitgenossen keine Mätressen hielt, seine Gicht, und mit der Gürtlerstochter Barbara Blomberg zeugte er den später so genannten Don Juan de Austria, der 1571  vor Lepanto am Golf von Korinth gegen die Türken einen spektakulären Seesieg erringen wird, der ihre Herrschaft im Mittelmeer beendet. Sein Sieg wird ihn zum Helden der Christenheit machen.

1546

Karl hat sich später gewundert, dass ihn die Schmalkaldener nicht in Regensburg gefangensetzten. Es schien ihm aber bald ratsam, nach Landshut auszuweichen. Dorthin sandte der Schmalkaldische Bund einen Herold, um dem Kaiser den Kampf anzutragen. Es war der erste Glaubenskrieg in Deutschland.

Die Schmalkaldener hatten einen Fehler gemacht, als sie ihren Feldhauptmann Schertlin von Burtenbach nach der Eroberung der Ehrenberger Klause, der zwei Kilometer langen Engstrecke zwischen Reutte und Heiterwang in Nordtirol, an die obere Donau beorderten. Er hätte die Tiroler Pässe besetzen und die italienische Verstärkung des Kaisers verhindern können. Trotzdem hatte Karl nur etwa 30.000 Fußsoldaten und 5.000 Reiter. Die bei Donauwörth zusammengezogene Armee Hessens, Sachsens, Württembergs und der Städte war gleich stark. Den gleichen Fehler leisteten sich die Protestanten gegenüber der kaiserlichen Nordarmee, die bei Aachen 10.000 „Knechte“ und 5.000 Reiter sammelte. Obwohl die Armee im Feindgebiet über den Rhein musste, verhinderten die Schmalkaldener den Marsch nach Süden nicht. Jetzt zog gar der Hesse heim nach Kassel “zu seinen beiden Weibern”, wie der alleingelassene Schertlin spottete. Auch der Sachse retirierte in sein Land, um es gegen seinen Vetter Moritz zu halten.

Man hatte dem Kaiser geraten, Württemberg zu annektieren. Damit wäre Österreich in Südwestdeutschland Vormacht geblieben, der Südwesten wäre nicht ganz so kleinkariert geblieben. Doch der Kaiser verlangte vom Württemberger Herzog nur eine kleine Kontribution.

Ohne Rücksicht auf den Kaiser, der noch immer auf eine Verständigung mit den Protestanten hoffte, verabschiedete das Konzil ein Dekret über die Rechtfertigung, das diese Hoffnung endgültig zunichte machte. Wenige Tage danach rief der Papst seine Hilfstruppen zurück, obwohl dem Kaiser die Entscheidung erst noch bevorstand. Es war einer der seltenen Anlässe, der Karl die Beherrschung raubte: Er hieß den Papst einen luetischen Paralytiker179.

1547

Weil Bruder Ferdinand und Herzog Moritz um Hilfe riefen, zieht der Kaiser im Frühjahr nach Kursachsen. Der Kurfürst hatte die beiden in Schwierigkeiten gebracht. Jetzt glaubte er sich sicher, als man die Kaiserlichen auf dem anderen Ufer der dreihundert Schritt breiten Elbe sah. Ein Bauer zeigte den Kaiserlichen eine Furt - sieben Pferde breit - sodass sie den überrumpelten Sachsen in die Flanke stoßen konnten. Die Schlacht bei Mühlberg war einer der Triumphe des Kaisers. “Ich kam, sah, und Gott siegte”, soll er gesagt haben. Und als ob er ahnte, dass der Triumph nicht lange halten würde, wütete er gegen die Protestanten: Der Kurfürst von Sachsen wurde zum Tode verurteilt. Weil er auf die Kurwürde verzichtete, milderte Karl das Urteil zu lebenslanger Haft. Auch den jahrzehntelangen Führer des Protestantismus, Landgraf Philipp von Hessen, ließ Karl einige Jahre einsperren.

Der Sieg war keine Entscheidung. Immerhin: Karl hatte verhindert, dass der Schmalkaldische Bund zum Staat im Staate wurde. Das wäre die Teilung Deutschlands gewesen. Deutschland war konfessionell nicht mehr zu verändern. Schlimmer noch: Durch den Sieg bei Mühlberg war der Kaiser allen zu groß geworden: dem Papst, Frankreich, natürlich auch den deutschen Fürsten. Überall Opposition und Subversion. Hinzu kam, dass Karl seinen Sohn Philipp zu seinem Nachfolger als Kaiser machen wollte. Bruder Ferdinand fühlte sich zurückgesetzt. Karl gab nach; das Kaisertum kam an die deutsche Habsburger-Linie.

Spanien war den Deutschen unheimlich. Nur Wenige waren über die riesigen Ländererwerbungen in nicht vorstellbaren Fernen orientiert. Dabei waren beispielsweise Schiffe der Welser unter den ersten, die den neuen Welten entgegensegelten. Die Welser bekommen 1528 ganz Venezuela bis zum Stillen Ozean mit dem Recht, Sklaven zu fangen und zu verkaufen. Ganz Chile wurde 1531 den Fuggern zugesprochen. Zu Beginn der Entdeckungen hatte Papst Alexander VI. Südamerika “wie eine Orange” zwischen Spanien und Portugal geteilt. Nun wird der Kaiser gehofft haben, dass die Schwaben Gold und Silber in seine Kassen fließen lassen würden, um seine europäischen Unternehmungen zu finanzieren. Doch neben der Korruption und den Fährnissen der Schifffahrt ließen maurische und französische Piraten den erwarteten Edelmetallstrom zusammenschmelzen. Während man gegen die ersten beiden Widrigkeiten machtlos blieb, erfand man gegen den maritimen Feind die Geleitzugtaktik180. Eine Zeitlang segelte mehr als ein Sechstel des Schiffsverkehrs zwischen Europa und Amerika unter Augsburger Flagge. Aber die Spanier duldeten in ihren Kolonien bald weder Italiener, noch Franzosen, noch Deutsche - nicht einmal als Missionare.

Der Sieg des Kaisers bei Mühlberg hatte nur eine vorübergehende Schwächung der Fürstenmacht zur Folge gehabt. Jetzt warnte ihn seine Schwester Maria, die Statthalterin der Niederlande, vor Herzog Moritz von Sachsen181. Heimlich hatte er dem Franzosenkönig die wichtigen Reichsstädte und Grenzfestungen Metz, Toul, Verdun und Cambrai  vertraglich überlassen. Er tat einfach so, als ob er das Recht hätte, dies zu tun. Die vier Bistümer gehörten seit je zum Reich. Auf Grund der französischen Sprache stünden diese Gebiete Frankreich zu, argumentierte der Franzosenkönig. Erstmalig orientierte sich ein Vertrag an der nationalen Zugehörigkeit. Damit wurde bewusst ein Gegensatz aufgerichtet zur Nationalittätengemeinschaft, die das Reich des Kaisers war.

1551

Noch saß Karl, von der Gicht zusammengekrümmt, in Innsbruck, um sowohl Deutschland wie dem Konzil in Trient nahe zu sein. Unterdessen hatten die Fürsten von Sachsen, Hessen und Brandenburg-Kulmbach mit französischem Geld ein Heer geworben, mit dem sie nun plötzlich über Augsburg nach Tirol vordrangen. Karl blieb nur noch ein Vorsprung von einem Tag. Während das Kriegsvolk die Hofburg plünderte, wurde der fast Bewegungsunfähige, der keinerlei Truppen bei sich hatte, in einer Sänfte über den Brenner getragen. Erst in Villach war der Kaiser in Sicherheit.

1552

Zur gleichen Zeit ließ Heinrich II. von Frankreich seine Truppen in die vier überschriebenen Reichsstädte und ihre Bistumsgebiete einmarschieren. Der Verlust dieses Gebietes bedeutete auch den Verlust des Verbindungsweges von Spanien nach den spanischen Niederlanden. Dieser Weg führte  von den spanischen Häfen per Schiff nach Genua, durch Oberitalien und das Veltlin182 über die Alpen und durch das Elsass nach Norden. War er gesperrt, waren die Niederlande fast verloren. Metz konnte von den epidemiegeschwächten Belagerern nicht wiedererobert werden. Auch sonst waren es schlechte Zeiten für Habsburg: Eine türkische Flotte plünderte mit französischen Galeeren die spanischen Küsten, und auch der Landkrieg gegen die andrängenden Türken verlief erfolglos.

Als Schirmherr des Katholizismus wollte Kaiser Karl nicht, “dass der Diebstahl von Kirchengut, durch den skrupellose Fürsten sich unter dem Vorwand einer Bekehrung zum neuen Glauben bereichert hatten, sanktioniert” werden sollte. Der aus Not kompromissbereitere Ferdinand, der die Protestanten für die Türkenhilfe brauchte, gab auf dem Augsburger Reichstag nach: Die Duldung beider Konfessionen wurde Gesetz. Jetzt konnte jeder Landesherr die Religion seiner Untertanen bestimmen. Damit war ihm das Recht gegeben, das Gewissen jedes Andersgläubigen zu vergewaltigen. Dagegen war Luther einst aufgestanden.

Im Ergebnis des Augsburger Reichstages von 1555 kann man den Endpunkt des Mittelalters sehen: Die Reformation hatte die Kirche nicht reformiert, sondern sie gespalten. Die Einheit im Geiste war dahin. Die lutherischen Ketzer waren zur gleichberechtigten Partei geworden. Die zum Protestantismus übergegangenen Fürsten haben die Reformation zu ihrer Besitz- und Machtvermehrung benutzt. Sie werden in ihren Ländern zu “Päpsten”: Jeder kann den “rechten Glauben” selbst bestimmen, kann damit außer politischer auch geistige Macht ausüben über seine Untertanen.

1556

Deshalb trat Karl ab. Im Herbst 1556 übertrug er die Kaiserwürde auf seinen Bruder  Ferdinand. Eine große Persönlichkeit war von den “deutschen Händeln” zerrieben worden. Seine Resignation hatte er seinem Diplomaten und Truppenführer Lazarus von Schwendi anvertraut: “Ich habe es gut mit Deutschland gemeint, aber bei keinem Teil Dank verdient. Bei den Katholiken nicht ..., bei den Lutherischen auch nicht. Darum will ich sie Gott befehlen, ... “

In seinem schlichten Landhaus im spanischen San Yuste, das entgegen vielfacher Behauptung keineswegs seinem Genter Geburtspalais nachgebaut gewesen war, waren ihm nicht einmal mehr zwei Jahre vergönnt. Um ihn als einziger Verwandter der blonde elfjährige Jeronimo, der "unelegante" Sohn des Kaisers und der Regensburgerin Barbara Blomberg, der spätere Don Juan d'Austria. Karl war kein typischer Renaissance-Fürst, kein blendender Potentat, sondern ein Pflichtmensch, eine Persönlichkeit, die selbst der Feind anerkannte. Neben Karl dem Großen hat von allen Kaisern nur er bei den Franzosen einen Eigennamen: Charles-Quint.

Auch um ihn eine Fülle farbiger, gelegentlich schillernder, auch bizarrer Gestalten, wie sie in dieser Dichte kaum ein anderes Halbjahrhundert aufweist. Schon die Fürsten: Die glanzvollen Lüstlinge Franz I. und Heinrich VIII. auf Frankreichs und Englands Thronen, als deutsches Kleinformat Hessens Philipp und als Schurke von Format Sachsens Moritz. Selbst auf Bischofsstühlen so weltliche Figuren wie die Greiffenclau und Waldburg. Gegen sie und für sich selbst die Sickingen, die Frundsberg, die Schwendi und Burtenbach, die für oder gegen diesen Kaiser Krieg führen oder verhandeln, auch ein Hutten, der kämpft, tobt, Propaganda macht und an der Lustseuche qualvoll eingeht, wie so Viele seiner Zeit, denn “schir iderman183 hat sy”, schrieb Dürer. Nicht zu vergessen die großen Künstler: Dürer reicht noch in die Zeit und Altdorfer, der in Regensburg Lokalpolitik macht, Riemenschneider, der das in Würzburg tut, sich für die Bauern einsetzt und dafür vom Bischof gefoltert wird, Veit Stoß, dem die Nürnberger die Backen durchbrennen, die Augsburger Holbein, deren jüngerer Hofmaler des Ladykillers Heinrich VIII. war, die Cranachs, deren älterer dem Wittenberger Magistrat das “Rollwäglein” für Luther abgehandelt hatte, auf dem der nach Worms fuhr. Tizian natürlich, der außer seiner Malerei noch einen schwunghaften Handel mit dem Holz seines Dolomiten-Tales Cadore betrieb. Schließlich Jakob Fugger, der Großkapitalist und Zechenherr, an dessen goldenen Fäden die Größten hingen und sich oft so bewegten, wie er es wollte.

  1. Die Gegenreformation oder: Religiöse Wirren und großer Krieg

Die Reformation hatte sich mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 keineswegs erschöpft. Luther hatte ja als moralische Instanz nur sein Gewissen befragt. Andere hatten ein anderes, also sah das Produkt ihres Glaubens auch anders aus.

Viel Zulauf hatten die Wiedertäufer. “Allein im land Tirol und Görz sollen tausend Menschen verbrannt, geköpft und ertränkt worden sein.“ Sie lehnten Kindertaufe und Sakramente ab, Liebe war ihr erstes Gebot, Krieg verabscheuten sie, das Leben der Familie ging im Leben der Gemeinde auf. Sie wollten die urchristliche Gemeinde erneuern.

1533

In Münster hatten sie sogar bei der Ratswahl gesiegt. Nun verkündeten sie eine Republik der Heiligen und das tausendjährige Reich Gottes. Aus den Niederlanden erhielten sie Zuzug. Unter den von dort Geflüchteten war Jan Bockelson, Schneider und Kneipenwirt. Er machte sich zum König dieses neuen Jerusalem. In den Kirchen wurde alles “papistische Blendwerk” zerschlagen, Zins und Luxus wurde abgeschafft, Vermögen musste abgeliefert werden.

König Jan sprach auch der Sinnenlust Heiligkeit zu und führte die alttestamentarische Vielweiberei ein. Auf fast alles stand die Todesstrafe. Der “Prophet” Knipperdolling richtete bald täglich, einmal zweiundfünfzigmal! Der Bischof hatte die Stadt mit Truppen des Landgrafen von Hessen eingeschlossen. Als die Landsknechte schließlich stürmten, türmten sich die Haufen Verhungerter. Haufen Erschlagener kamen dazu. Bischof Franz von Waldeck konnte erst zwei Tage später einreiten, als die Leichen verscharrt waren. Der Wiedertäuferkönig Bockelson aber wurde mit seinen “Propheten” Knipperdolling und Krechling auf dem Prinzipalmarkt mit glühenden Zangen zu Tode gezwickt. Ihre Leichen wurden an Sankt Lamberti in eisernen Käfigen aufgehängt. Dort hängen die Käfige noch heute und auch die Wiedertäufer gibt es noch: Nach dem Pfarrer Menno Simons nannten sie sich Mennoniten und suchten später im fernen Amerika ihren Frieden. In Deutschland hatte man sie ausgetilgt. Luther hatte empfohlen: “die widderteuffer nur gekopfft; denn sie sind aufrurisch.” In Württemberg war jeder ermächtigt, die “Täufer” hinzurichten. In Bayern regelte ein Erlass nur die Todesart: “Wer widerruft, wird geköpft, wer nicht widerruft, wird verbrannt.”

1535

Ein fanatisches Stadtregiment hatte in Genf der gebürtige Franzose Jean Calvin184 eingeführt. Das Leben hatte Düsternis und Zerknirschung zu sein. Deshalb waren die Kleider dunkel, Spiel und Tanz undenkbar, Feste und Schmuck verboten, Wirtshäuser und Räusche Gotteslästerung. Auch in Calvins Gottesstaat wurde fleißig hingerichtet: durchschnittlich alle vierzehn Tage. Calvin predigte, dass das Schicksal des Menschen von Gott vorbestimmt sei. Von den Kanzeln wurde diese Lehre schroff verkündet. Anscheinend war das Bedürfnis nach law and order bei den Neugläubigen so groß, dass ihnen die Unerbittlichkeit des französischen Gottsuchers zur Verheißung wurde. Während nämlich in Norddeutschland das Luthertum schon zerbröckelte, gewann der  Glaube Calvins rasch die Niederlande und fast den ganzen Westen des Reiches.

Die alte Kirche holte recht schnell das nach, was das Ziel ihres einstigen Mönches gewesen war: Die Erneuerung, die Abkehr von der Weltlichkeit und den Missständen der Vergangenheit. Die Zeiten, in denen Paul III. drei seiner Enkel im Alter zwischen vierzehn und sechzehn Jahren zu Kardinälen machte, hatten ein Ende. Sein Nachfolger Paul IV. wollte die “Reinheit der Kirche” und die “Reinheit der Heiligen Lehre” auch durch Einsatz der Inquisition erzwingen. Damit war der Katholizismus auf das Gleis geschoben, das ihn zum Dogmatismus und zur unumschränkten Autorität des Papsttums brachte. Die gleichen Entwicklungen waren es aber auch, die von den neun Zehnteln Protestanten, die es nach Luther in Deutschland gab, die Hälfte wieder zum alten Glauben zurückbrachte.

Dies wird allerdings erst die Spätfolge des Trienter Konzils sein, das 1562/63 zu Ende geht. Von den Deutschen ist es für die Verfestigung der Glaubensspaltung in ihren Ländern verantwortlich gemacht worden. Tatsächlich waren die Protestanten aber gar nicht mehr am Konzil interessiert, seit sie in Augsburg die Religionsfreiheit bekommen hatten.

Ohne Rücksicht auf den schwachen Katholizismus in Deutschland war vom Konzil im Gegensatz zur Lehre Luthers von der Prädestination verkündet worden, dass die guten Werke des Menschen zu seiner Rechtfertigung vor Gott beitragen würden. Damit hatte der Katholizismus seinen Anhängern das “Prinzip Hoffnung” angeboten. Der Kaiser hatte einige Forderungen durchzusetzen versucht, etwa auch für die Laien die Kommunion in beiderlei Gestalt und die Aufhebung des Zölibats für Priester. Viele lutherische Pastoren waren nämlich bereit, mit Frau und Kindern wieder in eine reformierte katholische Kirche zurückzukehren. In der letzten Konzilsperiode sind keine deutschen Bischöfe mehr dabei. Unter Nichtachtung deutscher politischer Notwendigkeiten baute das Konzil unter jesuitischer Führung das Lehr- und Dogmengebäude der Kirche, in dem in den nächsten vierhundert Jahren kein Stein wackeln wird. Allein der Priester ist zur Auslegung der Bibel befugt, allein er ist der Mittler zwischen Gott und Mensch. Die Lehren von Heiligen- und Reliquienverehrung, von Fegefeuer und Ablass bleiben unverändert. Nur der Papst hat das Recht, Dogmen zu deuten und zu verkünden. Er ist die höchste Autorität der Christenheit.

Die alte Kirche ging gestärkt aus diesem Konzil hervor. Die Protestanten etikettierten diese Reform als "Gegenreformation". Es ist die Zeit, in der die Trienter Beschlüsse ausgeführt werden. Leider bewirkte die religiöse Polarisierung in Deutschland eine noch schroffere Ausführung der Konzilsbeschlüsse. Zur deutschen Perfektionssucht kam noch spanische Reconquista-Intoleranz von seiten der Jesuiten.

Die “Gesellschaft Jesu” war ein neuer Orden, den der baskische Edelmann Ignatius von Loyola  gegründet hatte. Er war in einem der Kriege Karls zum Krüppel und danach vom Saulus zum Paulus geworden. Mit Gleichgesinnten gründete er eine mönchische Kampfgemeinschaft mit militärischer Struktur. Bedingung war absolute Unterwerfung unter den päpstlichen Willen und strengster Gehorsam. Aufnahme fanden nur Bestgeeignete, ihr Einsatz erfolgte erst nach gründlicher Ausbildung. Die Jesuiten wurden bald zur Elite unter den Mönchsorden, nicht überall geduldet, vielfach gefürchtet, aber fast immer erfolgreich.

Dort, wo die Gegenreformation später am konsequentesten war, hatte sie es anfangs am schwersten; in Österreich. Kein Wunder, denn die in ständiger Türkengefahr lebenden Länder mussten auch durch religiöse Zugeständnisse verteidigungsbereit gehalten werden. Es lag auch an den Landesherren. Der päpstliche Ultra Paul IV. hatte Kaiser Ferdinand nicht nur wegen des Augsburger Religionsfriedens schwere Vorwürfe gemacht, sondern auch wegen der “ketzerischen Erziehung” seines Sohnes Maximilian. Der hatte nicht nur einen lutherischen Erzieher, sondern auch einen verheirateten Beichtvater. Er erkundigte sich schon bei den protestantischen Fürsten, ob sie ihn im Falle seines Glaubenswechsels aufnehmen würden. Doch nur der calvinistische Pfälzer antwortete. Diese zu unduldsame Religionsrichtung lehnte aber Maximilian ab.

1562

Kaiser Maximilian II.185 war auch mit Rücksicht auf sein hohes Amt Katholik geblieben. Er ist empört, dass der Papst keinen Heller für die Türkenabwehr, aber sehr viel für die Ausrottung der Ketzer ausgibt. Empört ist er auch über die spanische Grausamkeit, mit der die Niederländer zum alten Glauben zurückgezwungen werden sollen. Seinen Vetter, den spanischen König Philipp II., hatte er beschworen, “das Verderben der schönen und guten Lande“ zu verhüten - umsonst. Resigniert stellte er fest, dass es ihn schmerze, eine solche “Mordgesellschaft” zu Verwandten zu haben.

Der spanische Vetter, den die Feindpropaganda zum Bösewicht gemacht hat, sieht das anders. Wie sein Vater ist er überzeugter Katholik. Er fühlt sich für das Wohl und das Seelenheil von zwanzig Nationen verantwortlich. Er wollte die Verhältnisse in seinen Reichen bestmöglich ordnen. Die Verantwortung machte ihn hart. Aus Sorge um das Seelenheil seiner abirrenden Niederländer fühlte er sich zur bewaffneten Rettungsaktion genötigt. Diese Härte richtet er aber auch gegen sich: Ob sein Sohn Don Carlos starb oder hingerichtet wurde, bleibt unklar. Philipp, der Musik und Malerei geliebt, die erste Akademie der Wissenschaften gegründet und für Arbeiter in Amerika den Acht-Stunden-Tag angeordnet hat, konnte den Protestantismus im Reich seines Vetters, der auch sein Schwager ist und nun auch sein Schwiegervater wird, nur als Unglück ansehen. Er glaubt, dass Kaiser Maximilian seinen verführten Untertanen zu wenig Fürsorge entgegenbringt. Er meint, der Vetter müsse, wie er in den Niederlanden, diese Untertanen mit der Waffe vor der Hölle schützen. In fast 80 Jahren Krieg hat Spanien versucht, die Niederlande bei Spanien zu halten allerdings nicht nur der Religion wegen.

Die Niederlande waren nämlich reich, Spanien seit 1557 bankrott. Die über 200 niederländischen Städte brachten siebenmal so viel Steuern ein als das Gold und Silber aus den amerikanischen Kolonien. In Rotterdam und Antwerpen wurden etwa 50 Prozent der Welthandelsgüter umgeschlagen. An der Antwerpener Börse wurde "in einem Monat mehr als zu Venedig in zwei Jahren verhandelt." Zur Finanzierung der vielen Kriege hatte sich die spanische Krone bei deutschen und genuesischen Banken hoch verschuldet. Die meisten Gold- und Silbertransporte aus der „Neuen Welt“ wurden daher sofort nach ihrer Landung von den Kreditgebern beschlagnahmt. „So geschah es, dass ungeheure Kapitalien den spanischen Boden berührten, ohne dass sie    irgendeine Spur von Reichtum    zurückgelassen hätten.“

Venedig hatte die Beherrschung des östlichen Mittelmeeres an die Türken verloren. Damit waren auch die Handelswege nach Ägypten und Asien für die Europäer verloren. Fast gleichzeitig hatte der Handel mit der neuen Welt sprungartig zugenommen. Infolgedessen hatten sich die Wirtschaftsschwerpunkte von Oberitalien und Oberdeutschland an den nordwestlichen Atlantikrand verlagert. Dazu kam der rasch wachsende Seeverkehr durch den dänischen Sund aus Polen und dem Baltikum. Die west-östlichen Warenströme liefen in Antwerpen zusammen. Mit der Drehung der europäischen Hauptverkehrsachse von Süd-Nord auf Ost-West sank nicht nur die Wirtschaftsmacht Venedigs. Auch Nürnberg, Augsburg, Ulm und Straßburg sanken ab. Hinzu kam, dass nicht nur die Silberimporte aus Amerika den deutschen Bergbau ruiniert hatten, sondern auch die meisten Silbergruben erschöpft waren. Oberdeutschland hatte seine wirtschaftliche Vorherrschaft verloren, es versuchte über Frankfurt, Köln und Aachen den Anschluss an die Zentren an der neuen Verkehrsachse. Aber Ende der 1560er Jahre beginnt Spanien den Krieg gegen die blühenden und nach Unabhängigkeit strebenden niederländischen Provinzen den Krieg. Die Auswanderung niederländischer Protestanten nach Frankfurt, Hamburg, Bremen und ins Rheinland stärkt nun vor allem das nördliche Deutschland. Neue Wirtschaftszentren aber werden Amsterdam und dann London.

Um sich gegenseitig zu stützen, schickten die österreichischen Habsburger ihre Söhne für einige Jahre zu den spanischen Verwandten nach Madrid und verheirateten ihre Töchter mit spanischen Kronprinzen. Im Austausch verheiratete man die spanischen Cousinen an die künftigen Kaiser.

1576

Deutscher Kaiser in Böhmens Hauptstadt Prag war inzwischen Rudolf II.186 Er ist ein großer Kunstkenner und Kunstsammler. In jeder bedeutenden Stadt Europas sitzen seine Agenten, die Auserlesenes kaufen und herbeischaffen müssen. Künstler und Wissenschaftler stehen unter seinem Schutz. Er beruft Tycho de Brahe und Johann Kepler als Hofastronomen. Aber dieser Antiquitätensammler hat Angst vor den Menschen - bis zu zwanzigmal ruft er in der Nacht seinen Kammerdiener. So zieht er sich in sich selbst zurück, ist für Berater und Abordnungen kaum zu sprechen. Oft flüchtet er sich in die Ställe zu seinen weißen Pferden, um mit ihnen zu sprechen, weil er mit den Menschen nicht sprechen kann. Besondere Angst hat er vor der Ehe und allem Weiblichen. Als Jüngling hatte er sich nämlich in Spanien die Syphilis zugezogen. Ihre Spätfolgen prägen nun sein rätselhaftes Wesen.

Deutschlands Nachbarn bleiben entweder katholisch oder sie werden protestantisch-calvinistisch. Das aber jeweils ganz. Anders als Deutschland bleiben diese Nationen stark oder sie werden es nun, dank des geraubten Kirchenvermögens. England etwa: König Heinrich VIII., vormals “Verteidiger des (katholischen) Glaubens”, baut sich eine romfreie Kirche. Schlagartig wird er zum Herrn des gesamten Kirchenvermögens. Der gewaltige Zuwachs an Reichtum festigt seine Macht.

Frankreichs Adel ist calvinistisch durchsetzt. Die Calvinisten fühlen sich als “Eidgenossen” - Huguenots - und werden deshalb Hugenotten genannt. Da die Schwester des Königs dem protestantischen Bourbonen Heinrich von Navarra verlobt ist, scheint für sie die Macht greifbar. Am Bartholomäustag 1572 soll Hochzeit sein. Sie wird zur “Bluthochzeit”, weil dreitausend zur Hochzeit angereiste Hugenotten, ein Großteil des Adels, abgeschlachtet werden. Heinrich von Navarra, König ab 1589, wird Katholik, Paris war ihm “eine Messe wert”. Dieser erste Bourbone beseitigte die religiösen Gegensätze und brachte das verwüstete Land nach dem Bürgerkrieg hinter sich. Gerade als er gegen Deutschland in den Krieg ziehen will, wird er 1610 ermordet. Seinem Sohn Ludwig XIII. vererbt er ein so starkes Frankreich, dass Europa in den nächsten zweihundert Jahren nach dessen Pfeife tanzen wird.

Wie die Niederlande von Spanien, trennt sich Schweden von Dänemark. Gustav Wasa wird von den Lübeckern als Werkzeug benutzt, die dänische Konkurrenz auszuschalten. Er soll ein schwedisches Königtum von Dänemark abspalten. Mit Lübecker Geld besticht er den schwedischen Adel und stürzt die Dänenherrschaft. Die Schweden wählen ihren Befreier zum König. Jetzt wollen die Hanseaten ihr Geld zurück. Sie empfehlen ihm die englische Art: Übertritt zum Luthertum, Beschlagnahme des Kirchenbesitzes. Der Wasa befolgt ihren Rat, die Hansen aber prellt er. Er hält zwar die Dänen fern, öffnet aber den bisher von diesen ferngehaltenen Niederländern und Engländern die schwedischen Häfen und Märkte. Schweden wird nordische Macht, Lübeck und die Hanse verlieren sie.

1600

Obwohl der östliche Ostseeraum ihrem Einfluss verlorengeht und in England ihre Privilegien beschnitten werden, segeln für die Hanse, die vom Krieg in den Niederlanden profitiert hat, um 1600 etwa tausend Schiffe mit einer Tonnage von neunzigtausend Tonnen. Nur die holländische Flotte ist größer. Hamburg nimmt fremde Kaufleute auf und gewinnt an Wohlstand. Auch Frankfurt am Main hat von 1554 bis 1590 eintausendzweihundert Wallonen und Flamen aufgenommen, darunter Goldschmiede, Kaufleute und Bankiers mit weitreichenden Beziehungen. Die Frankfurter Messen werden berühmt, die Stadt wird zum Finanzzentrum Deutschlands. Die früheren Handelszentren Augsburg, Ulm und Straßburg hatten ihre Bedeutung verloren. Infolge spanischer und französischer Staatsbankrotte waren zwischen 1556 und 1584 allein in Augsburg siebzig international bekannte Handelshäuser eingegangen. Nürnberg und Leipzig dagegen arbeiten sich nach vorn.

1600

Die Städte sind noch immer klein: Sachsens Hauptstadt Dresden hatte 6.450, seine größte Stadt Leipzig 7.500 Einwohner. Auch die Hauptstädte deutscher Zwergstaaten sind zwergenhaft: Das pfälzische Heidelberg hat 6.300, das württembergische Stuttgart 9.000, das bayerische München 10.000 Einwohner. Größer sind Handelszentren wie Stettin mit 12.200, Frankfurt mit 18.000, Hamburg mit 22.500, Breslau und Magdeburg mit 30.000 und Augsburg als größte Stadt mit etwa 50.000 Einwohnern. Fast drei Viertel der Augsburger Bevölkerung waren mittellos oder besaßen nur ganz wenig Vermögen. Armut bedeutete Hunger. Schon eine schlechte Ernte trieb die Getreidepreise hoch. Und schon damals war das Leben teuer: 1558 kostete in Augsburg 1 Pfund Rindfleisch 1,4 Kreuzer, 1/4 Liter Milch 0,7 Kreuzer, einen Gulden zu 60 Kreuzern gerechnet. Dabei hatte z.B. in Württemberg die Hälfte der Steuerzahler ein Vermögen von weniger als 50 Gulden. Wenn der Ernährer ausfiel, war die meist große Familie - 10 Kinder waren nicht selten - brotlos. Kinderarbeit und Betteln waren normal.

Trotz hoher Kindersterblichkeit wuchs die Bevölkerung unaufhaltsam. Deutschland hatte 1560 vermutlich 14 Millionen Einwohner, die sich bis 1618 auf 16 bis 17 Millionen vermehrten. Um die 70 Prozent lebten auf dem Land in Dörfern mit jeweils nur wenigen Häusern. Auch die Märkte und Landstädte waren winzig. In Sachsen hatten 40 Prozent weniger als 500, 68 Prozent weniger als 1.000, 90 Prozent weniger als 2.000 Einwohner. Dabei war Sachsen dank seiner Bergwerksindustrie wohlhabend und dicht besiedelt.

Die Landbevölkerung nahm jetzt alles unter den Pflug, was nutzbar war. In Südwestdeutschland wurden die Höfe unter die Kinder aufgeteilt. Die Leibeigenschaft war nicht mehr drückend. Anders in Ober- und Niederösterreich, wo der Adel die Lasten der Türkenkriege auf die Bauern abwälzte. Ein großer Bauernaufstand war die Folge. In Bayern und in Nordwestdeutschland wurden die Höfe ungeteilt vererbt. Westlich der Elbe verschlechterte sich im 16. Jahrhundert die Lage der Bauern nicht. Ganz anders östlich der Elbe. In diesen kolonisierten Gebieten waren die Bauern ursprünglich sogar besser gestellt gewesen. Doch seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert brachten die Adeligen, dort Junker (= Jungherr) genannt, mehr und mehr Bauernland in ihren Besitz. Indem der Adel den Fürsten die Steuern verweigerte, zwang er ihnen das Recht ab, den Bauern auch gegen deren Willen Land abkaufen zu können. Für die vergrößerten Güter brauchten die Adeligen auch mehr Arbeiter. Sie beschafften sie sich, indem sie die Dienstleistungen der Bauern erhöhten: etwa in Mecklenburg von dreieinhalb Tagen jährlich - um 1500 - auf drei Tage wöchentlich - um 1600. Der Bauer war in die vollkommene Abhängigkeit von seinem Grundherrn abgesunken.

War so im Nordosten die wirtschaftliche Bedrückung kaum mehr überbietbar, so wurde es im Südosten die religiöse. In Steiermark, Kärnten und Krain war Erzherzog Ferdinand Landesherr. Er hatte geschworen, die Folgen der religiösen Lässlichkeit seines Vaters zu beseitigen. In seiner Hauptstadt Graz soll es 1596 nur noch drei Katholiken gegeben haben. Im Herbst 1598 befahl Ferdinand die Schließung aller nichtkatholischen Kirchen. Die protestantischen Pastoren hatten die Stadt und seine Länder binnen zehn Tagen zu verlassen. Nur ein halbes Jahr später war die Rekatholisierung abgeschlossen. Kein Widerstand hatte sich geregt. Er hatte ja nur § 15 des Augsburger Religionsfriedens vollzogen, hatte nur sein Recht ausgeübt, als Herr seines Landes seine Religion einzuführen. Anderswo ging es genauso andersherum. Der Unterschied bestand jedoch darin, dass der zähe Ferdinand der künftige Kaiser187 ist, dessen Maxime war: “Besser eine Wüste als ein Land voller Ketzer“.

In Donauwörth war bei der Fronleichnamsprozession das Katholikenhäuflein verhöhnt worden. Die Patres des Klosters beschwerten sich beim Bischof von Augsburg. Der erhob Klage beim Reichshofrat, dessen oberster Richter der Kaiser war. Wie zu erwarten, wurde der Stadt im Wiederholungsfall die Reichsacht angedroht. Als es wieder zu Belästigungen kam, wurde Bayern mit der Exekution beauftragt. Da dessen Herzog Maximilian I.188 ebenso katholisch war wie sein steirischer Vetter, begann die Rückführung zum alten Glauben unverzüglich. 1625 war die Stadt wieder katholisch. Der Kaiser hatte Maximilian die Reichsstadt verpfänden müssen. Seither ist Donauwörth katholisch und bayerisch. Nicht einmal seinen Namen Schwabenwörth hatte es behalten dürfen.

1603

Ferdinand verlangte auf dem Regensburger Reichstag, dass die Protestanten alles zurückgeben sollten, was sie sich seit 1555 angeeignet hatten. Diese “Restitution” nahmen die lutherischen und calvinistischen Stände als Kampfansage. Erstmals ging man ohne Reichstagsabschied auseinander.

1608, 1609

Die protestantischen Fürsten schlossen ein Schutz- und Trutzbündnis unter Führung des pfälzischen Kurfürsten. Es war auf zehn Jahre befristet. Diese “Union” war die Neuauflage des Schmalkaldischen Bundes. Der Minister des Pfälzer Kurfürsten wird als Gesandter in Paris mit allen Ehren empfangen. Nur weil ein irrer Lehrer den Franzosenkönig meuchelt, kann der nicht mehr gegen den Kaiser in den Krieg ziehen. Ein Jahr später gründet Maximilian von Bayern die “Liga”. In ihr verbünden sich die katholischen Reichsfürsten und Bischöfe. Der katholische Kaiser muss wenigstens so tun, als stände er über den Parteien, er kann nicht Mitglied der Liga sein. Doch das habsburgische Spanien sichert ihr Rückhalt zu.

Im März 1609 starb der Herzog von Jülich, Kleve und Berg kinderlos. Seine Lande waren wegen ihrer Wirtschaftspotenz und ihrer strategischen Lage wichtig genug, “um ein Königreich zu bilden”. Deshalb verknäuelten sich die Erbansprüche Brandenburgs und Pfalz-Neuburgs mit den Machtansprüchen des Kaisers, der mit dem reichen Lehen seine Macht im nördlichen Deutschland begründen wollte. Das wollte Frankreich verhindern. Hinter dem Kaiser stand Spanien, das von dort aus die Niederlande zurückerobern wollte. Die Spanier besetzten Jülich, die Niederländer Kleve. Die erbfolgegeilen Fürsten brauchten nur noch die richtige Religion, um die reiche Erbschaft einzusacken. Der Kurfürst von Brandenburg trat vom Luthertum zum Calvinismus über und sicherte sich damit den Rückhalt durch die Niederländer und Engländer. Er gewann mit dieser Rückendeckung die Hälfte dieser Gebiete und damit den Eckpfeiler seiner Machtstellung am Niederrhein. Die andere Hälfte erbte der Pfalz-Neuburger, weil er vom Luthertum zum Katholizismus übertrat.

1609

In Prag hatte der Hofastronom Johannes Kepler189 die ersten beiden der nach ihm benannten Gesetze gefunden. Die Mondoberfläche beschrieb er so zutreffend, dass ihn das Mondlandeunternehmen von 1969 in vielem bestätigte. Und da er “alle Menschen von Schulbänken minderen Ranges, den gemeinen Pöbel, Garamanten und Inder” von seinen Erkenntnissen unterrichten wollte, wurde er zum Erfinder der science fiction. Er hat allerdings nicht gewagt, seinen “Traum von der Reise zum Mond” zu veröffentlichen. Es fiel ihm schon schwer genug, sechs Jahre um seine Mutter zu kämpfen, die als Hexe verbrannt werden sollte.

Im selben Jahr ereignete sich in Prag das, was zum Anlass der blutigsten Katastrophe der Deutschen wurde. Die Brüder Rudolfs II. hatten bereits vor Jahren festgestellt, dass die “Römische Majestät an einer zu unterschiedlichen Zeiten sich zeigenden Gemütsblödigkeit leidet.” Bruder Matthias wollte ihn vom Thron stoßen. Der Kaiser suchte Hilfe bei den Ständen Böhmens. Die Herren stellten zwei Forderungen: Die Bestätigung alter Privilegien und Religionsfreiheit. Rudolf unterschrieb. Danach versöhnte er sich mit seinem Bruder wieder. Nun eilte es ihm mit dem Einlösen seiner Zusagen nicht mehr. Die böhmischen Herren mobilisierten darauf ihr Landesaufgebot und präsentierten ihm ein zweites Papier - wieder die Forderung der Religionsfreiheit. Nach vergeblichem Sträuben musste der Kaiser diesen “Majestätsbrief” unterschreiben.

1617

Im Norden Böhmens sollten zwei protestantische Kirchen gesperrt werden. Es gab Protest. Der Prager Erzbischof ließ die eine einfach abreißen. Wegen der anderen traten nun eigens die Stände in Prag zusammen. Ihr Protestbrief wurde barsch beantwortet.

1618

Die böhmischen Barone zogen daraufhin auf die Prager Burg, um ein Exempel zu statuieren: Die zwei Statthalter, die man als Schreiber der kaiserlichen Ablehnung vermutete, stürzte man nach hussitischem Brauch aus den Fenstern. Man “fenestrierte” sie. Ein Exekutor hat den “Prager Fenstersturz” beschrieben: Nach hitzigen Beschuldigungen schleift man den Ersten zum Fenster und stürzt ihn hinaus. Während des Sturzes schreit er “Jesus Maria!” Baron Kinski höhnt: “Wollen doch sehen, ob ihm seine Maria hilft.” Er schaut hinunter und sieht ihn aufstehen. “Bei Gott, seine Maria hat ihm geholfen!” Dem Burggrafen folgt der Oberstlandrichter und der Sekretär. Unten rappelten sich die “Fenestrierten” auf und hinkten davon. Lebensrettend war wohl die Mode gewesen. Die Beamten scheinen in ihren weiten Mänteln wie die Flughörnchen gefallen zu sein.

1619

Die Lage wird ernst, als wenige Wochen nach der “defenestratio Pragensis” der Kurfürst von der Pfalz die Wahl zum böhmischen König annimmt. Nach dem Tod von Kaiser Matthias will Ferdinand Kaiser werden. Doch wenn er vom gerade eröffneten Generallandtag als König von Böhmen zugunsten des Pfälzers abgesetzt wird, verliert er seine Kurstimme. Die braucht er aber, um sich selbst wählen zu können. Friedrich von der Pfalz weiß das natürlich. Er will die Kaiserwahl aufschieben, bis er König ist. Das war selbst für die protestantischen Fürsten eine Sünde gegen das Gottesgnadentum. Alle Kurfürsten, auch die protestantischen, wählten den Katholiken zum deutschen König, obwohl Ferdinand II.190 doch eine so “einfältige verjesuitete” Seele war. Vom sächsischen weiß man, dass er betrunken war, als er seinem Gesandten befahl, für Ferdinand zu stimmen, denn kaisertreu war er immer. Für seine Hilfe gegen den Usurpator Böhmens bekommt er später die bisher böhmischen Lausitzen.

Kurfürst Friedrich von der Pfalz191 wurde König von Böhmen. Die neue Würde genügte ihm, “ganz absorbiert von seinem glücklichen Eheleben, dem er den Zauber beständiger Flitterwochen zu verleihen wusste.“ Sein Königtum dauerte nicht länger als der Winter 1619/20, deshalb sein Spottname “Winterkönig”. Dann kam vom Kaiser die Aufforderung an ihn, das Reich binnen Monatsfrist zu verlassen.

Das Heer der protestantisch-böhmischen Rebellen war bis vor die Wälle Wiens gekommen. Eines Tages drangen Deputierte der protestantischen österreichischen Stände bei Ferdinand ein. Sie gaben ihr Bündnis mit den Böhmen bekannt und forderten von ihm die Bestätigung ihrer Religionsfreiheit. Als der Kaiser nicht unterschreiben wollte, riss ihn ein Starhemberg192 am Wams und schrie: “(Ferdi)Nandl, gib Dich, unterschreib, oder Du musst hie!” Als sich ein “Jessas Maria” seiner degenspitzenbedrohten Brust entringt, rasseln kaiserliche Kürassiere, die die Belagerung durchbrochen haben, in den Burghof. Auch der gleichzeitige Feldzug der Ungarn war vor Schwechat zum Stehen gekommen. Es war wieder eines der Wunder des Hauses Österreich.

1620

Jetzt zog ein Heer des Kaisers und der Liga gegen Prag. Anfang November 1620 schlug es die böhmischen Truppen in einer halben Stunde am Weißen Berg westlich von Prag. Friedrich, der “Winterkönig”, konnte mit knapper Not fliehen. Seine Kurwürde und die Oberpfalz bekam sein Wittelsbacher Vetter in München.

Von seinen Vasallen, die ihn gewählt hatten, wurden siebenundzwanzig auf dem Altstädter Ring in Prag standesgemäß geköpft. Ihre Besitzungen und die der Rebellen, die fliehen konnten, wurden eingezogen. Dreißigtausend Familien, davon hundertfünfundachtzig adelige, hatten das Land verlassen. Bald verarmt, vagabundierten sie durch Europa. Diese Bohème war es, die viel später dem leichten Pariser Künstlervolk und noch später der Oper ihren Namen gab. In Böhmen wurden fünfhundert Herrschaften enteignet, drei Viertel des Landes, in Mähren hundertfünfundachtzig Güter. Das meiste davon wird Liechtenstein, der baldige Statthalter und Wallenstein, der künftige Feldherr, erwerben. Vor der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten in unserem Jahrhundert war diese Besitzumschichtung die größte in Mitteleuropa. Kaiser Ferdinand aber bekommt den „Majestätsbrief“, den Auslöser allen Übels. Er zerschnipselt ihn eigenhändig.

Mit der Niederlage des böhmischen Aufstandes hätte der Krieg zu Ende sein können. Friedrich war geächtet worden. Das war zwar nicht rechtens, aber der Kaiser brauchte die Pfalz, um seinen Mitstreiter Maximilian von Bayern abzufinden. Deshalb schickt er dessen Feldherrn Tilly nach der Einnahme der Oberpfalz in die Rheinpfalz. Nicht weniger wichtig war die Pfalz für des Kaisers spanischen Vetter. 1621 lief nämlich sein Waffenstillstand mit den Niederländern ab. Für den wieder aufflammenden Krieg brauchen die Spanier die linksrheinische Pfalz in Verlängerung der habsburgischen Besitze im Elsass, die ihnen Ferdinand geöffnet hatte, als Nachschubstraße nach Norden.

Protestantische Fürsten und Heerführer führen den Krieg aus Besitzgier und Abenteuerlust weiter. Neben dem badischen Markgrafen ist der Graf Ernst von Mansfeld der typische Söldnerführer: stur, kaltblütig, verwegen. Nur aus verletzter Eitelkeit ist er Parteigänger des Winterkönigs; der Kaiser hatte ihn nicht in seine Dienste genommen. Jetzt sieht er eine Chance, sich im Unterelsass ein eigenes Fürstentum zusammenzurauben.

Von Norddeutschland zieht der „tolle Christian“, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, heran. Er ist Administrator193 des Bistums Halberstadt, der eine Zeitlang den Handschuh der Frau des Winterkönigs am Hut trägt. Er nennt sich „Gottes Freund der Pfaffen Feind“. Eben hat er die Bistümer Münster und Paderborn ausgeplündert. Jetzt will er sich mit dem Mansfelder Heer vereinigen.

Die Rückeroberung der Pfalz ist nun aussichtslos. Mansfeld, der ein eigenes Land haben will, verhandelt darüber mit Frankreich, mit Spanien, auch mit den Niederländern. Bei denen kommt er an. So schlägt er sich mit Christian durch Lothringen in die Niederlande durch. Dort befreien sie den Oberscheldehafen Bergen op Zoom. Für die Holländer ist es ein Erfolg, für Deutschland tragisch, denn aus dem pfälzischen Krieg ist nun der niederländische geworden: deutsche protestantische Heere kämpfen für die Holländer gegen die Spanier.

1624

In Paris kommt jetzt ein Mann an die Macht, der Frankreich groß und die beiden Habsburgs klein machen will: Kardinal Richelieu194. Papst Urban VIII., der die Habsburger-Dynastien ebenfalls für eine Bedrohung hält, unterstützt ihn dabei.- Frankreich und die Niederlande hatten sich verbündet. England schließt sich an. Wenig später einigen sich Schweden und Dänemark. Gleichzeitig beschließen Frankreich, Savoyen und Venedig ein Einschreiten im Veltlin gegen Spanien. Brandenburg verbündet sich mit den Niederlanden. Durch die Besetzung des Veltlin und die englische Überwachung des Ärmelkanals wird es Spanien unmöglich, Truppen und Geld nach Flandern zu schicken.

In die Hiobsbotschaften schlägt die scheinbar alles rettende Nachricht: Albrecht von

Wallenstein195 erbietet sich, dem Kaiser auf eigene Kosten eine Armee von 20.000 Mann aufzustellen. Schiller sagt über ihn: “Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.” Er ist der größte Magnat Böhmens, Herr eines nordböhmischen Besitzes um Friedland, Reichenberg und Jitschin, insgesamt 9.000 Quadratkilometer. Er war “stolz wie Lucifer“. Den kaiserlichen Räten gab er höchstens widerwillig Auskunft. Er war verschlossen, unnahbar, er ordnete nur an und befahl. Ein Fürst seiner Zeit, war er prachtliebend. Sein Prager Palais gehört bis heute zu den Sehenswürdigkeiten. Sein Hofstaat hat 899 Personen und 1.072 Pferde. Er ist ein fürsorglicher Landesherr. Die Strenge in seinem Heer kann man nur positiv werten, wenn man hört, wie es die Soldateska - egal welche - trieb. Die Klageschrift “von des Tillyschen Kriegsvolcks verübungen” schildert, wie dessen Soldaten die Landbevölkerung “feindselig urplötzlich  ... überfallen ... in ihren Häusern, auf den Wegen, in Holz und Feld mit Weib und Kind erbärmlich niedergehaut und zermetscht, darunter der Kindbetterinnen und kleinen Kinder nicht verschont, deren etliche den Müttern an den Brüsten getötet; den Priestern ... unsäglichen Schimpf und Marter angetan, teils totgeschlagen, darunter auch armer, alter, lahmer Krüppel ... nicht geschont, ..., anderen die Zunge gespalten, ..., ehrbare Frauen und Jungfrauen genotzüchtigt, ..., ja auf den toten Körpern ihre Schande getrieben.” Wo diese Truppen durchzogen, sei das Land auf einer Länge von mehr als achtzig Meilen “ganz und dermaßen ruiniert, dass es ... sich nicht wieder wird erholen können.”

Wallenstein wusste, dass das Plündern auch aus der Not der Söldner kam, deshalb zahlte er gut. Und weil disziplinlose Söldner, wenn es ihnen nicht passte, wieder “von der Fahne gingen” und deshalb solche Truppen kaum Kampfwert hatten, versuchte er ein dauerhaftes Heer zu schaffen. Wallenstein ist unabhängig von der Liga und steht über deren Feldherrn Tilly. Dieser alte Troupier meint, dass eine Armee mit mehr als 40.000 Mann nicht „im Felde“ zu halten sei. Wallenstein wird 150.000 Mann kommandieren.

Als die norddeutschen Fürsten den Sohn des Dänenkönigs zum Verwalter des Bistums Halberstadt machen wollen, bekommen die katholischen Heere Marschbefehl nach Norden. Die protestantischen Bistumsverweser werden vertrieben, ebenso die Herzöge von Mecklenburg. Wallenstein, der Herzog von Friedland, wird jetzt auch Herzog von Mecklenburg und damit Reichsfürst, dazu noch “General des ozeanischen und baltischen Meeres”, für ihn kein leerer Titel, wie seine Flottenpläne und der Baubeginn eines Ostsee-Nordsee-Kanals beweisen. Doch obwohl er bis nach Jütland vorstößt, scheitert sein Plan, die Hansestädte für den Krieg Österreich-Spaniens gegen die Niederländer zu gewinnen.

Um diese Zeit landet Peter Minewit - holländisch Minuit - aus Wesel als Generaldirektor der niederländischen Besitzungen in Nordamerika. Für Glitzerkram kauft er den Indianern Manhatten, “New Amsterdam”, später “New York”, für schätzungsweise vierundzwanzig Dollar ab.

Kaiser Ferdinand II. stand auf einer Machthöhe, die ihn selbst überrascht haben muss. Ihm ist zu allererst an der Wiederherstellung des rechtmäßigen Glaubens - wie er es sieht - und an der Stärkung seiner Dynastie gelegen. „Der Friedländer“ ist dagegen in Religionsfragen lau.

Der Kaiser konnte wählen: Entweder Reichsreform zur Stärkung des Kaisertums bei Duldung anderer Religionen, um so die deutschen Länder zu einer funktionsfähigen Föderation zusammenzufassen, oder Rekatholisierung, deren Preis feststand: Noch stärkere Verfeindung der beiden religiösen Lager und Krieg bis zum Ausbluten. Dazu ist von der Historikerin Wedgwood gesagt worden, dass den Deutschen des Dreißigjährigen Krieges etwas mehr Despotismus nicht geschadet hätte, ihnen vielmehr wohl die Hälfte des Krieges erspart und ihnen einen von der Etsch bis an den Belt reichenden Nationalstaat beschert hätte. Ferdinand verdiene “von den heutigen Deutschen mehr Anerkennung als ihm gezollt wird”, weil er der letzte Kaiser gewesen sei, “der die Einigung Zentraleuropas versucht habe.” Hat er das?

Weil Ferdinand II. die zweite Alternative wählte, programmierte er damit nicht allein die Fortsetzung dieses ruinösen Krieges. Richelieu, der sein Frankreich brutal zentralisierte und die Hugenotten vernichtete, führte dagegen seine Nation zur Hegemonie über Deutschland bis 1870.

Trotz der missglückten Belagerung des wichtigen Ostseehafens Stralsund war Wallenstein die stärkste Macht. Den Fürsten war er zu stark. Jetzt erließ Ferdinand ein Edikt, das die Rückführung aller Gebiete vorsah, die seit dem Augsburger Religionsfrieden anno 1555 protestantisch geworden waren. Das waren die Erzbistümer Bremen und Magdeburg, 12 norddeutsche Bistümer und ein halbes Tausend Klöster und Abteien. Millionen hätten katholisch werden müssen. Zu den religiösen Beweggründ